Interview zur Brandserie in Plauen: "Die meisten Brandstifter sind männlich"

Interview zur Brandserie in Plauen: "Die meisten Brandstifter sind männlich"
Niels Bergemann, Psychiater und ärztlicher Direktor der Psychiatrie Rodewisch, über die Motive der Täter und warum Feuer sie fasziniert
26.02.2015
Achtmal hat es seit November an der Möschwitzer Straße in Plauen gebrannt. Die Bewohner des Stadtteils Altchrieschwitz glauben, dass ein Serienbrandstifter sein furchtbares Werk verrichtet. Darüber, welche Beweggründe und psychischen Krankheiten hinter Brandstiftung stecken, sprach Julia Keller mit Niels Bergemann (56), dem Ärztlichen Direktor des Sächsischen Krankenhauses für Psychiatrie und Neurologie Rodewisch.

Freie Presse: Was bringt einen Menschen dazu, Feuer zu legen?

Niels Bergemann: Brände werden zum Teil aus Gründen gelegt, die von Juristen "rational" genannt werden. Das sind zum Beispiel Rache und Habgier, Versicherungsbetrug oder die Vertuschung einer Straftat. Aber auch im Rahmen von verschiedenen psychischen Erkrankungen kommt Brandstiftung vor, etwa bei Psychosen, Manien, Demenz oder bei einer antisozialen Persönlichkeit. Menschen, die an einer Psychose leiden, können etwa Stimmen wahrnehmen, die den Befehl geben, Feuer zu legen. Auch Suchterkrankungen werden bei Brandstiftern häufig beobachtet. In einigen Studien wurde bei einem Großteil der Fälle festgestellt, dass Alkohol im Spiel war. Dann gibt es noch die vergleichsweise kleine Gruppe der pathologischen Brandstifter, die im psychiatrischen Sprachgebrauch auch als Pyromanen bezeichnet werden.

Was bedeutet pathologische Brandstiftung?

Die Betroffenen sind fasziniert von allem, was mit Feuer und seiner Bekämpfung zu tun hat - oft schon von Kindheit an. Sie spüren den Drang, Brände zu legen, und wenn sie das getan haben, fühlen sie sich erleichtert, euphorisch. Dieses Gefühl wird schnell abgelöst von einem schlechten Gewissen, den Tätern ist also schon klar, dass sie etwas getan haben, das Schaden anrichtet. Aber währenddessen spüren sie oftmals freudige Erregung und Machtgefühle. Pathologische Brandstiftung wird aber nur dann diagnostiziert, wenn Täter keine rationalen Beweggründe für die Tat und keine anderen psychischen Krankheiten haben, welche ihr Handeln im weitesten Sinne nachvollziehbar erscheinen lassen. Allerdings ist diese Definition auch unter Fachleuten nicht unumstritten, denn bei genauerer Untersuchung lassen sich meistens sehr wohl individuelle Motive herausfinden, die zu der Tat geführt haben.

Bei welchen Bevölkerungsgruppen ist pathologische Brandstiftung am häufigsten?

Die meisten Brandstifter sind männlich, unter 25, haben einen niedrigen Bildungsstand, wenig soziale Kompetenz und schlechte Kommunikationsfähigkeiten. Minderbegabung kommt unter pathologischen Brandstiftern häufiger vor als in der Gesamtbevölkerung. Einige sind bei der freiwilligen Feuerwehr. Die Wehren wissen aber mittlerweile Bescheid und achten darauf. Meist sind pathologische Brandstifter Einzeltäter und Serientäter: Es fängt damit an, dass sie eine Kleinigkeit anzünden, im Laufe der Zeit steigern sie sich zu immer wesentlicheren Gebäuden, der zeitliche Abstand zwischen den Bränden nimmt ab. Es wird von den Betroffenen wie ein Zwang oder eine Sucht wahrgenommen. Ältere pathologische Brandstifter haben oftmals Phasen, in denen sie aktiv werden, sowie Phasen, in denen sie keine Feuer legen. Aktiv werden sie oft, wenn sich in ihrer Lebenssituation etwas deutlich verändert hat - insbesondere dann, wenn die Veränderung Auswirkungen auf ihren Selbstwert hat, wie Partnerverlust, Arbeitsplatzverlust oder Ähnliches.

Warum sind diese Brandstifter so von Feuer fasziniert?

Die meisten Brandstifter sind fasziniert vom Großartigen, was bei einem Brand passiert. In der Regel haben pathologische Brandstifter wenig Selbstwertgefühl - und ein Feuer ist ja etwas ausgesprochen Mächtiges. Da kommt das Gefühl auf, etwas Tolles zu bewegen.

Kann man einen pathologischen Brandstifter erkennen, wenn man im Alltag mit ihm zu tun hat?

Er kann an bestimmten Verhaltensweisen auffallen, aber es ist schwer, ihn im täglichen Miteinander zu erkennen. Wenn jemand häufig am Tatort ist, könnte man hellhörig werden. Pathologische Brandstifter sind oft besonders rasch bei Bränden, bei denen sich der Verdacht ergibt, dass sie gelegt wurden, und schildern, dass sie wichtige Beiträge zur Bekämpfung des Feuers geleistet haben. Oft sind sie vorbestraft wegen Notrufmissbrauchs. Es sind oft Einzelgänger, Menschen mit wenig Gruppenzugehörigkeit. Ganz überwiegend sind sie ledig oder geschieden. Häufiger als die Gesamtbevölkerung haben pathologische Brandstifter einen Selbstmordversuch hinter sich.

Wie wird pathologische Brandstiftung behandelt?

Ziel einer Therapie ist es, dass der Betroffene den Drang, Feuer zu legen, ablegt. Am Anfang lernt der Betroffene, das pathologische Verhaltensmuster zu erkennen und die Verhaltensabfolge, die zur Brandstiftung führt, zu unterbrechen. In der Therapie erkennen die Betroffenen, wie die Erleichterung und Euphorie, die der Tat folgen, diese selbst verstärken und zu neuen Brandstiftungen führen. Sie müssen lernen, ihre Impulse umzulenken. Meist ist es Teil einer längeren psychotherapeutischen Behandlung, die Ursache für den Drang, Feuer zu legen, zu erkennen. Häufig ist ein geringes Selbstwertgefühl dafür verantwortlich, das sich aber aufbauen lässt. Medikamente können dabei manchmal unterstützend hilfreich sein, allein verabreicht führen sie allerdings nicht zum Erfolg.

Chronik der Brände

1. Samstag, 15. November 2014, gegen 5.45 Uhr: Feuer im Anbau der ehemaligen Bäckerei Kropfgans.

2. Samstag, 20. Dezember 2014, gegen 6.30 Uhr: Glutnester im Lager der ehemaligen Bäckerei Kropfgans.

3. Mittwoch, 31. Dezember 2014, gegen 7 Uhr: Plane über dem Anbau der ehemaligen Bäckerei Kropfgans wird angeschmort.

4. Samstag, 10. Januar 2015, gegen 5.30 Uhr: erstes Feuer auf dem Vierseithof neben der ehemaligen Bäckerei Kropfgans.

5. Freitag, 16. Januar 2015, kurz vor Mitternacht: zweiter Brand auf dem Viertseithof. Von drei Nebengebäuden bleiben nur Grundmauern übrig.

6. Sonntag, 25. Januar 2015, gegen 1.15 Uhr: Zum dritten Mal brennt der Vierseithof.

7. Samstag, 7. Februar 2015, kurz vor Mitternacht: viertes Feuer auf dem Vierseithof.

8. Freitag, 20. Februar 2015, kurz vor 21 Uhr: fünfter Brand auf dem Vierseithof. (kej)

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