Papa hat sich erschossen, Suizid, Angehörige, Schuldgefühle

12. Februar 2014, 12:10 Uhr

Als sich ihr Vater erschoss, zog es Saskia Jungnikl den Boden unter den Füßen weg. Bei "Markus Lanz" sprach die 32-Jährige über den Suizid. Dem stern gab sie ein Interview.
Teilen
Papa hat sich erschossen, Suizid, Angehörige, Schuldgefühle

Saskia Jungnikl ist Journalistin bei der österreichischen Tageszeitung "Der Standard". Die 32-Jährige hat ein Buch veröffentlicht, in dem sie über den Suizid ihres Vaters schreibt: "Papa hat sich erschossen".

Sie haben 2013 im "Standard" einen Artikel über Ihren Vater geschrieben, der sich das Leben nahm, als sie 27 waren. Auf diesen Artikel bekamen Sie eine enorme Resonanz. Was waren das für Reaktionen?
Es gab vor allem zwei Arten von Reaktionen: Zum einen von älteren Männern, die sich die Option, irgendwann so zu sterben, bislang auch offengehalten hatten. Sie schrieben mir, dass sie vorher nie darüber nachgedacht hätten, wie das für ihre Kinder wäre. Sie glaubten, das würde sich schon wieder irgendwie einrenken. Der Artikel hätte sie nun dazu gebracht, darüber nachzudenken und sie würden überlegen, sich Hilfe zu holen. Zum anderen gab es viele Reaktionen von Menschen, denen Ähnliches passiert ist und die mir geschrieben haben, sie sind dankbar dafür, dass ich das zur Sprache gebracht habe. Ich habe mich nach dem Tod meines Vaters selbst viele Jahre allein gefühlt, obwohl ich mir gedacht habe, dass es anderen Menschen ähnlich geht. Suizid ist immer noch ein großes Tabuthema. Wie mir die Reaktionen zeigen, hat der Artikel das ein wenig aufgebrochen.

Saskia Jungnikl:
Papa hat sich erschossen.
Fischer-Verlag
14,99 Euro
ISBN: 978-3-596-03072-9

Nun haben Sie ein Buch über den Tod Ihres Vaters geschrieben. Inwiefern hilft Ihnen dies bei der Verarbeitung, oder gar dabei zu verstehen, warum er es getan hat?
Das Buch zu schreiben, hat mir bei der Verarbeitung geholfen. Ich wollte eine Antwort, aber ich habe keine endgültige Antwort gefunden. Das war aber nicht der alleinige Grund für das Öffentlichmachen. Die Reaktionen nach meinem ursprünglichen Artikel haben mir gezeigt, dass es viele Menschen gibt, die Ähnliches erlebt haben und denen sich ähnliche Fragen stellen. Die Trauer nach dem Suizid einer nahen Person ist eine andere Art von Trauer als die nach einem natürlichen Tod. Die Gefühlswelt ist eine andere. Da stellt sich etwa die Schuldfrage. Die eigene Existenz, das eigene mögliche Versagen wird infrage gestellt. Und dann sind da noch die Wut auf den, der sich getötet hat und immer auch die Frage nach dem Warum.

An wen richtet sich das Buch?
Es ist vor allem ein Buch über Trauer. Es soll Angehörigen zeigen, dass sie nicht allein sind. Es soll aber auch potenziellen Suizidanten klar machen, was für einen Schock ein Suizid bei den Hinterbliebenen auslöst. Ich wünsche mir, dass der Suizid aus der gesellschaftlichen Tabuzone herauskommt. Alle 40 Sekunden tötet sich ein Mensch! Darüber müssen wir reden. In unserer Gesellschaft gilt es als Schwäche, seine Angst und Verzweiflung nach außen zu tragen. Wäre das nicht so, hätte es mein Vater vielleicht leichter gehabt, sich zu öffnen.

Gleich zu Beginn schreiben Sie einen Satz, den ich sehr berührend finde: "Ich liebe und bewundere meinen Vater sehr, und an diesem Tag wird er zu meinem schlimmsten Feind".
Mein Vater war einer der wichtigsten und prägendsten Menschen in meinem Leben. Normalerweise beschützen einen die Eltern, dafür sind sie da. Das hat mein Vater immer gemacht. Dann hat er mir so wehgetan und war nicht da, um mich zu beschützen. Er war ganz im Gegenteil auch noch schuld an dem Schmerz. Ständig musste ich mich fragen, ob ich nicht doch etwas hätte ändern können, zweifelte an mir selbst. Es hat Jahre gedauert, bis ich mein Selbstbewusstsein wieder aufgebaut hatte.

Bis auf einen Post-it Zettel hat er keine Abschiedsworte hinterlassen. Glauben Sie, dass Ihnen eine Erklärung geholfen hätte?
Die ersten drei Jahre war ich wütend auf ihn, weil er mir keinen Brief geschrieben hat. Doch letztlich bin ich froh darüber. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn gelesen hätte, wie oft ich versucht hätte, jedes Wort zu verstehen. Insofern bin ich dankbar, dass er mir keinen Brief hinterlassen hat. Antworten auf meine Fragen hätte wohl auch ein Brief nicht geben können.

Was hilft Ihnen dabei, die Trauer, die Wut und den Schmerz zu bewältigen?
Zum einen habe ich eine Gesprächstherapie angefangen, die mir sehr hilft. Und ich hatte eine sehr glückliche Kindheit und Jugend mit sehr viel Liebe und Sicherheit, was mich stark gemacht hat. Am meisten hat mir aber geholfen, darüber zu sprechen. Mit meiner Familie, meinem Mann und mit meinen Freunden. Es war unglaublich wichtig, dass ich mich hier öffnen konnte und dass die Menschen, die mich lieben, nachgefragt haben und mir die Möglichkeit gegeben haben, traurig sein zu dürfen - auch noch Jahre danach.

Viele trauen sich nicht, Angehörige anzusprechen. Sie raten aber dazu, es zu tun?
Unbedingt. Mir ist es lieber, jemand fragt mich, und ich kann antworten, dass ich gerade nicht darüber reden will. Das ist mir angenehmer, als wenn ich zu einem Freund gehen und sagen muss: Bitte rede mit mir darüber, dass mein Vater sich getötet hat. Man will den anderen ja auch nicht damit belasten. Gefragt zu werden, gibt einem die Möglichkeit zu sprechen. Es ist gar nicht so wichtig, was man fragt. Es reicht zu zeigen, dass man da ist und zuhört.

Was löst in Ihnen ein Satz wie "Er sah einfach keinen anderen Ausweg" aus?
Zumindest will ich glauben können, dass es einen anderen Weg gibt. Mein Vater hat sich nie Hilfe geholt. Als mein Bruder vier Jahre vorher gestorben war, ging es meinem Vater immer schlechter. Wir baten ihn immer wieder, in eine Therapie zu gehen oder mit jemandem zu sprechen. Doch er lehnte das kategorisch ab. Er dachte, er müsse das mit sich selbst ausmachen. Männer wie mein Vater, die während oder nach dem Krieg geboren wurden, sind so erzogen worden, dass sie das starke Geschlecht sein müssen. Dreißigjährige Männer sehen das seltener als Schwäche. Diese Generation tut sich leichter damit, zum Therapeuten zu gehen.

Anfang der Woche hat sich die an einem Hirn-Tumor erkrankte Brittany Maynard im Kreise ihrer Familie das Leben genommen. Sie wollte selbst bestimmen, wann sie stirbt. Wie stehen Sie zu assistiertem Suizid?
Das ist eine heikle Frage. Die freie Entscheidung sollte natürlich eine Rolle spielen. Aber das bedeutet nicht dass jeder, der krank oder verzagt ist, den Tod als Ausweg präsentiert bekommen sollte. Das weckt zwiespältige Gefühle in mir. Ich kann als Mensch verstehen, dass jemand sagt, ich will selbstbestimmt sterben. Aber als Tochter sehe ich das anders. Als Tochter will ich, dass mein Vater so lange lebt, wie er nur kann. In Österreich ist der begleitete Suizid nicht straffrei. Hätte ich im Moment seines selbstgewählten Todes seine Hand gehalten, hätte ich mich strafbar gemacht. Nun muss ich mit dem Wissen leben, dass mein Vater in seinen letzten Stunden alleine war. Das wird mir immer weh tun.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Zum (externen) Originaltext

Kommende Termine

Benutzeranmeldung