Burnout-Selbsthilfe in Rudolstadt: "Die Seele kann man nicht röntgen"

Burnout-Selbsthilfe in Rudolstadt: "Die Seele kann man nicht röntgen"
24.02.2015 - 08:25 Uhr
Seit März 2012 gibt es in Rudolstadt die Selbsthilfegruppe Burnout. Alle 14 Tage montags treffen sich hier Betroffene, um ihre Erfahrungen im Umgang mit der Situation auszutauschen.

Diese Regel gilt für alle, die sich beim Treffen der Selbsthilfegruppe Burnout in Rudolstadt einfinden.

Rudolstadt. Es begann vor drei Jahren mit einer Annonce in der OTZ. Martina Schöttke hörte zu dieser Zeit in ihrer Praxis für psychologische Beratung in Schwarza immer wieder von Klienten, dass es gut wäre, mit der Situation nicht allein zu sein. Wenn es einen geschützten Raum geben würde, in dem Betroffene sich austauschen könnten. Mit diesem Wissen regte sie die Gründung der Selbsthilfegruppe Burnout an. Einer der ersten, der sich daraufhin gemeldet hat, war Rainer Drechsel. Wenig später ist er es, der sich als Ansprechpartner für die inzwischen auf etwa zehn Leute gewachsene Gruppe versteht.

Keiner muss, jeder darf erzählen
Wer hierher kommt, kann sicher sein: Keiner muss mehr erzählen, als er möchte. Es wird nicht gefragt, warum jemand gekommen ist. Anonymität ist selbstverständlich. Doch die meisten sind dankbar, hier einen Ort gefunden zu haben, an dem sie offen über ihr Problem sprechen können. "Man gibt seine Erfahrungen gern weiter", so Rainer Drechsel. Zum Beispiel wenn es darum geht, einen Therapieplatz zu finden. Oder die richtige Klinik, die Reha. Er weiß aber auch von Anrufern, die skeptisch fragen: Was sind denn das für Leute, die sich da treffen? Die vielleicht auch Angst haben.

"Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen spüren, sie sind nicht allein, sie müssen sich nicht ausgegrenzt fühlen. Es spielt keine Rolle, woher du kommst oder wie alt du bist", sagt er. Und spricht auch aus seinen eigenen Erfahrungen. "Es gibt nicht das klassische Burnout. Das Problem ist: Du weißt nicht, dass du krank bist. Du schaffst deine Arbeit nicht mehr, obwohl du abends länger da bist. Bis einer kommt und sagt: So geht es nicht weiter."

"Der typische Burnout-Klient kommt erst spät, um sich Hilfe zu holen", weiß Martina Schöttke. Es sind meistens Leute mit viel Verantwortung, die für eine Sache "brennen". Das Verständnis dafür diesen Zustand ist nicht immer da. Anders als bei Patienten mit einem gebrochenen Arm zum Beispiel. "Was in der Seele passiert, kann man nicht sehen. Die Seele kann man nicht röntgen", sagt sie.

Abschalten lernen, achtsam mit den eigenen Ressourcen umgehen, bewusst genießen können - das sind ihre Tipps. "Hört sich in der Theorie gut an, ist aber in der Praxis ganz schwer umzusetzen", weiß sie. "Wenn ich Betroffenen sage, sie müssen kürzer treten, dann höre ich ganz oft: Das geht nicht", so die Fachfrau, die auch Kommunikationstrainerin ist, über eine Sonderqualifikation zur Burnout-Beraterin verfügt und ehrenamtlich in der Gruppe mitwirkt. "Oder die Betroffenen sagen mir: Ich bin doch ein Versager, wenn ich nicht mehr alles schaffe, was man von mir erwartet."

Dass man mal erschöpft ist, ist ganz normal. "Das darf der Körper auch sein, aber nicht als Dauerzustand", sagt sie. Und ist überzeugt: "Burnout ist nicht nur Fluch, es ist auch eine Chance. Eine Chance auf Veränderung zum Positiven. Eine Chance, wieder den Blick zu finden für das Schöne im Leben."

Gemeinsame Unternehmungen
Das findet Zustimmung in der Gruppe. "Hier trifft man auf Gleichgesinnte, es gibt keine Berührungsängste. Man findet Verständnis, was im Alltag nicht so sehr der Fall ist", sagt ein junger Mann. Er hat erlebt, wie sich immer mehr Leute aus seinem Umfeld zurückgezogen haben. "Sie spüren, du bist ein Energieräuber. Da verliert sich schnell der Kontakt und damit auch das Selbstwertgefühl". "Was mir hier von Anfang an gefallen hat: Hier wirst du angenommen wie du bist. Hier freut sich jeder, wenn es dir gut geht", ergänzt seine Tisch-Nachbarin. Die nächste Frau in der Runde freut sich alle 14 Tage auf das Treffen. "Außerdem ist es gut, wenn man jemanden hat, den man jederzeit anrufen und fragen kann: Was denkst du darüber. Das ist sehr hilfreich". Eine andere Frau berichtet, wie sie sich immer mehr zurückgezogen hat. Selbst den geliebten Sport hat sie abgesagt. "Jetzt habe ich wieder Anlauf genommen und nehme mir wieder was vor", sagt sie.

Die gemeinsamen Unternehmungen, da sind sich alle einig, sind wichtig. Das Sommerfest, die Wanderung, ein Theaterbesuch. "Ohne die Gruppe hätte ich das nie gemacht", so der einhellige Tenor.

Heike Enzian kommentiert: Wenn das Leben zur Last wird
Heike Enzian / 24.02.15 / OTZ

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