Psychische Erkrankungen bei wohnungslosen Männern

Psychische Erkrankungen bei wohnungslosen Männern
Die meisten obdachlosen Männer litten im Laufe ihres Lebens mindestens einmal an einer psychischen Erkrankung. Drei von vier weisen zum Zeitpunkt ihrer Untersuchung eine psychische Erkrankung auf.
Daraus resultiert, dass allein stehende wohnungslose Männer eine soziale Randgruppe darstellen, die im Vergleich zum Mittel der Bevölkerung eine sehr große Häufigkeit psychischer Erkrankungen hat. Eine ganze Menge dieser Menschen leiden an weiteren psychischen Erkrankungen. Auffällig viele erhalten die Diagnose Psychose, also die schwerste Form einer psychischen Erkrankung.
Auf der einen Seite erkennen wir also eine hohe Erkrankungsrate und auf der anderen Seite nehmen die Wohnungslosen kaum die medizinisch-psychiatrischer Dienste in Anspruch. Nur 27,6 % der Wohnungslosen in München war je in stationärer psychiatrischer Behandlung.
1996 schätzte die Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe, dass 930.000 "Wohnungsnotfälle" bestehen. 200.000 davon sind Einpersonenhaushalte und 35.000 leben direkt auf der Straße (OFW = Ohne festen Wohnsitz). Laut Studienergebnissen ergibt sich, dass die meisten Wohnungslosen an psychischen Störungen leiden und damit nicht nur wohnungslos, sondern wohnungslos und psychisch krank sind. Dies erklärt sich dadurch, dass die extreme Lebenssituation Wohnungslosigkeit bei einer großen Zahl der Betroffenen mit einer oder häufiger mehreren psychischen Störungen und den bei den harten Lebensbedingungen auch gehäuften körperlichen Beschwerden zeitigt. Besonders die Patienten mit Suchterkrankungen haben das größte Risiko, der Wohnungslosigkeit anheimzufallen. Und ganz besonders stationär behandelte abhängigkeitskranke Männer haben zumeist keinen privaten Wohnsitz.

Psychosen
Eine Psychose steht für tief greifende seelische Krankheiten. Dieser Oberbegriff ist unscharf und nicht exakt definiert. Er steht für eine ganze Reihe seelischer Krankheiten, bei denen die Beeinträchtigung psychischer Funktionen ein solches Maß erreicht hat, dass dadurch die Einsicht und die Fähigkeit, einigen der üblichen Lebensanforderungen zu entsprechen, gestört sind,. Merkmale sind dabei eingeschränkter Realitätsbezug, mangelhafte Verstehbarkeit, mangelnde Kommunikationsfähigkeit, Uneinsichtigkeit der eigenen Erkramnkung gegenüber und mangelnde Fähigkeit zur sozialen Anpassung.
Die meisten wohnungslosen psychisch Kranken suchen das etablierte Gesundheitssystem inadäquat, nicht fachspezifisch und/oder erst in Notfallsituationen auf. Dieses ungünstige Verhalten ist bei Alleinstehenden und bei seelisch mehrfach Erkrankten besonders ausgeprägt. Das liegt am Zusammenspiel von Krankheitssymptomen und Zugangsvoraussetzungen für die Aufnahme in viele psychiatrische Institutionen. Auf der einen Seite wird das Eingeständnis, psychisch krank zu sein, in vielen Wohneinrichtungen konzeptionell bei der Aufnahme als Voraussetzung verlangt. Doch besteht ja auf der anderen Seite die mangelnde Krankheitseinsicht als ein Merkmal der psychischen Erkrankung. Paradoxerweise ist also der Grund für die Aufnahme ein Grund für die Ablehnung.
Ausgrenzend wirken auch die hoch angesetzten persönlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten, die in vielen Einrichtungen von den Besuchern erwartet werden. So erwartet die Institution die Motivation, das Leben positiv selbst gestalten zu wollen und ein Mindestmaß an Einhaltung der jeweiligen Spielregeln. Und gerade die symptomatischen Eigenschaften des eingeschränkten Realitätsbezugs, der mangelhaften Verstehbarkeit, der mangelnde Kommunikationsfähigkeit und der mangelnden Fähigkeit zur sozialen Anpassung stehen gerade der Erfüllung dieser Anforderung für viele Betroffene im Wege. In Folge leben viele Erkrankte ohne oder mit geringer/gelegentlicher medizinischer Versorgung. Zu einer Einweisung in psychiatrische Einrichtungen kommt es nur in akuten Notfällen. Und genau in dieser akuten Situation lernen die Patienten die Psychiatrie nicht nur als Anbieter psychiatrischer Dienstleistungen, sondern auch als Ordnungsinstanz und/oder Schutzinstanz für die Allgemeinheit kennen. Die Gesetze verlangen hier ein genaues Potential an Fremd- und Eigengefährdung, doch gibt es auch hier Gummiparagraphen und Ermessensspielräume. Zwangsbehandlung und -einweisung sollten schließlich Ausnahmesituationen darstellen, da sie von den Betroffenen als besonders traumatisch erlebt werden. Es wird aber sehr unterschiedlich mit diesen Kriterien verfahren. Regional bedingte Angebotsstrukturen und Möglichkeiten der Unterbringung bestimmen oft die Art des Handelns mit und so ergbit sich daraus, ob der Betroffene nun mit einer Zwangseinweisung konfrontiert wird oder nicht. Die Erfahrung einer repressiven Zwangseinweisung bringt den Betroffenen natürlich nicht dazu, später freiwillig mit der Psychiatrie Kontakt aufzunehmen. Die Zahl der psychisch Kranken, die nur zwangsweisen Kontakt mit der Psychiatrie hatten und sich in Wohnungslosigkeit befinden, ist dementsprechend sehr groß.
Menschen mit psychotischen Erkrankungen bedürfen wegen ihrer Symptome eine reizarme, individuelle Unterstützung und Hilfe. Die Möglichkeit zum sozialen Rückzug und zur Begrenzung der sozialen Kontakte muss gegeben sein. Doch was erfahren die Betroffenen ? Sie müssen die extrem reizüberfluteten Notaufnahmestationen psychiatrischer Kliniken ertragen oder aber die hohe sozialer Dichte innerhalb von Wohngemeinschaften. Unter diesen erschwerten Bedingungen finden eher die robusteren der psychisch Kranken eine Perspektive, die Empfindlichen sind damit gänzlich überfordert. Demzufolge gibt es in den 72er Einrichtungen im Wesentlichen zwei Typen von Klienten: Zum Einen solche, die neben der Diagnose "Psychose" mit der Zusatzdiagnose "querulatorisch" versehen sind. Und zum anderen sind da auch die Personen, die als eher still zu bezeichnen sind und zu denen man auch nach intensivster Beziehungsarbeit kaum Zugang finden kann. Zwar leiden sie unermesslich an ihrer Situation, doch sind sie nicht mal in der Lage dazu, ihren Leidensdruck zu artikulieren. Und gerade das ist ja die Grundvoraussetzung für jede Beziehungsarbeit.
Psychisch kranke Wohnungslose sind eine Gruppe, die wegen der spezifischen Krankheitssymptome sehr spezielle Bedürfnisse haben. Zum Teil reagieren sie sehr sensibel auf ihre Umgebung. In vielen psychiatrischen Institutionen wird auf ihre spezielle Situation und ihre zumeist krankheitsbedingten Bedürfnisse nicht eingegangen. Der Bedarf an Rückzugsmöglichkeiten, ihre Einsichtsfähigkeit und Möglichkeiten zur Lebensveränderung bleiben oft unberücksichtigt. Die psychisch kranken Wohnungslosen sind eine Gruppe, die mit den klassischen psychiatrischen Methoden kaum zu behandeln ist.

Alkohol und psychische Krankheiten
Der Genuss von Alkohol stellt bei den Wohnungslosen unter anderem eine Bewältigungsstrategie dar. Das Trinken ist symbolischer Ausdruck sozialer Verbundenheit und einer Solidargemeinschaft in Notlagen, deren Trinkregeln zur Bewältigung der Situation ihres Alltags sinnvoll erscheinen läßt. Die wohnungslosen Menschen befinden sich in einem Teufelskreis zwischen dem Mittel Alkohol zur Aufnahme von Beziehungen und dem Ertragen von Elend und den negativen sozialen und individuellen Folgen des Alkoholkonsums, der oft zumindest an den Missbrauch heranreicht. Die Einsicht in ihre Alkoholgefährdung fällt schwer, wenn man sich dazu gezwungen sieht, sich in einem Umfeld zu bewegen, das den Missbrauch von Alkohol unterstützt und in dem der Alkohol zur Pflege der Beziehungen schier unerlässlich ist. Somit ist bei Wohnungslosen der Alkohol nicht dysfunktional, sondern eher funktional hinsichtlich der Lebenssituation und das Trinken führt nicht zum Konflikt mit der direkten Lebensumwelt, sondern fördert die Integration. Dazu kommt, dass der Alkohol im Sinne einer Selbstmedikation eine grosse Rolle spielt. Viele der Wohnungslosen haben Phasen im Leben durchstehen müssen, in denen sie äußerst irritierbar und voller Angst gewesen sind. Unter dem Einfluss von Alkohol sind sie ruhig, fast gelöst und entspannt, doch sind sie irritierbar, schreckhaft und hoch verängstigt, wenn es am Alkohol mangelt. Diese Symptome reichen über reine Entzugserscheinungen weit hinaus. Einen erheblichen Anteil an Wohnungslosen betrifft gerade diese Komorbidität (Begleiterkrankung).

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