Aufklärung

In diesem Kapitel geht es um Aufklärung und Informationsaustausch als eine der Strategien, um Empowerment zu realisieren.

Jeder Mensch erachtet es als wichtig, genau zu wissen, was in und um ihn herum geschieht. Umso wichtiger sind die Informationen jedoch in Zeiten, in denen uns etwas Unvorhergesehenes oder Unverständliches zustößt. Erst unser Wissen darüber entscheidet dann, ob wir das, was wir nicht verstehen können, in unsere Erfahrungen einbauen können. Es entscheidet sich auch, wie wir uns der Situation stellen und uns darin verhalten und ob wir uns der Sache gewachsen fühlen oder passiv resignieren und uns zurückziehen. Die Vermittlung brauchbarer Informationen ist also eines der wichtigsten Mittel im Empowerment-Prozess.
Erhalten wir zu wenig Informationen, dann kann das nur verunsichern. Zum Beispiel dann, wenn wir nicht genügend informiert worden sind über die Nebenwirkungen einer Arznei und deshalb dann, wenn die Nebenwirkungen zutage treten, nicht adäquat reagieren können. Erhalten wir zu viel Informationen, verunsichert dies ebenfalls, weil wir nicht mehr dazu in der Lage sind, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Das Verständnis des Gesamtzusammenhangs wird blockiert und deshalb ist ein angemessenes Handeln wieder nicht möglich. Verstehen wir die übermittelten Informationen nicht, dann erwächst in uns ein Gefühl der Hilflosigkeit. Dies wäre der Fall, wenn der Profi dem Betroffenen verschiedene Begriffe für seine Diagnose benennt. Falsche Informationen zerstören zudem das Vertrauensverhältnis zwischen Profi und Betroffenem . Und zur falschen Zeit übermittelte Informationen können den Betroffenen dazu bringen, sich zurückzuziehen oder die Beziehung ganz abzubrechen.
Insbesondere in der psychiatrischen Umgebung ist es sehr schlecht bestellt um das Wissen der Betroffenen. Es hapert ganz besonders bei der Aufklärung zur Schizophrenie. Knapp die Hälfte der Betroffenen ist informiert über ihre Diagnose. Davon die Hälfte wurde vom Arzt in Kenntnis gesetzt und der Rest informierte sich aus anderen Quellen. Nicht wenige Profis erachten eine Aufklärung als unwichtig, weil die Befürchtung besteht, die Diagnose könne dem Betroffenen Schaden zufügen. Nicht nur über die Diagnose wird kaum gesprochen, auch die Aufklärung über die Behandlung lässt sehr zu wünschen übrig. Insbesondere die Nebenwirkungen von Medikamenten werden oft ausgespart. nur jeder sechste Betroffene kennt die Nebenwirkungen der von ihm geschluckten Arzneien. G. P. Albus ermittelte, dass jeder zweite Arzt von drei die Auffassung vertraten, es würde die ärztliche Arbeit unnötig erschweren, wenn ihre Patienten zu viel Wissen hätten.
Viele der Betroffenen sind gänzlich unzufrieden mit dem Informationsfluss und fordern mehr Input. Die meisten derer, die ihre Diagnose noch nicht einmal kennen, wünscht sehr wohl, darüber in Erfahrung gesetzt zu werden. Der Transfer der Informationen soll darüber hinaus einfühlsam und verständlich erfolgen. So beschweren sich viele schizophrene Klienten darüber, dass sie zwar Informationen erhielten bezüglich der akuten Krankheitszeichen. Doch erfuhren sie nichts über das subjektive Erleben und die nach der akuten Krise auftretenden Veränderungen.
 
Informationsrecht und Aufklärungspflicht
Alle Kranken haben ein Anrecht darauf, über die Diagnose und die Behandlungsmaßnahmen informiert zu werden. Diese Aufklärung darf nur dann verweigert werden, wenn daraus bleibende Gesundheitsschäden oder eine übermäßige psychische Belastung resultieren. Dies dürfte nur selten der fall sein. Hinsichtlich der Behandlung hat der Kranke ein Selbstbestimmungsrecht - er kann also frei darüber entscheiden, ob er an der angebotenen Behandlung auch teilnehmen möchte oder nicht. scheiden, ob er die angebotene Behandlung nutzen möchte oder nicht. Brill konstatiert dazu 1998: »Aus dem Selbstbestimmungsrecht und dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 GG) ergibt sich, dass jede Heilbehandlung der Einwilligung durch den Betroffenen bedarf.«. Das Selbstbestimmungsrecht ist nur dann eingeschränkt, wenn die Einwilligungsfähigkeit des Kranken fraglich ist. Er kann dann die Aufklärung nicht verstehen oder die Einsicht in die Erkrankung ist eingeschränkt. Ansonsten ist der Betroffene so weit aufzuklären, dass er befähigt ist, sein Selbstbestimmungsrecht auch aktiv zu gebrauchen. Die Aufklärung muss also zumindest Informationen zur anvisierten Behandlung enthalten sowie Angaben über Risiken und Alternativen. Dies ist aber selbst bei völlig einwilligungsfähigen Betroffenen nicht der Fall. Ist der Patient nun aufgeklärt, so kann er in die Behandlung einwilligen in Form einer informierten Zustimmung (informed consent).
Heutzutage erfolgt meist die sogenannte Spontanaufklärung. Der Betroffene erfährt vom Arzt das, was ein »verständiger Durchschnittspatient in der gleichen konkreten Situation zu erfahren
 wünscht« (KLEIN / WEISSAUER 1994). Es ist dann Sache des Betroffenen, die ihn interessierenden weiterführenden Fragen zu stellen. Dies dient lediglich der rechtlichen Absicherung des Behandlers. Die Kranken sind oft erst einmal überfordert und nur ein verschwindend kleiner Teil von ihnen kann in der kurzen Zeit alle entscheidungsrelevanten Fakten verarbeiten.
Selbstbefähigende Behandlung im Sinne des Empowerments zielt darauf ab, den Betroffenen so weit zu informieren, dass er befähigt ist, möglichst mündig und selbstbestimmt zu entscheiden und zu handeln. Dies bedarf natürlich mehr als die bloße Verabreichung von Informationen. Es bedarf eines Bildungsprozesses. Wer Informationen weitergibt ist außerdem dafür mitverantwortlich, dass der Kommunikationspartner die übermittelten Informationen auch versteht. Der Ansatz, die misslungene Aufklärung auf Störungen der Informationsverarbeitung seitens des Kranken zurückzuführen, ist ethisch nicht sauber, sondern unlauter und falsch. Die Aufklärung und die Vermittlung von Informationen müssen nämlich die Möglichkeit kognitiver Defizite einkalkulieren und ebenso berücksichtigen wie den emotionalen Zustand, in dem sich der Betroffene gerade befindet. Regelmäßig sind dafür mehrere Gespräche nötig und der Aufklärende muss sich auch die nötige "Zeit nehmen, zum Nachfragen ermuntern, weitere Gespräche anbieten usw.".
Findet ein Informationsgespräch statt, dann ist der Profi in der Pflicht,  den Kranken ganz im Sinne seiner individuellen Bedürfbisse zu informieren. Vom Standpunkt des Empowerments aus betrachtet bedeutet Aufklärung nicht unbedingt, den Betroffenen mit möglichst vielen Informationen zu überhäufen, sondern sich flexibel nach dessen Bedürfnissen zu richten. Nur wenige der Klienten erwarten kaum Informationen, nicht wenige wünschen sich ein Mittelmaß und einige wenige wünschen sich eine sehr umfangreiche Informationsmenge. Letztere sind zumeist gerne bereit dazu, sich über Bücher, Zeitschriften oder über das Internet zu belesen. Dem Klienten sollten alle Informationen vermittelt werden, die er erwartet.
 
Emotionale Ebene der Informationsvermittlung
Die Verwendung des Wortes Informationsvermittlung besagt ja schon, dass es sich um eine sehr kognitive Tätigkeit handelt. Informationen sammelt man in einer Schule, auf einem Lehrgang oder aber in einem Sachbuch. Die Aufnahme von neuem Wissen ist damit gemeint. Doch existiert keine Kognition ohne Emotion. Das zählt natürlich dann, wenn ein Betroffener über seine Krankheit informiert wird und vor allem dann, wenn wenn es um eine so schwere Krankheit wie beispielsweise eine Psychose geht. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es um dabei Informationen über ein Erleben geht, das dem Klienten ganz den Teppich unter den Füßen weggezogen hat und ihn so erschüttert hat, wie nichts anderes je zuvor. Selbstredend ist jede Konfrontation mit diesem Erleben eine höchst emotionale Sache. Stellt sich der Profi der Problematik nur auf der kognitiven Seite, dann ist diese recht einseitige Auseinandersetzung nichts anderes als ein von Fachmann und Betroffenem gemeinsam unternommener Versuch, sich vor den emotionalen Inhalten zu drücken. Das kann Angst sein oder Bedrohung oder aber dem Schutz vor psychotischem Erlebnissen dienen. Handelt es sich dabei um Selbstschutz seitens des Klienten, ist das okay. Versucht jedoch der Therapeut, sich zu schützen, dann kann dies die weiteren Handlungsmöglichkeiten blockieren.
Stellt jemand in Angehörigen- oder Betroffenengruppen oder in Psychoseseminaren eine Sachfrage, so möchte der Fragende nicht nur eine Antwort, sondern verweist nach Blanke damit auf ein ihn betreffendes Problem. So stellt sich immer wieder die Frage, woher die Psychose eigentlich käme. Dem Fragenden kommt es dann nicht nur darauf an, vom Vulnerabilitäts-Stress-Modell oder die neuesten Ergebnisse aus der Vererbungslehre zu erfahren. Diese kennt der Fragende oft schon. Doch steht die Frage oft in einem anderen, persönlicheren Kontext. Die Frage kann dahingehend erweitert werden, dass der Fragende sagen möchte, dass er es einfach nicht verstehen kann, wie es nun zu der Psychose gekommen ist. Er tut sich schwer, sich damit abzufinden und fragt sich ständig, warum es gerade ihn treffen musste. Er will wissen, ob er etwas falsch gemacht hat in seinem Leben. Der Betroffene kann die von ihm erwünschten Informationen verlangen und er hat auch ein Anrecht darauf, unterstützt zu werden dabei, diese eher emotionalen Inhalten zu verarbeiten.
Der Klient hat oft ein Problem damit, seine persönlichen Schwierigkeiten, Befürchtungen und Unsicherheiten als solche anzunehmen und sie zu artikulieren. Oft getraut er sich auch nicht, sie zur Sprache zu bringen, weil er gelernt hat, dass sein Gegenüber nur wenig Zeit mitgebracht hat und nicht bereit dazu ist, ein vertiefendes Gespräch zu führen. Es ist viel einfacher, eine Sachfrage zu stellen und darauf eine kluge Antwort zu bekommen. Insbesondere Ärzte sehen sich solchen Fragen oft ausgesetzt. Nur allzu oft wird im Verlauf dieses Frage-Antwort-Spiels das eigentliche Anliegen des Fragenden nicht aufgegriffen. So verstummt der Fragende und wirkt noch unbefriedigt. Oder aber er fragt immer weiter. Ihm fallen dann immer neue Fragen ein, weil seine zugrunde liegende Intention nicht aufgegriffen wurde und unverstanden blieb.
Die Vermittlung von Informationen beinhaltet also auch die Berücksichtigung der emotionalen Ebene einer zunächst höchst sachlich wirkenden Information. Nachfragen hilft immer weiter, der eigentlichen Frage auf die Spur zu kommen.  Nachfragen bezieht den emotionalen Anteil der Informationsübertragung mit ein. "Wie geht es Ihnen mit dem eben Gesagten, wie wirkt es auf Sie?" Auch eine leicht suggerierende Anfrage zu emotionalen Anteilen einer Frage führen ans Ziel. Man kann den Fragestellenden konkret fragen, ob er weitere Informationen möchte oder ob er ein für ihn schwieriges Thema zu besprechen wünscht.
Ein Mensch kann nur so viele Informationen aufnehmen, wie er sie emotional verarbeiten kann. Deshalb wissen viele Betroffene nach einer ausführlichen Beratung kaum mehr als zuvor. Sie haben sich aus dem Gespräch zurückgezogen, weil die Diagnose oder anderes Wissen über die Krankheit zu bedrohlich für sie gewesen ist. Seitens des Arztes wird dann viel Sensibilität gefordert, wie viele Informationen der Klient überhaupt aufnehmen und verarbeiten kann.
Sehen wir ins Feld der Krebserkrankungen, dann taucht dort der Begriff "Middle Knowledge" auf. Gemeint ist dabei das legitime Nebeneinander von Wissen und Nicht-Wissen. Manchmal ist es auch so, dass der Patient etwas gar nicht wissen will. Das ist ein Schutzmechanismus, der verständlich ist bei einer eventuell tödlich verlaufenden Krankheit wie dem Krebs. Ähnlich wirkt der Mechanismus bei seelischen Erkrankungen, besonders bei Psychosen. Schließlich ist diese Diagnose für die meisten Menschen nichts anderes als ein "gesellschaftliches Todesurteil". Deshalb ist es auch sinnlos, den Patienten am ersten oder zweiten Tag seines Aufenthalts in der Klinik ausführlich aufklären zu wollen bezüglich seiner Erkrankung und der Behandlungsmöglichkeiten, was hier und da so praktiziert wird. Der Betroffene ist einfach zu überfordert mit solchen kurzfristig angesetzten Gesprächen. Skandalös und auch rechtswidrig ist es aber, wenn die Klienten erst nach Monaten aufgeklärt werden über die Nebenwirkung der verabreichten Neuroleptika. Dies wurde bis in die späten 70er Jahre so gelehrt.
 
Mut machen
Es bleibt festzustellen, dass Informationen kein Selbstzweck sind. Der Klient soll dazu befähigt werden, sich selbst mit seiner Krankheit besser einzuschätzen. Zugleich soll die Information ihn dabei unterstützen, später die Krankheit zu bewältigen. Informationen sind nur dann nützlich, wenn sie positive Konsequenzen für den Klienten oder seine Zukunft vermitteln. Informationen, die ein schlechtes Licht werfen, können auch die die Zukunft verbauen wenn keine lebenswerte Perspektive mehr geboten wird.  Kraepelins Diagnose "Dementia praecox" hat Hunderttausenden geschadet. Sie flüchteten in die Chronifizierung oder gar in den Suizid.
Hoffnung und positive Zukunftserwartungen haben eine große Bedeutung. A. Schaub fand beispielsweise heraus, dass das Gefühl der Hoffung eng zusammenhängt mit der Bereitschaft, nach Hilfe zu suchen. Gerade Angehörigen fällt dabei die schwere Aufgabe zu, der Hoffnungsträger zu sein in Zeiten, in denen der Betroffene längst jede Hoffnung aufgegeben hat. Diese Hoffnung trägt den Betroffenen mit. Belegt ist inzwischen auch, dass die Erwartungen an die Zukunft seitens der Betroffenen, ihrer Angehörigen und der Profis sich entscheidend auf den weiteren Krankheitsverlauf auswirken.
Psychiatrische Behandlung, insbesondere ein stationärer Aufenthalt, erzeugt oft keine positiven Zukunftserwartungen. Häufig regieren Angst und Verzweiflung statt Hoffnung  aufgrund der aktuellen Situation und der weiteren Perspektive. Manchmal arbeiten die Profis sogar gezielt mit Angst und Resignation, um beispielsweise die Compliance des Patienten zu erlangen. Willigt der Betroffene nicht ein in die medikamentöse Rezidivprophylaxe, dann wird ihm gesagt, die nächste Krise träfe höchstwahrscheinlich in Bälde ein, wenn er sich nicht für einverstanden erkläre, die Arznei einzunehmen.
Einige Betroffene bewerten die Schwere ihrer Krankheit als schwerer, als sie modernen Erkenntnissen zufolge sein müsste. Es ist also dringend nötig, im Gespräch mit dem Patienten zu bleiben um seine Zukunftserwartungen auszuloten und diese daraufhin zu prüfen, ob sie auch angemessen sind. Pessimistische Einschätzungen können beispielsweise dann aufkommen, wenn die Betroffenen auf der Station schwerstkranke Mitpatienten haben und erfahren, dass sie die gleiche Diagnose haben.
Informationsübertragung und die Erarbeitung eines Modells der Krankheit muss für den Betroffenen so weit wie möglich Mut machen und voller Hoffnung sein. Natürlich darf die psychische Erkrankung nicht bessergeredet werden als sie es ist. Die negativen Anteile der Krankheit wie etwa eine damit verbundene Suizidgefahr oder die Möglichkeit einer Chronifizierung sind offen anzusprechen, damit der Betroffene sie Möglichkeit hat, angemessen mit der Krankheit umzugehen und die Gefahren besser abzuschätzen. Doch darf man dabei die herausragende Wichtigkeit von Hoffnung, Mut und positiven Zukunftserwartungen nicht aus dem Auge verlieren. Alles das, was unnötigerweise negative Erwartungen hervorruft, gilt es zu vermeiden.
Besonders zu beachten sit die geeignete Wortwahl. Die Rede von Defektzuständen und fortschreitender Chronifizierung können verheerend wirken. Pauschale Urteile wie etwa die Aussage, der Betroffene könne nie wieder in seinem Beruf arbeiten, sind nicht nur grundfalsch, weil die Forschung solche Prognosen im Einzelfall gar nicht erlaubt, sondern  wirken sich auch negativ auf den Betroffenen aus. Die Profis sollten solche Erwartungen nicht nur nicht aussprechen, sondern sich davor hüten, solche Einschätzungen überhaupt zu treffen. Da sie stärker negative als positive Auswirkungen haben, sind sie des meist einfach nur schädlich. "Stellvertretende Hoffnung" ist nur dann von Erfolg gekrönt, wenn sie auch ehrlich gemeint ist und der Arzt wirklich an einen positiven Verlauf oder diese Möglichkeit glaubt.
 
Die Akzeptanz von Nichtwissen
Betroffene, Angehörige und Fachleute haben großes Interesse daran, zu wissen, auf welche Art seelische Krankheiten entstehen, welche Faktoren sich auf den Verlauf auswirken, was Besserung und Heilung bewirkt usw. Das gilt natürlich auch ganz besonders für die schweren psychischen Störungen. Doch selbst nach 100 Jahren intensiver Forschung entziehen sich die Auslöser der Entdeckung. Allen Beteiligten fällt es nicht leicht, mit dieser Unkenntnis zu leben, die Ursachen nicht zu kennen. Schon deshalb konstruieren wir einfache Erklärungen, um Halt zu finden. Eine ganze Menge an Betroffenen und ihren Angehörigen basteln sich eine ihnen plausibel erscheinende Erklärung zurecht, um sie dann von den Therapeuten bestätigt zu wissen. Auch die Wissenschaftler und Therapeuten wenden diese Strategie an, indem sie sich an eine bestimmte Hypothese klammern, von der sie wissen, dass sie so gar nicht stimmen kann. Die überall vertretene Dopamnin-Hypothese, die eine  biochemische Ursache der Schizophrenie annimmt, ist auf der einen Seite unbewiesen und auf der anderen Seite in ihrer vereinfachten Form wissenschaftlich widerlegt. Auch die Vulnerabilitäts-Stress-Hypothese hat ihre Schwächen. 94 Prozent der behandelnden Ärzte reduzieren die Schizophrenie auf rein biologische Faktoren.
Schon M. Bleuler verkündete 1976, die Forschung stehe bezüglich des Verständnisses der Schizophrenie kurz vor dem Durchbruch. Doch leitete sich derzeit aus den Ergebnissen ab, dass Schizophrenie und andere Psychosen keine klare Ursache zuzuordnen sei. Demnach gibt es auch keine alleinig richtig Behandlung der jeweiligen Erkrankung. Diese Wahrheit gibt uns auch keinen Halt oder Orientierung, was die Erkrankung angeht, die uns nach wie vor ratlos macht und Angst und Schrecken auslösen kann. Es gibt keine wahre Sicht der Psychosen und damit auch keine eindeutigen Konzepte für die Therapie.
Obwohl wir Vieles nicht wissen, können wir das, was wir wissen, auch mitteilen und das ist schon eine ganze Menge. Die Betroffenen sind angewiesen auf dieses Wissen, benötigen sie die Orientierung doch viel nötiger als die Fachleute. Dort, wo wir doch nichts wissen, gilt es, keine Aussagen zumachen und verschiedene Ansichten zuzulassen. Unrichtig und unnötig wäre es beispielsweise, zu behaupten, bei der Schizophrenie handle es sich vorwiegend um ein erbbedingtes Leiden. Die Erkrankung ist auch nicht nur auf gesellschaftliche Gründe zurückzuführen, wie es von der Antipsychiatrie gerne behauptet wird.
Ersterkrankte und Kranke, die bislang wenige Phasen durchstanden haben, erwarten von den Fachleuten zumeist eine hieb- und stichfeste Erklärung. Möglichst genaue Informationen helfen dabei, der anzutreffenden starken Verunsicherung und Angst entgegenzutreten. Bei psychoseerfahrene Menschen ist es wiederum besser, wenn auch die professionelle Seite ihr Nicht-Wissen eingesteht. Dies hat eine befreiende Wirkung, weil es nicht mehr ihr persönliches Unvermögen ist, dass ihnen selbst nach langer Zeit vieles an ihrer Erkrankung nach wie vor unverständlich geblieben ist. Schließlich stehen sie alle - die Wissenschaftler, Therapeuten und Betroffenen vielen Aspekten der Krankheit eher ratlos gegenüber. Das "Zulassen von gemeinsamer Hilflosigkeit" und eine "beidseitige Demut gegenüber der Erkrankung" gehören zu den oft gehörten Forderungen seitens der Betroffenen.
 
Psychoedukative Gruppen, Psychoseseminare und individuelle Gespräche
Informationsvermittlung ist kein einseitiges Verfahren. Sowohl die Profis als auch die Betroffenen wissen viel und haben sich entsprechend vieles mitzuteilen. Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler wäre gänzlich unangemessen und reduziert den Betroffenen zum unwissenden und passiven Objekt, Ein umfassendes Verständnis psychotischer Krisen bedarf beider Sichtweisen - der wissenschaftlichen Erkenntnis  und der subjektiven Erfahrungen des Betroffenen. Würdigen wir sein Wissen und seine persönlichen Erfahrungen, dann erlebt der Betroffene sich samt seinen Erfahrungen als wertvoll und hilfreich. Der Profi interessiert sich dann für ihn und seine Welt und der Klient sieht sich gleichberechtigt neben wissenschaftlicher Erkenntnis stehen. Zielaussage in psychoedukativen Gruppen sollte nicht sein, zu vermitteln, der Betroffene benötige Hilfe und der Therapeut wisse den allgemein gültigen Weg, sondern die Aussage, dass der Therapeut zur Diskussion beiträgt, was er weiß und der Betroffene das beitragen soll, was er weiß, damit beide Seiten davon lernen können.
Es kommt zur Aufwertung der Eigenkompetenz der Betroffenen bezüglich ihrer Krankheit und Verletzlichkeit. Die Vorbehalte und Ängste, das psychotische Erleben unter die Lupe zu nehmen, sind bei den Profis weitaus stärker ausgeprägt als bei den Klienten. Die gemeinsame Gruppenarbeit wirkt sich dann spürbar aus auf den Umgang der Fachleute mit den Betroffenen im beruflichen Alltag.
Aufklärung kann durch Einzelgespräche, in Gruppenkontakten und durch Ausgabe schriftlicher Informationen erfolgen. Seit einigen Jahren sind psychoedukative Gruppen im Angebot vieler Kliniken enthalten. Die Betroffenen sollen möglichst hinreichend informiert werden über die für sie wichtigen Aspekte ihrer Krankheit und deren Behandlung. 1994 hielten schon zwei Drittel der befragten Kliniken in Süddeutschland psychoedukative Gruppen ab.
Ob psychoedukative Gruppen als Ansatz für Selbstbefähigung taugen, wird recht kontrovers diskutiert - sowohl unter den Profis als auch unter den Betroffenen. Zum einen sind diese Gruppen für viele Betroffene die einzige Quelle umfangreicher Information. Auf der anderen Seite verfestigen sie das Gefälle zwischen Profis und Betroffenen. Dies zeigt sich schon an den verwendeten Begriffen wie Psychoedukation, Patientenschulung oder Patientenunterricht. Geht es nun um den den Austausch von Informationen und nicht um die einseitige Wissensvermittlung, dann ist dieses Gefälle wenighilfreich. Psychoedukative Programme zielen darauf ab, die Betroffenen zu befähigen, mit so wenig Fremdhilfe wie nötig und so viel Selbsthilfe wie möglich die psychischen Probleme zu überstehen und möglichst eigenständig darüber zu entscheiden, welche Art von Fremdhilfe und Behandlung gewünscht wird. Meistens verläuft der Informationsfluss dafür jedoch zu einseitig. Das zeigt sich auch an der Einstellung der Profis. 83 Prozent gaben eine verbesserte Compliance als Hauptziel des psychoedukativen Angebots an. Die Nutzung eigener Selbsthilfemöglichkeiten spielte dagegen fast keine Rolle. 96 Prozent der Kliniken gaben an, dass die Rolle der Neuroleptika in den Gruppengesprächen der Hauptinhalt waren. Mit Abstand am schlechtesten bewertet wurde der Punkt, der sich mit den rechtlichen Bedingungen auseinandersetzt und den die Hälfte der Kliniken als unbedeutsam einstufte.
Die Ergebnisse spiegeln die Einstellung der Therapeuten wieder, die der Medikation einen hohen Stellenwert zumessen und Selbsthilfe und Psychotherapie eher unterbewerten. Das Konzept des Informationsaustausches ist wichtig und gut, doch bleibt seitens des Empowerments das gegenwärtige Behandlungskonzept zu kritisieren.
 Wissensvermittlung und Erfahrungsaustausch in den Gruppen erlauben es den Klienten sich ausführlich und prozesshaft mit der eigenen Krankheit beschäftigen. Der prozesshafte Charakter ergibt sich dadurch, dass das Verfahren über einen längeren Zeitraum geht und damit die Auseinandersetzung mit den erhaltenen Informationen möglich ist. Nicht jede psychoedukative Gruppe trägt dem Empowerment bei, sondern viele der Gruppen blockieren eher die Selbstbemächtigung. Das Vertrauen, innerhalb gewisser Grenzen in Absprache mit dem Arzt, kann zum Beispiel schwinden, da den Betroffenen beigebracht wurde, ohne Absprache mit dem Arzt keine Änderung der Dosis vorzunehmen. Dies ist eigentlich absurd, weil viele der Klienten sehr wohl Änderungen ihres Befindens wahrnehmen und durch leichte Modifikation der Dosis unmittelbar und kurzfristig reagieren können.
Empowermentbedingt ergeben sich die folgenden Forderungen an psychoedukative Gruppen:

  •   Informationsaustausch statt Informationsvermittlung vermeidet ein einseitiges Gefälle
  •   Die Informationen sollen dazu dienen, dass der Betroffene möglichst eigenständig Entscheidungen herbeiführen kann. Einseitigkeit, um etwa Compliance zu steigern ist zu vermeiden. Der Klient soll befähigt werden, zwischen den möglichen Alternativen abzuwägen.
  •   Selbsthilfe geht vor Fremdhilfe. Die Darstellung möglicher Selbsthilfeansätze ist nötig und bedarf auch eines entsprechenden zeitlichen Rahmens.
  •   Die Gruppenarbeit ist nicht für jeden Klienten sinnvoll. Besonders die ersterkrankten Menschen bedürfen des intensiven Einzelgesprächs, um die Informationen auch emotional zu verarbeiten. Ansonsten drohen Rückzug und fehlende Krankheitseinsicht und werden die Möglichkeiten der Selbstbefähigung blockiert.

  
Die Einhaltung dieser Punkte würde die psychoedukativen Gruppen in die Nähe von Psychoseseminaren rücken. Das Empowerment fordert zudem mehr Selbstbestimmung, einen wechselseitigen Lernprozess und die Berücksichtigung subjektiver Erfahrungen

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