Ron Coleman/Großbritannien: Recovery - ein fremdartiges Konzept

Wo und wann?

2000 erschien Ron Colemans Buch »Recovery - an alien concept« in Großbritannien. Das Buch kann wie auch andere Publikationen - z.B. »Working Towards Recovery« (Ron Coleman, Paul Baker, Karen Tayior) - über seine Webseite

Wer?

Zwischen 1982 und 1991 war Ron Patient mit der Diagnose »Schizophrenie«. Über sechs Jahre davon war er in stationär in Behandlung. Auf die Stimmenhörerbewegung stieß er 1991, wurde deren Koordinator in England und ist seitdem international als Berater und Trainer im Gesundheitsbereich äußerst erfolgreich. Mehrere Bücher und Manuale sind in mehreren Sprachen erschienen. Seine Arbeitshilfe zum Umgang mit Stimmenhören (gemeinsam mit Mike Smith) liegt als deutsche Ausgabe als Psychosoziale Arbeitshilfe 14 im Psychiatrie-Verlag vor. Mit seiner Frau und Geschäftspartnerin Karen Tayior und seinen fünf Kindern lebt Ron in Schottland.

Für wen?

Ron Colemans Buch wendet sich an Betroffene und an professionelle und private Helfer. Neben seiner persönlichen Geschichte enthält das Buch auch eine Konzeptualisierung von Recovery und einen persönlichen Recovery-Plan, der Betroffenen und deren Helferinnen eine Orientierungshilfe sein soll für mehrere Schritte zu erwünschten Veränderungen im Leben.

Grundidee

Die Idee von Recovery scheint sowohl bei den Betroffenen als auch bei den Profis verloren gegangen zu sein. Die Idee, wieder gesund zu werden, ist in Vergessenheit geraten und fremd (»alien«) geworden. Dabei ist doch nicht nur um die Stabilisierung eines Zustandes wichtig, sondern Gesundheit wiederzuerlangen. Rons eigene Geschichte ist keine Ausnahme. Recovery ist für Viele möglich.

Die Reise in die Krankheit

Rons Geschichte beginnt in seiner Kindheit, in der er gerne als Elfjähriger Priester geworden wäre. Er erleidet sexuellen Missbrauch, der natürlich für ihn einen Schock und ein Trauma darstellt. Ron ist der Überzeugung, er hätte das Trauma unbeschadet überstehen können, wenn sich nicht bald eine andere Tragödie von großem Ausmaß ereignet hätte. Seine erste Lebensgefährtin Annabelle begeht völlig überraschend den Freitod. Etwas später hört Ron nach einem Sportunfall die ersten Stimmen. Zwar sucht er medizinische Hilfe, doch lehnt er eine stationäre Aufnahme ab und wird drei Tage später zwangseingewiesen. Er bekommt die Diagnose »paranoide Schizophrenie«. Die nächsten zehn Jahre verlebt Ron als psychiatrischer Patient. Dabei verbringt er einen großen Teil dieser Zeit in psychiatrischen Krankenhäusern. Die Medikamente helfen nicht wirklich, die Anteilnahme und Unterstützung seitens der Betreuerinnen tun zwar gut, bringen jedoch auch keine Besserung.

Die Recovery-Reise: Wegbereiter und Navigatoren

Ron selbst glaubt nicht mehr daran, dass ihm geholfen werden könnte. Eine Betreuerin glaubte jedoch daran, dass Ron von der Selbsthilfegruppe der Stimmenhörer Hilfe erhalten könnte und begleitete ihn dorthin. Dort fanden sich nun andere Stimmenhörer, neue Freunde und Profis, die ihm auf der einen Seite ermöglichten, sich mit seinen eigenen Stimmen auseinanderzusetzen, und auf der anderen Seite dabei, wieder seine früheren Interessen aufzunehmen. Langsam beginnt er an eine mögliche Veränderung seiner Situation zu glauben. Recovery geht ja auch nicht in Isolation von statten, sondern ereignet sich im Kontakt mit anderen Menschen. Sieht man diese anderen Menschen als Bausteine im Recovery-Gebäude, so ist man selbst der Eckpfeiler.

From victim to victor - vom Opfer zum Sieger

Auf der Reise zur Recovery steht man sich selbst am meisten im Wege. Die Patientenrolle bringt es mit sich, dass man Hilfe und Orientierung von anderen bekommt. Um zu recovern muss man die Idee, dass man in der Hauptsache krank ist, aufgeben und dafür den Gedanken zulassen, dass man aus der Patientenrolle heraustreten kann. Um dieses Ziel zu erreiichen, akzeptiert man den eigenen Wert in der und für die Gesellschaft und nimmt man die eigenen Rollen als Mitglied der Gemeinschaft der Bürger an. Dazu benötigt man Selbstwert und Selbstachtung. Selbsterkenntnis hilft dabei, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen. Das erlernte Verhalten, welches einen hindert, muss erkannt und verändert werden. Auch muss man Verantwortung für sich selbst übernehmen. Ron sagt, er sei »psychotic and proud« (»psychotisch und stolz«) und das ist auch sein voller Ernst. Selbstbewusstsein darüber, wer und wie man ist sowie wer und wie man sein kann, sind wesentliche Bedingung des Schritts »from victim fo victor« - »vom Opfer zum Sieger«. Man entscheidet sich dagegen, weiterhin in Selbstmitleid als arme kranke Person ständig auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein und dafür, dass man sein Leben wieder selbst in die Hand nimmt.
Sich auf den Weg der Recovery zu machen, ist eine weitere Entscheidung. Wer jedoch eigene Entscheidungen trifft, der macht auch eigene Fehler. Wer seine Identität über die Krankheit definiert, kann bei Fehlern zurück in die Psychiatrie laufen. Die Verantwortung wird an die Biologie der Erkrankung abgegeben; man setzt sich also nicht mit der eigenen Menschlichkeit auseinander. Entscheidungen können in die falsche Richtung gehen - wir machen Fehler. Und es gilt, Verantwortung zu übernehmen für gute und schlechte Entscheidungen. Es macht dabei einen Unterschied, ob man einen Fehler macht oder ob man schlicht einen Rückfall hat. Wer seine eigenen Entscheidungen selbst verantwortet, der kann neue Erfahrungen mit sich selbst machen, seine Schwächen kennenlernen und sich verändern und verbessern.

»Choice« bedeutet Wahlfreiheit und ist der Zement zum Recovery-Gebäude. Demokratie definiert sich dadurch, dass Bürgerinnen die Freiheit haben, ihre eigene Wahl bezüglich Lebensstil und Beziehungen zu treffen. Auch die psychiatrischen Einrichtungen sehen in der Theorie in ihren Leitlinien vor, sich als wesentliches Element ihrer Qualität nach den Entscheidungen ihrer Patienten oder Klienten zu richten. Die Realität sieht jedoch regelmäßig ganz anders aus. Die Psychiater entscheiden für ihre Patienten. Betreuer haben zu wenig Wissen über Alternativen zu konventionellen Behandlungen. Die Patienten werden kaum genügend informiert, um tatsächlich eine volle Entscheidungsgrundlage zu haben. Die Einrichtungen entlassen die Patienten nach stationären Aufnahmen in Umgebungen, die ihre Verletzlichkeit erhöhen.
Wahlfreiheit bedeutet nicht nur, dass man sich zwischen bestehenden Alternativen entscheiden kann - z. B. zwischen dem einen Medikament und dem anderen -; es bedeutet auch, dass man eigene Ideen einbringen und umsetzen kann. Profis dürfen sich in ihrem Angebot nicht nur darauf beschränken, was ihnen selbst als Bedürfnis ihrer Klienten so einfällt, sondern müssen unvoreingenommen versuchen, die Wünsche der Patienten zu erfassen.
Dazu muss der Patient auch lernen, als Klient die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu kennen und auch ausdrücken zu können. Ron hatte in der Hitze der Diskussion der Visitensituation regelmäßig vergessen, was er eigentlich alles gewollt hatte. Deshalb bediente er sich eines Patientenanwalts, um seine Fragen an die Psychiater vorzubereiten und niederzuschreiben. So konnte er seine Wünsche zum Ausdruck bringen.

»Ownership of the experience« - Anerkennen und Nutzung der eigenen Erfahrung

Als Ron seine ersten Stimmen hörte, war das für ihn ein Zeichen von Wahnsinn. Das entfremdete ihn nicht nur von der Umgebung, sondern auch von sich selbst. Er beschreibt ein
entfremdetes Selbst, das zunächst ängstlich war und später ängstlich und wütend. Er vertraute nicht mehr in seine eigene Erfahrung. Und er sah keinen Sinn in seinen Erfahrungen in unserer Gesellschaft. Die Erfahrungen hat er den Profis überlassen, und diese hatten die Diagnose »Schizophrenie« gestellt und die entsprechende Behandlung eingeleitet. Die Diagnose, die medikamentöse Therapien und die Elektrokrampfbehandlungen (EKT) halfen ihm jedoch nicht. Erst der Kontakt mit anderen Stimmenhörern führte dazu, dass er seine eigene Erfahrung ernst nahm und sie mit seiner Lebensgeschichte in Verbindung brachte. Dabei änderte sich etwas. Als wesentlichen Beginn seiner Recovery sieht Ron an, dass er aufhörte, »Ron, der Schizophrene« zu sein, sondern sich selbst als »Ron, der Stimmenhörer« bezeichnen konnte. Rons Kritik geht insbesondere gegen die Definitionsmacht der Psychiatrie, schon wegen der mangelnden wissenschaftlichen Validierung der Diagnose »Schizophrenie«. Er sieht seinen Selbstwert und seine Selbstakzeptanz dadurch behindert, dass die persönliche Erfahrung auf den Ausdruck einer Erkrankung reduziert wird und der Eindruck eines defekten und reparaturbedürftigen Selbst vermittelt wird. Es ist also wichtig, seine Erfahrung für sich selbst zurückzuerobern und zu benutzen. Nur der, der die Erfahrung des Verrücktseins »besitzt«, kann auch Recovery in Besitz nehmen.
Es wirkt absolut befreiend, die eigene Erfahrung wieder in Besitz zu nehmen. Dabei geht es nicht nur um Selbstermächtigung, sondern um Rückgewinnung der Macht, die an die Profis abgegeben worden war. Natürlich bedeutet das alles nicht, dass professionelle Helfer keinen großen Anteil an Recovery-Prozessen ihrer Klientinnen hätten. Ron arbeitet inzwischen selbst als psychiatrischer Profi. Ein zentrales Kapitel des Buches wendet sich an die Rolle von professionellen Helferinnen, die als wirksame Kräfte in der Recovery ihrer Klienten arbeiten. Die Beschreibungen von Rons eigener Arbeit mit Klienten nach seinem C. 0. P. S. Recovery-Plan sind eindrucksvolle Beispiele von Recoveryarbeit und -ermöglichung.

Das C.O. P. S. Recovery Programm

Die Planen spielt eine sehr gewichtige Rolle. Personenzentrierte Hilfeplanung ist das Schlagwort dazu, wobei Ron in seinem Vorschlag zum Recovery-Plan betont, dass es seines Erachtens nicht so sehr um Hilfe geht, sondern um Entwicklung. Entwicklungen können geplant werden, indem gefragt wird nach Erfolgen, auf denen man aufbauen kann, sowie Hürden und Schwierigkeiten, die überwunden werden müssen. Es ist zu unterscheiden zwischen Zielen, die man aus eigener Kraft heraus erreichen kann, und Zielen, für die man Hilfe braucht. Es ist wichtig für eine erfolgreiche personenzentrierte Entwicklungsplanung, dass man die Person, die bei der Planung mitwirkt, gut ausgesucht worden ist. Es wäre ohnehin wichtig, dass sich Klienten und Helferinnen in psychiatrischen Einrichtungen gegenseitig aussuchen können. Ansonsten entstehen nutzlose und unter Umständen sogar gefährliche Situationen, in denen die Chemie zwischen Klient und Betreuer nicht stimmt. Es gibt inzwischen Einrichtungen, die es ermöglichen, dass Klienten sich die Betreuer aussuchen, oder solche, wo es zumindest möglich ist, bei Bedarf einen Betreuerwechsel vorzunehmen. Diese Einrichtungen machen mit diesem ANsatz beste Erfahrungenweil sich auf diese Art viele Probleme und Spannungen lösen. Zudem entstehen schneller vertrauensvolle Beziehungen, die einen wichtigen Bestandteil des Recovery-Plans darstellen.

Der persönliche Recovery-Plan des C.O. P. S. Recovery Programms (die Abkürzungen stehen für Choice = Wahlfreiheit, Ownership = Besitz, People = Menschen, Self = Selbst) eignet sich für jeden Betroffenen,, der eigene Recovery planen möchte, und erklärt kurz, von wem und wozu diese Arbeitshilfe entwickelt worden ist. Schon einleitend wird klargestellt, dass der Betroffene selbst entscheiden muss, wann und mit wem er den Plan machen möchte, wie lange er dazu braucht, wo er seine Notizen aufbewahrt und wer Einsicht haben darf. Zudem kann man bei der Abarbeitung Teile auslassen und überspringen oder die Reihenfolge ändern. Die Aussage »Du hast die Kontrolle!«, und »du triffst die Entscheidungen« ist also Programm in diesem Recovery-Plan . Neben den Freiheiten finden sich auch Forderungen an den Benutzer. Der Plan ruht auf drei Säulen, ohne die man gar nicht erst anzufangen braucht:

  • Sei ehrlich zu dir selbst!
  • Übernimm Verantwortung für dich selbst!
  • Sei deiner eigenen Recovery verpflichtet!

Entsprechend beginnt der Plan mit Phase l: »Was Recovery für mich bedeutet.« Darauf folgt die eigene Lebensgeschichte, wichtige Erinnerungen, Erfahrungen, Vorlieben und Fakten aus verschiedenen Lebensphasen und -bereichen. Später geht es darum, Schwierigkeiten und Bewältigungsstrategien sowie die bisherigen Erfahrungen mit der Psychiatrie zu beschreiben. Abschließend können erwünschte Veränderungen definiert werden, die jeweils mit einem Entwicklungsplan über Wege und Hürden angereichert werden. Erfolge sind deutlich zu dokumentieren.

Das Buch endet mit der optimistischen Aussage, dass das Konzept Recovery in die Praxis umgesetzt wird, die Idee lebt. und sich die Bewegung durchsetzt. Es ist Zeit, sich an der eigenen Recovery zu erfreuen!

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