Helen Glover/Australien: Bewahrerin der Hoffnung

Wer?

Helen Glover hatte sich schon als junge Frau beängstigend »anders« gefühlt. Sie befürchtete, dass sich in ihren Adern statt Blut eine scheußliche und infektiöse Flüssigkeit befindet. Dennoch hat sie eine gelungene Ausbildungs- und Berufskarriere als Lehrerin gelebt, hat geheiratet und ein erfolgreiches Sozialleben geführt, bevor sie sich dazu entschlossen hat, sich einer Psychiaterin anzuvertrauen. Auf die damals angebotene, kurze psychiatrische Aufnahme zur Diagnostik folgte eine dramatische Patientenkarriere. Es kam zu sehr vielen stationären Aufnahmen, Dauerhospitalisierungen, prognostisch katastrophalen Einschätzungen und ihrem Mann wurde angeraten, sich scheiden zu lassen und sich eine andere Partnerin zu suchen.

Auf diese dunkle Zeit folgte für Helen Erfolg und Berühmtheit als inzwischen diplomierte Sozialarbeiterin und Recovery-Vertreterin. So entwickelt und leitet sie nun Peer-run-Programme in Neuseeland, Australien und England.
Helen Glover zieht als Vortragende und Lehrerin die Zuhörer in ihren Bann. Ihr Lebenin Recovery ist voller Episoden von psychotischen Krisen, Suizidalität und Vulnerabilität. Ihre Identität ist inzwischen geprägt von der Botschaft und der Arbeit für Recovery und nicht mehr von der chronischen Erkrankung und den zugehörigen Behinderungen. Sie sieht ihre Hauptaufgabe darin, den Leuten zu erklären, dass sie keineswegs eine Ausnahmeerscheinung ist.

Ihr ist klar, dass Recovery für alle möglich ist und nicht nur für die »happy few«, die wie sie einen internationalen Bekanntheitsgrad erreicht haben.

Helen arbeitet im Mental Health Association of Central Australia

Grundidee - jede und jeder hat das Potenzial zu recovern

Helen Glover hat also eigene Erfahrung einzubringen und sie weiß um um Menschen, die es geschafft haben, genau das zu finden, was ihnen zu Recovery verhilft. Dehalb weiß sie mit Bestimmtheit, dass dies für jeden Menschen möglich ist. Ihr erklärtes Ziel ist es, dieses Wissen den Millionen, die derzeit noch keinen Zugang zu diesem Weg haben, zu vermitteln.

Als chronische Patientin war sie mehr als zehn Jahre ihres Lebens dem Terror ihrer Psychose ausgeliefert. Psychotische Symptome hat sie nach wie vor, doch hilft ihr die im Lauf der Zeit aufgebaute Widerstandskraft dabei, der »Versuchung der Chronizität« zu widerstehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen hat sie in ihrem Leben immer zumindest einen, manchmal auch mehrere Menschen gehabt, die »ihre Hoffnung für sie bewahrt haben« und - mehr noch -, die ihr diese Hoffnung auch wieder zurückgegeben haben.

»Ich werde für dich die Bewahrerin der Hoffnung (>Holder ofHope kommen, werden wir bereits geplant haben, wie wir uns gegenseitig unterstützen werden.« (GLOVER 2003, Übersetzung der Autorinnen)

Die Hoffnungslosigkeit ist katastrophal für Menschen mit psychotischen Erkrankungen. Doch ist es schlimmer (»kriminell« sagt sie dazu), diese Hoffnung ihnen nach dem Aufbewahren nicht wieder zurückzugeben. Die Haltung, dass »ich für dich tue«, weil »du selbst nicht kannst«, ist infektiös und leitet direkt in einem Zustand über, den Helen Glover »seelische Impotenz« nennt. Und diese seelische Machtlosigkeit hat alle Zeichen einer chronischen Erkrankung.

Psychische Erkrankungen verlaufen in Episoden. Und es wäre falsch und unsinnig, jeden Tag ganz so zu leben, »als ob« ich psychisch krank wäre, selbst wenn es sehr wohl auch Tage gibt, an denen man einfach das Leben genießen kann. Wer weiß, dass er zu einer chronischen Erkrankung neigt, der kann vorbeugend Maßnahmen treffen. Es ist grundfalsch, daran zu zweifeln, dass man trotzdem leben, lieben und arbeiten kann. Glovers möchte, dass durch Bemühungen der Profis sowie durch den Beitrag derer, die schon mit Recovery Erfahrungen gemacht haben, der trennende Unterschied zwischen denen, »die es geschafft haben«, und denen, die in einem Leben als chronisch Kranke gefangen sind, überwunden wird.

»Holders of Hope« - Bewahrer der Hoffnung

Es handelt sich keineswegs um eine neue Erkenntnis, dass Hoffnung wichtig ist für Gesundungsprozesse. Die real gelebte Hoffnung und das Vermitteln von Hoffnung, sind jedoch komplizierter zu handhaben. Wann entspricht es der Wahrheit, wenn wir jemandem sagen, dass wir Hoffnung haben? Und wie oft lassen wir trotz gegenteiliger Beteuerungen durchblicken, dass wir die Hoffnung für die Betroffenen bewahren, da wir es ihnen nicht zutrauen, jene Hoffnung selbst zu bewahren? Es ist nicht einfach, intuitiv die richtige Balance zu finden zwischen dem Bewahren der Hoffnung für jemanden und dem Rückerstatten der Hoffnung an jemanden. Fehler lassen sich also kaum vermeiden.
Für Helen Glover nesteht die entscheidende Kompetenz für professionelle Helfer darin,einen »intent of hope« - einen »Willen zur Hoffnung« zu entwickeln. Das Fehlen dieser Kompetenz sei ein »Kunstfehler«. Professionelles Versagen im Bereich Aufbewahrung und Rückgabe von Hoffnung erzeugt seelische Impotenz, die den menschlichen Geist und das menschliche Leben zerstöre. Schlimmer könne man einen Menschen kaum verletzen. Doch kommt auch das vor. Erleben wir nämlich Menschen in ihren Krisen, in dramatischen Zuständen, die therapeutisch kaum beeinflussbar sind, dann erliegen wir leicht der Versuchung, dies als therapieresistent, als Folgen von Non-Compliance, als aussichtslosen Fall zu bewerten, weil wir uns nicht vorstellen können, dass diese, derzeit so verstörte Person jemals wieder die Bewahrerin ihrer eigenen Hoffnung werden könne.

In Folge wird die Botschaft vermittelt: »Wir tun es für Sie, weil Sie es nicht selbst können - und nicht mehr können werden.« Es entstehen Überversorgungssituationen, in denen Menschen Unterstützung für Dinge erhalten, die sie sehr wohl selbst erledigen könnten. Auch gibt es gewisse »Privilegien«, die man wegen einer Erkrankung oder Behinderung bekommen kann, Diese beinhalten große Risiken und festigen ihre Argumentation mit der eigenen Erfahrung in der Ausbildung zur Sozialarbeiterin unter »geschützten Bedingungen«. Anfangs war sie sehr entsetzt darüber, als die »geschützten Bedingungen« gegen ihren Willen aufgehoben wurden. Dabei wurde ihr jedoch ermöglicht, die eigene Leistung ungeschmälert zu erbringen.

Auch dort erzeugt der Profi »seelische Impotenz« anstelle von Hoffnung fördern, wo die Sorge entsteht, dass hohe Erwartungen die Patienten und Angehörige in Enttäuschungen treiben. In einem eigenen Kapitel zur seelischen Impotenz geht es bei Glover darum, wie Enttäuschungen vermieden werden können.

Seelische Impotenz

Was ist nun seelische Impotenz genau? Das psychiatrische System und die Gesellschaft vermitteln einer erkrankten Person eine Botschaft, die dazu führt, dass sie ihre Willenskraft, ihre Träume, Leidenschaften und ihre Erinnerung an Gesundheit verliert. Anstatt dessen greift die Botschaft von Unfähigkeit und
verlorener Hoffnung, was in den unaufhaltsamen Tod der menschlichen Seele mündet. Dieser Prozess kann offen oder verdeckt vonstatten gehen. Die Symptome der »seelischen Impotenz« treten dann sehr schnell auf. Je länger der Betroffene nun einer solchen Umgebung ausgesetzt ist, desto schwieriger wird es für ihn, diesem Zustand wieder zu entrinnen.

Die Behandlung der »seelischen Impotenz« besteht in dem raschen Verlassen der »infektiösen« Umgebung und der Implantation des Virus »Hoffnung«. Dazu sind andere Leute nötig, die nicht unbedingt Profis sein müssen, die daran glauben, dass die betroffene Person ihr Leben wieder zurückgewinnen kann. Selbst wenn es im Moment nicht so aussieht, müssen jene Menschen so agieren, als ob die Person sich wieder erholen kann. Das bedarf eines gerüttelten Maßes an Durchhaltevermögen und des Willens dazu, zu helfen, dass die betroffene Person wieder das Steuer ihres Lebens in die eigene Hand nimmt.

Arbeiten »als ob« und »Morphismus«

Wer Hoffnung bewahrt und sie zurückzugibt, der muss so arbeiten können, als ob die Schwärze von Verzweiflung und Leid nur vorübergehend sei. Sieht der Profi sie nun als permanent an, dann führt dies zu Hoffnungslosigkeit, Konzentration auf die Dunkelheit und zu seelischer Impotenz. Vermittelt der Profi jedoch das Gefühl, es könne eines Tages anders sein, dann können sich Neugierde und Bewegung entwickeln. Mit diesem Gefühl im Blick ist es dem Betroffenen auch möglich, die momentane Verzweiflung auszuhalten und sogar mitzuerleben, ohne sie abzulehnen.

»morph« bedeutet, dass die Dinge in Bewegung sind und jeder Zustand die Chance auf Verwandlung und Veränderung beinhaltet. Dieses Wissen läßt einen die Dunkelheit ertragen, der man niemanden alleine aussetzen muss. Für Helen ist es auch wichtig, die eigene Rolle bei der »Reise in die Chronizität« zu beachten. Die Patientenrolle lockt mit vielen Versuchungen, und der Entschluss, sich wieder in Richtung Gesundheit zu bewegen, fällt sehr schwer. Beide Bewegungen sind legitim. Die Freiheit, das eigene Leben zu gestalten, kommt mit beiden Ansätzen klar. Zwar gestaltet sich das Leben wie eine Achterbahn, doch sollte uns dies nicht allzu sehr erschrecken. Schließlich haben dies schon viele Menschen überlebt. Es besteht ja die Möglichkeit, jemanden mitzunehmen auf die Achterbahn, der Unterstützung dabei bietet, die Angst zu überwinden. Hätte man dann nicht an der Fahrt teilgenommen, dann würde es einem leidtun. Es brächte nichts, wenn man statt Achterbahn eine flache gerade Straße entlang fährt. Recovery besteht nämlich darin, weiterhin viele Aufs
und Abs zu erleben, aber dabei nicht mehr die Kontrolle zu verlieren. Helen hat einen Notfallkoffer voller Recovery-Werkzeug mit, welches sie dazu benutzt, Situationen, die ihr zu entgleisen drohen, zu kontrollieren. Hierzu zählen auch radikale medikamentöse Notbremsen, die sie nach genauer Vorvereinbarung von ihrem Arzt auf eigenen Wunsch erhalten kann.

Helens Ausführungen leben von der Verwendung von »Reise« und »Fahrzeug«. Am Besten ist es, selbst am Steuer seines eigenen Lebens zu sitzen. Doch manchmal ist es als Beifahrer gemütlicher und sicherer. Auch als Beifahrer kann man die Richtung und Geschwindigkeit mitbestimmen. Eine Vorstellung, von der man sich lösen muss, ist die, man sei im Kofferraum eingeschlossen. Mit aller Kraft sollte man sich aus dem Kofferraum herauskämpfen. In einem solchen Prozess kann man die eigene Resilienz finden. Und die Menschen, die für einen die Bewahrer der Hoffnung sind, können einem dabei helfen, wieder ans Steuer zu kommen, den Führerschein wiederzubekommen, das richtige Auto und die nötige Zuversicht, dass man das Auto auch zu steuern vermag.

Die Latte höher legen

Trotz der vielen Initiativen zur Einbeziehung von Betroffenen in die Planung, Durchführung und Erforschung von psychiatrischen Hilfsangeboten, mangelt es oft an der Forderung den Patienten gegenüber, sich aktiv an ihrer eigenen Recovery zu beteiligen. Helen hat das in ihrer langjährigen Praxis oft vermisst. Ihr wurde eher vermittelt, dass einer, der ein ruhiges und unanstrengendes Leben führt, irgendwann automatisch wieder in die Gesellschaft integriert sein wird.
So organisierte sie lange Zeit über ihr Leben ausschließlich um die Behandlungt - von Termin zu Termin, dazwischen tagesklinische Struktur: Sie lebte ein Leben als kranke Person unter anderen Kranken. Da sie sich krank fühlte, benahm sich auch krank, wurde als Kranke behandelt und blieb krank. Helen zufolge kann sich in einem solchen Vakuum aus Zeit und Passivität keine Recovery entwickeln. Das eigene Leid den Profis anzuvertrauen, bewegt noch nichts.

Recovery ist harte Arbeit.

Um die Recovery-Arbeit auch anzugehen, benötigt man einen Grund. Fallen die Erwartungen zu gering aus, wenn also die Latte zu niedrig liegt, hat man bald keinen Grund mehr, um morgens aufzustehen. Ohne den Erwartungen, die an einen herangetragen werden, bleibt man unmotiviert und interesselos - man leidet an »seelischer Impotenz«. Helen vergleicht die Situation mit der Rehabilitation nach Unfällen. Die Physiotherapeuten verlangen ihren Patienten einiges an Schmerzen und Anstrengungen ab, um etwas zu erreichen. Auf keinen Fall würden sie sich damit abfinden, dass die Übungen auf ein anderes mal verschoben werden. Eine zentrale Rolle spielte da ihr Ehemann, der sich weigerte, ihre schlechte Prognose zu akzeptieren und nicht den Rat befolgte , sich von ihr scheiden zu lassen. Er sah in Helen weiterhin die ganze Person.
Das psychiatrische Handeln der Profis beinhaltet oft die Sorge über zu hohe Erwartungen, die dann enttäuscht werden und in Rückfällen ausarten könnten.
Aber wenn es keine Erwartungen gibt, kann man auch nicht scheitern, aber eben auch nichts erreichen. Die Profis unterschätzen nach Glover oft die Resilienz ihrer Klienten. Damit halten sie die Patienten von möglichen Aktivitäten und Erfolgen ab.

»Gefangen in Chronizität« versus »Gefangen in Recovery«

Der Angst vor Überforderung und Scheitern entspringt auch die Skepsis und Sorge bezüglich eines Recovery-Weges. Denn man kann ebensogut in der Recovery gefangen sein wie auch in der Chronizität. Stolpersteine können sein die Selbstvorwürfe, es wieder nicht geschafft zu haben, die Einschätzung, dass einen eine erneute Krankheitsepisode zurück an den Anfang wirft und die Enttäuschung derer, die einem für ein bestimmtes Ziel geholfen haben.

Wer gelernt hat, zu akzeptieren, dass Krankheit und Recovery gemeinsam vorkommen können, muss dann keine Angst mehr haben. Schlechte Tag wechseln eben mit Zeiten, in denen man sich gesund fühlt. Man muss heraus aus dem Schwarz und Weiss von Chronizität und Recovery und ein Bild mit vielen Grautönen entwickeln. Das Kunststück ist es, die eigene Vulnerabilität und die eigenen Brüche in ein Selbstbild zu integrieren, das auch die Resilienz mit einschließt, die sich aus den Widrigkeiten ergibt. Die Erkenntnis ist wichtig, dass es darum geht, sich jeden Tag wieder mit sich und dem Leben
auseinanderzusetzen, dass man wie alle anderen Menschen auch Träume und Enttäuschungen lebt.

Recovery der Profis - nur so kann es gehen

»So oft bitten wir unsere Betreuer, unsere Bewahrer der Hoffnung zu sein. Traurigerweise können die meisten von ihnen aber nicht unsere Bewahrer der Hoffnung sein, weil sie der Ansicht anhängen: Ich glaube nicht, dass Sie >recovernrecovern<.>

Helen Glover verkennt nicht, dass solche Veränderungsprozesse sehr mühsam sein können und viel Zeit bedürfen. Natürlich ist es eine wichtige Voraussetzung für recoveryorientiertes Arbeiten, dass sich die Profis selbst in einer Situation befinden, in der sie ihre Arbeit positiv bewerten und gestalten können. Zweifeln sie nämlich selbst an ihrem Wert und an ihrer Gestaltungskraft, dann können sie selbstredend die Patienten wohl kaum zu Recovery motivieren.
Die schwierig Arbeitssituation von psychiatrischen Profis resultiert aus der Kultur der Angst, die die Arbeit bestimmt. Diese Angst überträgt sich dann automatisch auf die Nutzer der Hilfen. Die Schutz- und Sicherheitsbedürfnisse der Profis blockieren die Sicht auf Möglichkeiten. Risiken werden strikt vermieden. Der Profi erhält schlechte Zustände seiner Klienten, um sich selbst rechtlich abzusichern und verhindert damit Veränderungen. Diese Risikovermeidung um jeden Preis hat eine lange Tradizion und es gibt auch Gründe dafür. Wenn ein Team sich ändern will, dann muss es diese Kultur auch hinterfragen.
Der aktuell gültigen Geschichte von Krankheit, Drehtürpsychiatrie und Hoffnungslosigkeit muss man nun anderes entgegensetzen. Jede noch so kleine mögliche Veränderung hin zur Recovery-Orientierung muss laut kommuniziert werden, damit sie sich neben der vorherrschenden Geschichte behaupten kann.

Nur solche Änderungen können verhindern, dass weiterhin so viel Expertise und Engagement vergeudet werden. Vergessen wir jedoch nicht, dass sich die vor herrschende Tradition über Jahrhunderte entwickelt hat. Man braucht für die nötigen Änderungen also viel Geduld und einen langen Atem.

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