Pat Deegan/USA: Verschwörung zur Hoffnung

Wo und wann?

Patricia E. Deegan hat das Amt als Senior Director des Joshua Tree Center for Ex-Patient Studies inne und ist die Mitbegründerin des Institute for the Study of Human Resilience, das seit 2001 am Boston University Sargent College of Health and Rehabilitation Sciences forscht und dessen Direktorin Professor CourtenayM. Harding ist.

Wer?

Schon als Teenager bekam Pat Deegan die Diagnose »Schizophrenie«. Inzwischen ist sie Aktivistin in der Expatienten-Bewegung und eine der aktivsten und bekanntesten Fürsprecher der Recovery-Bewegung in den USA. 1984 hat sie an der Universität Duquesne in Klinischer Psychologie promoviert. Vier Jahre später leitete sie das Northeast Independent Living Program in Lawrence/Massachusetts. Dabei entwickelte sie ein Modell, das psychisch kranken Menschen helfen soll, trotz ihrer Behinderungen selbstständig zu leben und zu wohne. Von 1992 bis 2001 war sie tätig als Beraterin des National Empowerment Center (NEC). Das NEC wird ausschließlich von Nutzern geleitet und kontrolliert und mit staat- lichen Mitteln finanziell unterstützt. Als Fortbildungsleiterin entwickelte und vermittelte Pat Deegan zahlreiche Selbsthilfestrategien, um Betroffene in ihrem Recovery-Prozess zu helfen.

Wie viele andere auch hat Pat DEEGAN (2005 a) sich in einem Zustand tiefster Apathie und Gleichgültigkeit befunden, bevor sie aktive Vertreterin der Recovery-Bewegung wurde. Menschen in dieser Phase haben ein »hartes Herz« bekommen - ihnen ist alles egal geworden. Sie fühlen sich alleine, verlassen, ohne Ziel und ohne Zeit. Mit 17 Jahren wurde sie das erste Mal psychotisch. Während der Haldol-gestützten Behandlung saß sie nur noch den ganzen Tag Zigaretten rauchend und steif in einem Sessel und starrte ins Nichts. Ihre Tage verliegen stets nach demselben Muster: Aufstehen (was ihr schwer fiel), Zigaretten rauchen, Mahlzeiteneinnehmen und wieder ins Bett gehen.
Die Umgebung versuchte, sie zu motivieren, etwas zu tun. So versuchte man, sie dazu zu überreden, Brot zu backen und zu verkaufen oder an einer Bootsfahrt teilzunehmen. Da sie nichts mehrinteressierte, war ihr jedoch alles gleichgültig. Sie hatte sich aufgegeben. Die Umgebung betrachtete dieses Aufgeben als mangelnde Motivation. Das Aufgeben schützte sie jedoch davor irgendetwas zu wollen, weiter zu versagen, verletzt zu werden. Die Zeit verging und ihr war nach wie vor alles gleichgültig. Die Freunde wechselten auf ein College und begannen ein neues Leben, aber ihr war alles gleichgültig. Sie erinnert sich an eine Freundin, die ihr einmal sehr wichtig gewesen ist, die sie besuchte. Pat saß da, rauchte und brachte kaum einen Ton heraus. Um 20.00 Uhr unterbrach sie die Freundin mitten im Satz und bat sie, sich wieder nach Hause zu begeben, weil sie selbst zu Bett gehen wollte. Ohne sich zu verabschieden, verließ sie den Raum, um sich schlafen legen. Ihr Herz war nämlich hart und ihr war alles gleichgültig.
Mit 18 Jahren wurde siie zum dritten Mal in eine psychiatrische Klinik aufgenommen. Auf die Frage hin, was denn mit ihr los sei, antwortete der Psychiater, sie hätte eine Erkrankung mit dem Namen chronische Schizophrenie. Dabei handele es sich um eine Erkrankung ähnlich wie Diabetes. Falls sie dazu bereit sei, die Medikamente für den Rest ihres Lebens einzunehmen und Stress zu vermeiden, dann könne sie wahrscheinlich recht gut damit leben. Nach diesen Worten vom Psychiater konnte Pat Deegan ihr Gewicht spüren und ihre ohnehin sehr fragilen Hoffnungen, Träume und Lebensziele waren zerstört. Noch 22 Jahre später gehen ihr diese Worte in schmerzhafter Weise noch nach.

Erst jetzt versteht sie, warum ihr dieses Erlebnis so geschadet hat. Der Psychiater hatte ihr letzten Endes bedeutet, dass ihr Leben mit dem Label »Schizophrenie« für ein abgeschlossenes Buch stehe und ihre Zukunft bereits besiegelt und damit gelaufen war. Die negative Prognose katapultierte alle ihre Träume und Lebensziele ins Reich der reine Phantasie und deswegen verlor die Gegenwart ihre Orientierung und war nur noch eine Aufeinanderfolge von einzelnen Momenten, die nichts miteinander zu tun hatten.

Inzwischen ist Pat bewußt geworden, dass jener Psychiater damals kaum fundiertes Wissen besaß. Für ihn war sie »die Schizophrene«. Ihr erging es also so wie es ihrer Ansicht nach seit Generationen durch Bleuler und Kraepelin gehandhabt worden ist. Der Psychiater hat sie nicht als Person gesehen, sondern als ein Störungsbild. Pat Deegan befand sich dann in einem entmenschlichenden Transformationsprozess, vom »Person-Sein« hin zu eine »Krankheit-Sein«. Sie war einfach nur noch eine Schizophrene, eine Multiple, eine Bipolare (DEEGAN 1992). Ihre Identität (personhood) und das Gefühl von sich selbst (sense of self) schrumpften zusammen. »Die Krankheit« gewann als ein mächtiges »Es« an Stärke. Es war eine völlig andere Einheit, die sie nicht mehr kontrollieren konnte, ganz so wie es die Profis vermittelt haben.

Wegen dieser Erlebnisse fordert Pat Deegan ganz engagiert, dass die heutigen Studenten ein grundlegendes Wissen und Verständnis entwickeln sollen und nicht lediglich eine Krankheit erkennen und diagnostizieren. Dem Menschen, der Hilfe sucht, sei mit ganzem Herzen zu begegnen. Das Wichtigste, was die Studenten lernen könnten, ist, dass die menschliche Beziehung das mächtigste Werkzeug ist, wenn man mit Menschen arbeitet.

Aus diesem Grunde bezeichnet Pat Deegan den Recovery-Prozess als »Reise des Herzens«. Ihr zufolge müssen die Profis dort beginnen, wo sich die leidenden Menschen gerade befinden, also an dem Ort, an dem ihr Herz hart geworden ist und sie sich um nichts mehr kümmern und ihnen alles gleichgültig geworden ist. »Es ist eine Zeit, in der wir uns wie unter den lebenden Toten fühlen: alleine, verlassen, vor uns hintreibend auf einem toten und stillen Meer ohne Richtung (...).« (DEEGAN 2005 a, S. 60).

Für wen?

Pat Deegan arbeitet mit Menschen, die einschneidende und schmerzhafte Erfahrungen in ihrem Leben erlitten haben (wie schwere Krankheit, Trauma, Behinderung oder Benachteiligung). Ihrer Überzeugung nach sind diese Menschen resilient bzw. widerstandsfähig. Es würde den Heilungsprozess sehr verbessern, wenn diese Menschen Zugang zu Wissen, Mitteln zur Selbsthilfe, gut ausgebildeten Profis, einer fördernden Umwelt und sozialer Gerechtigkeit hätten..

Inzwischen veranstaltet Pat Deegan innovative Fortbildungen und Programme. So zum Beispiel eine auf Tonband aufgenommene Simulation von Stimmenhören. Das Programm »Stimmenhören« hat internationale Anerkennung erhalten und wird zur Fortbildung von Polizisten, Psychiatern, psychiatrisch Tätigen und Familienangehörigen eingesetzt, damit Menschen, die an einer psychischen Krankheit leiden, mitfühlender behandelt werden. Pat engagiert sich auch in diversen Filmprojekte. So zum Beispiel zum Thema »Innen Außen: Der Aufbau eines sinnvollen Lebens nach der Klinik« (Inside Outside: Building a Meaningfui Life After the Hospital).

Seit geraumer Zeit arbeitet Pat Deegan auch an einem qualitativen Forschungsprojekt, das von der Universität Kansas, USA, gefördert wird. Dabei soll erforscht werden, auf welche Weise ein recoveryorientierter Ansatz beim Umgang mit Psychopharmaka aussehen könnte und wie man dabei die vorhandene Resilienz der Behandelten einbeziehen könnte. Das Projekt zeitigte schon erste Ergebnisse (DEEGAN 2005 b). Die Resultate werden in einem eigenen Kapitel in diesem Buch zusammengefasst (s. S. 261 ff.). Zusätzlich hält Pat Deegan regelmäßig Vorträge und Workshops in die USA, Kanada, Europa und Australien ab. Dabei schildert sie ihre persönliche Recovery-Geschichte und erläutert sie ihre Ansichten zu Recovery. Auch betont sie dabei die lebensnotwendige Bedeutung von Hoffnung und die Notwendigkeit der Umgestaltung des psychiatrischen Versorgungssystems. Auch hat sie zum Thema Recovery und Empowerment zahlreiche Artikel in Büchern, Zeitschriften, auf Videobändern, in Newslettern und auf Webseiten sowie in ihrer eigenen Online-Zeitschrift »Recovery Journal« und in ihrem blog publiziert. Die Beiträge sind bisher ins Spanische, Hebräische, Französische, Portugiesische, Holländische, Norwegische, Schwedische und Deutsche übersetzt worden.

Grundidee

Die US-amerikanische New Freedom Commission fordert eine Umstrukturierung des Psychiatriesystems in Richtung Recovery. Dazu müssen die Profis umlernen und sich neu orientieren in Richtung recoveryorientierter Kompetenzen. Die Grundprinzipien von Recovery - Wahlfreiheit, Selbstbestimmung und
Empowerment - sollen umgesetzt werden in der täglichen Praxis der Psychiatrie, im Case-Management, in der Obdachlosenarbeit, in Einrichtungen für Patienten mit Doppeldiagnosen und imBetreuten Wohnen. Pat Deegan arbeitet dazu seit vielen Jahren aktiv mit psychiatrisch Tätigen von Einrichtungen in den USA, um ihnen beizubringen, wie die Recovery-Prozesse der Menschen mit psychischen Erkrankungen praxistauglich unterstützt werden können.
Dabei hält Pat für am Wichtigsten, dass die Hoffnung aufrechterhalten wird, und Menschen mit einer psychischen Erkrankung in erster Linie Menschen sind und nicht zu passiven Trägern einer klinischen Diagnose reduziert werden dürfen.

Hoffnung

Hoffnung bedeutet für Pat und diejenigen mit einer psychiatrischen Diagnose, die viel Zeit in desolaten psychiatrischen Programmen und Einrichtungen verbracht haben, eine Sache, die mit Leben und Tod zu tun hat. Die Hoffnung entwickelt sich aus der Dunkelheit heraus. Das verhält sich so wie bei einer Seerose, deren Samen im kalten, dunklen Winter unsichtbar heranreift. Wenn sich Pat Deegan an den Beginn ihrer Erkrankung erinnert, dann sagt sie: »Wir wissen das, denn wie die Seerose kennen wir einen sehr kalten Winter, in dem alle Hoffnung aus uns herausgerissen schien. Es fing für die meisten von uns am Anfang unserer Jugend an. Zu Beginn konnten wir es nicht benennen. Es kam wie ein Dieb in der Nacht und raubte uns die Jugend, die Träume,
die Ziele und die Zukunft. Es überkam uns wie ein fürchterlicher Alptraum, aus dem wir nicht erwachen konnten.« (DEEGAN 1996, S. 3; )

Die »Verschwörung zur Hoffnung« hängt zusammen mit der Frage, was sich in der Umgebung ändern muss, damit ein Samenkorn wachsen kann? Dabei spielt es keine Rolle, was falsch ist an den psychiatrisch Erkrankten, sondern um die Frage, auf welche Art wir eine hoffnungsvolle, menschliche Umwelt und Beziehungen schaffen können, in denen die Menschen auch wachsen und sich entwickeln können. Pat DEEGAN schreibt in ihrer Abhandlung »Recovery as a journey of the heart« (2005 a), dass Hoffnung und biologisches Leben unlösbar miteinander verknüpft sind, und führt in diesem Zusammenhang eine Geschichte an, die bei Martin SELIGMAN (1975) in seinem bekannten Buch über Hilflosigkeit zu finden ist:
»Es ist eine Geschichte, die von einem Major und Arzt in der US-Armee berichtet wurde, der im Vietnamkrieg verwundet worden war und von 1968 bis 1973 als Kriegsgefangener interniert gewesen ist. Dort traf der Major einen jungen US-Soldaten im Alter von 24 Jahren, der seit zwei Jahren interniert war. Er war intelligent, gut aussehend und konnte Schmerzen und Leiden gut aushalten. Wie die anderen Soldaten war er auf 90 Pfund abgemagert, er musste täglich ohne Schuhe lange Märsche mit schwerem Gepäck gehen. Trotz Mangelernährung und einer Hauterkrankung blieb er in guter körperlicher und psychischer Verfassung. Der Grund für seinen relativ guten Gesundheitszustand war für den Major klar. Der junge Soldat war überzeugt, bald nach Hause entlassen zu werden. Der Vietkong entließ, als Exempel, immer wieder einige Männer, die mit ihm zusammengearbeitet hatten. Der junge Soldat hatte mit ihnen zusammengearbeitet, und der Lagerkommandant kündigte an, dass er in sechs Monaten als Nächster an der Reihe sei.
Der angekündigte Monat kam und verging, und der Soldat nahm eine veränderte Einstellung der Wärter ihm gegenüber wahr. Schließlich dämmerte ihm, dass er getäuscht worden war und nicht entlassen werden würde. Er hörte auf zu arbeiten und entwickelte Symptome einer schweren Depression: Er verweigerte das Essen, lag im Bett in einer embryonalen Haltung und saugte an seinem Daumen. Seine Gefangenenkameraden versuchten ihn wieder aufzubauen, sie nahmen ihn in den Arm und versorgten ihn. Wenn dies nichts half, versuchten sie ihn mit ihren Fäusten aus dem Stupor herauszuholen. Der junge Soldat kotete ein und urinierte ins Bett. Nach einigen Wochen war dem Major klar, dass dieser todkrank war, obwohl er im Vergleich zu seinen Kameraden immer noch in körperlich besserer Verfassung war. An einem Novembermorgen lag der junge Mann sterbend in den Armen des Majors und fokussierte nach Tagen im Dämmerzustand seine Augen. Er teilte dem Major seine exakte Adresse mit und sagte: >Mama, Papa, ich liebe euch sehr. Seligman fügte an: »Die Hoffnung erhielt den jungen Soldaten aufrecht. Als er die Hoffnung aufgab und glaubte, dass all seine Bemühungen fehlgeschlagen sind und weiterhin fehlschlagen würden, starb er. (...) Wenn Tiere und Menschen lernen, dass ihre Aktionen umsonst sind, und es keine Hoffnung gibt, sind sie empfänglicher für den Tod. Umgekehrt kann der Glaube an die Kontrolle über die Umwelt das Leben verlängern.« (ebd., S. 62)

Pat Deegan bezieht sich auf diese ergreifende Geschichte und setzt sie in Beziehung mit Menschen mit psychischen Erkrankungen. Ihrer Meinung nach wächst in diesen Menschen ein tiefes Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, wenn sie denken, dass all ihre Bemühungen vergebens sind; wenn sie erleben, dass sie keine Kontrolle über ihre Umwelt haben; wenn nichts, was sie tun, eine echte Auswirkung hat oder ihre Situation verbessert; wenn das Team ihnen nicht zuhört und alle wichtigen Entscheidungen für sie fällt; wenn das Team entscheidet, wo und mit wem sie wohnen werden, wie sie ihr Geld ausgeben sollen, zu welcher Uhrzeit sie zurück sein müssen im Wohnheim usw.

Um nun die katastrophalen körperlichen Auswirkungen von Hoffnungslosigkeit zu vermeiden, machen Menschen mit einer psychischen Erkrankung das, was alle anderen auch tun. Sie entwickeln ein hartes Herz und kümmern sich nicht mehr um sich selbst. Laut Pat Deegan sei es sicherer, hilflos zu werden als hoffnunglos.

Das psychiatrische Team kann die Intensität des existenziellen Kampfes der Person »mit dem harten Herzen« einfach übersehen. Dann diagnostiziert das Team einfach Negativsymptome und eine schlechte Prognose und stellt auch keine Erwartungen mehr an diesen Menschen. Oder das Team benennt denn Menschen schlichtwegs als faul, unmotiviert und apathisch oder das Team schreibt den Menschen verzweifelt ab , indem er als jemand mit einem niedrigen Funktionsniveau abgestempelt wird.

Pat Deegans Credo ist, dass Ausbilder und Lehrer der nächsten Generation von psychiatrisch Tätigen dafür sorgen sollen, dass die jetzigen Studenten dieses Missverständnis nicht wiederholen. Die Studenten sollen verstehen, dass die Zustände von Gefühllosigkeit und der Mangel an Selbstfürsorge von psychisch kranken Menschen eigentlich hochmotivierte Anpassungsstrategien sind, die von verzweifelten Menschen benutzt werden, die in Gefahr sind, die Hoffnung zu verlieren (DEEGAN 2005 a).

Laut Pat sei es nicht Aufgabe der Profis, darüber zu urteilen, wer nicht nur von psychischer Krankheit, sondern auch von den verheerenden Auswirkungen von Armut, Stigma, Entmenschlichung, Degradierung und gelernter Hilflosigkeit genesen wird und wer nicht. Die Profis sollten jedoch an der Verschwörung mit
der Hoffnung teilhaben. Und es ist ihre Aufgabe, an einer »Gemeinschaft der Hoffnung« mitzuwirken, in die Menschen mit einer psychischen Behinderung eingebettet sind. Wir sprechen also von einem Umfeld, das auch Möglichkeiten zur eigenen Weiterentwicklung bietet. Es ist Aufgabe der Profis, dem psychiatrischen Team den Geist der Hoffnung nahezubringen. Dazu sind die Menschen mit psychiatrischer Erkrankung zu befragen, was sie denn möchten
und was sie brauchen, um zu wachsen, und ihnen fruchtbaren Boden zu geben, in dem neues Leben auch heranwachsen kann. Last but not least ist es Aufgabe der Profis, geduldig zu warten, mit Erstaunen zu beobachten und mit Respekt Zeuge davon zu sein, wie sich das Leben eines anderen Menschen entfaltet (DEEGAN 1996).

Recovery und die notwendige Einstellungsänderung im therapeutischen Team

Pat Deegan beurteilt die neuen Trends wie »Nutzer-Integration«, »Empowerment«, »Clubhouse-Modell« und »Partnerschaft« sehr kritisch . Oft dienen diese wohlklingenden Worte nur einem oberflächlichen Wandel der psychiatrischen Strukturen. Pat sieht die große Gefahr, dass nur die neuesten Programme und eine politisch korrekte Sprache benutzt werden. Denn es kann ganz schön unbequem und beschwerlich werden, die Strukturen zu ändern, in denen psychisch leidende Menschen dann auch wachsen können, Ihres Erachtens hat sich trotz der sich wandelnden Begriffe bis heute nicht viel geändert an der Beziehung zwischen denen, die eine psychiatrische Diagnose haben, und denen, die sie nicht haben.

Grundlegende Änderungen sind nur zu erwarten, wenn sich im Rahmen der klinischen Behandlung und in der Gemeinschaft der menschliche Umgang ändert. Dann erst kommen die Menschen in Bewegung vom reinen Überleben hin zur Recovery-Reise. Auch wenn der Mensch in sich verloren erscheint, geht es um das Mitfühlen und darum, das Person-Sein dieses Menschen zu erhalten.

In vielen Fällen wird mit einer übereifrigen Retterhaltung versucht, den lethargischen, apathischen Patienten aus seinem Zustand zu holen. Je mehr er sich zurückzieht, desto tiefer dringen die Profis in ihn ein. Je mehr er aufgibt, desto intensiver versuchen die Profis, ihn zu motivieren. Je verzweifelter er wird, desto mehr verfallen sie in oberflächlichen überschwänglichen Optimismus. Je mehr Behandlungsplänen er sich verweigert, desto mehr Pläne werden für ihn angefertigt. Zu guter Letzt verfallen die Profis in einen Burnout und sind erschöpft. Sie ärgern sich dann über den Patienten. Die Profis haben dann das Gefühl, von dem benutz worden zu sein, der ihre Hilfe ablehnt. Sie haben ganz das Gefühl, ihre Identität als Helfer sei von einem Menschen infrage gestellt worden, der sich im Schmerz und in der Gleichgültigkeit verloren hat. Üblicherweise wird dann der leidende Menschen beschuldigt, faul und hoffnungslos zu sein. Er sei auch nicht krank, sondern manipulierend. Er sei nicht verrückt, sondern schlecht. Zwar sei ihm ja Hilfe angeboten worden, doch könne ihm ja nicht geholfen werden und er wolle ja auch keine Hilfe. Am Besten wäre es, ihn aus dem Programm herauszunehmen. Wenn er erst einmal hart auf den Boden gefallen sei, dann würde er schon endlich aufwachen und die gute Hilfe annehmen, die ihm angeboten wird. Zu diesem Zeitpunkt geschieht etwas sehr Interessantes: Selbst das therapeutische Team gibt es auf, dem Menschen weiter zu helfen. Zu schmerzhaft ist es, jemanden dauernd helfen zu wollen und dabei nur Rückschläge zu erleiden. Das therapeutische Team taucht ab; einige Profis kündigen ihre Stelle, die Zurückgebliebenen werden hart, unsensibel oder zynisch. Dabei handelt es sich in jedem der Fälle um Spielarten des Aufgebens und der Verzweiflung des Teams. Ebenso wie ein Mensch mit einer psychiatrischen Krankheit die Hoffnung aufgegeben hat, können dies Mitarbeiter in der Psychiatrie ebenfalls die Hoffnung aufgeben. Die Profis verbringen dann plötzlich mehr Zeit damit, Teilnehmer aus einem Programm herauszunehmen als sie dazu einzuladen. Die Aufnahmekriterien werden rigide und unflexibel. Diese Ausübung von »Macht über« Menschen erzeugt nur unnötige Abhängigkeiten und gelernte Hilflosigkeit. Besser wäre es, »Macht mit« den Menschen zu teilen, anstatt Kontrolle über sie zu auszuüben. Natürlich würden sich traditionelle Machtverhältnisse ändern, die historisch so unterdrückend für psychisch kranke Menschen gewesen sind. Ganz konkret bedeutet dies alles, dass der Profi nicht mehr »im besten Interesse des Patienten/Klienten .. urteilen« soll. Besser wäre es, die Patienten zu befragen, was diese für ihr eigenes Leben möchten, und sie bei der Entwicklung der Fähigkeiten so zu unterstützen, dass sie diese Ziele auch erreichen können (DEEGAN 1996, S. 10).

Laut Patricia DEEGAN (1996), müssen die Profis dafür Sorge tragen

  • dass das radikale Ungleichgewicht von Macht zwischen den Leidenden und den Behandelnden ausgewogen ist,
  • dass die Beziehungen geprägt sind von echter Gemeinsamkeit,
  • dass die gewaltsamen Praktiken wie Zwangsbehandlung und Isolierung aufhören,
  • dass die Basis einer gemeinsamen Menschlichkeit anerkannt wird und
  • dass die negativen Auswirkungen der Entmenschlichung im Psychiatriesystem gestoppt werden.

Barrieren für Recovery

Pat Deegan fordert den radikalen Abbau der Barrieren, die die Anstrengungen von psychisch leidenden Menschen zu Recovery blockieren. Die folgenden gekürzten kritischen Fragen führen in diese Richtung:

  1. »Bekommen die Menschen, mit denen wir arbeiten, zu viele Medikamente?
  2. Sind Nutzer/Überlebende sowohl in ambulanten Gemeinden als auch in Klinikprogrammen an der Beurteilung/Evaluation der Mitarbeiterleistung beteiligt?
  3. Erhalten Teilnehmer eines Programms und Klinikpatienten ein Training durch Mitpatienten (peer skills training), um erfolgreich an einer Besprechung des Behandlungsteams teilzunehmen, und bekommen sie dort das, was sie möchten?
  4. Gibt es getrennte Toiletten und Speiseräume für Teammitglieder und Programmteilnehmer?
  5. Wer kann Telefonapparate benutzen? Wer trifft die Entscheidungen? Wer hat die eigentliche Macht in diesem Programm?
  6. Verstehen wir, dass Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen über wertvolles Wissen und Expertise verfügen als Ergebnis ihrer Erfahrung?
  7. Haben wir ein Umfeld geschaffen, in dem es für Teammitglieder möglich ist, ein menschliches Wesen mit einem menschlichen Herzen zu sein?
  8. Arbeiten wir in einem System, das Passivität, Gehorsam und Compliance belohnt?
  9. Folgen wir einem Konzept, das die >Würde des RisikosRecht, Fehler zu machen
  10. Gibt es für Menschen Möglichkeiten, im Rahmen des psychiatrischen Systems ihr Leben (Wohnen, Arbeit) wirklich zu verbessern?«

(DEEGAN 1996, S. 10-12)

Recovery versus Rehabilitation

Recovery und Rehabilitation unterscheiden sich: »Wir sind keine passiven Objekte, die von Professionellen rehabilitiert werden sollen. (...) Wir sind keine Objekte, für die gehandelt werden soll. Wir sind vollwertige menschliche Subjekte, die handeln können, und im Handeln können wir unsere Situation verändern.« (DEEGAN 1996, S. 11 f.) Pat wehrt sich damit gegen die unterdrückende Konnotation des Wortes »Rehabilitation«. Niemand hat die Macht,
das Leben eines anderen zu rehabilitieren. Selbst die besten und fortschrittlichsten Rehabilitationsprogramme für Menschen mit Behinderungen können schiefgehen.
Deegan meint: »Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber man kann es nicht zum Trinken bringen.« Die guten Angebote allein reichen nicht aus. Etwas mehr ist nötig. Dieses »etwas mehr« ist, was Pat Deegan als Recovery bezeichnet.

Recovery und Rehabilitation unterscheiden sich konzeptuell darin, dass die Betroffenen im Recovery-Konzept für ihr eigenes Leben verantwortlich sind und dass sie zu ihrer Behinderung und dem, was sie dabei belastet, einen eigenen Standpunkt vertreten. Pat zufolge sind die Menschen mit psychiatrischer Diagnose keine passiven Opfer, sondern verantwortlich Handelnde in ihrem eigenen Recovery-Prozess. Sie fordert die Menschen auf, immer zuerst über die Person zu sprechen (»person first!«), also z. B. »Ich bin eine Person mit der Diagnose »Schizophrenie«, statt zu sagen: »Ich bin ein Schizophrener.« Zuerst die Person zu nennen, erinnert immer daran, »dass wir an erster Stelle Menschen sind, die für sich einstehen und sagen können, was uns belastet«. (DEEGAN 1996, S. 12)

Jede Recovery-Reise eines Menschen ist einzigartig. Jeder, der die Reise antritt,muss für sich selbst herausfinden, was seine Recovery fördert und was nicht. Der eine bevorzugt die Fortführung oder Unterbrechung der Behandlung als wichtigen Teil seines Recovery-Prozesses; ein anderer wiederum hält es für besser, die Angebote des psychiatrischen Versorgungssystems endgültig zu verlassen, wie dies von OGAWA et al. (1987) in einer japanischen Studie festgestellt wurde. Ein Dritter, der in seinem Leben selbst Drogen- oder Alkoholmissbrauch erlebt haben, in Suchtfamilien aufgewachsen sind oder sexuellen Missbrauch erlitten hat, kann die Teilnahme in verschiedenen Selbsthilfegruppen als wichtig für seinen Recovery-Prozess erleben. Viele Betroffene halten den Aufbau von Freundschaften, basierend auf echter Zuneigung und gegenseitigem Respekt, für entscheidend für den Recovery-Prozess.

Ohne einer stabilen, günstigen und voll integrierten Wohnsituation ist dieser Prozess undenkbar. Oft finden die Betroffenen in einer spirituellen Gemeinschaft ihrer Wahl Kraft und Hoffnung. Auch empfinden es viele hilfreich, in Netzwerken und Interessenvertretungen integriert zu sein, die von Nutzern geführt werden. Aufgabe solcher Netzwerke ist es, das psychiatrische Versorgungssystem zu verändern, Alternativen zu den traditionellen Leistungen anzubieten, die Regierung auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen, sich für die vollen Bürgerrechte einzusetzen und kollektiv für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen.

Recovery ist laut Pat nicht nur Genesung von psychischer Erkrankung, sondern auch Überwindung von Armut, Diskriminierung, internalisiertem Stigma,
Missbrauch und Traumata, die durch einzelne »helfende« Professionelle oder das psychiatrische Versorgungssystem bewirkt wurden. Selbsthilfe und soziale Aktion sind dabei nicht voneinander zu trennen. Sich selbst zu helfen, bedeutet, sich zu einer Gruppe zusammenzuschließen, um gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, die die Menschen abwertet und sie in der Position von unterprivilegierten Bürgern hält. Recovery zielt nicht ab auf ein Endresultat; so steht es nicht dafür, dass der Mensch »geheilt« ist, noch dafür, dass der Mensch einfach stabilisiert wurde. Recovery steht mehrheitlich für eine Transformation des Selbst, bei der der Einzelne sowohl seine Grenzen annimmt als auch eine neue Welt von Möglichkeiten entdeckt. Recovery ist demnach ein Prozess, ein Lebensstil, eine Einstellung und eine Möglichkeit, den alltäglichen Herausforderungen zu begegnen. Dabei haben wir es nicht mit einem perfekten linearen Prozess zu tun. Um bei dem Bild der Seerose zu bleiben: Auch Recovery hat seine Jahreszeiten, seine Phasen von Dunkelheit und Licht. Es ist ein langsamer, bewusster, zeitweise auch schwieriger Prozess. Doch ist für Pat Deegan das Resultat oft wunderschön und erstaunlich.
Pat hat sich diese schwierige Aufgabe ausgesucht, »Weil wir Teil der Verschwörung zur Hoffnung sind, sehen wir im Gesicht jedes Menschen, der eine psychische Erkrankung hat, ein Leben, das nur wartet auf die gute Erde, in der es gedeihen kann. Wir widmen uns der Aufgabe, gute Erde zu schaffen. (...) Und deshalb feiere ich den starken und entschiedenen Geist der Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen. Ich feiere den Menschen in jedem von uns. Ich feiere Hoffnung. Ich feiere unsere Verschwörung...« (DEEGAN 1996, S. 13).

Weitere Veröffentlichungen von Pat Deegan

  • DEEGAN P (1988) Recovery: The lived experience of rehabilitation. Psychosocial Rehabilitation Journal XI (4), S. 11 -19.
  • DEEGAN P (1990) Spirit breaking: When the helping professions hurt. The Humanistic Psychologist 18 (3), S. 301-313.
  • DEEGAN P (1997) Recovery and empowerment for people with psychiatric disabilities. Soc Work Health Care 25 (3), S. 11 -24.
  • DEEGAN P (2001) Recovery as a self-directed process of healing and transformation. Occup The Mental Health 17, S. 5-21.

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