Magersucht: Anas gefährliche Umarmung

Magersucht: Anas gefährliche Umarmung

Magersucht bringt eine Art schizophrenes Denken mit sich. Einerseits weiß ich genau, dass mir das Hungern schadet, andererseits hasse ich jedes zusätzliche Gramm an mir. Ein Leserartikel von Astrid Jedrak
3. März 2015 18:25 Uhr

Seit fast zwei Jahren bin ich zurück im normalen Leben. Selbständig, frei, ohne unter Beobachtung zu stehen. Übersetzt heißt das: Seit fast zwei Jahren bin ich nicht mehr in der Klinik, wo ich wegen Magersucht behandelt wurde.

Als ich dort ankam, hatte ich mich auf 43 kg heruntergehungert. Und es war so leicht. Es war so schön. Es war ein gutes und beruhigendes Gefühl, mein eigenes Körpergewicht so dermaßen unter Kontrolle zu haben. Eine Sicherheit, die mir sonst nichts und niemand geben konnte. Ich war leicht und ich redete mir ein, alles wäre leichter für mich, je leichter ich selbst würde. Aber als ich schließlich realisierte, dass ich ernsthaft krank bin, wollte ich nur noch eines: gesund werden.
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Heute, fast zwei Jahre später, bin ich zwar immer noch nicht gesund, aber zumindest ist mir die Schizophrenie bewusst, die diese Krankheit mit sich bringt. Ich weiß, ich bin krank und ich weiß, es macht mich kaputt, mich so zu ernähren, wie ich es tue. Ich weiß, dass es gar nicht so schön ist, wie ich mir einrede, so schlank, nein, dünn zu sein. Trotzdem weiß ich nicht, wie ich aufhören soll, jede Minute ans Essen oder Nichtessen zu denken.

Mein ganzer Tag wird dominiert von diesen miesen, widerwärtigen Gedanken um Gewicht, Leichtseinwollen, Kalorien, Essen, Hungern. Wie viel darf ich heute noch essen, damit man es mir morgen nicht ansieht? Wie viel darf ich essen, ohne dass ich morgen ein Kilogramm mehr auf die Waage bringe und sie mich höhnisch auslacht? Morgens zwei Joghurts, dann höchstens noch zwei Brezeln über den Tag verteilt – natürlich ohne das Weißbrot innen, nur die Kruste. Die hat nicht so viele Kalorien.

Das muss ich jetzt zwei Tage so durchziehen, damit ich die Völlerei von gestern Abend wieder ausgleichen kann. Ja, genau. Ich esse fast gar nichts oder ich fresse. Die reinste Völlerei findet an Tagen statt, an denen ich die Kontrolle verliere. An diesen Tagen weiß ich schon vorher, dass ich es später bereuen werde, mich vollzustopfen, und dennoch kann ich es nicht lassen. Es ist Belohnung und Bestrafung zugleich. Und dann esse ich und esse und esse. Das ist der momentane Genesungsstand. Immerhin – zu Beginn habe ich die gelegentliche Völlerei weggelassen und nur gehungert.

Aber schon während des Essens kreisen meine Gedanken um morgen – wie ich morgen aussehe, ob mein Bauch wieder dicker sein wird, welche Hose ich am besten anziehe, damit nicht alles überquillt. Ich empfinde Hass gegenüber meinem Äußeren. Mein Spiegelbild schreit mich an: "Du bist so fett – du wirst immer hässlicher!" Ich sauge die Schreie auf, bis ich sie nicht mehr ertragen kann. Ich verhänge meinen Spiegel, damit ich unsichtbar bin.

Solche kranken Gedanken bestimmen mich noch immer. Ich dachte, nein, ich hoffte, sie würden irgendwann verschwinden. Ich dachte, es würde besser, je mehr ich realisiere, dass es nicht Sinn des Lebens sein kann, krank zu sein. Zwischendurch funktioniert es. Aber nur kurz. Der Hirnfick kommt schneller zurück, als mir lieb ist, und die Gedanken drängen sich ungefragt wieder in meinen Alltag. Sie reden mir ein, ich müsse einer bestimmten Norm entsprechen. Ich müsse schlank sein, um akzeptiert zu werden. Ich müsse perfekt sein.

In der schlimmsten Phase habe ich sogar mit Ana gesprochen

Seit meiner Entlassung aus der Klinik habe ich zehn Kilo zugenommen. Ein Teil von mir ist damit einverstanden, der andere überhaupt nicht. Die eine Astrid findet es richtig, gesünder zu werden. Etwas mehr körperliche Stabilität zu haben, "normaler" zu sein. Es ist ja vernünftig, gesund sein zu wollen. Diese eine Astrid verurteilt so sehr das Oberflächliche, das die Krankheit mit sich bringt. Sich nur auf das Äußere eines Menschen zu konzentrieren, das ist so widerlich. Und eigentlich bin ich gar nicht so.

Doch die andere Astrid, meine andere Hälfte, die lebt diese Oberflächlichkeit. Es zerreißt sie fast, wenn sie nur ein bisschen mehr Bauch spürt als am Vortag. Sie hasst ihr Spiegelbild und zerstört sich selbst. Verletzt sich, um sich mit dem Schmerz vom eigenen Spiegelbild abzulenken. Sie verabscheut Sätze wie "Mensch, endlich siehst du wieder gesund aus" oder "Die paar Kilos mehr stehen dir wirklich super". Denn gesund aussehen heißt übersetzt: "Du bist fett geworden."

Normalerweise bilden zwei Hälften ein Ganzes. Im Idealfall Vollkommenheit. Doch bei mir ist es so, als würde ein Krieg in mir toben. Astrid gegen Astrid. Total schizophren. Und das Unglaubliche daran ist, dass ich genau verstehe, dass ich als ganze Astrid hier richtigen Scheiß baue, und ich kann es auch anderen ganz prima vermitteln, wenn sie ungefähr den gleichen Scheiß bauen. Ich kann tolle Tipps und Ratschläge verteilen, kann genau beurteilen, was richtig und was falsch ist. Außerdem verurteile ich jeden, der andere Menschen nur nach dem Äußeren beurteilt. Ich erkenne innere Schönheit und Charakter und lege Wert darauf. Nur nicht bei mir selbst. Ich will, aber ich kann nicht. Ich bin meinen Gedanken ausgeliefert. Ich bin machtlos.

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In der schlimmsten Phase meiner Magersucht habe ich sogar mit ihr gesprochen. Meine Form der Essstörung, Anorexie, wird auch Ana genannt. Also habe ich Ana gebeten, immer bei mir zu bleiben, immer für mich da zu sein. So oft wurde ich schon verlassen, so oft schon habe ich Menschen verlassen, die mir Schlechtes angetan haben. Doch man kann und will nicht immer allein sein in seinem Leben. Irgendwann sehnt sich jeder nach Liebe, nach Wärme, nach Zuneigung, und nach etwas oder jemandem, der für einen da ist. Sicherheit, Halt, Kontinuität. Ana hat mir all das gegeben. Am stärksten war sie in meinen schwächsten Momenten. Wenn ich sie brauchte, war sie da, und ich brauchte sie eigentlich immer. Immer mehr und immer häufiger. Ständig. Ihre Umarmung tat mir gut. Und je mehr ich mich auf Ana verließ, je mehr ich mich in sie und ihre starken Arme fallen ließ, desto weniger brauchte ich noch die Nähe oder Zuneigung von anderen. Ich entfernte mich von fast allen Menschen aus meinem Umfeld – und kam Ana und ihrem Wahnsinn näher und näher. Zwischen uns wuchs eine Liebe, eine Hassliebe.

Mittlerweile habe ich begriffen, dass Anas Umarmungen mir nicht geben können, was ich eigentlich brauche. Ich habe verstanden, dass sie mich beinahe in den Abgrund gerissen hätte. Mittlerweile bin ich auch gewillt, mich aus ihren Klauen, ihren festen Umarmungen zu lösen. Doch leider bin ich noch nicht soweit, zu akzeptieren, dass ich dadurch mehr werde. Breiter, robuster, stärker. Fetter.

Aber je mehr ich werde, desto kräftiger werde ich auch. Und um mich aus Anas Umarmung zu lösen, brauche ich alle Kraft der Welt. Also sage ich mir und meiner anderen Hälfte: Go on, Astrid. Irgendwann bist du frei.

Es gibt Themen, über die niemand so gut berichten kann wie Betroffene. Trotzdem veröffentlichen wir in der Regel keine Texte von Lesern über Essstörungen. Weil wir wissen, dass "sich etwas von der Seele schreiben" nicht immer so gut tut, wie die Verfasser glauben, zumindest wenn es öffentlich geschieht. Gerade intime Berichte rufen oft Reaktionen hervor, mit denen nicht jeder umgehen kann. Bei diesem Text hatten jedoch wir Gründe, anders zu entscheiden: Die Autorin spricht und schreibt schon lange über ihre Krankheit. Sie schreibt schonungslos offen, aber sehr reflektiert, und vermittelt auch Nichtbetroffenen, warum es wichtig ist, über Magersucht zu sprechen.

Informationen zu Essstörungen und Hilfsangeboten für Betroffene finden Sie zum Beispiel auf dieser Webseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

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