Berufsunfähigkeit und Armut

Berufsunfähigkeit und Armut
Cornelia ist eine unter einer Million Betroffenen, die mit einer psychischen Erkrankung in ein Krankenhaus eingeliefert wurden. Viele der Patienten sind berufstätig, und viele von ihnen kehren nach ihrem stationären Aufenthalt nicht an ihren Arbeitsplatz zurück. Insgesamt 50.000 Menschen hängen in Deutschland im Jahr vorzeitig ihren Job an den Nagel. Sie sind dann durchschnittlich 47,4 Jahre alt, schreibt der Branchendienst Map-Report.
Seelische Leiden sind mit 31,1 Prozent inzwischen der Spitzenreiter in Sachen Berufsunfähigkeit. Jede dritte Frühberentung in Deutschland hat zu tun mit einer seelischen Erkrankung. 1985 führten noch die Herz- und Kreislauferkrankungen die Berentungsliga an. Ihre Anteilschaft an den Frühberentungen bewegte sich in diesem Zeitraum von 30,7 Prozent auf 11,4 Prozent, der Anteil der Skelett- und Muskelerkrankungen von 25 Prozent auf 18,7 Prozent.

Acht Millionen Menschen sind seelisch krank
Gründe für diese Verschiebungen gibt es viele. Auf der einen Seite haben sie gewiss zu tun mit dem fortschreitenden Wandel in unserer Arbeitsgesellschaft. Die Beschäftigung in Berufen, die den Körper stark beanspruchen, ging in den letzten 25 Jahren immer weiter zurück. Auf der anderen Seite haben wir da auch den medizinischen Fortschritt. Der Rücklauf könnte auch Beleg sein für einen gesünderen Lebensstil, zu dem die Politik und nicht zuletzt die Krankenkassen stets ermuntern.
Fest steht jedoch, dass die psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung "dramatisch" zunehmen, wie auch die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) signalisiert. Die Zahl der Deutschen, die an einer seelischen Erkrankung leiden, die einer Behandlung bedarf, schätzen die Experten inzwischen auf acht Millionen Betroffene. Folgerichtig fordert die BPtK seit Jahren gesetzlich verankerte Präventionsprogramme, die die Finanzierung eines vorbeugenden Gesundheitsschutzes im Bereich seelische Erkrankungen sichern.
Kranke Seelen werden zunehmend zu einem belastenden Kostenfaktor für die Gesellschaft. Die Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen zeitigt nach Erkenntnissen der BPtK jährliche Produktionsausfälle von knapp drei Milliarden Euro. Zudem beziffert das statistische Bundesamt die jährlichen Kosten psychischer Erkrankungen auf etwa 22,4 Milliarden Euro. In diese Berechnung flossen nur die reinen Behandlungskosten ohne Einkommensverlusten oder möglichen Rentenansprüchen ein.

Berufsunfähigkeit: Die wenigsten sind versichert
Diese grosse Zahl steht jedoch höchstwahrscheinlich nur für die halbe Wahrheit, da ohnehin nur die Hälfte der behandlungsbedürftigen Menschen auch wirklich professionellen Rat aufsucht.
Gegen Risiken wie Krankheit oder Berufsunfähigkeit kann man sich versichern. Die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) gehört dabei neben der Kranken- und privaten Haftpflichtversicherung zu den wichtigsten Versicherungspolicen. Doch nur jeder siebte Bundesbürger ist auch wirklich gegen Berufsunfähigkeit abgesichert. Und das trotz der Tatsache, dass der Einzelne im Schadensfall nur noch geringe Leistungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung bekommen wird. Dies gilt übrigens ganz besonders für Menschen, die nach dem 1. Januar 1961 geboren sind. Sie erhalten fast keine Unterstützung mehr.
Viele Menschen ignorieren also schlichtwegs das enorme Risiko. Jeder fünft Arbeitnehmer sieht sich nämlich gezwungen, aus seinem Beruf wegen Krankheit auszuscheiden. Aber es kommt noch besser. Selbst die Betroffenen, die eine BU-Police abgeschlossen haben, müssten sich nach Berechnungen von Map-Report im Schadensfall mit einer durchschnittlichen Rente von knapp 500 Euro erhalten. Der Gang zum Sozialamt wäre also auch für dieses Klientel schon vorgezeichnet.

Selektion seitens der Versicherungen
Die Berufsunfähigkeit könnte für die Versicherer ein Milliardenmarkt sein. Doch lässt die Assekuranz diesen zukunftsträchtigen Markt austrocknen. So sind die Versicherungszahlen rückläufig und verloren sie im Jahr 2005 sogar 150.000 bestehende BU-Policen. Auch lehnen die Versicherer immer mehr Anträge ab, 200.000 waren es 2004.
Es ist auch die traurige Wahrheit, dass ein "großer Teil" der Kunden nicht den Schutz in beantragter Höhe oder zu den beantragten Konditionen bekommt, schreibt Map-Report.
Zum einen möchten die Versicherer nichts riskieren. Ein Gutverdiener, der mit 35 Jahren berufsunfähig wird und eine hohe BU-Rente vereinbart hat, kann sich schnell als Millionenschaden entpuppen. Schon ein Dutzend solcher Fälle könnte etliche Versicherer mit ihren vergleichsweise geringen Einnahmen aus dem BU-Geschäft schnell an die Grenzen ihrer Kapazitäten bringen.
Auf der anderen Seite haben viele Versicherer offenbar Probleme damit, mit den veränderten Risiken in der Bevölkerung bezüglich Krankheit und Berufsunfähigkeit angemessen umzugehen. So stehe die Branche dem zunehmenden Problem der Invalidität durch psychische Erkrankungen mehr oder weniger hilflos gegenüber. Die Anbieter von Berufsunfähigkeitsversicherungen gehen sogar so weit, dieses Risiko komplett zu umgehen. Sie nutzen jede Möglichkeit, um psychisch Kranke herauszufiltern und sie dann als Kunden abzulehnen.

Private Krankenversicherer lehnen psychisch Kranke ab
Gerade die Privaten Krankenversicherer (PKV) praktizieren dieses Herausfiltern und schützen sich gegen psychisch Kranke. Laut Bundespsychotherapeutenkammer nehmen 40 von 48 befragten Versicherern keine psychisch Kranken auf. Acht der Anbieter antworteten entweder gar nicht oder nur unklar auf die Anfrage. Neun der Versicherer lehnten eine Aufnahme selbst dann ab, wenn die Erkrankung erfolgreich behandelt wurde und bereits Jahre zurückliegt.
Die Stiftung Warentest fand schließlich heraus, dass auch psychisch kranke Menschen, die bereits Kunde einer PKV sind, es schwer haben damit, optimal zu gesunden. Denn viele der privaten Tarife limitieren die ambulante Psychotherapie auf 20 oder 30 Sitzungen im Jahr oder sehen diese erst gar nicht vor. Die gesetzlichen Krankenkassen kamen jedoch je nach Behandlungsverfahren für deutlich mehr Sitzungen auf.
Die meisten Menschen tun sich sehr schwer damit, sich einer psychischen Erkrankung frühzeitig zu stellen. Oft bedarf es erhöhten Einsatzes von außen, seitens der Verwandten oder des Partners. Diese erst bewegen den Betroffenen dazu, sich in professionelle Hände zu begeben.

Einmal psychisch krank, immer psychisch krank
Die Versicherer versteifen sich mit ihrer Selektionspraxis in ihrer Verweigerungshaltung. Es ist nunmal Fakt, dass jemand, der einmal beim Psychologen war, kaum noch die Möglichkeit hat, eine Berufsunfähigkeits- oder private Krankenversicherung abzuschließen. Insgesamt ergibt sich dadurch das Problem, dass die Versicherer vermehrt Kunden aufnehmen, die zwar behandlungsbedürftig sind, die nötige Behandlung aber unterlassen. Damit wird das eigentliche Problem verschleppt und es besteht die Gefahr der Chronifizierung.
Es handelt sich um eine Art gordischer Knoten: Hier die psychisch Kranken, die sich nicht ihrer Krankheit stellen wollen und da die Versicherer, die sich scheuen schwer erkennbare und kalkulierbare Risiken zu tragen. Es fehlt beiden Seiten die nötige Einsicht, sich mit dem Thema offen auseinanderzusetzen.
Durch die fehlende öffentliche Auseinandersetzung mit der Problematik vergeht zwischen den ersten Symptomen einer seelischen Erkrankung und ihrer tatsächlichen Behandlung viel Zeit. Kostbare Zeit, weil die Verschleppung das Problem verschärft und die Kosten der Behandlung explodieren lässt.. Es wäre eine Vorsorgeuntersuchung nötig, wie etwa bei der zahnmedizinischen Routineuntersuchung oder der Krebsvorsorge Anreize zu schaffen, damit sich Menschen auch mit einer seelischen Belastung rechtzeitig melden und gegebenenfalls in Behandlung begeben.

Anreize für eine rechtzeitige Versorgung
Ein psychologischer Vorsorgecheck würde langfristig die Milliarden Euro für psychologische Behandlungen merklich mindern. Auch könnten die Versicherer ein anonymes Sorgentelefon für die Kunden einrichten oder ausführlich auf den Internetseiten über die Gefahr psychologischer Erkrankungen und ihre mögliche Heilung informieren.
Cornelias Versicherer reagierte verständnisvoll auf ihre Wünsche. Die Kasse bezahlte den Klinikaufenthalt und eine anschließende Therapie, die noch anhält. Cornelia geht es deutlich besser. Sie arbeitet wieder – an einem anderen Arbeitsplatz und damit stressfreier. Die Berufsunfähigkeit wäre ihr finanzielles Ende gewesen. Sie hatte keine Police. Noch getraut sie sich nicht, einen entsprechenden Antrag zu stellen.

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