Gesundheitsförderung

Um Empowerment anzugehen, geht es zunächst einmal nicht darum, zusätzliche Angebote zu schaffen oder von professioneller Seite her weitere Aktivitäten zu entfalten. Wichtig ist es, zuallererst die aktuell getätigte psychiatrische  Arbeit daraufhin zu untersuchen, welchen Einfluss diese auf das Empowerment der Betroffenen haben kann. Es gilt, vor jeder Aktivität die Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, die die Klienten bei ihrer Selbsthilfe und Selbstbestimmung behindern. Diese Hindernisse blockieren nur die Eigenaktivitäten der Klienten, nähren Chronifizierungsprozesse und stehen obendrein einer Gesundung häufig nur im Weg. Empowerment hat also viel zu tun mit Gesundheitsförderung.

Erlernte Hilflosigkeit

Viele Betroffene stecken im Zustand der erlernten Hilflosigkeit fest oder sind demoralisiert.  Sie haben nämlich in der Vergangenheit gelernt, dass keinen oder kaum einen Einfluss darauf nehmen können, was in ihrem Leben mit ihnen passiert. Ob sie nun wieder erkranken, wie sie in der Klinik behandelt werden, ob sich Freunde von ihnen zurückziehen oder ob ihnen ein beruflicher Widereinstieg gelingt. Insbesondere psychoseerfahrene Betroffene sehen sich oft jahrelang diesen negativen Erfahrungen ausgesetzt. Bereits im Vorfeld einer ausbrechenden Psychose haben viele dieser Menschen das Gefühl, nicht mehr Herr ihrer Lage zu sein. Diese Situation wird als auswegslos und bedrohlich erlebt. Aus diesem Gefühl heraus bleibt ihnen als letzter Ausweg nur noch die Flucht in die Psychose.
Das Ausgeliefertsein und die Hilflosigkeit dieser Menschen treten auch in den Inhalten der Psychose zutage. L. Binswanger demonstriert dies am Beispiel des paranoiden Erlebens, in dem sich der psychotische Mensch selbst an die "Entscheidungen fremder Mächte oder fremder Menschen" ausliefert. Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins wiederholt sich dann auch noch während der Behandlung. Man ist angewiesen auf die Wirkung der Arzneien, befindet sich in einer therapeutischen Umgebung, der man sich ausgeliefert fühlt und auf die man nicht einwirken kann und in der man sich nur allzuoft nicht einmal aus freien Stücken heraus befindet.
Hier gehen also das Erleben der Krankheit und die Behandlung Hand in Hand, da man sich beiden hilflos ausgeliefert fühlt. Durch die stete Verwicklung in Hilflosigkeit kann die herkömmliche psychiatrische Behandlung als ein Spiegel der psychotischen Symptomatik und demzufolge als Phänomen von Übertragung und Gegenübertragung verstanden werden.
Das permanente Gefühl, ja doch nichts an der Situation ändern zu können, zieht Defizite nach sich. Motivation und Antrieb verkümmern nämlich. Der verspürte Kontrollverlust wirkt betäubend und reduziert die Handlungsbereitschaft des Betroffenen. Diese werden immer passiver und ziehen sich resigniert zurück. Diese Defizite gehen einher mit kognitiven Beeinträchtigungen. Es ist dem Betroffenen nicht mehr möglich, gangbare und Erfolg versprechende Alternativen wahrzunehmen, so dass diese ungenutzt bleiben. Der Betroffene schätzt die Wirksamkeit der ihm noch zur Verfügung stehenden Ressourcen zur Bewältigung als zu gering ein. Zusammen münden die aufgezeigten Defizite in einen Zustand ein, der im Großen und Ganzen dem der Depression ähnelt. Die erlernte Hilflosigkeit könnte eine Erklärung liefern für die postpsychotische Depression, Antriebsstörungen, Interesseverlust bis hin zu spezifischen Denkstörungen, welche einer endogenen Dynamik der Krankheit zugeschrieben werden.
Die erlernte Hilflosigkeit der Betroffenen äußert sich ganz konkret auf der Ebene der Wahrnehmung und der Handlung.

  •   Das Erleben der Wirklichkeit als unverrückbar und nicht mehr durch eigens Handeln beeinflussbar, was zu einer resignierten Akzeptanz der gegebenen Situation führt.
  •   Die eigene Meinung wird nur gering geschätzt.
  •   Das generelle Misstrauen in eine Umwelt, die als unwirklich, abweisend und feindlich erlebt wird.
  •   Das Gefühl, ausgeliefert zu sein und die Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit auf sozialer Ebene
  •   Das Gefühl, die Zukunft sei einem verschlossen.

  
Teilweise reagieren die Betroffenen dann relativ wütend auf die Behandlung beziehungsweise nach der Behandlung, um nicht weiter in das Gefühl der Hilflosigkeit abzurutschen. Vor dem Gefühl der Hilflosigkeit tritt nämlich eine Phase ein, in der  der Patient verzweifelt versucht, sich durch verschiedenste Verhaltensweisen gegen das Gefühl der Hilflosigkeit zu schützen. Zum Teil eben auch durch aggressive Reaktionen. Ärgert sich der Patient über die Helfer und ihre angebotenen Hilfen und verweigert sich er gar der weiteren Behandlung, dann kann dies als Anzeihen gewertet werden für die Gefühle der Demoralisierung und der Traumatisierung. Die Gefühlsausbrüche des Betroffenen kann man also auch als positiv beurteilen, da sie Mechanismen sind des Selbstschutzes vor der drohenden Passivität. Die Fachleute sollten sich mit dem Ärger der Betroffenen auseinandersetzen und die tieferliegenden Gefühle auch respektieren.
Aus dem oben Genannten resultiert, dass Empowermentarbeit Bedingungen zu schaffen hat, die es den Betroffenen ermöglichen, nicht erst in den Zustand der Demoralisierung abzurutschen. Patienten, die diese Demoralisierung schon am eigenen Leibe erfahren haben, müssen speziell aufgebaut werden, um ihnen das Gefühl der Einflussnahme zurückzugeben. Fehlt das Gefühl, etwas an seinem eigenen Leben ändern zu können, dann besinnt sich auch niemand auf die eigenen Kräfte zurück. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der gespürten Möglichkeit, die wichtigen Entscheidungen im eigenen Leben selbst treffen zu können und der Bereitschaft, in Aktion zu treten und zu handeln.

Traumatisierung

Die meisten der Betroffenen sind auf irgendeine Art und Weise traumatisiert. Gewalterfahrungen und sexueller Missbrauch können eine psychotische Erkrankung auch auslösen oder zumindest ihr als Risikofaktor den Weg bereiten. Dazu kommen die Erlebnisse in der Krise und während der Behandlung. Das bedeutet, dass die Dies alles blockiert Empowerment-Prozesse. , Bereits Traumatisierte werden retraumatisiert. Demnach fällt die Reaktion durch die bereits erlittenen Traumatisierungen noch stärker aus bei erneuten traumatischen Erfahrungen. Das Profilager ist kaum sensibilisiert für die Gefahren von Traumatisierungen und die Verabeitungsformen, obwohl viele Betroffene auf die von ihnen erfahrenen Traumatisierungen hingewiesen haben.
Beispielhaft sei eine Psychoseerfahrene bennannt, welche in der Psychose der Überzeugung war, sie solle vom Geheimdienst umgebracht werden. Bei der Zwangsmassnahme wird sie nun wirklich eingesperrt, zur Hinrichtung am Bett fixiert und ihr eine Todesspritze gesetzt. Da die todbringende Dosis nicht reichte, werden ihr auch die nächsten Tage neue Dosen gespritzt. Die Nebenwirkungen wie Lähmung der Gesichtsmuskeln und Verkrampfung der Zunge interpretiert die Fixierte als Todeskampf. Auch nachdem die Psychose abgeklungen ist und die Betroffene mehr Abstand zu dem Geschehen hat, welches sich ihr in einer ganz anderen Wirklichkeit darstellte, bereitet ihr die Erinnerung an die durchlebte Zeit weiterhin Schrecken und Angst, welche sie nachts in Panik aufwachen läßt.
Die Feststellung, es handele sich ja nur um ein psychotisches Erleben, ist an sich unzulässig, weil die Betroffene das Erlebte als Wirklichkeit erlebt hat und das Erlebte damit auch als Wirklichkeit zu behandeln ist.
Mögliche Traumatisierungen sind

  •   Traumatisierungen vor der Psychose bzw. Psychiatrieerfahrung durch sexuellen Missbrauch, broken homes, Alkoholismus in der Familie und Gewalterfahrungen
  •  Durchlittene Traumatisierungen lassen spätere Traumatisierungen als noch bedrohlicher erleben
  •   Erfahrungen während der Krise äußern sich durch Vertrauensverlust der Welt oder sich selbst gegenüber, massive Angst und Verfolgungswahn, Katatonie, Halluzinationen, Derealisation und Depersonalisation.
  •   Die Art der Klinikeinweisung mit Gewalterfahrungen, Polizeieinsatz und Suizidversuch.
  •   Gewalterfahrungen während der Behandlung durch das Erleben des Freiheitsentzugs, der Zwangsmedikation und der Fixierung bei sich und auch bei anderen.
  •   Wirkungsweise von Medikamenten, wenn diese Nebenwirkungen freisetzen, von denen der Betroffene nichts gewusst hat.
  •   Durch Selbst- und Fremdstigmatisierung mit der Abwertung, verrückt zu sein. Man fühlt sich von der Gesellschaft ausgeschlossen und sieht keine Perspektive mehr
  •   Die Folgen der seelischen Erkrankung wie Verlust der Arbeit, von Freunden oder gar des Lebenspartners.

  
Die Folgen der Traumatsierung ähneln denen der Demoralisierung und sind nur schwer von der eigentlichen Symptomatik der Krankheit zu unterscheiden. Dies trifft ganz besonders zu für die post-akute Zeit, in der als Reaktion auf die erlittenen Traumen die ständige Beschäftigung mit den Ereignissen, Schlafstörungen, die Vermeidung von Aktivitäten, eine gestörte Konzentration und Interesseverlust zu beklagen sind. Doch selbst akut-psychotisches Erleben kann schon eine Reaktion auf eben zurückliegende als traumatisch erlebte psychotische Erfahrungen sein. Und auch die psychotische Phase an sich kann schon als traumatisierend erlebt werden. Wir sehen also, dass es ganz schwer ist, zu unterscheiden, ob das zumeist der Psychose zugeschriebene Verhalten nun die Psychose an sich ist oder aber eine reaktive Traumatisierung. Beides kann im übrigen auch parallel ablaufen. So kann der Verlust von Vertrauen in die anderen Menschen ein Symptom der Traumatisierung sein, was wiederum eine paranoide Symptomatik verstärkt oder aber bei abklingender Krankheit ersetzt. W. Butollo wies schon 1997 auf ähnliche Mechanismen bezüglich der Angststörung hin.
Sellschopp wies schon 1999 darauf hin, dass sich während der Psychose die "Ursituation des eigentlichen traumatischen Affektes" zeigt. Sie zeigt sich durch ein Gefühl des Zerreißens, des Schrecks und des Verlustes des Gefühls für die Wirklichkeit. Diese Gefühle evozieren nun Passivität, Rückzug oder aggressive Reaktionen des Selbstschutzes. Und diese verstellen dem Empowerment den Weg. Also ist alles zu tun, um für Traumatisierungen zu sensibilisieren und sie weitestgehend zu vermeiden. Im praktischen Alltag werden Traumatisierungen oft einfach nicht angesprochen und übergangen von den Betroffenen, ihren Angehörigen und den Fachleuten. Die Bewältigung findet statt im vorläufigen Vergessen und Verdrängen der als tarumatisch erlebten Psychose- und Psychiatrieerfahrungen. Dabei bedürfen gerade die traumatischen Erfahrungen der offenen Aussprache mit rückversichernden und verständnisvollen Menschen, wenn sie keine negativen Folgen nach sich ziehen sollen.
Die Erfahrung von Traumatisierung und Hilflosigkeit prägen stark den künftigen Umgang mit dem eigenen Leben. Oft resultieren daraus Passivität, Rückzug und Hoffnungslosigkeit. Dies hält wiederum die Dynamik der Krankheit aufrecht und wirkt sich chronifizierend aus. Der Betroffene lernt seine Möglichkeiten zu handeln und sich selbst zuhelfen nicht kennen. Er wird abhängig von der Hilfe von außen, weil er das erlernte Gefühl der Ohnmacht in ein permanentes Gefühl der Hilflosigkeit überführt. Diese Hilflosigkeit überträgt sich auch auf neue Situationen, in denen durchaus die Möglichkeit bestände, sie aktiv durch eigenes Handeln zu ändern.
Es geht also beim Empowern darum, den Handlungsspielraum der Betroffenen zu erweitern, indem man ihnen das Gefühl der Beeinflussbarkeit und der Selbstwirksamkeit vermittelt und zurückgibt. Dass dies nicht leicht ist bei Menschen, die auf lange Karrieren von Miisserfolg und Ohnmacht zurückblicken, ist offenkundig. Erlittene Traumata bedürfen der Unterstützung bei der Verarbeitung. Stillschweigen wirkt kontraproduktiv. Nötig ist auch ein Gespräch darüber, wie solche Erlebnisse in Zukunft zu vermeiden sind, um die Angst vor erneuten Traumatisierungen zu mindern. Für psychiatrieerfahrene Menschen bedeutet dies, dass jede Erfahrung von Gewalt und Ohnmacht zu besprechen ist. Sei es die Erfahrung von Zwangsmedikation, Zwangsunterbringung oder einer anderen Gewaltausübung.

Verstehen, bewältigen und Sinn erfahren

Das Vermeiden der Erfahrung von Hilflosigkeit und Traumatisierung ist der Nährboden für Empowerment-Prozesse. Dazu werden noch Gesundungsprozesse angeregt. Um die Zusammenhänge besser zu verstehen,  greifen wir zurück auf den Prozess der Salutogenese, die der aus Israel stammende Gesundheitsforscher A. Antonovsky in der Theorie konzipiert und dann methodisch fundiert hat. Entscheidend für den Empowerment-Ansatz ist die Abwendung vom defizitären Ansatz hin zur Ressourcenorientierung. Die Erfahrungen von Hilflosigkeit und Traumatisierung werden vermieden, da positiv formuliert wird, welche Gefühle, Erwartungen und Kognitionen beim Betroffenen zu fördern sind. Es geht nicht mehr darum, warum kranke Menschen krank geworden sind, sondern darum, warum gesunde Menschen gesund geblieben sind, obwohl sie doch derselben Umwelt ausgesetzt waren. Daraus ergibt sich der Ansatz, wie kranke Menschen wieder gesund werden können.  Antonovsky fand heraus, dass ein gewisser Einstellungsfaktor sich stark auswirkt auf die Gesundheit eines Menschen. Er spricht vom sogenannten Kohärenzgefühl (sense of coherence), welches auf drei Gefühlen basiert.

  1. Gefühl der Verstehbarkeit (sense of comprehensibility)
    Die Erwartung oder Fähigkeit eines Menschen, Reize - auch unbekannte Stimuli - als wohlgeordnete , in sich konsistente und strukturierte Informationen zu erkennen. Die Reize, denen man ausgesetzt ist, erscheinen also nicht als chaotisch, willkürlich, zufällig und unerklärlich.
  2. Gefühl von Handhabbarkeit (Bewältigbarkeit, sense of manageability)  
    Die felsenfeste Überzeugung einer Person, dass Probleme auch lösbar sind. Der jeweilige Mensch nimmt wahr, dass er auch geeignete Ressourcen in sich trägt, um den Anforderungen gerecht zu werden.
  3. Gefühl von Sinnhaftigkeit (Bedeutsamkeit, sense of meaningfulness)
    Gemeint ist die Fähigkeit, das Leben als emotional sinnvoll zu empfinden und das Gefühl, dass die Schwierigkeiten und Anforderungen im Leben es auch wert sind, Energie in sie zu stecken.

Diese drei Ebenen bilden zusammen ein Konstrukt und könen deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Antonovsky entschied jedoch, dass es sich beim Gefühl der Sinnhaftigkeit um das wichtigste Gefühl handeln müsse.
Je nach Ausprägung  der drei Gefühle entwickelt der jeweilige Mensch verschiedene Widerstandsressourcen gegenüber Krankheiten aller Art. Die drei Gefühle entscheiden auch darüber, inwieweit eine Person ihre Handlungsmöglichkeiten ausschöpft. Sind die drei Gefühle nun stark ausgeprägt, dann ist der Mensch umso mehr befähigt, mit verschiedenen sich ihm stellenden Situationen angemessen umzugehen und einen Sinn in seinem Handeln zu entdecken. Man kann genau dann komplexe und schwierige Situationen meistern, wenn einem klar ist, was gerade passiert, das Gefühl hat, dass die Situation bewältigbar ist und man auch weiß, wofür man das tut was man tut.
Eben bei den seelisch Kranken sind diese Gefühle, auf die es ganz offensichtlich so ankommt, jedoch nur ganz schwach ausgeprägt. Das hat mitunter seine Ursache in der jeweiligen Krankheit. Psychose-Erfahrene haben nun mal wegen möglicher kognitiver Störungen Probleme damit, Informationen sinnvoll einzuordnen und in Hierarchien zu übertragen. Reizüberflutung verstopft alle Kanäle und blockiert zum einen eine sinnvolle Weiterverarbeitung und beeinträchtigt auch das Vermögen, angemessene Lösungen auszuwählen. Diese Einschränkungen verhindern es, Situationen zu verstehen und auch handzuhaben. Natürlich reduziert sich auch das Gefühl der Sinnhaftigkeit. Welchen Sinn machen auch die sich immer wieder wiederholenden Schübe? Dieser Sinn wird in der Fachliteratur immer noch häufig den Psychosen abgesprochen, weil diese Krankheiten auf eine fehlregulierte Hirnphysiologie reduziert werden. Dazu kommt, dass viele Betroffene eben nicht auf gängige Sinnmuster zurückgreifen können, wie etwa die Gründung einer Familie oder die Ausübung einer verantwortlichen Tätigkeit. Ganz im Gegenteil gestaltet sich ihr Alltag nur allzu oft als Aneinanderreihung von Unterforderung, Langeweile und geringem Sinngefühl.
Zwar wurde das Modell des Kohärenzgefühls noch nicht in die psychiatrische Arbeit mit einbezogen, doch wäre es ein hilfreiches theoretisches Konzept, um psychiatrische Arbeit auszuwählen und zu bewerten. Die Frage würde sich stellen, welches professionelle Handeln sich nun wie auf das Gefühl der Verstehbarkeit, der Handhabbarkeit und der Bedeutsamkeit beim Patienten auswirkt. Es wäre zu erfragen, auf welche Art und Weise diese Gefühle reaktiviert werden können bei Menschen, die entsprechende Krisenerfahrung mitbringen, welche genau diese Haltung mindert und blockiert.

Empowerment-Haltung

Fürsorge nach Maß

Wie wir gesehen haben, erfordert Empowerment-Arbeit eine andere professionelle Haltung und damit implizit auch andere Vorgehensweisen. Die veränderte Haltung kann auf der Theorie der Menschenstärken nach Weik basieren, welche in inzwischen in vielen psychosozialen Arbeitsfeldern Anwendung findet.
Weik erklärt 1992 »Diese Perspektive nimmt an, dass jede Person eine innere Kraft besitzt, die man als Lebenskraft, Fähigkeit zur Lebenstransformation, Lebensenergie, Spiritualität, regenerative oder heilende Kraft bezeichnen mag. (...) Der Prozess des Empowerment erweckt oder stimuliert diese eigene natürliche Kraft des Einzelnen. (...) Die Perspektive der Menschenstärken nimmt an, dass Menschen in ihrem Handeln immer dann, wenn ihre positiven Kapazitäten unterstützt werden, auf ihre Stärken zurückgreifen. Ein Überzeugungsmodell, das auf dem Glauben an die inneren Fähigkeiten für Wachstum und Wohlbefinden aufbaut, bedarf daher eines sensiblen Gespürs für die Ressourcen der Menschen, ihre Talente, Erfahrungen und Ansprüche. Durch diese sensible Aufmerksamkeit wird die Wahrscheinlichkeit für positives Wachstum um ein Vielfaches erhöht.«
Die psychiatrische Arbeit tut sich aus historisch-konzeptionellen und strukturellen Gründen schwer damit, diese Haltung umzusetzen. Die altbackene Vorstellung der persönlichkeitszerstörenden Kraft der Psychose erlaubt keinen Gedanken an die geforderte Autonomie des Betroffenen. Dazu kommt, dass ein Verhalten voller Fürsorge und Verantwortungsübernahme sinnvoll erscheint bei mehrjährig Erkrankten oder akut in der Krise befindlichen Menschen. Dieses eignen sich die Fachleute oft als allgemeine Haltung an, auch den wieder stabilen oder gesünderen Betroffenen gegenüber.

Vertrauen in die Fähigkeit jedes Einzelnen
Des weiteren fällt es der psychiatrischen Forschung und Praxis schwer, das Augenmerk auf die Fähigkeiten der Betroffenen zu richten, diese wahrzunehmen, zu würdigen und zu fördern. Bislang war es ja eher üblich, Defizite auszumachen und zu behandeln. So sahen sich die Psychoseerfahrenen noch in den 90er Jahren dem Vorurteil ausgesetzt, psychosekranke Menschen seien wegen ihrer Persönlichkeitsstruktur nicht dazu befähigt, Selbsthilfegruppen zu gründen oder Selbsthilfeorganisationen zu managen. Inzwischen zählen wir Hunderte solcher Gruppen und Organisationen in den deutschsprachigen Ländern. Diese haben sich gerade seit 2000 gegründet und legen ein erstaunliches Engagement an den Tag.
Lange blieb auch die Bewältigungsforschung bei Psychosen unberücksichtigt. Heute wissen wir, dass fast alle Betroffenen sehr wohl versuchen, ihre Erkrankung und die Krankheitszeichen zu beeinflussen mit ihrem Verhalten. Dies gelingt ihnen sogar zumeist.
Treten positive Veränderungen ein, dann sehen die Fachleute sich bestätigt in der gewählten Form der Behandlung und vor allem in der Wahl der Medikamente. Dahingegen schreiben sie negative Änderungen eher der Dynamik der Krankheit zu. Der Patient selbst erscheint in diesem Spiel als Spielball zwischen seiner Erkrankung und der von außen kommenden Behandlung.
Die Betroffenen können oft erstaunlich gut artikulieren, wessen sie in einer Krise bedürfen und welche Lösung sie sich vorstellen können für ein Problem. Dennoch fragen die Fachleute die Betroffenen kaum, was sie brauchen und was ihnen wohl gut tun würde. Dieses innere Wissen wird besonders den akut erkrankten Menschen in Abrede gestellt. Dabei gälte es lediglich, ernsthafte Anliegen des Patienten von denen zu unterschieden, die einer situativen, kurzfristigen Dynamik geschuldet sind. Absprachen wären sehr wohl möglich in Form von Behandlungsvereinbarungen, Patientenverfügungen oder in Form von individuellen Absprachen, die in jedem Setting prinzipiell möglich sind.

Keine beurteilende Grundhaltung
Die Fachleute tun sich auch schwer damit, den Eigensinn der ihnen Anvertrauten zu akzeptieren. Sie stimmen mit den Lebensentwürfen der Klienten nicht überein und versuchen dann, den Betroffenen ihre Lebensentwürfe, mit denen die Profis selbst besser zurechtkommen, überzustülpen. So manche Rehabilitationsmaßnahme wäre unnötig, wenn die Fachleute sie nicht als sinnvoll erachtet hätten, obwohl die Klienten sie gar nicht wünschen. Daraus resultiert eine schlechte Motivation für die Maßnahme, die dann scheitert und beim Betroffenen ein weiteres  Erlebnis von Misserfolg hinterlässt.
Den Lebensentwurf des Klienten zu akzeptieren hat nichts zu tun mit der Haltung "Das ist mir egal". Gerade dann werden die Vorstellungen des Betroffenen eben nicht akzeptiert. Genau dann zieht sich der Fachmann enttäuscht über die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Betroffenen aus der Beziehung zurück und streicht die Segel. Scheitert der Betroffene erwartungsgemäß, dann bestätigt dies den Profi nur in seiner Einschätzung, nur der von ihm propagierte Weg sei Erfolg versprechend. Respektieren die Fachleute die Lebensentwürfe ihrer Klienten, dann unterstützen sie diese auch bei der Umsetzung derselben.
Der Betroffene kann sich jedoch ganz offensichtlich auch selbst schädigen mit seinen Plänen. Akzeptieren bedeutet auch nicht , allem zuzustimmen, was der Klient sich wünscht, sondern jeden Wunsch des Klienten wohlwollend zu prüfen. Es kann zum Beispiel nicht angehen, dass in der Supervision über die beruflichen Perspektiven den Betroffenen zu sprechen, ohne im Vorfeld dessen Vorstellungen erfragt zu haben.
Nicht nur die Therapeuten, sondern auch die Betroffenen haben ein Anrecht auf den Irrtum. Selbst riskante Wege verdienen es manchmal, mit professioneller Hilfe beschritten zu werden. Erweist sich der Weg als Irrweg, dann bestätigt das nicht, dass doch nur die Planung der Fachleute richtig ist, sondern dass auch der Klient Fehlentscheidungen treffen kann. Die Einübung von Versuch und Irrtum sind sehr wichtige Voraussetzungen für autonomes Handeln.

Die passive Aktivität

Es ist eine altbekannte Tatsache: Das Nichthandeln fällt stets unsäglich schwerer als das Handeln an sich. Dabei gilt ja eben für die professionelle Zurückhaltung, dass sie es ermöglicht, dass der Betroffene seine eigenen Fähigkeiten entdeckt und zu nutzen lernt. Abraham Lincoln brachte es auf den Punkt, als er sagte: dass man den Menschen nicht dadurch hilft, indem man etwas für sie tut, was sie für sich selbst tun könnten.
Passivität seitens der Fachleute im psychiatrischen Bereich steht für ein Sich-Ausliefern an den Klienten und seine Krankheit. Entscheidungen und Lösungsversuche der Kranken verlaufen meist nicht so geradlinig, wie es der Beobachter gerne gesehen hätte. Auch ist es ein Drahtseilakt, in die Fähigkeiten des psychisch kranken Menschen zu vertrauen. Ohne diesem Vorschuss an Vertrauen ist es aber nicht möglich, abzuwarten und das Gegenüber in Ruhe lernen zu lassen. Ist der Betroffene nun wirklich nicht zu einer bestimmten Sache fähig, dann ist natürlich selbstredend Fremdhilfe nötig. Ohne Vertrauen auf die Fähigkeiten des Anderen werden nur Lösungswege aufgezwungen, Aufgaben übernommen und Entscheidungen stellvertretend getroffen. Dadurch entsteht ein fürsorglicher Aktivismus, der angeblich dem Wohl und dem Schutz des Klienten dienen soll.
Diese Gefahr ist allen Helferberufen und speziell in der Psychiatrie gegeben. Schwer seelisch kranke Personen sind nun mal gerade in den akuten Phasen ihrer Erkrankung auf sehr viel Unterstützung seitens der Profis angewiesen.
Es ist ein problematischer Schritt, diese Hilfe zum rechten Zeitpunkt zu drosseln und dem Klienten wieder mehr zuzutrauen. Natürlich betrifft dieses Gedankenspiel nicht nur die Fachleute, sondern auch die Betroffenen und ihre Angehörigen. Passive Aktivität kann es mit sich führen, dass dem Klienten gegen seinen Willen die Unterstützung entzogen wird. Dies kann wütende oder sich zurückziehende Reaktionen hervorrufen. Im besten Falle laufen diese dann parallel mit einem Mehr an Aktivität.
Besonders in Gruppen fühlen sich die Profis oft dazu genötigt, zu gestalten und zu unterhalten. Passive Aktivität in der Gruppentherapie heißt jedoch, sehr sensibel zu sein für die Prozesse innerhalb der Gruppe. Unangenehme Stimmungen und Ratlosigkeit wollen mitgetragen werden. Die Gruppenabläufe sind weniger zu planen und zu steuern, sondern es gilt, aufgeschlossen zu sein für neue und unerwartete Ideen.
Empowerment-Prozesse sind nicht planbar und verlaufen meistens nicht geradlinig. Es sind keine wiederverwendbare success stories. Um seinen eigenen Weg zu finden, bedarf es der Zeit. Insbesondere bei schwer kranken Menschen dauert Veränderung länger als dies im Leben der professionell Tätigen der Fall wäre. Professionelle instant products bergen stets die Gefahr in sich, den Betroffenen sowohl zu überfordern als auch ihn daran zu hindern, seine ureigensten Ressourcen zu mobilisieren.
Speziell die neuen Anstrengungen beim Qualitätsmanagement und bezüglich der personenzentrierten Hilfen im ambulanten Bereich laufen Gefahr, die Eigenzeitlichkeit der kranken Klienten und ihre Kapazitäten zur individuellen Problemlösung den überstrukturierten und mit zeitlichen Vorgaben versehenen Hilfeplänen zu opfern. Insgesamt gesehen stehen die Profis heutzutage unter einem nicht zu verachtenden Erfolgsdruck. Wenn ihre Arbeit keine positiven Veränderungen aufweist, dann wird diese als erfolglos betrachtet. Dieser Leistungsdruck und die daran gekoppelte Ungeduld sind Gift für die Empowerment-Prozesse. Professionell Tätige neigen dann schnell dazu, positive Veränderungen ganz im Sinne ihrer eigenen Vorstellungen zu planen. Dabei käme es darauf an, die Eigenzeit der Klienten zu respektieren, auf überstrukturierte Hilfepläne zu verzichten und zu eng gefasste Zeithorizonte mit mehr Handlungsspielräumen auszustatten. Anstatt von Planbarkeit und Kontrolle geht es um die von Schernus postulierte "Kunst des Indirekten".