Hartz IV, Armut und psychische Erkrankung

Hartz IV, Armut und psychische Erkrankung

Hartz IV bedeutet für viele Betroffene einen Statusverlust, der ihr Selbstwertgefühl massiv erschüttert. Sie haben zuerst einen Antrag von 16 Seiten auszufüllen, der sie gegen ihren Willen zum gläsernen Menschen macht. Der Datenschutz wird dabei mit Füßen getreten. Auch müssen die Betroffenen eine Eingliederungsvereinbarung mit Pflichten und ohne Rechte unterschreiben. Dies kommt Entmündigung, Zwangs-erziehung, Entdemokratisierung gleich, da die Arbeitsagentur den reinen Gehorsam vom „Kunden" fordert. Ein Fallmanager bestimmt über das zukünftige Schicksal der „Kunden". Im Profiling, das sein Vorbild in der Bekämpfung von Verbrechen hat, durchleuchtet er das gesamte Leben der Klienten. Für jedes Fehlverhalten gibt es monetäre Sanktionen, die bis zur kompletten Streichung des Bezugs von ALG-II gehen können.
Hartz IV heißt auch Armut. Wer das erste Mal eine mindere Arbeitsgelegenheit ablehnt, bekommt eine 30-prozentige Kürzung, wer zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten ablehnt, erhält nur noch 40 Prozent des ALG II. Nach Abzug der unverzichtbaren Festkosten, ÖPVN, Bewerbungen, GEZ und Telefon, Praxisgebühr und Energie, bleiben dem ALG II-Empfänger 15 Euro im Monat für gesunde Ernährung, Hygienebedarf, Kultur, Sport usw. Sollte er jetzt verspätet einen Termin bei der Arbeitsagentur wahrnehmen, würden seine Bezüge weiter sinken, denn alle Kürzungen addieren sich bei einer Laufzeit von drei Monaten. Fazit: Eine Ablehnung ist nur auf dem Papier möglich.
Hartz IV heißt Arbeitszwang. Dem Betroffenen wird die Chance genommen, wieder im erlernten Beruf zu arbeiten oder wenigstens gemäß seiner Fähigkeiten und Neigungen eingesetzt zu werden. Alles bestimmen jetzt nämlich der Fallmanager und die Bedürfnisse der Kommune vor Ort.
Hartz IV bedeutet Hoffnungslosigkeit. Durch die Anrechnung von Partnereinkommen gehen 500.000 Menschen leer aus. Betroffen ist fast jeder Vierte der bisherigen Arbeitslosenhilfebezieher.
Besonders schlimm ist es für die Frauen. Hartz IV erschüttert die Emanzipationsbewegung und die Gleichberechtigung. Als Teil der Bedarfsgemeinschaft sind die Frauen oft vom Mann im Hause abhängig. Die Altersarmut für Frauen ist vorprogrammiert.
Weitaus heftiger trifft es die Heranwachsenden: Prof. Helga Spindler, Köln, hat errechnet, dass Heranwachsende der Altersgruppe 14 bis 18 Jahre im ALG-II-Bezug durchschnittlich 5 bis 10 Prozent weniger erhalten als im Sozialhilfebezug. Vor Hartz IV konnten Jugendliche aus Bedarfsgemeinschaften ihr Taschengeld etwa durch das Austragen von Zeitungen aufbessern, um mit den anderen in der Schulklasse im Konsumverhalten mithalten zu können, um also nicht ausgegrenzt zu sein. Heutzutage ist jeder Euro, auch der Euro der Kinder, anrechnungspflichtig. Die Möglichkeiten anrechnungsfreien Zuverdienstes sind knapp bemessen auf 100 € brutto. Auch ohne prophetische Gaben lassen sich psychische Störungen und eine Steigerung des Aggressionspotenzials bei Kindern und Heranwachsenden erahnen.
Hartz IV bedeutet Existenzangst. Betroffene erhalten 364 Euro. Die Miete wird jedoch nur dann voll übernommen, wenn der Wohnraum angemessen ist. Was angemessen ist, entscheidet die Kommune, die im Übrigen auch für 71 Prozent des Mietanteils aufzukommen hat.
Hartz IV kann den Verlust von nachbarschaftlichen Kontakten bedeuten. Seit vielen Jahren werden Studien erstellt, seit vielen Jahren wissen wir, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich auch negativ auf die Gesundheitssituation des ärmeren Teils der Bevölkerung auswirkt. Dennoch wurde Hartz IV neu eingeführt. Noch mehr Menschen werden künftig in Armut und Abhängigkeit leben. Der Armutsbericht der Bundesregierung wies schon vor Hartz IV eine deutliche Steigerung der Armut auf. 2004 lebten 13,5% der Bevölkerung in Armut, während sich 10% fast die Hälfte des Volksvermögens teilten.
Die Umverteilung von unten nach oben funktioniert und die Arbeitslosen werden zu Feinden und Gegnern stigmatisiert. Armut und Reichtum sind zwei Seiten einer Medaille; die Spaltung der Gesellschaft, der Widerspruch von Kapital und Arbeit sind dem Kapitalismus immanent. Eine Dortmunder Studie aus dem Jahr 2001 ergab, dass sich von 226 Langzeitarbeitlosen 44,3% als demoralisiert, depressiv und verstimmt bezeichneten. Bei fast der Hälfte der Betroffenen war die Zeitgestaltung entstrukturiert, fast die Hälfte trank regelmäßig Alkohol, war suchtgefährdet.
Eine Studie aus dem Jahr 2000 kommt zu dem Schluss, dass sich die gravierendsten Unterschiede bei den psychiatrischen Erkrankungen zeigen. Leute in Arbeit werden in 1000 Versicherungsjahren im Mittel 116 Tage wegen psychiatrischer Erkrankungen behandelt. Bei den Arbeitslosen sind es demgegenüber 875 Tage, also das achtfache an Zeit. Fast 40 % der stationären Leistungszeiten fallen bei männlichen Arbeitslosen auf psychiatrische Erkrankungen. Bei den Frauen fällt dieser Unterschied mit 3,6-facher Erhöhung nicht ganz so krass aus. Männliche Arbeitslose konsumieren viel Alkohol und werden mit 10% aller stationären Leistungstage behandelt. Dazu kommen noch Medikamenten- und Drogenabhängigkeit, Alkoholpsychosen und chronische Leberkrankheiten, weiterhin Psychosen und Neurosen. Die Frauen unter den Arbeitslosen sind am häufigsten wegen einer normalen Entbindung im Krankenhaus. Es folgen Neurosen, schizophrene Psychosen, Persönlichkeitsstörungen sowie affektive Psychosen. Diese Krankheitsfelder bewirken unter den weiblichen Arbeitslosen etwa drei Mal mehr stationäre Leistungstage als bei nicht-arbeitslosen Frauen. Alkoholabhängigkeit wird auch unter Frauen bei Arbeitslosigkeit relativ häufiger festgestellt. Arbeitslose nehmen im Vergleich zu Nicht-Arbeitslosen insgesamt mehr stationärer Leistungen in Anspruch. Bei den Männern registrieren wir eine Verdopplung der stationären Leistungstage und Frauen stellen wir eine 50-prozentige Erhöhung fest. Bei Arbeitslosen wurde im Vergleich zu Nicht-Arbeitslosen ein 1,8-fach erhöhtes Risiko festgestellt, in einem Zeitraum von drei Jahren zu versterben.
Ob Arbeitslosigkeit nun krank macht, hängt wiederum von vielen Faktoren ab – vom Alter, der Bildung, der Familiensituation, der physischen und psychischen Stabilität, der Dauer der Arbeitslosigkeit, den jeweiligen Bewältigungsstrategien und Wertorientierungen. Auch die Art der Bewältigungsstrategien sind für die Gesundung von elementarer Bedeutung. Das Hobby kann zur Aufgabe werden. Erlerntes darf nicht verloren gehen wie etwa bei den Ein-Euro-Jobs. Auf der Grundlage des Erlernten, auf der Grundlage der Neigungen könnten neue und ganz individuell ausgestattete ehrenamtliche Tätigkeiten entstehen.

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