Kann man Recovery messen?

Weiter oben wurden schon die traditionellen Ergebnisvariablen von Verlaufsstudien besprochen. Auch wurde schon gesagt, dass Remissionskriterien für Schizophrenie, in der Hauptsache durch Symptomreduktion, einzuführen sind. Es wurde auch schon benannt, dass weitere Variablen zum sozialen Funktionieren - Lebensqualität und Empowerment - benötigt werden.

Nun werden die aktuellen Versuche zur Recovery-Messung vorgestellt. Recovery meint dabei das sich entwickelnden neue Konzept. Ergebnis und Prozess sind die beiden Recovery-Perspektiven. Aus dem bisher Geschriebenen ergibt sich, dass die Entwicklung neuer Messinstrumente die Zusammenarbeit von Forschern mit und ohne eigener Erfahrung nötig ist. Unabdingbar ist auch die Einbeziehung von Nutzern in möglichst vielen Forschungsphasen.

Grundlagen

Da ist zum einen Ruth Ralph von der Universität Maine. Und dann ist da die »Recovery Advisory Group« (Recovery-Beratungsgruppe), die sich zusammensetzt aus Forschern aus dem Kreis der Nutzer. Ruth Ralph und die Gruppe entwickelten die ersten Messinstrumente. Das zugehörige Recovery-Modell wurde in beratenden Gruppen entwickelt, erwies sich als wichtige Grundlage für die Entwicklung der derzeit vorliegenden Messinstrumente.

Die Recovery-Beratungsgruppe hat unter der Leitung von Ruth Ralph seit 1988 monatliche Telefonkonferenzen mit führenden Nutzern abgehalten, um mit diesen über persönliche Erfahrungen von Recovery zu reden. 1999 wurde dann ein Recovery-Konzept veröffentlicht, das sich auf veröffentlichte und unveröffentlichte Artikel und Aufsätze von Betroffenen bezieht und die gesamten Erfahrungen der Beratungsgruppe beinhaltet.

Zu dieser Zeit war Ruth Ralph Forschungsleiterin an einem von sieben nationalen Zentren zur Evaluation von Betroffeneneinrichtungen. So arbeitete sie etwa mit einer Gruppe von Betroffenen an einem Artikel für den Surgeon General's Report zur psychischen Gesundheit. Das ist ein zentraler jährlicher Bericht für die Psychiatrie in den USA. Der Artikel zum Thema »Recovery« wurde in der Zeitschrift »Psychiatrie Rehabilitation Skills« veröffentlicht.

Weitere prominente Mitglieder der Recovery-Beratungsgruppe waren: Jean Risman, Kathryn Kidder M.A., Jean Campbell Ph.D., Sylvia Caras Ph.D., Jeanne Dumont Ph.D., Dan Fisher M.D., Ph.D., J. Rock Johnson J.D., Carrie Kaufmann Ph.D., Ed Knight Ph.D., Ann Loder, Darby Penny, Wilma Townsend, Laura Van Tosh.

Das Konzept soll in der Forschung verwendet werden und Betroffene, Kliniker, Kostenträger und Gesundheitspolitiker über Recovery informieren. Es soll auch in die Behandlungskonzepte von herkömmlichen psychiatrischen Einrichtungen integriert werden, die bislang noch nicht recoveryorientiert arbeiten.

Als das Projekt Ende der 90er-Jahre startete, wuchs gerade in der Psychiatrie ein zunehmend starkes Interesse an Recovery sowohl in den USA als
auch international. Betroffene, die psychiatrische Dienste benutzten, entdeckten ein Konzept, das ihnen die Hoffnung gab, ein gewisses Maß
normalen Lebens wieder erreichen zu können.

Recovery erfordert dabei einen Paradigmenwechsel im Denken der Forscher, Administratoren, Programm-Manager, Kliniker in psychiatrischen Einrichtungen sowie der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Betroffene können demnach nicht ständig als Behinderte betrachtet werden. Erst einmal sind es Menschen, die vorwärts gehen und bessere Zeiten in ihrem Leben haben können.

Es war auch von Anfang an klar, dass Recovery nicht unbedingt mit »Heilung« gleichzusetzen sei. Es handelt sich einfach um einen Weg, das Beste aus seinem Leben zu machen. Eine Rückkehr zum vorherigen Zustand würde die Reise durch die psychische Krankheit und das Ergebnis dieser Reise nur unzureichend beschreiben.
Die Menschen, deren bisheriges Leben durch die Krankheit unterbrochen wurde, spüren, dass sie über den Punkt hinausgegangen sind, an dem die Krankheit begonnen hat. Das Ziel von Recovery ist also weniger die Wiederherstellung eines früheren Zustands, sondern eher eine Veränderung, eine Transformation, ein Wachstum, ein Integrieren und ein persönlicher Lernprozess.

Phasen von Recovery

Die Untersuchung erbrachte die Erkenntnis, dass Genesungswege nicht linear verlaufen. Welche Phasen durchläuft nun ein Mensch auf dem Weg
zum Wohlbefinden ?

  • Angst,
  • Bewusstwerden,
  • Erkenntnis,
  • Aktionsplan,
  • Entschlossenheit, dass es einem gutgeht und
  • Wohlbefinden/Recovery.

Nicht jeder durchläuft dabei alle Phasen. Zudem muss eine Phase nicht abgeschlossen sein, bevor man in die nächste übergeht. Manche Betroffenen erleben eine oder mehrere Phasen intensiver als andere. Der Waxhstumsprozess ist gekennzeichnet durch ein Vorwärts und Rückwärts zwischen den verschiedenen Phase. In den einzelnen Phasen kommt die Bewegung zur Recovery und Heilung zum Ausdruck, wie sie in der Literatur beschrieben wird und in den Gruppendiskussionen erfahren wurde.

Innere und äußere Einflussfaktoren

Recovery beeinflussen innere als auch äußere Faktoren. Es geht also darum, was innerhalb eines Menschen geschieht, und andererseits um die Interaktion mit den anderen Menschen. Die inneren Faktoren setzen sich zusammen aus kognitiven, emotionalen, spirituellen und körperlichen Bereichen. Die äußeren Faktoren beinhalten die Aktionen und Reaktionen auf äußere Einflüsse und die Begegnungen und Auseinandersetzungen mit anderen Menschen und Situationen. Es geht dabei um die Bereiche Aktivität, Selbstversorgung, soziale Beziehungen und soziale Unterstützung.
Auf viele dieser äußeren Einflussfaktoren hat der einzelne Mensch keinerlei Kontrolle. Dazu gehören nämlich etwa die Gesundheitspolitik oder Entscheidungen und Aktionen des psychiatrischen Gesundheitssystems und Personen, die über Finanzierung und Durchführung von Versorgungsleistungen entscheiden. Dann gehören dazu noch die sozialen Faktoren wie finanzielle Hilfen, Unterstützung bezüglich der Wohnungssituation und Arbeit sowie natürliche Unterstützung durch Familie, Freunde, Gemeinde, religiöse Organisationen und Gleichgesinnte - diese können nun organisiert sein oder aber rein informell.
Alle diese Faktoren wirken nun auf den Recovery- und Veränderungsprozess der Betroffenen.

Förderliche äußere Einflüsse sind:

  • Zusammenarbeit, Respekt, Vertrauen;
  • Klinikerinnen, die die Zusammenarbeit bei der Behandlung unterstützen und Vertrauen herstellen durch Zuhören; Ehrlichkeit des Klinikers bei der Vermittlung darüber, welche Hilfe zur Verfügung steht und was notwendig ist;
  • Wahl alternativer Behandlungsmethoden, Würdigung von Heilungsvorstellungen aus anderen Kulturkreisen, Information über Behandlungsmöglichkeiten, Medikamente und Wahlfreiheit;
  • finanzielle Unterstützung, Hilfe bei der Wohnsituation einschließlich Zusammenführung der Familie, Hilfe bei Jobfindung und Ausbildung, finanzielle Hilfe für die selbstgewählten Behandlungsformen;
  • natürliche Unterstützung durch Familie, Freunde, emotionale und spirituelle Unterstützung;
  • Hilfe durch und Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten, emotionale und materielle Unterstützung, Interessenvertretung.

Hinderliche äußere Einflüsse sind:

  • Diskriminierung, Vorurteile;
  • Zwangsbehandlung, Drohungen, physische und chemische Einschränkungen durch die Behandlung;
  • fehlende Information und Erklärung über die Wirksamkeit von Behandlung und Medikamenten und deren mögliche unerwünschte Wirkungen und Risiken;
  • Stigmatisierung aufgrund der Diagnose, Demonstrieren von Machtunterschieden;
  • Missbrauch durch das psychiatrische System und Mitarbeiter;
  • Armut, Obdachlosigkeit, Notunterkünfte, Arbeitslosigkeit, kulturelle und ethnische Diskriminierung;
  • fehlende oder eingeschränkte Krankenversicherung, eingeschränkter Zugang zu Behandlungseinrichtungen bzw. Behandelnden, fehlende Mittel, für die Behandlung zu bezahlen;
  • mangelnde Unterstützung von und fehlendes Verständnis für Unterschiede unter Gleichgesinnten, Wettbewerb statt Zusammenarbeit;
  • fehlendes Verständnis von Familie und Freunden, fehlende Ressourcen, Missbrauch,Überfürsorglichkeit, Zwang, sich selbst die Schuld zuzuschreiben, Verleugnung.

Die folgenden Tabellen illustrieren die inneren und äußeren Bereiche hinsichtlich der sechs Phasen. (Quelle: RALPH RO,The Recovery Advisory Group [June 1999] Recovery advisory group recovery model, a work in progress. Presentation at the National Mental Health Statistics Conference, Washington. Internet: www.mhsip.org/recovery, Stand 13.5.2005.)

Recovery-Modell: Innere Faktoren (Ralph 1999)

Angst Bewusstwerden Erkenntnis Aktionsplan Entschlossenheit Recovery/
Wohlbefinden/
Empowerment
Verzweiflung,
Sorge, als psychisch
krank etikettiert
zu werden
Bewusstsein darüber,
dass sich die Dinge
ändern können
Verstehen, wie Ver-
änderung möglich ist
Ich musste was tun,
um etwas zu verbessern
Entschiedenes Engagement,
dass es mir besser geht,
ich werde genesen.
Ich kann ein Gefühl des Wohlbe-
befindens haben; ich bin befähigt,
mir selbst und anderen zu helfen
Kognitiv
Negative Gedanken
Wissen um die Ver-
zweiflung und deren
Ursachen
Erkennen,dass es
etwas Besseres gibt
Suche danach, was
etwas bewirkt/intel-
lektuelles Erforschen
Erkenntnis, eigene Entschei-
dungen treffen zu können/
Selbstwirksamkeit, Selbstbe-
stimmung, Selbstwert
Positiver Selbstbezug, wirksamer
Einsatz der intellektuellen Kraft
Emotional
Hoffnungslosigkeit
Bewusstwerden, dass
Veränderung stattfin-
den kann
Positive Unterhaltung Lernen, mit schwie-
mit sich selbst: »Ich
kann es«, »Ich werde
es versuchen.«
Lernen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen Ich bin hoffnungsvoll, die
Zukunft sieht positiv aus
Akzeptieren von emotionalen
Höhen und Tiefen und sich nicht
von ihnen behindern lassen
Spirituell
Sinnlosigkeit, Be-
deutungslosigkeit
Realisieren, dass
größer ist als Schmerz
der Veränderung
Suche nach Hilfe von
einer höheren Macht
Spirituelle Befriedi-
gung finden
Mein Leben hat einen Sinn
und Wert.
Mitgefühl für sich selbst und an-
dere, Gefühl der Verbundenheit
mit anderen
Körperlich
Schmerz, Dys-
funktion
Bewusstwerden, dass
Veränderung körper-
lichen und emotiona-
len Einsatz erfordert
Erkennen, dass man
mit körperlicher Akti-
vität beginnen kann
Lerngrundlage für körperliche Schmerzen Ich setze mich dafür ein, meinen Körper zu respektieren und auf ihn zu achten. Sich für das eigene körperliche
Wohlbefinden einsetzen

Recovery-Modell: Äußere Faktoren (Ralph 1999)

Aktivität
eingeschränkt, über-
mäßig oder unter-
brochen; Verlust von
Kompetenz
Zuhören, beobachten
und lernen
Sinnvolle Bewegung, Suche nach sinnvollen
Aktivitäten, sozialen Aktionen etc.
Erhöhen der eigenen Kompe-
tenz, Bewegung in Richtung
Tätigkeit, positiver Verhaltens-
änderung
Bezahlte sinnvolle Tätigkeiten,
ehrenamtliche Hobbys
Selbstfürsorge
Mangelnde körper-
liche, emotionale und spirituelle Selbstfürsorge
Bedürfnis nach Selbst-
fürsorge wird ausgedrückt; Unterstützung danach wird erfragt
Beginn, sich um sich selbst zu kümmern in einem oder zwei Bereichen Möglichkeiten lernen, besser für sich selbst zu sorgen Auf Ernährung sowie medizinische und psychische Gesundheitsvorsorge achten Einbettung im Alltag; Sicherstellen, dass körperliche emotionale und spirituelle Bedürfnisse abgedeckt sind
Soziale Beziehungen; Soziale Isolation; Entfremdung Ermutigung von anderen annehmen Soziale Interaktionen mit anderen wollen Suche nach bedeutungsvollen Begegnungen mit Menschen, die Verständnis haben Bedeutungsvolle Kontakte aufbauen mit Freunden, Familie, Mitarbeitern Austausch mit anderen aufgrund eigener Entscheidung; sich für Dinge einsetzen, die einem wichtig sind
Soziale Unterstützung, Obdachlosigkeit, Armut, Entbehrung, Not Lernen, dass es Wege gibt aus der Obdachlosigkeit, Armut, Not Erkennen, wie mir soziale Unterstützung helfen kann Um die Hilfe bitten, die ich möchte Sichere Lebensverhältnisse - Wohnen und finanzielle Unterstützung Stabilität bezüglich Wohnen und Finanzen; Fähigkeit, den Lebensstandard aufrechtzuerhalten

Weitere Veröffentlichungen von Ruth 0. Ralph und Mitarbeitern

  • RALPH RO, KIDDER K, PHILLIPS D (1999) Can we measure Recovery?.
  • RALPH R 0 (2002) The dynamics ofdisciosure: its impact on recovery and rehabilitation. Psychiatrie Rehabilitation Journal 26 (2): 165-172.
  • RALPH R 0, KIDDER K (2000) Whatis recovery? A compendium of recovery and recovery related instruments. Cambridge, MA. Human Services Research Institute.
  • RALPH RO (2000) Review of recovery literature: A synthesis of a sample of recovery literature. Alexandria, VA: National Technical Assistance Center.
  • RALPH R O,RISMANJ, KIDDER K, CAMPBELL J,CARAS S, DUMONT J, FISHER D, ROCK JOHNSON J, KAUFMANN C, KNIGHT E, LODER A, PENNY D, TOWNSEND W, VAN TOSH L (1999) Recovery advisory group recovery model, a work in progress. Washington DC, Presentation at the National Mental Health Statistics Conference June 1999.

Beispiele publizierter Instrumente

Die Recovery Assessment Scale (RAS)

Die Recovery Assessment Scale (RAS; GIFFORT et al. 1995) ist ein ein 41-teiliger Fragebogen. Er entstand aus einer Analyse von Recovery-Geschichten im Rahmen eines Aktionsforschungsprojektes unter Einbeziehung von Betroffenen auf verschiedenen Ebenen. Der Fragebogen erwies sich als psychometrisch stabil im Hinblick auf Reliabilität und Validität (CORRIGAN et al. 1999).
Die Analyse eines großen Datensatzes von fast zweitausend ausgefüllten RAS-Fragebögen bestätigte schon früher in der Literatur aufgelistete Dimensionen (RALPH 2000).

Fünf Faktoren konnten unterschieden werden:

  • persönliche Zuversicht und Hoffnung;
  • Bereitschaft, Hilfe zu suchen;
  • Ziel- und Erfolgsorientierung;
  • sich auf andere verlassen können;
  • nicht von den Symptomen beherrscht werden.

Die Analysen ergaben, dass sich die Faktoren zwar voneinander unterschieden, aber auf komplexe Weise miteinander verbunden sind. Die Hoffnung spielt
dabei eine zentrale Rolle für alle anderen Dimensionen. Je mehr der Betroffene von seinen Symptomen beherrscht wird, desto schwieriger gestaltet sich Recovery, auch wenn dieser Zusammenhang weniger klar ist als der zwischen Recovery, Selbstwert und Empowerment.

Es fehlen noch weitere Analysen dazu, wie sich die so gemessene Recovery zu anderen Konstrukten wie Lebensqualität verhält und besonders, ob und wie sich diese Einschätzungen im Lauf der Zeit verändern.

Das Recovery Process Inventory (RPI)

Der Fragebogen besteht aus 22 Fragen und orientierte sich auch an die Grundlagen aus der Literatur. Auch flossen Diskussionen mit Nutzern von Einrichtungen und Profis ein (JERRELL et al. 2006). Man wollte nicht nur messen, ob sich jemand »in Recovery« fühlt, sondern auch zu erfassen, in welchem Ausmaß die Einrichtung dazu beiträgt, einen Prozess von Recovery zu fördern und zu unterstützen.

Die sechs gefundenen Faktoren entsprechen dem Bild, das sich in den bisherigen Untersuchungen ergab: Angst und Hoffnungslosigkeit, Verbindung zu anderen Menschen, Zuversicht, Gegenseitigkeit der Beziehungen, sichere und gute Wohnsituation, Hoffnung und Selbstfürsorge. Wie schon andere Untersuchungen ergaben, gibt es keine klaren Zusammenhänge zwischen soziodemografischen und diagnostischen Faktoren und Recovery.

Der Recovery Attitudes Questionnaire (RAQ)

Diesen Fragebogen entwickelten Studenten und Forscher mit und ohne eigene Erfahrung von Recovery (BORKIN et al. 2000). Das Instrument misst die Haltung, die die Befragten bezüglich der Annahme haben, dass Recovery von schweren psychiatrischen Erkrankungen möglich ist.

Die Validierungsstudien und Untersuchungen verschiedener Personengruppen ergab, dass der Fragebogen psychometrisch solide ist. Überraschenderweise waren Profis und Betroffene sind am klarsten von Recovery überzeugt und Studenten am wenigsten. Die Profis sehen die Möglichkeiten zu Recovery klar mit Bezug zu professionellen Anstrengungen und Interventionen und können sich kaum vorstellen, dass Recovery ohne professionelle Hilfe funktionieren kann. Angehörige gehen am stärksten davon aus, dass Recovery ohne professionelle Unterstützung möglich ist.
Die Anteile, die mit Vertrauen und Glauben zu tun hatten, zeigten,kulturelle Unterschiede. DieaAfroamerikanischen Befragten stuften Glauben und
Gottvertrauen als wichtiger als andere Personen.

Es gibt zwei Versionen des Fragebogens. Der Fragebogen in der 21-Fragen-Version und der mit nur sieben Fragen kann von zwei der Autoren - Mitarbeiterinnen der Universität Cincinnati - bezogen werden (borkinjr@email.uc.edu; steffejj@email.uc.edu).

Die wissenschaftliche Forschung zur Recovery ist enorm in Bewegung. Durch das Internet sind neueste Entwicklungen erreichbar, und über www.power2u.org kann man sich jederzeit über den aktuellsten Stand informieren.

Der Recovery Style Questionnaire (RSQ)

Der Recovery-Stil ist schon älter und ein professionell geprägtes Instrument. Er liegt auch in einer deutschen Übersetzung vor. (DRAYTON
et al. 1998) vor (SIBITZ et al. 2006). Man geht davon aus, dass es zwei Pole des Umgangs mit akuten Psychosen gibt - während der Akutphase wie auch im Nachhinein ( Tom MCGLASHAN 1977, 1987).
Die Untersuchungen ergaben zwei Gruppen von Patienten. Nämlich die, die ihre Psychose bagatellisierten und verleugneten (»sealing-over«), und solche, die sich darum bemühten, ihre Psychose zu verstehen, die Erfahrung zu überdenken und zu besprechen, um sie zu integrieren (»integration«). Letztere Patienten interessieren sich für ihre Psychose, sind neugierig und wollen Informationen. Die Psychose wird als Teil des Lebens verstanden und versucht, relevante
Beziehungen zur Lebensgeschichte herzustellen. Die Integrierenden sind in ihren Reaktionen auf das psychotische Erleben flexibler als die Verleugnenden.
Die Verleugnenden sind eher rigide und negativ in ihren Haltungen zur Psychose und wollen sich nicht mit dem Erlebnen auseinandersetzen. Sie sehen keinen Bezug der Psychose zu ihrem Leben.
Menschen mit der Diagnose Schizophrenie neigen im Allgemeinen eher zu verleugnendem Umgang (TAIT et al. 2004). Dieser »zudeckende« Stil geht einher mit Depression, schlechter Lebensqualität und schlechter sozialer Situation. Doch kann sich der Genesungsstil im Lauf der Zeit ändern.

DRAYTON et al. (1998) entwickelten den Recovery Style Questionnaire. Den Rahmen gaben Hinweise darauf, dass psychologisch vulnerable Menschen mit wenig Resilienz gegenüber Veränderungen dazu neigen, der Psychose mit Ablehnung und Verleugnung zu begegnen. Verleugnungsstil und Krankheitseinsicht korrespondieren interessanterweise nicht; das Verleugnen ist eher ein Bewältigungsstil, der unabhängig ist von Krankheitsseinsicht bzw. Krankheitsuneinsichtigkeit ist. Untersuchungen von TAIT et al. (2004) bestätigten, dass Menschen mit wenig Resilienz zur Verleugnung neigen. Mangelnde elterliche Fürsorge und höhere Raten an Missbrauchserfahrung waren an Verleugnungsstilen gekoppelt. Die Betroffenen suchen wahrscheinlich kaum Kontakt mit den Behandlern, weil sie frühe negative Bindungserfahrungen hatten und auch zur Zeit der Befragung Probleme im Kontakt mit anderen Menschen hatten. Oft sind sie unsicher und fühlen sich leicht abgelehnt. Zudem tendieren sie oft dazu, anzunehmen, dass andere sie negativ beurteilen. Das Verleugnen könnte ein wirksamer Schutz sein gegen die Überforderung durch die Anforderungen einer Psychose.

Um Integration bei den Verleugnenden zu fördern, bedarfes unbedingt verlässlicher Beziehungen in einer unaufdringlichen Atmosphäre. Das Selbstvertrauen muss verbessert werden und stigmatisierende Interventionen sind zu vermeiden.

Menschen mit einem integrierenden Genesungsstil erleiden mehr unangenehme Emotionen. Vermutlich ist die die Folge der Bewältigungsanstrengungen und der aktiven Konfrontation mit der Diagnose (BELL u. ZITO 2005).
Da sie offen umgehen mit den Symptomen und wegen ihres Verständnisses, das sie über die Risikofaktoren für akute Episoden entwickeln, haben sie eine bessere soziale Funktionsfähigkeit (MCGLASHAN et al. 1976).

Der RSQ liefert wichtige Informationen darüber, wie mit einer Psychose umgegangen wird und darüber, welche Einstellung der Betroffene hat zum Krankheitsgeschehen. Die unterschiedlichen Genesungsstile korrelieren mit unterschiedlichen Krankheitsverläufen und unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten in therapeutischen Settings. Deshalb können sie richtungsweisend sein für die therapeutische Entscheidungsfindung. Der Fragebogen setzt sich zusammen aus 39 Statements, die in 13 Kategorien zusammengefasst werden können:

  1. 1. Neugierde bezüglich der Psychose;
  2. 2. Edukation - ob Psychose als eine Möglichkeit gesehen wird, etwas über sich zu lernen;
  3. 3. Optimismus - die Fähigkeit, auch positive Aspekte daran zu sehen, dass man eine Psychose hatte;
  4. 4. Bedeutung - wie man von den Auswirkungen der Psychose betroffen ist;
  5. 5. Angst - Einstellung zu psychischen Erkrankungen;
  6. 6. Mochte man auch manche Aspekte der Psychose?
  7. 7. Kontinuität - kann man eine Kontinuität zwischen emotionalen Konflikten vor und nach der Psychose sehen?
  8. 8. Eigentum - ob die Psychose als intern oder extern gesehen wird;
  9. 9. Verantwortung - ob man sich für psychotische Gedanken und Handlungen verantwortlich fühlt;
  10. 10. Hilfesuche - wird Hilfe von anderen gesucht, um mit der Psychose zurechtzukommen?
  11. 11. Schuld - macht die Person Schwierigkeiten in ihrem Leben als Ursache für die Psychose verantwortlich?
  12. 12. Ursache - ob die Person glaubt, dass sie einen Nervenzusammenbruch hatte;
  13. 13. Erfüllung - hat die Erfahrung der Psychose zur Erfüllung im Leben geführt?

Der Fragebogen ergibt sowohl einen Gesamtwert als auch Werte für die einzelnen Kategorien.

Beispiele für Statements sind:

  • Bei mir war es ein schrittweiser Prozess, krank zu werden.
  • Meine Erkrankung ist nicht Teil meiner Persönlichkeit.
  • Ich interessiere mich nicht für meine Erkrankung.
  • Meine Erkrankung brachte mir neue Erkenntnisse über mich selbst.
  • Ich kann meiner Erkrankung positive Aspekte abgewinnen.
  • Ich bin für mein Handeln nicht verantwortlich, wenn ich krank bin.
  • Ich verstehe mich selbst besser aufgrund meiner Erkrankung.
  • Es ist schwer, Zufriedenheit mit dem Leben nach meiner Erkrankung zu finden.

(Recovery Style Questionnaire (RSQ) nach Drayton, Birchwood und Trower, Wolverhampton Healthcare NHS Trust, UK)

Das Entwickeln neuer Messinstrumente muss nicht im Vordergrund stehen. Denn für Recovery als Ziel und Orientierung muss sich die wissenschaftliche Forschung in der Psychiatrie hinsichtlich ihrer Schwerpunkte und Methoden erweitern und verändern.

Instrumente zu Evaluation von psychosozialen Einrichtungen

Eine spannende Angelegenheit ist auch die Entwicklung von Instrumenten, die dazu dienen, psychosoziale Einrichtungen und Systeme daraufhin messen zu können, wo sie in ihrer Entwicklung zur Recovery-Orientierung stehen. Diese werden unter www.power2u.org aufgeführt.

Auf Basis des Modells der Amerkanischen Vereinigung der Gemeindepsychiater (SOWERS 2005) arbeiten R. Bridler und K. Lötscher aus Zürich am Einsatz eines Fragebogens zur Evaluation der Recovery-Orientierung von psychiatrischen Institutionen in deutscher Sprache.
(Kontakt: Dr. med. Rene Bridler und Frau Dr. med. Katharina Lötscher, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Zentrum für Gemeinde- und Familienpsychiatrie, Heliosstraße 32, Postfach 2081, CH-8032 Zürich)

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