Angst vor der Hässlichkeit – Die körperdysmorphe Störung

25.02.2015
Angst vor der Hässlichkeit – Die körperdysmorphe Störung

Die Weisheit, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt, bekommt für Menschen mit einer körperdysmorphen Störung (KDS) eine fatale neue Bedeutung: Sie können vor ihren eigenen Augen nicht bestehen, fühlen sich hässlich, sind überzeugt, dass ihre Nase, ihr Körperbau, ihre Haut sie entstellen. Je mehr sie sich mit ihrem Aussehen beschäftigen, umso mehr richtet sich der Blick auf die scheinbaren Schönheitsmakel, umso mehr verfestigt sich der Eindruck der eigenen Unattraktivität.

«Die Betroffenen sind oft sehr attraktiv. Ihre Selbsteinschätzung weicht stark von ihrem tatsächlichen Aussehen ab», sagt die Psychologin Viktoria Ritter, die an der Universität Frankfurt/Main zu Ursachen und Therapiemöglichkeiten bei einer körperdysmorphen Störung forscht. Dabei stellte sie unter anderem fest, dass Menschen mit dieser Störung überdurchschnittlich sensibel für ästhetische Proportionen sind und schon minimale Abweichungen registrieren. Aber weil jeder sich gelegentlich die Frage «Bin ich schön?» stellt, werden die Nöte der Betroffenen oft erst spät erkannt.

Als Wilhelm Steffens Tochter sich immer länger im Bad einschloss, dachten die Eltern zunächst an den Spleen eines pubertierenden Teenagers. Auch Ärzte, an die sie sich später wandten, seien zunächst ratlos gewesen, erzählt der Darmstädter, der sich in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige engagiert. «KDS ist auch in Fachkreisen eine nach wie vor wenig bekannte Störung», bestätigt Psychotherapeut Stefan Brunhoeber, der sich schwerpunktmäßig mit Körperakzeptanzstörungen beschäftigt.
Störung der Körperwahrnehmung spielt eine Rolle

Hinzu kommt: Die Betroffenen empfinden sich nicht als krank, sondern sind überzeugt, dass es ein körperlicher Makel ist, der sie immer wieder vor den Spiegel zwingt. Sie gehen zum Hautarzt, manche auch zum plastischen Chirurgen, um ihrem Schönheitsideal näherzukommen - das aufgrund der verzerrten Körperwahrnehmung aber unerreichbar bleibt. In mehr als 80 Prozent der Fälle tritt die körperdysmorphe Störung in der Pubertät zum ersten Mal auf: «Das ist die Zeit, in der ein Mensch die meisten Entwicklungsaufgaben leisten muss», erläutert Brunhoeber. Sich um sein Aussehen zu kümmern, werde zur Lösungsstrategie gegen die Unsicherheit. «Wenn jemand mehr als eine Stunde am Tag für Kontrollrituale aufwendet, im Spiegel, in Fensterscheiben, im Handydisplay sein Aussehen überprüft oder permanent andere zum eigenen Aussehen befragt, sollte man wachsam werden», sagt Ritter. Ein weiteres Warnsignal: Die Betroffenen ziehen sich zurück, treffen keine Freunde mehr, schaffen es nicht mehr in die Schule oder zur Arbeit, aus Angst, dort wegen ihrer vermeintlichen Schönheitsmakel aufzufallen.

Auslöser für die KDS können Mobbing oder Hänseleien sein. Auch in den Medien vermittelte Schönheitsideale spielen eine Rolle: Meist sind dort die Attraktiven auch die Erfolgreichen. Allerdings ist die körperdysmorphe Störung kein Phänomen des Medienzeitalters. Schon vor 100 Jahren wurde die Erkrankung unter dem Begriff «Entstellungsangst» (Dysmorphophobie) beschrieben. «Die Ursachen liegen oft in der Kindheit», sagt Brunhoeber. Ein übermäßig behütendes Elternhaus zum Beispiel kann eine Rolle spielen, aber auch die Erfahrung, zurückgewiesen oder immer kritisiert zu werden. Oft fehlt es den Betroffenen an Selbstwertgefühl und an der Fähigkeit, Konflikte auszuhalten und zu lösen.

Therapien setzen deshalb zum Beispiel darauf, solche Kompetenzen zu üben. Weiterer wichtiger Bestandteil ist die sogenannte Exposition. Die Patienten gehen mit einem Katalog an Fragen über ihr Aussehen zu anderen Menschen - das kann auch ganz öffentlich in der Fußgängerzone sein - und erfahren, wie sie tatsächlich wirken. Bei einem neuen Therapieansatz an der Uni Frankfurt wird versucht, unter anderem mit Videofeedback die verzerrten Vorstellungsbilder zu verändern und zu überschreiben. «Letztere stehen häufig in Zusammenhang mit negativen autobiografischen Erfahrungen», erläutert Ritter. Selbsthilfegruppen gibt es kaum. Als seine Tochter erkrankte, fand Wilhelm Steffen in Darmstadt Unterstützung bei einer Gruppe für Eltern von Kindern mit Essstörungen. Beide Erkrankungen sind oft miteinander verknüpft. Mit anderen Eltern reden zu können, die Ähnliches erleben, sei eine große Entlastung gewesen, erinnert er sich. Hilfreich sei es auch, «weil es uns die Möglichkeit gibt, die Gedankenwelt der Betroffenen nachzuvollziehen».

Manchen KDS-Patienten helfen auch bestimmte Antidepressiva, sogenannte Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer - insbesondere wenn Schul- oder Arbeitsunfähigkeit eingetreten ist oder eine klinisch relevante Depression hinzugetreten ist.

Internet:
Selbsthilfe-Forum: http://dpaq.de/n6uCK
Selbsthilfe-Gruppe in Darmstadt: http://dpaq.de/1LWPK

Quelle: dpa

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