Christian Horvath/Österreich: Ohne Recovery kein Empowerment

Zum einen ist Christian Horvath Leiter und Projektmanager der Selbsthilfeorganisation »Crazy Industries« und zum anderen Vizepräsident der Österreichischen Schizophreniegesellschaft. Er fordert seit Jahren, die Heilung nicht aus dem Behandlungskonzept zu streichen.

Herr Horvath fährt mit seinen Forderungen nicht nur Beifall ein. Den Psychiatern geht der Begriff »Heilung« zu weit und liegt für sie im Bereich des Esoterischen. Sie befürchten, dass die Patienten bei Verwendung des Begriffs »Heilung« eine unerfüllbare Erwartungshaltung einnehmen würden.

Horvarths Vorstoß zielte eigentlich nicht darauf ab, Heilung umfassend einzufordern, sondern ein Gegengewicht aufzustellen für Zustandsstabilisierung und Rückfallvermeidung. Wer schließlich sein Leben lang nur Rückfallvermeidung betreibt, der betreibt auch eine lebensunpraktische Risikovermeidung und dreht sich nur im Kreis.

Recovery ist für Horvarth nur verständlich im Bezug auf »Empowerment«. Recovery für sich allein gesehen hat die Bedeutung, sich um die eigene Genesung
zu kümmern. Und Empowerment bedeutet, in der Psychiatrie dann die eigene Position zu entdiskriminieren und zu verbessern. Dies kann teilweise nur durch Konfliktbereitschaft möglich sein. Empowerment kommt ohne Recovery nicht aus. Horvath sieht recoveryorientierte Betroffene als "in ihren Intentionen bevorteilt" an.
Empowerment hat inzwischen schon eine ganze Menge Fortschritte eingefahren. Dies lief nicht ohne Opfer ab.

Die ersten Selbsthilfegruppen wurzelten im Empowerment. Es ging im Grunde genommen darum, ein besseres Leben zu führen (Lebensqualität) - also um Recovery. Die Interessenvertretung von Betroffenen für Betroffene gestaltet sich sehr schwierig, weil es anstrengend und nicht gesund ist für die Aktivisten. Quasi über Nacht sehen sich die ehemals kleinen und diskriminierten und unzureichend ausgebildeten Patienten als Gesprächspartner oder sogar Entscheidungsträger in Verhandlungen mit Ärzteschaft und Politikern.

Die neuen Amerikanismen in der Psychiatrie sind gefährlich. »Compliance«wurde zum Beispiel Wegbereiter für eine abhängige und entscheidungsschwache Patientenschaft. So kann es vorkommen, dass eine sehr complianceorientierte Patientin und Arztanbeterin plötzlich feststellen mußte, dass sie die Mitsprache in ihrer Therapie nicht genutzt hat und deswegen sowohl zu viele als auch ältere Medikamente bekam als die Mitpatienten in ihrer Selbsthilfegruppe.

Empowerment schien eine Schlacht um eine diffuse Autonomie zu sein. Recovery dagegen hat etwas globaleres zum Ziel, weil sich wohl jeder Mensche wünscht, zu genesen.

Die Betroffenenbewegung resultierte aus dem Wunsch nach Veränderung. Und es veränderte sich Einiges im Laufe der Jahre:

  • Die Einbeziehung von Betroffenen und Angehörigen,
  • neue Medikamente,
  • die Gründung von Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige,
  • die teilweise von Institutionszwängen befreite Kommunikation zwischen Psychiaterinnen und Ex-Patienten sowie damit eine einhergehende Vergrößerung gegenseitigen Respekts

Dennoch blieb es bei der Stigmatisierung psychisch Kranker - die Antistigmakampagne hat noch nicht genug bewirkt. Stigmatisierung und Diskriminierung prägen nach wie vor den Umgangs mit psychisch Erkrankten. Es handelt sich auch um krankheitsfördernde Faktoren, der die Recovery erschwert.

Sie haben in den 90er-}ahren Urlaubs- und Kunstprojekte in Österreich gestartet - meist
ohne finanzielle Unterstützung, die allesamt erfolgreich waren. Was war der Grundge-
danke dafür?
»Crazy Industries« hat 14 Urlaube, einen Kongress, 19 Ausstellungen zumeist in Galerien, acht Konzerte und an die 1200 Stammtische für Betroffene organisiert. Dazu kamen Weiterbildungen für Sozialarbeiter und Polizisten. Man wurde auch als Referent zu 150 Tagungen und Kongressen eingeladen. Diese Initiativen haben in Österreich der Selbsthilfe zum Durchbruch verholfen und die wichtigsten Printmedien im Lande haben in teilweise erstaunlich ausführlichen Artikeln darüber berichtet.
Dies alles führte dazu, dass Crazy Industries zum Jagdobjekt von Neidern wurde. Da war die antipsychiatrische Richtung und auf der anderen Seite wurden erfolgreich mehrere feindliche Übernahmen durch erfolglose Ärzte und Sozialarbeiter, die sich profilieren wollten, abgewehrt. Gerade reformorientierte Psychiater und erstaunlicherweise von Personengruppen aus der Gesellschaft - wie z. B. Journalisten - unterstützten Crazy Industries in den schweren Zeiten. Nach wie vor gilt die Aussage von Harald Hofer, Begründer der Betroffenenbewegung: »Man sollte viele Eigenschaften eines Nashorns haben, um das überleben zu können.« Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass es förderlich sei, eine dicke Haut gegenüber Benachteiligungen zu entwickeln.

Am Wichtigsten ist es seiner Meinung nach, selbst bei in starken psychotischen Zuständen befindlichen Menschen den für die Gesellschaft wichtigen schöpferischen Kern zu erkennen. Er stellte sich klar gegen traditionell eingestellte Ärzte, die vorwiegend Negatives über ihre Patienten zu berichten hatten - also defizitorientiert waren. Seine optimistische Vision ist eine völlig neue Welt für Betroffene, in der sie sich organisieren, sich schöpferisch entfalten, forschen und sich in eine freundschaftliche Haltung reformorientierten Psychiatern gegenüber begeben. Die Betroffenen werden es lernen, ihre jeweilige Vergangenheit zu verstehen und zu bewältigen.

Hovarths praxiserprobten Regeln lauten

  • Sich nicht beim Gesundungsprozess unter Druck setzen, wie z. B. durch: »Ab April gehe ich wieder arbeiten.«
  • Sich nicht vornehmen, wieder so zu werden, wie man vor der Krankheit war; hier wird nicht berücksichtigt, dass dieser Lebensabschnitt in die Erkrankung führte.
  • Es ist außerdem falsch zu glauben, dass der Arzt und die Medikamente die persönlichen Probleme lösen.
  • Der Familie nicht die Schuld an der eigenen Erkrankung zuweisen, auf jeden Fall nicht die Gesamtschuld.
  • Auf keinen Fall den sozialen Rückzug antreten, um in den eigenen vier Wänden sich selbst gegenüber der größte Feind zu werden.
  • Aus Schuldgefühlen alte Hobbys aufgeben ist absurd.
  • Finger weg von gefährlichen Drogen, da durch diese das seelische Immunsystem gravierend zerstört werden kann.
  • Günstig ist, einen Glauben zu entwickeln, dass man wieder gesunden kann. Neue Aufgaben aussuchen, die klein und überschaubar sind, sodass sie eine gewisse Garantie für Erfolgsgefühle bereithalten.
  • Die Frage »Warum bin ich krank?« durch »Wozu bin ich krank?« ersetzen.
  • Eine freundschaftliche Haltung zum Arzt einnehmen, ohne dessen Grenzen zu verletzen, die eigenen Grenzen ebenfalls wahren.
  • Mindestens einmal pro Woche, wenn auch nur kurz, irgendeine Form sportlicher Betätigung nachgehen.
  • In Zeiten starker psychischer Stresssituationen Vitamintabletten nehmen, hauptsächlich Vitamin B.
  • Niemals mehr als zwei Tage lang wach bleiben.
  • Selbstmordgedanken sind natürlich in bedrängenden Zuständen, Selbstmord löst die Probleme aber auf keinen Fall.
  • Weinen ist oft ein gutes Zeichen, soll daher nicht unterdrückt werden.
  • Mithilfe des Internets eine geeignete Selbsthilfegruppe aufsuchen.

In der Psychiatrie werden bestimmte Modelle über Krankheitsentstehung und Krank-
heitsverlauf angewandt. Wie sehen ihre Ansätze aus?
Hovarth kennt das psychiatrische Krankheitskonzept der Profis nicht vollständig, stuft es aber als interessant ein. Er liest kaum Bücher über psychische Erkrankungen. Darin sieht er einen Vorteil. Er bezieht seine Ansichten und Herangehensweisen aus der Praxis und aus Diskussionen mit Experten.

Er sieht den Menschen nicht als krank, sondern auf der Suche nach Genesung. Er kritisiert die Pscyhiatrie in den folgenden Punkten: Die Psychiatrie der misst Angst und den Schuldgefühlen zu wenig Bedeutung bei. In Europa sollte dem dem Vorbewusstsein (»preconsciousness«) mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Zudem wird bei Psychosen zu selten Psychotherapie angewandt und die Krankheit als Ausweg oder als der Versuch eines Ausweges nicht erkannt.

Recovery hat in seinen Augen eine gute Chance, sich zu etablieren. Zwar seien da genug verkrustete Widerstände, die sagen »Einmal wahnsinnig - immer wahnsinnig.«. Doch sollten die Psychiatrie und die Patienten Recovery als gemeinsame Perspektive erleben. Harald Hofer meinte in diesem Sinne, er könne »es nicht mehr völlig ausschließen, dass sich die Psychiatrie von einer Betäubungsorganisation noch zu einem medizinischen Musterschüler entwickeln wird«.

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