Psychosen: Gefährdung früher erkennen

AUSGABE 09/2015

Psychosen: Gefährdung früher erkennen

Die Vorboten einer Schizophrenie sind oft diffus und schwer von anderen psychiatrischen Störungen abzugrenzen. Bisher können dazu nur klinische Symptome herangezogen werden. Neue Wege für eine frühe Diagnose wurden kürzlich in München vorgestellt.

Eine beginnende psychotische Erkrankung ist schwierig zu erkennen. Die Diagnosemöglichkeiten könnten sich verbessern, wenn das Projekt PRONIA erfolgreich abgeschlossen wird. PRONIA ist die Abkürzung für »Personalised Prognostic Tools for Early Psychosis Management«.

Mit bildgebenden Verfahren in Kombination mit psychologischen und weiteren Tests soll das Psychose-Risiko prognostiziert werden.

Das Prognose-Modul basiert auf Daten aus psychologischen und neurokognitiven Tests, die mit bildgebenden Verfahren sowie genetischen und Laboruntersuchungen kombiniert werden. In Deutschland arbeiten Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München sowie der Universität zu Köln an dem von der Europäischen Union geförderten Forschungsprojekt.

»PRONIA kann helfen, psychotische Erkrankungen wie eine Schizophrenie zu erkennen, bevor sie ausbrechen. So ist eine Früherkennung zu einem Zeitpunkt möglich, zu dem eine Chronifizierung noch verhindert werden kann«, erklärte PRONIA-Projektkoordinator Dr. Nikolaos Koutsouleris bei einer Pressekonferenz Ende Januar 2015 in München.

»Bei den bildgebenden Verfahren wenden wir vor allem die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) an. Dabei wird die unterschiedliche Sauerstoffverteilung im gesamten Gehirn ermittelt. Sie gibt uns Aufschluss darüber, welche Bereiche aktiviert sind. Bei Hochrisikopersonen ändert sich beispielsweise das Zusammenspiel verschiedener Neuronen sowie Menge und Verteilung von Botenstoffen wie Dopamin.« Diese Veränderungen sind jedoch relativ unauffällig und betreffen viele unterschiedliche Hirnregionen, sodass sie erst in Kombination mit anderen Tests eine Aussage ermöglichen.

Frühe Psychotherapie erfolgreich

Sind gefährdete Menschen identifiziert, so kann eine Verhaltenstherapie den Ausbruch einer psychotischen Erkrankung möglicherweise verhindern oder zumindest verzögern. Das wäre ein großer Fortschritt, denn trotz aller Bemühungen ist es bis heute nicht gelungen, die Zeit von fünf Jahren zwischen dem Auftreten erster unspezifischer Symptome bis zum Beginn der Therapie wesentlich zu verkürzen. »Unsere Vorarbeiten zeigen, dass die individuelle Vorhersagegenauigkeit mit fMRT und neurokognitiven Tests im Hinblick auf die Entwicklung einer Psychose bei etwa 80 Prozent liegt«, hebt Koutsouleris hervor. Im Vergleich zu den bisherigen Prognosemöglichkeiten bedeute dies einen Zuwachs an Sicherheit von 30 bis 40 Prozent.

»Wir kennen inzwischen 110 Risikogene für eine Schizophrenie, die immerhin knapp 1 Prozent der Bevölkerung betrifft. Selbstverständlich erkrankt ein Träger dieser Gene nicht zwingend, er hat jedoch ein höheres Risiko, eine Psychose zu entwickeln«, berichtet der Psychiater. Eine erhebliche Rolle spiele die Interaktion von Genen mit der Umwelt. Komme zur Veranlagung noch Drogenmissbrauch, vor allem von Cannabis, dazu, steige das Risiko erheblich an. Besonders Psychose-gefährdet sind junge Cannabis-Konsumenten.

Psychosen

Unter dem Begriff Psychosen wird eine Reihe von psychischen Störungen zusammengefasst, bei denen die Realitätswahrnehmung beeinträchtigt ist. Die häufigste Form ist die Schizophrenie, daneben kommen auch affektive, organische und drogenassoziierte Psychosen vor. Typische Symptome sind Wahnvorstellungen, Halluzinationen, gestörte Denkweise, aber auch Antriebsarmut und sozialer Rückzug. Insgesamt erkranken etwa 3 bis 4 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer Psychose.

Diagnose in zwei Stufen

Wenn das PRONIA-Projekt erfolgreich validiert werden kann, könnte künftig eine frühe Diagnose in zwei Schritten erfolgen: Im ersten Schritt untersucht der Arzt seinen Patienten anhand der klinischen Symptome, in einem zweiten kann er bei unklarem Befund oder besonderem Risiko für eine psychotische Störung eine spezielle PRONIA-Untersuchung anfordern. Als telemedizinische Anwendung soll die Methode in vier Jahren verfügbar sein.

»Das Interesse an innovativen diagnostischen Möglichkeiten ist riesig«, erläutert Koutsouleris. Zudem trage PRONIA dazu bei, psychotische Erkrankungen aus der Schmuddelecke zu holen«, ergänzt Professor Dr. Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik der LMU. »Psychosen sind auch in der heutigen modernen Gesellschaft noch immer ein Tabu-Thema«, beklagt der Psychiater. /

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