Prinzhorn in Berlin: Psychiater, bleib mir fern

Ausstellungsrezension

Aus: Ausgabe vom 25.02.2015, Seite 10 / Feuilleton
Psychiater, bleib mir fern
Eine Berliner Ausstellung zeigt Werke aus der Sammlung Prinzhorn

»Psychiater, bleib mir fern, … ich … will als Mensch mit Menschen mich nicht zanken«, schrieb Max Junge auf einer Collage aus Stoff und Papier, die er im Mai 1919 in der schlesischen Provinzial-Heilanstalt Lebus anfertigte. Ein collagierter Briefumschlag von ihm erinnert sehr an Dada. Diese und 120 weitere Kunstwerke von 42 Künstlern aus der Sammlung Prinzhorn sind erstmals seit 35 Jahren wieder in Berlin zu sehen.

Benannt ist die Sammlung nach dem Heidelberger Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn, der sie von 1919 bis 1921 im Auftrag seines Chefs »zusammentrug«. Mehr als 5.000 Werke von Psychiatriepatienten ließ er sich von Anstaltsleitern schicken oder holte sie auf Reisen selbst ab. Seit 1955 lagerte die Sammlung auf dem Dachboden der Psychiatrischen Uniklinik Heidelberg, wo sie der Kurator Harald Szeemann 1963 entdeckte und in einer legendären Ausstellung in Bern zeigte. Im Stülerbau an der Charlottenburger Schlossstraße hängen die Arbeiten jetzt an Schinkel-blau gestrichenen Wänden – sehr schön. Die Sammlung »Surreale Welten« nebenan erlaubt Vergleiche. Surrealisten wie Max Ernst ließen sich – entsprechend ihrer Vorstellung vom Wahnsinn als Vision des besseren, eigensinnigen Lebens, dargelegt u. a. in André Bretons erstem surrealistischen Manifest – von der »Irrenkunst« heftig anregen.

Warum macht der Mensch Kunst? Prinzhorn stellte diese Frage aus einer überlegenen, an Nietzsche orientierten Position – der Arzt als Übermensch. Seine völkisch durchwirkte Kunstauffassung sah keinen Spiel- und Nachahmungstrieb, sondern inneren Gestaltungsdrang, der bei den keiner Beeinflussung von außen zugänglichen »schizophrenen Autisten« am besten zu beobachten sei. Die Nähe des schizophrenen Seelenlebens zu »dem Weltgefühl und der Denkweise des Primitiven« setzt er in seinem Buch »Die Bildnerei der Geisteskranken« von 1922 voraus. Ernst Haeckel und Ludwig Klages lassen grüßen.

Als Prinzhorn Psychiater war, gab es weder Psychopharmaka noch Kunsttherapie. Die Künstler zeichneten und malten aus eigenem Antrieb, das Material mussten sie sich selbst beschaffen, oftmals waren es nur Papierschnipsel oder Toilettenpapier. Diese Kunst ist vor allem eine vernichtete Kunst, so der Leiter der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, Thomas Röske. Für die Kreativität der Patienten gab es keinerlei Wertschätzung, ihre Arbeiten wurden zumeist weggeworfen. Eine Forschungsgruppe am Institut für die Geschichte der Medizin an der Berliner Charité sucht neuerdings in alten Patientenakten nach Werken, die in einem »Haus für Außenseiterkunst« in Berlin ihren Platz finden sollen.

Der Verein der Psychiatrie-Erfahrenen betrachtet die Sammlung Prinzhorn als Beutekunst, die den Erben übergeben werden müsse und ohne Dokumentation der Verbrechen der Psychiatrie nicht präsentiert werden dürfe. Als der Heidelberger Klinikdirektor, »Euthanasie«-Arzt und Krankenmörder Carl Schneider 1938 Teile der Sammlung an die Ausstellung »Entartete Kunst« übergab, war Prinzhorn bereits tot. Aber schon 1928 hatte er dem Kunsttheoretiker, NSDAP-Politiker und »Rasse«-Forscher Paul Schulze-Naumburg Fotos seiner Patienten gegeben, die dieser in seinem Buch »Kunst und Rasse« dazu verwendete, die Menschendarstellung auf den Bildern der Avantgarde – und auch die Künstler selber – als »irre«, »minderwertig«, »negroid« oder »slawisch«, kurz: »entartet« zu diffamieren. Wie Schulze-Naumburg war auch Prinzhorn völkisch und antisemitisch gesinnt. In der Ausstellung zeigt eine Videoinstallation von Javiez Téllez scharfe Nahaufnahmen von Arno Brekers nacktem »Prometheus« mit Fackel und parallel Details einer als »entartet« diffamierten Skulptur von Karl Genzel, einem Zwitterwesen »Weib und Mann«. Der Vergleich fällt zugunsten Genzels aus.

Die Biographien im Katalog sind seltsam lapidar formuliert und enthalten keine Quellenangaben. Wie sind sie rekonstruiert worden? Kommen die spärlichen Informationen von Prinzhorn oder aus den Krankenakten? Wir erfahren immerhin, dass viele der Künstler den Krankenmorden der Nazis zum Opfer fielen. Aber auch bei den während des Ersten Weltkriegs Gestorben kann man nicht ohne weiteres von einem natürlichen Tod ausgehen.

Die Kunstwerke zeugen vom Willen zu Selbsterkundung und Bewältigung unheimlicher Begebenheiten in der Außenwelt. Teilweise werden sie unpassend kommentiert, was eine unvoreingenommene Betrachtung erschwert. Die Kuratorin Kyllikki Zacharias deutet etwa ein gehäkeltes Tablett mit Krug und Gießkännchen von Hedwig Wilms als »stillen Protest« und »artige Handarbeit« gemäß »weiblichem Beschäftigungsideal«. Wer käme bei Meret Oppenheims »Pelztasse«, an die man sofort denken muss, auf diese Idee? Hedwig Wilms starb 1915 mit 41 Jahren in der Anstalt Berlin-Buch – sie wog 29 Kilogramm. Einige Texte lassen sich zum Glück auch ohne Sütterlin-Kenntnisse entziffern. Zum Beispiel ein Blatt von Josef Grebing, das in penibler Handschrift dessen »Tages-Ordnung« wiedergibt. Aber: nicht »künstl. = künstliche Angelegenheiten«, wie die Kuratorin schreibt, lagen diesem Patienten am Herzen, sondern »künstlerische« natürlich. Nach der »Gratis Sprechstunde für Arme = in all. Angeleg. des öffentl. & priv. Lebens um 6 ½ Uhr«, dem Frühstück mit »französ. Conversation um 8:50« und der Vesper mit »gemütlicher Conv.« avisierte er eine »Konferenzstunde für Kundschaft«.

Art brut, Outsider-Kunst? Solche Etiketten sollte man meiden, sagte Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, Ende November bei der Ausstellungseröffnung. Sie verstellen das Imaginationspotential und die wunderbaren Bilderfindungen.

Noch bis 6. April in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schlossstraße 70, 14059 Berlin; dann 1. Mai bis 15. August in Heidelberg, Museum Sammlung Prinzhorn

Ausstellungskatalog »Das Wunder in der Schuheinlegesohle« beim Verbrecher Verlag, Berlin 2014, 29,80 Euro

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