Wie der Saale-Orla-Kreis gegen Problem-Droge Crystal Meth vorgeht

Wie der Saale-Orla-Kreis gegen Problem-Droge Crystal Meth vorgeht
27.02.2015 - 08:05 Uhr

Es hilft nur Aufklärung: Courage gegen Crystal - Teil I. Ein Netzwerk im Saale-Orla-Kreis betreibt Aufklärung über die gefährliche Droge Crystal Meth. Polizei, Suchtberatung und Landratsamt gehören ­dazu. Nächster Schritt ist eine Schulleiterkonferenz.

Pößnecker Schüler betrachten das große C am Ortseingang von Pößneck, das sinnbildlich für Courage gegen Rechts aufgestellt wurde. Florian, Emily, Vivien und Liesa diskutierten bei einem Spaziergang am 26. Februar, wofür das "C" steht. Foto: Brit Wollschläger Pößnecker Schüler betrachten das große C am Ortseingang von Pößneck, das sinnbildlich für Courage gegen Rechts aufgestellt wurde. Florian, Emily, Vivien und Liesa diskutierten bei einem Spaziergang am 26. Februar, wofür das "C" steht. Foto: Brit Wollschläger
Pößneck. "Es hilft nur Aufklärung über diese gefährliche Droge Crystal Meth, sonst werfen immer mehr Leute ihr Leben damit weg", sagt Helmut Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Saale-Orla. "Aber man braucht Courage, um das Thema öffentlich anzusprechen, so Schmidt, der maßgeblich mit dafür gesorgt hat, dass das Thema im Saale-Orla-Kreis seit einem Jahr sehr öffentlich kommuniziert wird.

Ein fünf Meter hohes "C" aus Metall am östlichen Ortseingang von Pößneck stand vor Jahren für Courage gegen Rechts. Wenig später hieß es unter jungen Leuten, das "C" stehe für "Crystal-City". Auch über die Landesgrenzen hinaus gelte Pößneck als eine der Hochburgen beim Crystal-Konsum. "Wir sagen, das C steht für Courage, auch für Courage gegen Drogen, Courage gegen Crystal", erklärt Schmidt, warum die regionale Bank inzwischen mehrere tausend Euro für eine Kampagne gegen Crystal zur Verfügung ­gestellt und die Bildung eines Netzwerkes gefördert hat.

Der drittgrößte Flächenkreis Thüringens mit seinen rund 84"000 Einwohnern gehört zu den Regionen an der tschechischen Grenze, wo offenbar mehr von dieser Droge im Umlauf ist als anderswo in Deutschland. "Ja, wir haben ein Drogenproblem", erklärte Landrat Thomas Fügmann (CDU) öffentlich.

Die Polizei im Saale-Orla-Kreis konstatiert beinahe täglich Vorkommnisse, die mit dem Drogenkonsum zu tun haben - Fahren unter Drogeneinfluss, Diebstähle als Form der Beschaffungskriminalität, unerlaubter Drogenbesitz und Handel mit diesen Substanzen. "Bei der Rauschgiftkriminalität ist zu beachten, dass die Dunkelziffer wesentlich höher sein dürfte im Vergleich zu den bekannten Fällen. Die Zahlen bei der Betäubungsmittelkriminalität schwanken auch dadurch, dass es sich in diesem Deliktsfeld um Kontrolldelikte handelt. Im überwiegenden Fall werden solche Delikte durch die Polizei selbst aufgedeckt. Anzeigen von Zeugen sind verschwindend gering", so Heidi Sonnenschmidt von der Landespolizeiinspektion Saalfeld.

In den Suchtberatungsstellen des Diakonievereins Orlatal gab es im Jahr 2014 insgesamt 1928 Konsultationen bei den Suchtberatern. Dabei ging es in 622 Konsultationen um illegale Drogen und 90 Prozent davon um Crystal.

"Das Schlimme ist, dass die Leute, die angefangen haben, Crystal zu konsumieren, erstmal sogar positiv auffallen, weil sie leistungsfähiger, motivierter, besser drauf sind", sagt der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse. "Diese Droge ist keine klassische Jugenddroge. Es ist eine Droge, die in der Gesellschaft angekommen ist", so Schmidt.

Im Landratsamt des Saale-Orla-Kreises stellte besonders der Bereich Jugendamt fest, dass die Droge Crystal traurigerweise längst Familien in Gefahr bringt - wenn Kinder und Jugendliche konsumieren, aber auch wenn Eltern konsumieren und sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern (können). Die Zahl der Inobhutnahmen von Kindern aus Elternhäusern, wo Crystal in gefährlichem Umfang konsumiert wird und die Eltern ihre Erziehungsfähigkeit zumindest vorübergehend verloren haben, steige stetig: 2011 gab es 20 Fälle, 2014 waren es über 50 Fälle - und es entstanden Kosten in ­Höhe von 600 000 Euro für den Kreis.

Bei einer ersten größeren Zusammenkunft von über 100 Vertretern von Schulen, Eltern- und Schülervertretungen, sozialen Diensten, Behörden, Unternehmen, Vereinen, Kirchen und der Polizei vor knapp einem Jahr war der Ruf nach Aufklärung - besonders aus den Schulen - laut. Die Suchtberater wünschten sich eine bessere finanzielle Ausstattung, um mehr Beratungsstunden anbieten und Betroffene auch aufsuchen zu können. Bisher gibt es da noch keine Verbesserung. Betroffene und Angehörige warten in der Region Schleiz und Bad Lobenstein teilweise Wochen auf einen Termin.

Der Arbeitskreis Schule-Wirtschaft des Saale-Orla-Kreises hat sich die Aufklärung in Firmen, vor allem für Ausbilder und Auszubildende auf die Fahnen geschrieben.

Drogenfahnder der hiesigen Polizei sprechen bereits seit fast zwei Jahren in Schulen des Saale-Orla-Kreises vor Schulklassen und bei Elternabenden über ihre täglichen Erfahrungen und informieren auch, mit welchen strafrechtlichen Konsequenzen Konsumenten und Dealer illegaler Drogen zu rechnen haben. Drogenfahnder Sören Fröhlich weist stets darauf hin, dass es bei Crystal praktisch kein Probieren gebe. Schon der erste Konsum könne in die Sucht führen.

Spätestens seit einem Fachtag am 5. November 2014 in Schleiz mit dem Titel "Crystal Meth - Familien in Gefahr" können 310 neue Multiplikatoren über die Gefährlichkeit der Droge in ihrem Umfeld aufklären helfen - in Kindergärten und Schulen, bei Bildungsträgern, bei Polizei und Justiz, in Behörden und sozialen Einrichtungen. Der Fachdienst frühe Hilfen beim Jugendamt des Landratsamtes hatte den Fachtag organisiert und neben der breiten Öffentlichkeit vor allem jene eingeladen, die in ihrem Beruf unbedingt über das Thema Bescheid wissen sollten.

Den Hauptvortrag hielt Roland Härtel-Petri, ehemals Leitender Oberarzt der Abteilung für klinische Suchtmedizin des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, der heute eine Praxis für Psychotherapie und Psychiatrie betreibt. Er stellte die Wirkung der Droge aus medizinischer Sicht eindrucksvoll dar, insbesondere die Tendenz, dass heutige Konsumenten viel höhere Dosen viel reineren Methamphetamins zu sich nehmen als in früheren Jahren und Jahrzehnten, als der Wirkstoff im Medikament "Pervitin" deutsche Soldaten aufputschte oder später Hausfrauen zu Schlankheit und guter Stimmung verhalf.

Nächster Schritt in der Aufklärungskampagne ist eine ­Gesamtschulleiterkonferenz des Saale-Orla-Kreises in Schleiz am 19. März. Ziel dieser Veranstaltung sei es, die Lehrer für das Thema zu sensibilisieren und zu vermitteln, "dass es in ­Sachen Drogen im Saale-Orla-Kreis keine heile Welt mehr gibt", erklärt Landrat Thomas Fügmann . Hier wird es einerseits Fachvorträge zum Thema Crystal Meth geben, andererseits stellen sich die Mitglieder des Netzwerkes "Courage gegen Drogen" den Schulleitern und Beratungslehrern als Ansprechpartner vor.

Mitglieder des Netzwerkes sind die Kreissparkasse Saale-Orla, der Arbeitskreis Schule-Wirtschaft, die Polizeiinspektion Saale-Orla, mehrere Fachdienste des Landratsamtes und die Suchtberatung des Diakonievereins Orlatal. Das Netzwerk wird von Katharina Langer, BA-Studentin im Fachdienst Soziale Dienste im Landratsamt des Saale-Orla-Kreises, organisatorisch geleitet.

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