Die Bedeutung von Recovery für die Forschungspolitik

Jahrzehntelang war William Anthony ein Spitzenforscher. Er etablierte sich als weltberühmter Fachmann undals Direktor des Zentrums für psychiatrische Rehabilitation an der Universität von Boston. In der Zeitschrift »Psychiatrie Services« beschrieb er in einem Leitartikel seine Erfahrungen mit der eigenen Krankheit Multiple Sklerose (MS), und die Hilfen, die er damit bekommt.

Die »MS-Community« ist beispielhaft, was die Stärkung von Mut und Hoffnung angeht. Wichtige Informationen werden ausgetauscht. der Mensch mit seiner Freiheit zu wählen wird niemals infrage gestellt. Er lobt die Profis, die anderen Nutzer und die Pharmaindustrie, die Forschung, Kongresse und Zeitschriften sponsert. Er wünscht sich, dass die Psychiatrie ähnlich erfolgreich Betroffene von psychiatrischen Erkrankungen unterstützen kann.

Stigmatisierung und Diskriminierung fallen bei Patienten mit MS wesentlich geringer aus als bei Personen mit psychiatrischen Diagnosen. William kann nicht erkennen, dass sich die Psychiatrie so den Klienten gegenüber verhält, dass man sich - wie bei MS üblich - als Person voll respektiert und unterstützt fühlt. Der Gedanke des »Person zuerst« sei in der Psychiatrie derzeit nicht umgesetzt. Dabei sieht er als Hauptproblem die Anstrengungen zur Zwangsbehandlung, was das Vertrauensverhältnis zwischen den Profis und den Patienten stört, wie auch das Verhältnis zur Pharmaindustrie. Die Benennung der Information für die Patienten als »Psychoedukation« sei ungeeignet dazu, das Gefühl zu vermitteln, positiv bedient zu sein und sich unterstützt zu fühlen. Die bei der MS-Therapie nie infrage gestellte Selbstbestimmung ist seines Erachtens eine wesentliche Grundlage für seine ermutigenden Erfahrungen im Umgang mit der Krankheit. Das, was bei MS umgesetzt worden ist, müsste doch auch für schwere psychiatrische Erkrankungen möglich sein.

Die Umsetzung dieser Vision erfordere aber viel Arbeit und Veränderung.

Schon 2003 schrieb er zusammen mit seinen prominenten Kolleginnen Marianne FARKAS und E. Sally ROGERS - einen Artikel, in dem diejenigen Anforderungen an die wissenschaftliche Forschung genannt werden, die evidenzbasierte Hilfen im Zeitalter von Recovery hervorbringen soll. Zum einen sei dafür zu kämpfen, dass die Interventionen, deren Wirksamkeit inzwisxhen wissenschaftlich bewiesen ist, endlich allen Betroffenen, denen sie dienlich sein könnten, zur Verfügung gestellt werden. Dann sei eine Umgestaltung der Wissenschaft nötig, so dass sie sich an Recovery-Zielen messen kann.

Diese Forderungen sind auch für den deutschsprachigen Raum gültig.

Ergebnismessungen sollen Auskunft geben darüber, was wichtig ist für Recovery und was die Nutzer selbst als wesentliche Ziele vorschlagen. Die meisten Studien messen Interventionen daran, wie viele Tage im Krankenhaus diese einsparen können. Was zählt, sind die Symptome, die Wiederaufnahmen, die Dauer und die Kosten stationären Behandlungen und eventuell noch, ob jemand eine Arbeitsstelle hat. Diese Messkennzahlen sagen nichts darüber aus, was für den Menschen wichtig ist, um seine Ziele zu erreichen und Erfolge zu haben. Ein freiwilliger Aufenthalt in der Klinik zwischendurch mag weniger wichtig sein für Personen in Recovery als das Leben an den übrigen Tagen, als die Frage, wo und wie man wohnt und ob man einer sinnvolle Beschäftigung nachgeht und Freunde hat. Es macht einen wichtigen Unterschied, ob der stationäre Aufenthalt freiwillig oder unfreiwillig aufgenommen wird, doch berücksichtigen die Resultaten dies gar nicht. Die bisher verwendeten Kriterien sind also unzureichend.
Mehr Bedeutung ist Messgrößen beizumessen wie etwa Erfolge in sozialen Rollen - z. B. als Liebhaberin, Familienmitglied, im Freundeskreis,in Ausbildung und Arbeit, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit, Wohlbefinden,Reduktion von Diskriminierung und Minimalisierung von schädlichen Einflüssen der
Behandlung.
Die Forschung soll mehr Wert legen auf subjektive Ziele und qualitative Methoden. Recovery-Wege sind höchst individuelle Reisen. Deshalb haben die Ergebnisse, die sich ausschließlich an Personengruppen und statistischen Zusammenhängen orientieren, nur begrenzten Wert. Die Untersuchungen benötigen weitere wissenschaftliche Methoden, die die Erfahrungen der Betroffenen berücksichtigen und Prozesse nachvollziehbar machen können. Zunächst sind über qualitative Methoden die Wirkungen von komplexen Interventionen und ihren Auswirkungen zu prüfen, dann erst kann man quantitative Verfahren sinnvoll einsetzen.
Die bisher publizierten Ergebnisse der Versorgungsforschung zeigt kaum Einfluss auf Recovery. Die Forschung sollte versuchen, die Gründe dafür herauszufinden Zudem haben Interventionen, die sich nachweislich auf Symptome und Krankenhaustage auswirken, keinen wissenschaftlich messbaren Einfluss auf Recovery-Raten. Dies bedarf der dringenden Änderung. Dazu ist noch Forschungsarbeit nötig, um die Mechanismen zu klären. Also müssen sich die Interventionen verbessern und auch die Forschungsmethoden.
Man kann nicht nur auf randomisierte klinische Studien bauen, weil es wichtige Forschungsfelder gibt, in denen komplexere wissenschaftliche Designs erforderlich sind.
Die Forscher sollten die Beziehung zwischen Helfern und Hilfesuchenden intensiver untersuchen, weil diese Beziehung wohl eine wichtige Rolle spielt für Recovery. Alles deutet darauf hin, dass die Beziehungen für Recovery sehr wichtig sind. Das gilt sowohl für therapeutische als auch andere Hilfebeziehungen.
Zur messunf von herapeutischen Beziehungen existieren schon Konzepte und Methoden. Diese werden allmählich auch für die psychiatrische Arbeit verwendet (PRIEBE u. MCCABE 2006). Es liegt aber noch einiges an Arbeit an, um evidenzbasiert zu arbeiten und zu evaluieren.

Die Forschung sollte nicht nur das Gesamtpaket unter die Lupe nehmen, sondern auch spezifische Komponenten von Behandlungsprogrammen. So steht jetzt schon fest, dass in psychosozialen Programmen diverse Faktoren wirksamer sind als andere. Dennoch wird nach wie vor das Gesamtpaket angeboten und evaluiert. Man muss die Programme auf einzelne Komponenten herunterbrechen, um einzelner Wirkfaktoren zu identifizieren und überlegene Kombinationen ausfindig zu machen und damit die Evidenzbasis zu verbreitern.
Die Forscher sollten die Behandlungsmodelle auf ihre Anwendbarkeit und Wirksamkeit unter verschiedenen kulturellen und kontextuellen Settings untersuchen. Zudem hat man herausgefunden, dass manche evidenzbasierte Programme nur begrenzt wirksam sind. Auf andere Kulturen oder unterschiedliche Bedingungen - z. B. Stadt/Land - lassen sie sich nicht übertragen; die Ergebnisse lassen sich dann nicht mehr mit gleicher Wirkung reproduzieren.
Die Studien geben auch oft keine Auskunft darüber, unter welchen Umständen Interventionen für diverse Subgruppen der Klientel sinnvoll sind. Auch hier steht noch viel Arbeit an im Sinne eines evidenzbasierten Einsatzes.

Die Forscher sollten sich auch auf Werte und Menschenbild von Hilfsangeboten konzentrieren. Wie es aussieht tragen nicht nur spezifische Teile und Arten der Organisation von Hilfseinrichtungen zu ihrer Wirksamkeit bei. Entscheidend dürften auch die Werte und das Menschenbild einer Einrichtung das Ergebnis beeinflussen. Diese Werte und ihre Effekte sind systematisch zu erkunden.

Alles zusammen gesehen bedeutet dies, dass für psychiatrische Hilfen, die sich an Recovery messen können, spezifische und auch experimentelle wissenschaftliche Zugänge nötig sind, um den Kriterien von evidenzbasierter Praxis bestmöglich gerecht zu werden. Falls es gelingen sollte, die erforderlichen Anstrengungen zu unternehmen und das wissenschaftliche Know-how zu optimieren, dann ergänzen sich die Konzepte der evidenzbasierten Medizin und der Recovery auf optimale Art und Weise.

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