Vermeidung von Zwang und Gewalt durch Deeskalation

Vermeidung von Zwang und Gewalt durch Deeskalation

Die Psychiatrie neigt dazu, Stillschweigen zu bewahren über Vorkommnisse, die mit Gewalt und Aggression zu tun haben. Tabuisierung spielt auch hier mal wieder eine große Rolle. Bricht man doch einmal das Schweigen, dann geht es in der Regel um die wirklich schlimmen Fälle von Eskalationen. Meistens mündet die Diskussion dann in fruchtlose Schuldzuweisungen.

In den meisten Kliniken ist das pflegerische Personal trotz der sich ergebenden Notwendigkeit nach wie vor nicht oder nur mangelhaft darin ausgebildet auf angemessene Art und Weise mit Gewalt umzugehen.

Dort, wo Gewalt zum Zuge kommt, wirkt sie sich für alle Beteiligten negativ aus. Die Folgen können sein Furcht, Angst, Flucht in Alkohol und Medikamente oder gar das innerliche Ausbrennen. Dagegen hilft eigentlich nur, das Personal konsequent etwa durch Supervisionen und seelsorgerisch zu betreuen und die Vorfälle, in denen Gewalt im Spiel ist, mit den Patienten aufzuarbeiten.

Nach wie vor fehlt es allen pflegerischen Berufsgruppen an einem allgemeingültigen Instrumentarium, um den Ausbruch von Gewalt frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig Maßnahmen einzuleiten, die deeskalierend wirken.

Wer Gewalt verhindern will, der muss sich zunächst mit der Gewalt an sich, ihrem Wesen und ihren Mechanismen auseinandersetzen. Erst nach der Beschäftigung damit, welche Folgen Gewalt zeitigt, kann eine Person auch versteckte, heimliche Gewalt im Alltag erkennen. Die sichere Verortung von Gewalt ist die nötige Grundvoraussetzung, um Deeskalation wirksam betreiben zu können.

Deskalation kann trainiert werden. Dabei geht es erst einmal darum, Gewalt zu erkennen und sie auch beim Namen zu benennen, um die Überprüfung und gegebenenfalls auch die Weiterentwicklung von der eigenen Meinung bezüglich Gewalt sowie um die Entwicklung und Erprobung von Handlungsmöglichkeiten in Situationen, die mit Konflikten, Bedrohung und / oder mit Gewalt zu tun haben.

Inzwischen liegen Resultate vor, dass über einen längeren Zeitraum betrachtet die Fallzahlen von Fixierungen rückläufig sind, wenn sich eine Einrichtung oder Station permanent mit dem Thema Gewalt auseinandersetzt und so zu einem Konsens bezüglich des Umgangs mit der Gewalt kommt. Die gemeinsame Haltung und Einstellung der Gewalt gegenüber hat direkt zu tun mit einer veränderten Kultur. Dann wurden zum zweiten alle Berufsgruppen mit einbezogen bei der Auseinandersetzung mit der Gewalt bei den sich eventuell ergebenden freiheitsentziehenden oder freiheitsbeschränkenden Maßnahmen.

Um sich mit der Gewalt besser auseinanderzusetzen ist ein intensives Training unerlässlich. Dazu müssen erst einige Personen aus dem Personal als Trainer umfassend ausgebildet werden, die dann als Multiplikatoren das erworbene Wissen an ihre Kollegen weitergeben.

Die Ausbildung, die meistens mehr als eine Woche geht, umfasst normalerweise die drei im Folgenden aufgeführten Bereiche:
Die Mitarbeiter lernen es, in einer standardisierten Methode, persönliche Sicherheitstechniken anzuwenden. Dabei werden sie geschult, wie sie sich bei Übergriffen vom reinen Festhalten bis hin zu Würgegriffen befreien und Hilfe organisieren können. Der zweite Bereich beschäftigt sich mit den Techniken, die in den jeweiligen Teams zur Anwendung kommen können. Der aggressive Patient soll schließlich sicher und möglichst unverletzt überwunden und gegebenenfalls fixiert werden. Die Teamtechniken folgen wie die persönlichen Sicherheitstechniken der physiologischen Beweglichkeit der Gelenke, was das Verletzungsrisiko erheblich minimiert. Dabei arbeiten mindestens drei Leute miteinander. Somit wird wenig Kraft benötigt, um die Situation zu meistern, wenn die entsprechende Technik gut gelernt wurde und sicher beherrscht wird. Einer aus dem Team agiert während des Aktes stets als Vermittler mit dem Patienten. Es obliegt ihm, die ganze Zeit über mit dem Patienten zu kommunizieren. Die Kommunikation kann dabei verbal oder nonverbal sein. Beherrschen alle Mitarbeiter die persönlichen Sicherheitstechniken und die Teamtechniken, dann vermittelt das an sie ein Gefühl der Sicherheit, weil sie sich befähigt fühlen, mit spannungsgeladenen und stressbesetzten Gelegenheiten adäquat umgehen zu können. Erst diese Sicherheit gewährleistet auch den professionellen Umgang mit Gewalt an sich. Der dritte Bereich umfasst dann die persönliche Auseinandersetzung mit Aggression und Gewalt. Es geht darum, eigene Erfahrungen mit Gewalt aufzuarbeiten und die Normen, die für den einzelnen und auch für das Team gelten, zu prüfen und gegebenenfalls zu ändern. Meistens werden während dieser Phase noch gleichzeitig die in den anderen beiden Bereichen erlernten Techniken bis zur Perfektion einstudiert.

Normalerweise lernen die Mitarbeiter während der Ausbildung in Deeskalation, in einer aggressiv belasteten Situation weder zu kämpfen noch wegzulaufen oder zu vermeiden. Das win-win-Verhalten wird einstudiert, welches zum Ziel hat, dass beide Parteien die Situation nicht als Verlierer, sondern als Gewinner verlassen können. Es gibt also weder einen Überlegenen noch einen Unterlegenen nach der Auseinandersetzung, so dass alle Beteiligten quasi ihr Gesicht wahren können.

Die jeweilige Antwort auf aggressives Verhalten hängt ganz von ihrem Stadium ab, in dem sich die Gewalt befindet. Wir unterscheiden dabei das sogenannte agitierte Verhalten, in dem der Aggressive sich gespannt und gereizt fühlt. Dieses geht einher mit schnell wechselnden Ebenen der psychomotorischen Erregung. Dann gibt es noch die verbale Aggressivität als zweite Stufe, die sich bis zur Androhung körperlicher Gewalt aufschaukeln kann. Und die dritte Stufe wäre dann die Anwendung körperlicher Gewalt gegenüber Personen oder Gegenständen.

Jede der diagnostizierbaren Stufen lässt sich nach bestimmten Symptomen einordnen. Damit ist jeder der Stufen ein bestimmtes Antwortverhalten zuordenbar. Ein großer Fehler, der häufig anzutreffen ist, besteht darin, erst einmal zu beobachten und abzuwarten, bis die dritte Stufe erreicht wurde. Es wird also gewartet, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, um dann erst zu reagieren. Richtig wäre es, schon bei Anzeichen der ersten agitatorischen Stufe präventive Maßnahmen zu ergreifen.

Die Mitarbeiter sind normalerweise höchst motiviert dazu, Deeskalationsseminare zu besuchen. Man darf sich jedoch nicht mit der ersten Ausbildung zufrieden geben, weil die Implantierung des Erlernten als Standard eines Hauses nur strategisch erfolgen kann. So etwas bedarf also seiner Zeit, oft einiger Jahre. Auch müssen die Mitarbeiter zuverlässig und regelmäßig betreut werden, um sich über ihre Erfahrungen austauschen und diese verarbeiten zu können.

Nach der Ausbildung fühlen sich die Mitarbeiter sicherer und weniger der Situation ausgeliefert. Damit ist schon viel erreicht, doch darf man nicht eher ruhen, als bis sich auch die Stationskultur entsprechend verändert hat. Zudem ist darauf zu achten, dass die erlernten und höchst effektiven Techniken nicht zur Sanktionierung der Patienten missbraucht werden.

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