Was passiert mit der Klingebiel-Zelle?

22.02.2015 16:55 Uhr
Was passiert mit der Klingebiel-Zelle?

Einmalig: Seine ganze Zelle hat der Psychiatrie-Patient Julius Klingebiel bemalt. (Archiv)

Der 1965 verstorbene Julius Klingebiel hat in Göttingen etwas Einzigartiges geschaffen: Seit 1940 saß der an einer Psychose leidende Mann in der Psychiatrie, später fing er an, die Wände seiner Zelle zu bemalen. Heute gelten seine Wandmalereien als international bedeutendes Werk der sogenannten Outsider-Art, also Kunst, die von psychisch erkrankten Laien ohne künstlerische Vergangenheit geschaffen wird. Bisher war die Zelle für die Öffentlichkeit bis auf seltene Gelegenheiten nicht zugänglich, da das Gebäude weiter für die geschlossene Psychiatrie des Asklepios-Klinikums genutzt wird und dort Patienten leben. In diesem Jahr sollen sie allerdings vom sogenannten Festen Haus in einen Neubau umziehen, und jetzt muss geklärt werden, wie es dann mit der denkmalgeschützten Klingebiel-Zelle weitergeht. Darüber gehen die Meinungen auseinander.

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"Zelle ist kulturhistorisch bedeutend"
Autor/in: Jürgen Jenauer

Göttingens Oberbürgermeister Köhler möchte, dass der Stadt die von Julius Klingebiel gestaltete Psychiatrie-Zelle erhalten bleibt. Sie habe kulturhistorische Bedeutung.

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Stadt will das Land Niedersachsen in die Pflicht nehmen

"Diese Zelle kann man nach meiner Überzeugung nicht zu vertretbaren Kosten transportieren, deshalb bin ich der Überzeugung, dass die Zelle im Haus bleiben muss, egal welche Funktion es dann hat", sagt Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD). In dieser Einschätzung wird er auch vom Kulturausschuss der Stadt unterstützt. Allerdings liegt die Entscheidung beim Land Niedersachsen, dem Grundstück, Gebäude und damit auch die Klingebiel-Zelle gehören. Köhler hat einen Brief an Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) verfasst, in dem er darum bittet, die Klingebiel-Zelle vor Ort zu erhalten. Allerdings nicht in kommunaler Trägerschaft, denn das sei für die Stadt nicht zu leisten. Vielmehr soll sich seiner Ansicht nach das Land selbst im Rahmen seiner Kulturförderung darum kümmern, dass die Kunstwerke in der Zelle konserviert und für jedermann öffentlich zugänglich gemacht werden.
Zelle soll in Göttingen bleiben: "Hier ist Geschichte damit verbunden"
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Der "Dreimaster" von Julius Klingebiel in der Nahaufnahme. © NDR Fotograf: Ute Andres
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Zelle 117: Schizophrenie in Form und Farbe

Jahrelang hat der 1965 verstorbene Psychiatrie-Patient Julius Klingebiel die Wände von Zelle 117 in Göttingen bemalt. Nur selten war seine Kunst der Öffentlichkeit zugänglich. Bildergalerie

Dass das Sprengel Museum in Hannover die Zelle gerne selbst ausstellen würde, ist für den Leiter des Städtischen Museums Göttingen, Ernst Böhme, keine Option. "Dort wäre es nur ein Kunstwerk, hier ist eine Geschichte damit verbunden", sagt er. Ähnlich sieht das Oberbürgermeister Köhler. Die Zelle habe einen lokalen Bezug und sei ein Mahnmal für einen dunklen Teil der Geschichte der Stadt. Nur weil der damalige Direktor der psychiatrischen Klinik den Anordnungen des nationalsozialistischen Regimes nicht gefolgt ist, hat Klingebiel, der als unheilbar krank galt, überlebt. Das Kunstwerk, das er hinterlassen hat, solle auch wegen der Geschichte des Insassen unbedingt in Göttingen erhalten werden, so Köhler.

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