Crystal Meth: Einem kurzen Höhenflug folgt der Absturz

27.2.15
Crystal Meth: Einem kurzen Höhenflug folgt der Absturz
Die Beratungsangebote der Region nutzten 2014 mehr als 450 Drogenkonsumenten. Deren Dunkelziffer ist wesentlich höher.

Oelsnitz/ Klingenthal. Den Begriff der Modedroge für Crystal lehnt Dorit Ullmann vom Diakonischen Kompetenzzentrum für Suchtfragen (DKZS) ab. "Das ist eine Leistungsdroge, die uns als Spiegelbild der Gesellschaft wahrscheinlich noch lange beschäftigen wird. Mit Crystal funktioniert man, wie es von einem erwartet wird - zumindest einige Zeit", sagt die Diplom-Sozialtherapeutin. Sie gehört zu den rund zwölf Frauen und Männern, die sich als Berater um jene kümmern, die illegalen Drogen verfallen sind.

0,1 Gramm Crystal für den Einstieg sind auf der tschechischer Seite der Grenze schon für gut 13 Euro zu haben, auf deutscher Seite kostet diese Menge um die 20 Euro. Seit die Polizei auf beiden Seiten der Grenze die Kontrollen massiv verschärft hat, sollen die Dealer wegen ihres gestiegenen Risikos darauf drängen, dass die Kunden gleich größere Mengen abnehmen.

Insgesamt 457 Menschen mit Drogenproblemen nutzten im vergangenen Jahr die Beratungsangebote des DKZS, das über Regionalstellen in Plauen, Oelsnitz und Auerbach verfügt. Außenstellen gibt es zudem in Adorf und Klingenthal, regelmäßige Beratung wird auch in Markneukirchen angeboten. Zum Vergleich: 2012 waren es noch 366 Klienten gewesen.

Crystal steht aktuell mit 348 Fällen ganz oben auf der Liste. Mit deutlichem Abstand folgen Cannabis (70 Fälle), Opioide wie Heroin oder Codein (22) und Kokain (4).

"Die Dunkelziffer allein bei den Crystal-Konsumenten in der Region ist wesentlich höher. Wir gehen davon aus, dass wir die Zahl der 348 Fälle wenigstens mit Drei multiplizieren müssen", so Ullmann.

Die Situation in den Kleinstädten und Dörfern des oberen Vogtland ist dabei eine ganze andere als in Städten wie Plauen. Darauf macht Constanze Deymann aufmerksam, die als Diplom-Sozialarbeiterin ebenfalls täglich direkt mit den Problemen konfrontiert ist. Da sei zum einen die Nähe zur Grenze, wo die Droge relativ leicht zu bekommen ist, und da sei oft auch die Familie, die lange Zeit Deckung geben kann. Das seien Gründe, warum der Umfang der Drogenszene im oberen Vogtland oft erst bei einem Blick hinter die Fassaden erkennbar wird.

Aber nicht nur das ist es, was es schwer macht, Betroffenen recht- zeitig Hilfe anbieten zu können. "Für die Crystal-Konsumenten ist die Welt in Ordnung", so Ullmann. Crystal Meth sorgt dafür, dass das als Glückshormon bekannte Dopamin ausgeschüttet und der Körper auf absolute Höchstleitung eingestellt wird. Bis zu einer Woche ohne Schlaf auszukommen, ist je nach Dosierung der Droge möglich - die Nacht wird sprichwörtlich zum Tag.

Das hinterlässt auf Dauer nicht nur Spuren am eigenen Körper, sondern auch um Umfeld. Wie sich Crystal-Konsum der Eltern im familiären Umfeld beispielsweise auf die Kinder auswirkt, untersucht derzeit das Deutsche Institut für Sucht- und Präventionsforschung der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. "Wir gehören neben Leipzig und Chemnitz zu den vier Stand- orten, die dazu Daten liefern", zeigte Constanze Deymann auf.

Der wirksamste Schutz gegen Drogenkonsum ist aus Sicht der beiden Beraterinnen die Prävention, die bereits im Kindergarten beginnen und über die Schulzeit weiter- geführt werden müsse. Das ist auch im Vogtland noch nicht flächendeckend möglich.

Die Arbeit mit den Menschen, die von Crystal abhängig geworden sind, funktioniert nicht nach den bisherigen Schemen der Drogensucht. Das war bereits im Dezember von Fachleuten auf einer von der Euregio Egrensis organisierten Tagung herausgearbeitet worden. "Man muss den berühmten Schlüssel finden, damit der Gegenüber sich dafür öffnet", sagt Dorit Ullmann. Dabei helfe auch Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Klienten.

Entscheidend sei, dass die Betroffenen selbst erkennen, dass das Hochgefühl nach dem Crystal-Konsum ein erkauftes Glück ist. 24 Wochen dauert eine Therapie. "Wichtig ist dabei, dass gegenüber den Betroffenen kein Druck aufgebaut wird", sind die Erfahrungen von Ullmann. Schwierig seien dann aber auch die beiden Jahre nach einer solchen Therapie. Die Gefahr eines Rückfalls in dieser Zeit ist groß.

Der Konsum von Crystal Meth und seine fatalen Folgen

Körperreaktionen: Temperatur und Blutdruck steigen an. Drang nach ständiger Bewegung. Schwitzen bei oft kalten Händen und Füßen. Schlafbedürfnis und Schmerzempfinden sind herabgesetzt, ebenso das Hunger- und Durstgefühl.

Das passiert im Kopf: Man fühlt sich fit, aufmerksam und aktiv, ist beherrscht von einem an Euphorie grenzenden Hochgefühl, macht viele Pläne und hat das Gefühl, in kurzer Zeit viel schaffen zu können. Erhöhter Bewegungs- und Rededrang lassen schnell Kontakte entstehen. Man wird risikobereiter, fühlt sich selbst- bewusst und attraktiv, es steigt die Lust auf Sex.

Wenn die Wirkung nachlässt: Müdigkeit, ohne schlafen zu können. Herzrasen, Schweißausbrüche, trockener Mund, Zittern und Krämpfe, Schwindelgefühl, Appetitlosigkeit und Verdauungsstörungen.

Bei regelmäßigem Konsum: Gewichtsverlust, schlechte Zähne, Gefahr von Magen- und Nierenschmerzen. Herzprobleme. Anfälligkeit für Erklärungskrankheiten. Beim Sex klappt es nicht mehr.

Folgeerscheinungen: Das Glücks- gefühl bleibt immer öfters aus. Der Einsatz der Droge muss gesteigert werden, um einen Effekt zu erzielen. Körperlicher Verfall. Niedergeschlagenheit. Leicht reizbar und aggressiv. Die Gedanken kreisen nur noch um Crystal, alles andere im Umfeld

wird unwichtig. Angstzustände und Verfolgungswahn treten auf. (tm)

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