„Abgekupferte“ Häuser, Einbruch, Diebstahl:

„Abgekupferte“ Häuser, Einbruch, Diebstahl: Ähnliche Verhaltensmuster in den Crystal-Regionen Saale-Orla und Ostsachsen
03.03.2015 - 08:44 Uhr

Courage gegen Crystal, Teil III :Im Landkreis Görlitz sind Häuser weit und breit „abgekupfert“, es gab exorbitant viele Kellereinbrüche und Fahrraddiebstähle. Die dortige Polizei stellte bei Verdächtigen häufig Crystal und Cannabis fest.

Arbeitsgespräch mit Verantwortlichen im Kreis Görlitz: Tina Semrok präsentiert die Plakatkampagne der ostsächsischen Stadt. Foto: Brit Wollschläger Arbeitsgespräch mit Verantwortlichen im Kreis Görlitz: Tina Semrok präsentiert die Plakatkampagne der ostsächsischen Stadt. Foto: Brit Wollschläger
Pößneck. Im Saale-Orla-Kreis gab es eine Zeit lang – verstärkt im Herbst 2013 – sehr häufig Diebstähle von Kupferdach­rinnen. Inzwischen gebe es in der Region kaum noch Gebäude mit einfach erreichbaren Kupferrohren, die man stehlen und zu Geld machen könnte, stellt die Polizei fest – und damit eine fast die gleiche Situation wie im Landkreis Görlitz in Ostsachsen. Überhaupt gebe es große Parallelen zur dortigen, ebenso vom Crystal-Problem betroffenen Region.

Das stellten Mitglieder des Netzwerkes Courage gegen Drogen aus dem Saale-Orla-Kreis in einem Erfahrungsaustausch zum Umgang mit der Crystal-Problematik mit Verantwort­lichen im Landkreis Görlitz fest, der bereits im Herbst letzten Jahres begann. Das dortige Landratsamt hatte des Thema 2013 zur Chefsache erklärt und sich mit Polizei, Beratungsstellen und Bildungseinrichtungen kreativ verbündet und druckvoll finanzielle Hilfe für Prävention vom Freistaat ­Sachsen eingefordert.

Eltern wissen nicht, wie sie Kindern helfen können
Der Polizei im Landkreis Görlitz habe bereits seit 2010 verstärkt Straftaten im Zusammenhang mit der Droge Crystal Meth festgestellt. Gleichzeitig seien die Zahlen bei Einbrüchen drastisch angestiegen. Die Polizei suchte bald gezielt nach Zusammenhängen zwischen beiden – und fand sie. Durch spezifische Befragungen von Tat­verdächtigen wurde deutlich: Wo viele Drogen konsumiert werden, gibt es viele Einbruchdiebstähle. Es wird gestohlen, um Geld für den Kauf von Drogen zu erlangen.

Häuser wurden regelrecht „abgekupfert“, außerdem gab und gibt es „exorbitant viele Fahrraddiebstähle und Kellereinbrüche“, so die Kripo Görlitz, die derzeit nicht mit einer Lageentspannung rechnet. Mit Großkontrollen von 150 Beamten von Polizei von Land, Bund und Zoll von Fahrzeugen im Grenzbereich habe die sächsische Polizei für Aufsehen gesorgt.

Die Suchtberatungsstellen im Landkreis Görlitz verzeichnen eine stetig steigende Anzahl von Klienten, davon fast 60 Prozent wegen Alkoholsucht, rund 20 Prozent wegen illegalen Drogen und davon aber 80 Prozent wegen Crystal sowie 20 Prozent wegen Cannabis. Häufig berichten die Klienten von einer langen Zeit des Mischkonsums.

Sie schniefen Crystal zum Aufputschen und rauchen Cannabis, um wieder runter kommen. Es kämen selten Betroffene, die nur Crystal konsumieren, sagt die Suchtberaterin Michaela Priehäuser von der Psychosoziale Suchtberatungs- und Behandlungsstelle Görlitz.

Arbeitsgespräch mit Verantwortlichen im Kreis Görlitz -- Tina Semrok präsentiert Plakatkampoagne. Foto: Brit Wollschläger Foto: OTZ Arbeitsgespräch mit Verantwortlichen im Kreis Görlitz -- Tina Semrok präsentiert Plakatkampoagne. Foto: Brit Wollschläger Foto: OTZ

Häufig seien die Konsumenten junge Leute zwischen 20 und 30 Jahren, die ihre Leistungs­fähigkeit steigern wollen. In Gesprächen mit jugendlichen Konsumenten haben die Sucht­berater auch erfahren, dass Schüler und Jugendliche glauben, mit der Hilfe von Crystal „endlich so zu funktionieren, wie es von ihnen erwartet wird“. Sie wünschen sich eine Art Super-Droge, die die Leistung in Schule und Beruf steigere, fit mache und dafür sorge, dass die Eltern nicht schimpfen, fasst eine Suchtberaterin zusammen. Andere konsumieren Crystal zum stundenlangen Computerspielen oder an Spielautomaten in Spielotheken.

Die Reaktionen der Eltern, wenn sie feststellen, dass ihre Kinder Drogen nehmen, sei oft panisch und von Unwissenheit im Umgang mit diesen Sucht­mitteln geprägt. Eltern wollen ihre Kinder, wenn sie es merken, am liebsten irgendwo einweisen, weiß die Suchtberaterin. Eltern wissen zu wenig darüber und wie sie helfen können oder wer helfen kann.

So starteten die Verantwortlichen in Görlitz eine große Aufklärungskampagne, vor allem an Schulen, Kinder- und Bildungseinrichtungen. Eltern­briefe wurden verschickt, Plakate mit dem Titel „Misch.Mit. Eine Anti-Drogen-Kampagne im Landkreis Görlitz“ in öffent­lichen Einrichtungen und Verkehrsmitteln platziert.

„Es ist wichtig, dabei viele Professionen zu bündeln. Uns steht das Wasser bis zum Hals, alleine schaffen wir es nicht“, erklärte Martina Weber, Zweite Bei­geordnete und Leiterin des Dezernates für Gesundheit und Soziales des Landkreises Görlitz. Sie lud die Mitglieder des Netzwerkes aus dem Saale-Orla-Kreis ein, von den verschiedenen Erfahrungen in Ostsachsen zu profitieren.

Im Vergleich stellten die Netzwerkmitglieder aus dem Saale-Orla-Kreis ähnliche Entwicklungen in Ostthüringen fest – unter anderem in der Entwicklung der registrierten Straftaten, wie der Leiter des Ermittlungsdienstes der Polizeiinspektion Saale-Orla, Klaus Mergner, informierte. Im Unterschied zu Ostsachsen gebe es in Ostthüringen zwar eine hohe oder gar steigende Zahl von Delikten mit illegalem Besitz von Amphetamin und Methamphetamin, der Besitz von Cannabis ging jedoch deutlich zurück. Den Mischkonsum Crystal-Cannabis gebe es hier offenbar weniger.

„Der Erfahrungsaustausch war für uns sehr lehrreich und wir sind sehr beeindruckt und dankbar für die Hilfe der Kollegen“, sagte Corina Fügmann, die im Landratsamt des Saale-Orla-Kreises im Jugendamt tätig ist.

Brit Wollschläger / 03.03.15 / OTZ

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