Geschichtliches zur Selbsthilfe

Idee, Leitgedanke
Selbsthilfegruppen sind selbstorganisierte Zusammenschlüsse von Menschen, die ein gleiches Problem oder Anliegen haben und gemeinsam etwas dagegen oder aber dafür tun möchten. Hauptzweck einer Selbsthilfegruppe ist der Informations- und Erfahrungsaustausch von Betroffenen und Angehörigen. Dazu kommen praktische Lebenshilfe und gegenseitige emotionale Unterstützung und Motivation. Zudem vertreten Selbsthilfegruppen teilweise auch die Belange ihrer Mitglieder nach außen.

Gründe der Entstehung von Selbsthilfegruppen

Gründe für die Teilnahme
Da die Gründe für die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe individuell verschieden sind, sollte man sich zusammen darüber verständigen. So sollte man sich über die Motive, Wünsche, Hoffnungen, aber auch Befürchtungen und Ängste des Einzelnen im Klaren sein.
Mögliche Gründe können sein

  • aus der Verzweiflung finden und wieder Mut fassen
  • der Wunsch, sich selbst in der Begegnung mit anderen Menschen, besser kennen zu lernen.
  • Mehr Informationen zu bekommen
  • Unterstützung und Verständnis bei Menschen zu finden, die eine ähnliche Lebenssituation aus eigener Erfahrung kennen
  • neue Freundschaften in einem Kreis zu schließen, in dem man sich anerkannt und verstanden fühlt
  • andere Menschen in der Gruppe zu unterstützen
  • gemeinsame Aktivitäten zu planen und durchzuführen
  • die Öffentlichkeit über Probleme oder Missstände zu informieren
  • sich für Maßnahmen zur Lösung bestimmter Probleme einzusetzen
  • das Leben trotz einer schweren Krankheit zu bewältigen
  • die eigene Isolation zu überwinden
  • auf das medizinische oder soziale Versorgungssystem Einfluss zu nehmen

Geschichtliches
Selbsthilfe allgemein
Die moderne Selbsthilfe erwuchs aus den Emanzipationsbewegungen des 19. Jahrhunderts. Eine besondere Rolle spielten dabei die Jugend- und die Frauenbewegung. So kam es vielerorts zur Gründung von Vereinen und Organisationen, die einen weitgehend freien Austausch von Gleichgesinnten ermöglichten und auch gesundheitsorientierte Selbsthilfe stattfand.
Einige Abstinenzvereine, wie etwa die Guttempler, und zahlreiche spirituell oder religiös orientierten Gruppierungen, wie etwa die Anonymen Alkoholiker (AA) legen dem ursprünglich gemeinsamen Problem ein umfassendes Leitbild einer moralisch erstrebenswerten Lebensführung zugrunde. Das die Abstinenz von Alkohol absichernde Zwölf-Schritte-Programm der AA hat beispielsweise auch bei anderen Süchten und Problemen Anwendung gefunden.
Die moderne offene Selbsthilfe konnte sich erst aus den sozialen Umwälzungen der 1960er entwickeln. Erst danach war es möglich, dass sich Menschen öffentlich zu ihrem Problem bekennen können, ohne gesellschaftliche oder strafrechtliche Sanktionen befürchten zu müssen. Gegen Homosexuelle richtete sich zum Beispiel bis 1969 der Strafrechtsparagraph § 175. Suchtbezogene Erkrankungen wurden bis zu den 60ern als moralischer Mangel bewertet und nicht, wie heute, als Krankheit verstanden. Zudem übernahm der mündige Patient immer mehr eine aktive, eigenverantwortliche Rolle. So wie auch bei anderen modernen sozialen Bewegungen wird der Anteil an Eigeninitiative bei diesem neuen Gesundheitsverständnis groß geschrieben.
Der Psychoanalytiker Michael Lukas Moeller verhalf den Selbsthilfegruppen in Deutschland in den 70ern zu einem neuen Selbstverständnis. Er gründete 1981 den Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V.
Die Selbsthilfebewegung war im ehemaligen Osten Deutschlands aus politischen Gründen heraus bis zum Herbst 1989 nicht möglich. Die DDR beherbergte jedoch schon vor der Wende, auch im Rahmen der Bürgerbewegung, Selbsthilfegruppen, die meist kirchlich initiiert wurden. Auch Bismarck verbot jede außerstaatliche Hilfeform in Form von Gewerkschaften und Selbsthilfegruppen, was die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung gewaltig hemmte. Diese Monopolisierung sollte zur Systemintegration erziehen (Lenhard/Offe 1977).
Jeder elfte erwachsene Deutsche ist derzeit Mitglied der mehr als 70.000 Selbsthilfegruppen in Deutschland, in denen sich etwa 2,5 Millionen Menschen engagieren.
(siehe auch Wikipedia : Selbsthilfegruppe)
Selbsthilfegruppen entlasten vor allem Partner und Familien (86%), aber auch Psychologen, Ärzte und Krankenkassen zu je 50 %. und den Staat und Sozialarbeiter zu je 40% Mehrfachnennungen waren möglich in dieser Befragung.
(siehe auch Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Kofahl am 13.10.2007)
Jeder Euro, der in Selbsthilfe gesteckt wird, mobilisiert den dreifachen Nutzen in unentgeltlicher Arbeit. In München kamen 1992 199 Selbsthilfegruppen in den Genuss von Förderung, welche 850.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit und Hilfe für andere leisteten im Gegenwert von 36,4 Millionen Mark. Hundert Mark entsprachen 330 Mark Gegenleistung plus 50 Mark an Eigenmitteln und Spenden, also mobilisierte die Fördersumme fast das vierfache der investierten Leistungen, welche dem sozialen System der Stadt zugute kamen. (aus „Kommunalpolitik: politisches Handeln in den Gemeinden“ von Hellmut Wollmann,Roland Roth).
Selbsthilfegruppen müssen darauf achten, nicht zum billigen Jakob der Sozial- und Gesundheitspolitik zu werden.
Selbsthilfe in den jungen Jahren der neuen Bundesländer
Selbsthilfe kann nicht verordnet werden und ihr Leistungspotential erwächst aus dem unmittelbaren Lebensbezug. Der Grundsatz, von den kleineren gesellschaftlichen Einheiten zu erwarten, ihre Aufgaben so weit als nur möglich selbst zu erfüllen, entspringt direkt dem freiheitlichen Menschenbild einer demokratischen Gemeinschaft. Autoritäre Staaten erlauben keine echte Selbsthilfe, die auf selbstbestimmtem und eigenverantwortlichem Handeln basiert, weil sich dieses der staatlichen Kontrolle entzieht. Sie verlangen deshalb von ihren Bürgern, sich den staatlichen Systemen und Organisationen ein- bzw. unterzuordnen.

Die Selbsthilfe in den neuen Bundesländern unterscheidet sich von den alten Bundesländern nicht nur in regionalen Unterschieden. So sind die Infrastrukturen in den neuen Bundesländern nur ansatzweise vorhanden. Dies hängt zusammen mit unzureichend arbeitenden Kommunalverwaltungen und sich territorial erst ausbreitenden Wohlfahrtsverbänden und anderen freien Trägern. Die Menschen im Osten sind betroffen von der Umstellung des vorher zentralistisch orientierten Gesundheits- und Sozialsystems hin zu mehr pluralistischen und kommunalen Strukturen mit der gleichzeitigen Erwartung eines hohen Maßes der Eigenverantwortung seitens der Bevölkerung.
Die Selbsthilfe darf nicht durch freie und öffentliche Träger eingebunden, sondern sie soll gefördert werden. Diese Problemlage kann nur schrittweise angegangen werden, da sowohl Betroffene als auch Professionelle mit dieser Umstellung ein großes Problem haben.
Allerorts wurden Selbsthilfekontaktstellen eingerichtet, welche eine Drehscheiben- und Clearingfunktion verrichten. Dies ist auch wichtig, um sozialromantische Erwartungen, Allheilmittel-Vorstellungen und verkürzte Sparsamkeitshoffnungen abzubauen. Kommunen und Verbände zeigten von Anfang an reges Interesse an Selbsthilfeaktivitäten, aber auch ein großes Informationsbedürfnis. Die unzureichenden Kenntnisse leiten sich davon ab, dass oft aus artfremden Berufen kommende Entscheidungsträger die Reorganisation der Verwaltungsstrukturen übernommen haben.
Selbsthilfe erwächst im Westen Deutschlands aus dem dort zunehmenden überspezialisierten professionellen Angebot. Sie ist sowohl Kritik an der einseitigen Medikamentierung und der Therapeutisierung als auch Kritik an einem ausgeklügelten Sozialsystem, welches sich durch seine Vielfalt kaum noch durchschaubarer Professionalität auszeichnet. Im Osten wiederum geht es eher darum, ein Gesundheits- und Sozialsystem aufzubauen, welches den neuen gesellschaftlichen Bedingungen angemessen ist und auch darum, den Wegfall der weggebrochenen Hilfesysteme zu kompensieren.
Das Gesundheits- und Sozialsystem der ehemaligen DDR verfolgte die Gewährleistung einer allerorts verfügbaren Grundsicherung und war deshalb nicht sonderlich spezialisiert aufgebaut. Die Patienten wurden hierarchisiert und der Masse stand kein differenziertes Angebot zur Verfügung. Die gesellschaftlich Höhergestellten konnten sich demgegenüber gegen die Objektrolle gegenüber den Medizinern wehren. Ganzheitliche Sichtweisen waren in den neuen Bundesländern selten vertreten. Grundlegend ändert sich auch das Arzt-Patienten-Verhältnis zum Hilfe- Betroffenen-Verhältnis.
Spiegel Spezial 1/1991 liefert folgende zusätzlichen Ergebnisse : Die Wende schuf keinen neuen Menschentyp, sondern vermittelte Menschen mit ihrem eigenen gesellschaftlichem Hintergrund : Jeder dritte fühlte sich 1991 „oft niedergeschlagen und mutlos“ ( jeder fünfte im Westen )., ist „oft ratlos und versteht die Welt nicht mehr“ und hat „Angst vor der Zukunft“. Diese Selbstzweifel gehen Hand in Hand mit einem Mangel an Selbstvertrauen. Die Menschen der neuen Bundesländer misstrauen mehr anderen Menschen, haben sich jedoch vermutlich aus einer „Schutz- und Trutzgemeinschaft“ heraus ein soziales Gefühl bewahrt, welches auf den Westdeutschen reichlich fremd wirkt. Nur halb so viele Menschen aus den alten Bundesländern (23 %) maßen dem Punkt „sich um Mitmenschen zu kümmern“ eine so hohe Bedeutung zu wie die Menschen aus den neuen Bundesländern (42 %).

Die vierzigjährige Geschichte enthält auch gegenläufige Tendenzen zur Selbsthilfe : Die Menschen aus dem ehemaligen Osten reagieren nämlich sehr unterschiedlich auf das Angebot, in der individuellen Krisensituation auf Selbsthilfe in Gruppenstrukturen zu vertrauen, da jeder von ihnen ähnliche Strukturen aus der eigenen Geschichte heraus kennt (Kinderkrippe, Kindergarten, Schule, Hort, Ausbildungsgruppe, Arbeitskollektiv) und teilweise erdulden musste.

Im Osten breitete sich also die Selbsthilfebewegung nicht schlechthin aus; besonders in den ländlichen Räumen fanden kaum entsprechende Aktivitäten statt. Vornehmlich behinderungszentrierte Vereinigungen und Kirchen entfesselten die Selbsthilfeaktivitäten. Zu den traditionellen Behinderungsverbänden (Blinden- und Sehschwachenverband, Gehörlosen- und Hörgeschädigtenverband, Versehrtensportverband) gesellten sich neue Strukturen wie etwa die Lebenshilfe e.V. oder der Behindertenverband e.V. Mangels am Gemeinwesen orientierter Traditionen und entsprechender Infrastrukturen gab es keine vernetzten Selbsthilfeaktivitäten. Es besteht jedoch ein erhöhter Selbsthilfebedarf vor allem im psychosozialen Bereich und in Bezug auf besondere Lebenssituationen wie etwa Arbeitslosigkeit oder Alleinstehende usw. Vom medizinischen Personal und arbeitslos gewordenen Akademikern gingen nicht, wie erwartet, größere Aktivitäten in Richtung Selbsthilfe aus. Sie übten eine eher zurückhaltende Haltung aus. (Siehe hierzu „Selbsthilfe in den neuen Bundesländern“, Köln 1992)

Selbsthilfe in den neuen Bundesländern aus heutiger Sicht
Schon 1996 beherbergt die ehemalige DDR 8.000 Gruppen, was einer Verdopplung seit 1993 gleichkommt. Mit 300.000 Beteiligten haben die neuen Bundesländer also das halbe Niveau der alten Bundesländer bezüglich der Dichte erzielt. Das aktivierbare Potential liegt weit höher, da jeder Dritte sich vorstellen kann, sich freiwillig zu engagieren. Den Rahmen für diese Aktivierung sollten die bis 1996 neu gebildeten Selbsthilfekontaktstellen darstellen.
Am stärksten ausgeprägt ist der Anteil an chronischen Erkrankungen (28 %). Darauf folgen mit je etwa 10 Prozent Anteil die Behinderungen, der Bereich Eltern-Kind und Partnerschaft, Alter und Nachbarschaft, psychosoziale Probleme und der Bereich Frauenselbsthilfe.
(Siehe hierzu „Praxisfelder der sozialen Arbeit“ , Weinheim 2008)

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