Therapie: Auf dem Weg zurück in die Welt

Therapie: Auf dem Weg zurück in die Welt

Ein psychisch krankes Mädchen findet in einem therapeutischen Internat eine neue Familie: Die Geschichte einer Rettung.
DIE ZEIT Nº 07/2015 2. März 2015 11:36 Uhr

Drei bis vier Jahre lang bleiben Jugendliche wie Marta in der Weißen Villa.

Marta* war 17, als sie an einem Herbsttag eine neue Familie fand. Andere in ihrem Alter gehen als Austauschschüler ein Jahr lang nach Neuseeland, China oder Costa Rica. Marta zog von Jena in Thüringen nach Wernigerode im Harz. Drei Monate Psychiatrie lagen hinter ihr, zur Schule war sie schon länger nicht mehr gegangen. Zu Mutter, Vater und ihren vier Schwestern hatte sie kaum noch Kontakt. Marta trug enge Jeans, die ihre Beine noch dünner aussehen ließen. Sie war ausgezehrt, wog noch gut 50 Kilo, dunkle Schatten hatten sich unter ihre braunen Augen gelegt. Ein Vormund vom Jugendamt begleitete sie in den Harz, sonst niemand. Seitdem Marta aufgehört hatte zu funktionieren, war sie allein. Und als sie hoch oben über Wernigerode vor dem Tor des Kiefernwegs 7 aus dem Auto stieg und eine Mitarbeiterin des Therapeutischen Internats die Tür öffnete, sagte Marta: "Ich suche nur ein neues Zuhause."

Eineinhalb Jahre später. Ein eisiger Wind weht durch Wernigerode. Christoph Spamer, der das Therapeutische Internat Weiße Villa Harz vor zwölf Jahren gemeinsam mit seiner Frau gegründet und aufgebaut hat, trifft Marta zum Nachmittagskaffee, nimmt sie in den Arm, drückt ihr einen Kuss auf die Wange und blickt ihr prüfend in die Augen. Wie geht’s? Was ist los? Krise überstanden? Marta sieht erschöpft aus, ringt sich ein Lächeln ab. Zwei Tage lang hat sie wieder gekämpft mit der Erinnerung, mit dem Schmerz, gegen die alten Fluchtreflexe. Vorgestern, am Sonntag, war die Mutter zu Besuch im Internat. Zum zweiten Mal. Aber es war das erste Mal, dass sie überhaupt etwas sah und hörte, sich "wirklich eingelassen hat", wie Marta das sagt. Als die Mutter weg war und Marta allein, kamen die alten Bilder wieder hoch. Sie saß auf ihrem Bett, weinte, versuchte, sich abzulenken, "zu betäuben", flüchtete sich in kurzlebige Projekte, in Sport, wich anderen aus, schlief nicht, ging nicht zur Schule. So fing es damals an, als sie 14 war, und so ging es lange weiter. Vor zwei Jahren noch wäre sie in diesem Zustand einfach verschwunden, weggeblieben, bis keiner mehr nach ihr gefragt hätte. Hier im Internat kann sie sich nicht verstecken.

Das sei das Erste, was man den jungen Menschen austreibe, sagt Christoph Spamer. "Wir entreißen ihnen den Apparat, in dem sie sich bisher verkrochen haben."

40 Kinder und Jugendliche leben zurzeit in der Weißen Villa Harz. Die Jüngsten sind zwölf Jahre alt, die Ältesten 21. Sie kommen, weil nichts mehr geht. Weil alles versucht wurde, bei Ärzten, Analytikern, Therapeuten, Psychiatern, ja sogar Wunderheilern – ohne Erfolg.

Ihre Geschichten klingen oft ähnlich. Die meisten waren unauffällige, gute bis hochbegabte Schüler, die wussten, was von ihnen erwartet wurde, die alles gaben, um den Anforderungen von Elternhaus und Schule zu genügen. Bis irgendwann die Maske fiel, die Fassade zusammenkrachte, die Seele rebellierte. Dann gingen sie nicht mehr zur Schule, trauten sich nicht mehr aus dem Haus, trauten keinem mehr, entwickelten Angststörungen, Depressionen, Bulimie, Spielsucht, Verhaltensauffälligkeiten und Borderline-Symptome. Kinder, die aufgehört haben zu sprechen, kommen nach Wernigerode, junge Menschen, die sich selbst verletzen, um überhaupt noch etwas zu spüren. Die Gründe: Trennungen, Familienkrisen, sexueller Missbrauch, Mutter oder Vater erkranken schwer oder sind beruflich erfolgreich und viel unterwegs, aber nie zu Hause. Die Eltern kämen ähnlich traumatisiert in Wernigerode an wie die Kinder, sagt Spamer. "Viele dieser Jugendlichen wurden von Therapeuten und Experten längst aufgegeben, die sollten mit 18 in die Frühverrentung."

Christoph Spamer ist Diplompädagoge und Supervisor. Er hat große Jugendhilfe-Einrichtungen geleitet, später in forensischen Kliniken gearbeitet, er weiß, dass solche "hochkomplexen Störungsbilder" vor allem Zeit brauchen. Viel Zeit und noch mehr Zuwendung. Als er und seine Frau ihre Arbeit in Wernigerode begannen, planten sie, mit einem nahe gelegenen Internat zu kooperieren, das für seelisch belastete Kinder kaum therapeutische Kapazitäten hatte. Aus finanziellen Gründen aber wollte man dort diese Schüler nicht verlieren. Deshalb sagte man den Spamers, man wolle die Kinder möglichst nach drei Monaten zurück, und bitte geheilt! Noch heute schüttelt das Paar den Kopf darüber. In der Regel bleiben die Jugendlichen drei bis vier Jahre bei ihnen. Ein Team von fast 40 Mitarbeitern, darunter Sozialpädagogen, Psychologen, Lehrer und Therapeuten, kümmert sich um die "jungen Menschen", wie man sie in Wernigerode nennt. Vor allem am Nachmittag, am Abend, in der Nacht. Vormittags besuchen sie die staatlichen Schulen der Stadt. Wichtigstes Ziel: Die Jugendlichen sollen zurück in die Gesellschaft. So schnell wie möglich, raus aus der Isolation, raus aus der Angst. Das Internat als sicherer Ort, gern auch als "Zweitfamilie auf Zeit", aber nicht als Blase, die mit dem Leben draußen nichts zu tun hat.

Eine kleine, internatseigene Schule gibt es erst seit gut einem Jahr. Sie ist für jene Kinder gedacht, die sich den Schritt in eine fremde Klasse gerade am Anfang noch nicht zutrauen. Hier wird streng nach Lehrplan gearbeitet, meist in Einzelunterricht. Nach einigen Monaten werden die Kinder aus dem Schonraum entlassen. An den Gymnasien und Regelschulen sind sie Schüler wie alle anderen auch. "Keine Sonderrolle!", sagt Christoph Spamer. "Keine Extrabehandlung." Das Internat unterstützt die Lernentwicklung am Nachmittag mit festen Hausaufgabenzeiten; vor Prüfungen und Abitur wird auch sonntags gepaukt.

Ritterrüstung ist hier nicht angesagt"
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Die Weiße Villa | © privat

Das alles hat seinen Preis. Ein Platz in Wernigerode kostet 6.000 Euro im Monat. Die Eltern beteiligen sich einkommensabhängig, den Großteil bezahlt der Staat. Rechtliche Grundlage ist häufig der Paragraf 35a des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Danach erhalten Jugendliche Unterstützung, deren "seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für ihr Alter typischen Zustand abweicht". Jugendämter aus ganz Deutschland schicken Kinder nach Wernigerode; die Nachfrage ist groß. Rund 140 Anfragen von Jugendlichen in Not erhält das Internat pro Jahr.

Die Weiße Villa ist ein Ort der klaren Strukturen, Regeln und Grenzen. Dinge, die viele Jugendliche aus dem Zusammenleben mit ihren Eltern nicht mehr kannten. Es gebe ein Mädchen, erzählt die Psychologin Karin Morgenroth bei einem Rundgang durch das Haus, die habe ihre Mutter so weit gebracht, alles zu kaufen, was das Kind wollte. Egal, wie teuer die Turnschuhe waren, sie bekam sie – und wenn nicht, machte sie der Mutter das Leben zur Hölle. "Solche Kinder ordnen sich nicht von einem Tag auf den anderen unter. Die Auseinandersetzungen sind heftig. Die wehren sich, protestieren. Da ist es gut, dass wir die Arbeit auf viele Schultern verteilen. Wenn der eine nicht mehr kann, stellt sich der Nächste in den Ring." Das Therapeutische Internat hilft und unterstützt, aber erwartet auch viel, von den Kindern genauso wie von den Eltern. Vier- bis fünfmal im Jahr werden die Eltern zu Seminaren eingeladen. Dort sollen sie über ihre Rolle nachdenken, über ihre Verantwortung an der Krise, in die ihre Kinder geraten sind. Es geht darum, Tabus aufzubrechen und sich endlich nichts mehr vorzumachen. Das falle gerade den gut situierten, nach außen erfolgreichen Familien sehr schwer, sagt Spamer.

Marta streift durch die Räume der Weißen Villa, wie ein Kind, das lange nicht mehr zu Hause war. Sie wohnt inzwischen in einer Wohngemeinschaft in der Stadt, nicht ganz allein, umgeben von Betreuern auch dort, aber sie verbringt ihren Tag selbstständig, holt sich nur noch Hilfe, wenn sie diese braucht. "Das ist die Vorbereitung auf das Studentenleben", sagt Christoph Spamer. Der Umzug in eine neue Wohngruppe steht immer für einen Fortschritt, für eine Entwicklung. Die meisten fangen in der Weißen Villa an, wo auch die Spamers, drei Hunde und eine Katze ihr Zuhause haben. Marta weiß noch, wie sie in der ersten Woche jeden Abend auf dem Bett saß und "drei Stunden nur geheult" habe. Aber anders als sonst war nun jemand bei ihr. Diese "absolute Wärme" sei ihre Rettung gewesen, sagt Marta heute. "Das hat mich umgehauen. Ich hatte vergessen, wie herzlich Menschen sein können."

Wenn Marta ihre Geschichte erzählt, merkt man schnell, dass sie Übung darin hat, sich an das Unerträgliche zu erinnern. In einer Art dokumentarischen Sprache beschreibt sie, wie ihr alles genommen wurde. Sie wächst als drittes von fünf Kindern in einer wohlhabenden Familie auf. Der Vater verdient viel Geld mit der eigenen Firma, es reicht für eine Villa, für Putzfrau und Köchin. Die Kinder gehen reiten, spielen Instrumente, Theater. Nach der Grundschule schafft Marta die Aufnahmeprüfung für ein naturwissenschaftliches Spezialgymnasium. Ohne Anstrengung schreibt sie Einsen und Zweien. Die Leidenschaft für Mathe, Physik, Chemie und Technik teilt sie mit ihrem Vater. Er nimmt sie mit ins Planetarium, in Museen, sie diskutieren viel. "Ich war als Einzige unter uns Schwestern ein Papa-Kind. Ich hab ihn über alles geliebt."

Als Marta 14 ist, bricht auf einmal alles zusammen. Der Vater verliert in der Wirtschaftskrise viel Geld. Die Firma steht vor der Insolvenz und der Vater vor Gericht. Er fängt an zu trinken. Die Mutter verliert sich in einer tiefen Depression, holt sich keine Hilfe. Für die Kinder werden die Eltern unerreichbar, sie schreien sich nur noch an, trennen sich aber nicht. Die große Schwester bleibt nach einem Auslandsjahr in Australien, die andere flüchtet sich in eine Essstörung und zieht in eine betreute Wohngruppe. Es bleiben Marta und ihre kleinen Schwestern. Und Marta versucht zu funktionieren. Betäubt sich mit Aufgaben und Projekten. Sie bleibt lange in der Schule, geht danach oft noch zu Freunden. "Irgendwann wollte ich gar nicht mehr nach Hause. Mir ist richtig schlecht geworden, wenn ich nur daran dachte." Sie schwänzt die Schule, meldet sich krank, bleibt im Bett. Niemand merkt, wie es ihr geht, niemand fragt, ob er helfen kann. Auch nicht die Menschen, die sie am dringendsten braucht. Die Mutter liegt verwahrlost auf dem Sofa. Der Vater landet mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. "Wie ein Zombie sah er da aus", sagt Marta.

In der Psychiatrie hatten sie überhaupt keine Lösung für mich"
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Auch Seminare für Eltern werden angeboten. | © privat

Sie geht selbst zum Jugendamt, sie weiß, wer dort ihrer Schwester geholfen hatte. Sie sagt der Mitarbeiterin, sie halte es nicht mehr aus zu Hause, und veranlasst, dass sie einen Platz in einer betreuten Wohngruppe bekommt. Als sie auszieht, rastet die Mutter aus, die Polizei kommt, Marta fühlt sich schuldig. Dann ist sie weg. Die Eltern erfahren nicht, wo sich die Tochter aufhält. Marta geht mal zur Schule, mal nicht, sie wirkt cool und gefasst, keiner kann in sie hineinschauen. Dann die Bulimie. Sie stopft Unmengen an Essen in sich rein, erbricht es wieder. Essen. Brechen. Essen. Brechen. Irgendwann heißt es: Du musst in die Klinik. "Das war die totale Selbsterniedrigung. Aber gleichzeitig ein Moment, in dem mir alles egal war", sagt Marta.

Drei Monate blieb Marta in der Psychiatrie – ohne Perspektive. "Die hatten überhaupt keine Lösung für mich", sagt sie. "Wir redeten und redeten, ohne zum eigentlichen Kern vorzudringen. Ich wollte raus da, ich brauchte etwas Konkretes, etwas zum Leben." Ein Zuhause gab es nicht mehr. Wohin sollte sie? Sie fand einen Prospekt in der Klinik. Die Weiße Villa in Wernigerode. Vielleicht können die mir noch helfen, dachte Marta und fuhr hin.
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Gabriele und Christoph Spamer wurden ihre zweite Familie. Sie hat mit ihnen Weihnachten verbracht, und in den Ferien bleibt sie oft in Wernigerode, wenn andere zu ihren Eltern fahren. Das Ehepaar lässt das zu, weil sie wissen, dass eine Entwicklung bei den Kindern "nur in einer echten, ehrlichen Beziehung stattfinden kann". Deshalb sind ihre Türen immer offen, deshalb ist ihr Handy immer an – wenn es einer am Heimfahrtwochenende zu Hause nicht aushält, kann er kommen, die Spamers sind da. "Wie wir leben, das kann man keinem anderen zumuten", sagt Gabriele Spamer. Und doch verlangen sie auch von ihren Mitarbeitern überdurchschnittliches Engagement. "Hier spielt das Leben mit allen Höhen und Tiefen, die es zu bieten hat, das lässt sich nicht in einen Achtstundentag pressen." Wer hier arbeite, der müsse bereit sein, viel von sich zu zeigen. Gerade in den Gesprächen, in den Therapien mit den Jugendlichen. "Ritterrüstung ist hier nicht angesagt", sagt die Chefin.

Marta war verblüfft, wie viel die Therapeuten von sich selbst erzählt haben. Sie kannte nur solche, die betroffen schauten, am laufenden Band Fragen stellten und darauf warteten, dass sie alles preisgibt. Marta sagt, am Anfang habe sie nicht geglaubt, dass es die Menschen im Internat in Wernigerode ernst mit ihr meinten, dass diese Beziehungen wirklich sicher seien. Sie ist weggerannt, hat geklaut, schwänzte auch hier die Schule. "Ich wollte sehen, ob die das aushalten."

Wie blickt sie heute auf ihr Leben damals in Jena zurück? Als alle Fassaden noch standen, alle noch funktionierten? "Ich frage mich oft: War ich glücklich damals? Und denke dann: Ich war ehrgeizig, ich war leer, ich war absolut oberflächlich in meinen Beziehungen."

Am nächsten Morgen steht Marta frierend vor dem Gymnasium. Sie hat sich nur eine Strickjacke vom Haken gegriffen, als sie losging. Jetzt sind es null Grad. Marta zuckt mit den Schultern: "Geht schon." Die Schule sei für sie "immer noch ein kaltes System". Die Mitschüler seien in Ordnung, aber sie habe keine Themen mit ihnen. "Ihre Leben langweilen mich." – "Dorfschule", sagt Marta abfällig. Kein Vergleich zu den Anforderungen, die es in Jena gab.

Sie kennt ihre Begabungen, die sind immer noch da. Aber dieses Leistungsdenken hilft ihr nicht dabei, ihre Geschichte zu verarbeiten, "Mensch zu werden", wie Christoph Spamer das nennt. Sich darauf vorzubereiten, allein klarzukommen, so weit ist sie noch nicht. Ein Jahr würde sie gern noch in Wernigerode bleiben. Wenn alles klappt, macht sie ein Freiwilliges Soziales Jahr im Internat. "Dann kann ich etwas zurückgeben", sagt Marta.

Wen sie zum Abi-Ball mitbringen werde, will die Lehrerin in der Pause noch wissen. "Die Spamers", sagt Marta sofort. "Die müssen dabei sein!" Ob ihre Eltern kommen, die inzwischen getrennt sind und an unterschiedlichen Orten leben – wer weiß? "Bei manchen Dingen funktionieren sie noch erstaunlich gut", sagt Marta.

Die Ferien beginnen. Marta fährt nach Jena. Für einen kurzen Besuch beim Vater. "Wenn ich ihn sehe, suche ich nicht mehr nach dem Idealbild", sagt sie schnell.

Mehr als ein Jahr hat Marta für diesen Satz gearbeitet. "Mir reicht es, wenn es wenigstens einen guten Moment mit ihm gibt." Einen, der sich anfühlt wie früher.

*Name geändert

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