Armut und Ausgrenzung psychisch kranker Menschen in Deutschland

Armut und Ausgrenzung psychisch kranker Menschen in Deutschland

Ökonomischer Stress und Krankheitsanfälligkeit
Gerade in den Großstädten leben viele psychisch Kranke. Die Armut ist dabei sowohl Folge als auch Ursache der seelischen Erkrankung.

Armut ist seltener Folge als Auslöser
Allgemein wird folgendes Modell gerne angenommen: Ein depressiver oder schizophrener Mensch verfällt wegen seiner Krankheit immer weiter in einen Teufelskreis, verliert seine Arbeit und seine sozialen Kontakte, und driftet dann in Armut und teilweise sogar in die Obdachlosigkeit ab. Eine amerikanische Langzeitstudie stellt jedoch klar, dass es sich meist andersherum verhält: So ist die Armut, also ein niedriger sozioökonomischer Status, der Auslöser für die meisten psychischen Erkrankungen. Es ließ sich nur vereinzelt nachweisen, dass der soziale Abstieg die Folge einer psychischen Erkrankung, vor allem der Schizophrenie, war.

Langzeitstudie mit 34.000 Patienten
In der Langzeitstudie wurden die Angaben von insgesamt 34.000 Patienten aus dem US-Staat Massachusetts ausgewertet, die in den Jahren von 1994 bis 2000 mindestens zweimal in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden sind. Zusätzlich flossen Daten zur sozioökonomischen Lage der Patienten aus der Volkszählung im Jahr 2000 ein.
Ein Ergebnis war, dass die meisten der psychisch Kranken aus den ärmsten Schichten der Gesellschaft stammen. Bei vier von sieben der Untersuchten war die Armut die Ursache der seelischen Erkrankung. Es verhält sich jedoch nicht so, dass psychische Erkrankungen mit zunehmendem Reichtum abnehmen: Gerade in besonders wohlhabenden Gesellschaftsschichten treten die Krankheiten ebenfalls gehäuft auf, erreichen dabei aber längst nicht die bei Armen vorherrschenden Fallzahlen.

Ökonomischer Stress als wichtigste Ursache
Das Ergebnis der Studie war, dass „ökonomischer Stress" der markanteste Auslöser für psychische Erkrankungen ist. Ökonomischer Stress entsteht, wenn der Betroffene einem drohenden oder tatsächlichen Verlust von Arbeit und Einkommen, eventuell auch der eigenen Wohnung, ausgesetzt ist. Augenfällig war dabei auch, dass das Auseinanderbrechen familiärer Strukturen kein Grund für seelische Erkrankungen war. Prävention und Interventionen müssen somit nach dem Untersuchungsergebnis direkt an der ökonomischen Lebenssituation der armen Menschen ansetzen, so dass die Entwicklung psychischer Erkrankungen infolge von Armut möglichst verhindert wird.

Armut und seelische Befindlichkeit
Personen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, haben ein hohes Risiko, seelisch zu erkranken. Auch umgekehrt gilt, dass psychisch kranke Menschen besonders häufig soziale Ausgrenzung erfahren. Armut und psychische Erkrankung befruchten sich also gegenseitig.
Schon immer gelten Kranke als besonders armutsgefährdet. Verliert der Betroffene nun aus gesundheitlichen Gründen die Möglichkeit zur Erwerbsarbeit, so büßt er damit oft auch die materielle Existenzgrundlage ein. Die Armen haben regelmäßig eine schlechtere Gesundheit und sterben früher. Dies gilt natürlich auch für psychisch Kranke, die auch heute oft nicht rechtzeitig Hilfe erfahren.
Wir stellen fest, dass arme und psychisch Kranke gesellschaftlichen Ausgrenzungen ausgesetzt sind.
Dabei sind sowohl Armut als auch Krankheit nicht für alle Betroffenen gleich. So existiert eine Hierarchie innerhalb der Armutsbetroffenen und der Kranken, welche sich in einer verschiedenen gesellschaftlichen Anerkennung äussert.
Die freiwillig Armen und die Armen, die den gesellschaftlichen Moralkodex einhalten, genießen in der Welt der Armen das höchste Sozialprestige.
Am schlimmsten bedroht von sozialer Ausgrenzung sind wiederum Menschen im erwerbsfähigen Alter, welche aus für die anderen nicht ersichtlichen Gründen keiner Arbeit nachgehen oder nachgehen können.
Bei den Kranken wiederum werden die an einer Sporterkrankung Erkrankten am meisten gesellschaftlich geachtet, während die psychisch Kranken die niederste Ebene der sozialen Anerkennung einnehmen müssen. Seelisch Kranke leiden im übrigen nicht nur an ihrer Erkrankung, sondern auch an der gesellschaftlich erachteten Minderwertigkeit ihrer Krankheit.
Wer arm und psychisch krank ist, den trifft somit eine doppelte soziale Ausgrenzung.
Es ist zu beobachten, dass psychisch Kranke in eine höherwertige Krankheit bzw. eine von der Rentenversicherung anerkannte Krankheit flüchten, um der Armut zu entkommen. Die Rente gewährleistet nämlich derzeit auf Dauer eine Existenzsicherung auf höherem Niveau als bei der Sozialhilfe. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die damit verbundene Arbeitsfähigkeit und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Psychisch Behinderte haben es nämlich besonders schwer, sich im Arbeitsmarkt zu halten oder wieder in Lohn und Brot zu kommen. Oft sind sie deshalb auf Dauer ausgegrenzt, zumeist schon in jungen Jahren.
Die Gesellschaft reagiert wiederum auf die schwierige Situation psychisch Behinderter in der Regel mit Flucht und Verdrängung.

Armut und psychische Erkrankung
In Deutschland steigt das Armutsrisiko an. 1993 betrug es 11,7 % und 2003 schon 13,5 %. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Armutsrisiko und Arbeitsunfähigkeit. Seit Ende der 90er Jahre sind die Arbeitsausfälle auf Grund seelischer Erkrankungen um mehr als ein Drittel gestiegen. Die anderen Krankheitsarten als Ursache von Arbeitsausfällen sind seitdem stark rückläufig.
Dazu kommt noch die Erkenntnis aus dem Bericht der nationalen Armutskonferenz, dass unabhängig von den Gründen, die in die Arbeitslosigkeit führten, die Arbeitslosen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben. Die Wahrscheinlichkeit einer körperlichen Erkrankung der Betroffenen im Vergleich zu Beschäftigten erhöht sich um 30 % bis 80 %, bei psychischen Leiden verdoppelt sie sich sogar.

Folgen für psychisch Kranke
Die Menschen mit seelischer Erkrankung sind durchaus willens und fähig dazu, ihrer Arbeit nachzugehen. Aber sie sind nicht dazu in der Lage, die vom Arbeitgeber geforderte Kontinuität und Ausdauer zu erbringen. So fällt es schwer, eine Halbtagsstelle oder gar eine Vollzeitstelle in der früher gewohnten Manier zu halten. Wird die Erkrankung nicht rechtzeitig erkannt, dann beginnt der Kreislauf und es kommt oft zur Entlassung und damit zur Arbeitslosigkeit und letztendlich zu Armut, die wiederum dem gesundheitlichen Befinden schadet. Ein Teufelskreis beginnt sich zu drehen, der in einer Studie der Universität Marburg zu Armutslebensläufen in Deutschland aufgezeigt wurde. Psychisch kranke Menschen haben demnach ein besonders erhöhtes Armutsrisiko.
Zwischen Armut und seelischer Erkrankung besteht also ein Zusammenhang. Dieser tritt nur bei Menschen zutage, die wegen psychischer Schwierigkeiten wie etwa bei Persönlichkeitsstörungen in Arbeit und dann in die Überschuldung geraten sind. Besonders zeigt sich der Zusammenhang in der Problematik chronisch psychisch Kranker, sich auf dem ersten Arbeitsmarkt zu etablieren und damit unabhängig von Sozialleistungen zu leben. Die Ausgrenzung von den Verdienstmöglichkeiten seelisch kranker Menschen und die Abkopplung derselben von den Entwicklungen am Arbeitsmarkt lässt hier die Armut aufkeimen.
Die besonders in Bayern um 1990 entwickelte Arbeitsassistenz zur Begleitung psychisch kranker Menschen am Arbeitsplatz wurde durch den zweiten Teil des SGB IX ersetzt. Nun übernehmen Integrationsfachdienste, die für alle Behinderten zuständig sind, die Begleitung. Dabei war zu beobachten, dass die seelisch Kranken von den psychisch stabileren Personengruppen wie Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung aus dem Arbeitsmarkt verdrängt wurden. Im Gegensatz zur Zeit vor ein paar Jahren wird nur noch ein Prozentsatz der psychisch kranken Menschen begleitet.
Chronisch psychisch kranke Menschen genießen oft Unterstützung durch sozialpsychiatrische Angebote und sind in ein Versorgungsnetz integriert. Und selbst dann, wenn die medikamentöse Einstellung und diese ambulante Integration eine gewisse Stabilität gewährleistet, ist es schwer für sie, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Es existiert ein abgestuftes System von Beschäftigungsangeboten: Dazu zählen arbeitstherapeutische Maßnahmen, niedrigschwellige Zuverdienstmöglichkeiten über beschäftigte Unterstützung, WfbM bis hin zu den höherschwelligen Integrationsfirmen. Die Schnittstelle zwischen diesen Angeboten und dem ersten Arbeitsmarkt erweist sich jedoch meistens als ein unüberwindbarer Graben. So sind die auf dem Arbeitsmarkt geforderten Arbeitszeiten von psychisch kranken Menschen nicht machbar und bilden ein grosses Hindernis für ein geregeltes Arbeitsleben, obwohl die Betroffenen die arbeitsnotwendigen Fähigkeiten mitbringen. Trotz aller Integrationsbemühungen bleiben die psychisch Kranken als Sondergruppe gegenüber den „Gesunden" bestehen. Dieser besondere Status verschärft sich überdies wegen der Tatsache, dass auf Grund der klammen Geldbörse nur Freizeitaktivitäten wahrgenommen werden können, die keine Kosten verursachen. Dadurch werden die Integrationsmöglichkeiten zusätzlich eingeschränkt und das Ziel der Teilhabe deutlich erschwert.

Lösungsansätze

Wege aus der Armut und in die Gesellschaft
Ein großer Teil derer, die überschuldet sind, fällt auch in anderen sozialen Zusammenhängen auf, auch wenn eine psychische Erkrankung noch nicht diagnostiziert ist und sozialpsychiatrische Einrichtungen in der Regel (wenn auch inzwischen immer häufiger) noch nicht Anlaufstelle waren. Meistens kommt es erst nach jahrelangen Auffälligkeiten zur Diagnose von Persönlichkeitsstörungen, die die wirkliche Ursache der vielschichtigen Probleme anzusehen sind. Vorher kam es oft zu Arbeitslosigkeit, nicht selten auch kriminellen Handlungen und Überschuldung.
Eine Linderung, aber keine Verhinderung der Probleme kann darin liegen, die Betroffenen früh in das sozialpsychologische und sozialpsychiatrische Hilfesystem mit geeigneter Unterstützung zu integrieren. Dazu ist eine bessere Vernetzung und Zusammenarbeit aller zuständigen Stellen vonnöten. Es geht dabei besonders um die kirchliche Sozialarbeit, Schuldnerberatung, Bewährungshilfe, Suchtberatung, sozialpsychiatrische Dienste und Behörden der Sozialverwaltung. Eine Koordination der Hilfen würde dabei helfen, Überschuldungen früher zu erkennen und damit ein „Leben in Armut" zu verkürzen und die Chronifizierung der resultierenden psychischen Probleme zu verhindern.

Wege zur Vermeidung von Armut
Arm zu sein in Deutschland heißt nicht unbedingt, unter existenzieller Not zu leiden, sondern steht für einen Mangel an Chancen auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und auf Bildung und auf Arbeit. Gerade die Arbeit verschafft ja desmeist den Zugang zu all diesen Chancen. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung "Lebenslagen in Deutschland" skizziert diesen Teufelskreis. Das Schriftstück enttabuisiert das Thema Armut und gibt Anlass zur berechtigten Hoffnung, dass man von politischer Seite her den Kampf gegen die Armut aufnimmt. Der Bericht basiert auf der These, Armut sei der Mangel an Mitteln zur Lebensgestaltung.
An diesem Punkt kann man mit wirkungsvollen Konzepten ansetzen:
Zunächst bedarf es der nötigen Grundsicherung: Eine Wohnung in Verbindung mit einem Bürgergeld, welches bedingungslos ein Grundeinkommen für jeden Bürger und jedes Kind zur Verfügung stellt. Dazu wäre es nötig, seelisch kranken Menschen ein Teilhabegeld zuzugestehen. Dieses soll dann die behinderungsspezifischen Beeinträchtigungen zwar nicht auszugleichen, aber sie doch entschärfen.
Mitten in der Gesellschaft leben bedeutet aber noch lange nicht mitten in der Gesellschaft zu sein. Hier greift das Konzept des Community Care. Dabei geht es um die Verantwortung des Bürgers für seinen Mitbürger, welche Tür und Tor öffnen würde für die Partizipation der Betroffenen. Community Care beinhaltet die Idee der vollständigen Inklusion, also der vollen gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen . Im Gegensatz zur Integration, die eher an Defiziten der Betroffenen anknüpft, betont die Inklusion, dass die Verschiedenheit der einzelnen Menschen einen positiven Wert darstellt (vgl. BIEWER 2000).
Zudem bedarf es einer groß angelegten Kampagne zur Aufklärung der Bürger über Armutsrisiken:

  • das immer durchlässigere soziale Netz
  • das Alter
  • Arbeitslosigkeit
  • Krankheit
  • Risikovorsorge ohne Risiko

Die Vermeidung von Ausgrenzungen ist ein Thema, das uns alle angeht. Der Wegfall von Tabuthemen entzieht wiederum Vorurteilen ihren Nährboden und stärkt das Verständnis füreinander.
Die professionellen Begleiter seelisch kranker Menschen müssen zudem die jedem Menschen eigenen Selbstbefähigungspotentiale erkennen und stärken. Dabei steht die Selbstvertretung im Mittelpunkt des Empowermentansatzes und ist ihr Ziel.

Quellen :

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