Schizophrene Psychose: Ver-rückte Wirklichkeit

21.02.2015 - 07:36 Uhr
Psychiatrie - Diagnose schizophrene Psychose: Was geht da im Kopf vor? Eine Patientin und ein Arzt berichten
Schizophrene Psychose: Ver-rückte Wirklichkeit

ZWIEFALTEN. »Durch die gesellschaftliche Brille betrachtet, habe ich nichts erreicht in meinem Leben«, sagt Christiane Vogel. Sie hat keinen Beruf, keine Familie, keinen Partner. Statt dessen eine Krankheitsgeschichte, die stigmatisiert.
Halluzinationen drängen sich wie absurde Filmsequenzen zwischen Christiane Vogel und die Wirklichkeit. Die 47-Jährige leidet seit vielen Jahren unter schizophrenen Psychosen.Eine der Wahnvorstellungen, die sie durchlebt hat, nennt sie den »Suizid des Schwans«.Indem sie versucht, die inneren Bilder wie einen Traum zu deuten, hat sie einen Weg gefunden, mit ihrer Krankheit umzugehen.

Magersucht mit 19, Krebs mit 22. Vier Jahre später die Diagnose schizophrene Psychose. Für 28 von 47 Lebensjahren schreibt Christiane Vogel in ihren Lebenslauf: »Krisen, unzählige Psychiatrieaufenthalte, Psychopharmaka inklusive Nebenwirkungen.« Und Wahnvorstellungen, die sich immer wieder wie absurde Filmsequenzen zwischen Christiane Vogel und die reale Welt drängen. Aus heiterem Himmel.

So wie an jenem Nachmittag, als sie auf einer Wanderung bei Zwiefalten einem alten Mann begegnet, der ihr eine Stelle im Wald zeigt und raunt: »Hier hat der Suizid des Schwans stattgefunden.« Niemand sonst aus der Gruppe, mit der Christiane Vogel unterwegs ist, sieht den alten Mann. Das weiße Tuch, das sie im Wald wahrnimmt, auch nicht. Und doch hält Christiane Vogel in diesem Moment all das, was geschieht, für real.

»Eine Starre des Körpers, wenn der Geist gerade mal davon geflogen ist«

»Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, ich habe jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren«, erzählt sie ihren Zuhörern. Eine Patientin unter Patienten, denn im Festsaal des Zentrums für Psychiatrie in Zwiefalten treffen sich etwa alle sechs Wochen von der Krankheit Betroffene, Angehörige und weitere Interessierte zum Psychose-Seminar. Keine klassische Selbsthilfegruppe, sondern eine Veranstaltungsreihe, die, wie Organisator Walter Schieron betont, auch Sichtweisen und Aspekten über die Schulmedizin hinaus Raum geben will und Betroffene wie Christiane Vogel zu Wort kommen lässt.

Schieron organisiert die Treffen gemeinsam mit seinen Kollegen der Soteria Zwiefalten. Die Soteria ist eine Spezialstation des Zentrums für Psychiatrie Südwürttemberg und vertritt einen alternativen Ansatz in der Behandlung von Menschen, die an schizophrenen Psychosen erkrankt sind. Die Patienten leben in einer Wohngemeinschaft, in der sie von Reizüberflutungen abgeschirmt werden. Im Gegensatz zur konventionellen Therapie sind bei den Soteria-Patienten weniger Medikamente notwendig, dafür werden sie umso intensiver von Therapeuten begleitet.

Wahn ist ver-rückte Wirklichkeit. Die Grenze zwischen Realität und inneren Bildern verschwimmt. Wie viele andere Betroffene hatte auch Christiane Vogel oft das Gefühl, dass alles, was um sie herum passiert, von anderen Menschen ausschließlich für sie inszeniert wurde. »Die Welt als Theaterstück, in der die Therapeuten und die anderen Patienten Schauspieler sind und ich der Mittelpunkt des Universums.« Dieser »Größenwahn«, sagt sie, ging so weit, dass sie sich rund um die Uhr beobachtet und kontrolliert fühlte: von Wanzen und Kameras in ihrem Zimmer und einem Sender an ihrer Armbanduhr.

Walter Schieron und seine Mitstreiter im Psychose-Seminar haben Schilderungen von Patienten zusammengetragen, um die Wahrnehmung im psychotischen Zustand zu veranschaulichen. Einer sagt: »Manchmal sehe ich in anderen Menschen Erzengel, mit richtigen Flügeln. Es wird Zeit, dass mal wieder ein Erzengel vorbeikommt. Oder doch ein Teufel; die sind mir lieber.« Andere Betroffene beschreiben einen »Zustand der Schwerelosigkeit«, eine Art Trance: »Eine Starre des Körpers, wenn der Geist gerade mal davongeflogen ist.«

»Etwa ein Prozent der Menschen weltweit hat Erfahrungen mit Psychosen«, sagt Dr. Hans Renz, der als Chefarzt für Allgemeine Psychiatrie in Zwiefalten für die Soteria zuständig ist. Nur bei einem Viertel der Betroffenen bleibt es bei einer einmaligen Psychose, die übrigen erleiden Rückfälle oder erkranken sogar chronisch. »Schizophrenie ist mit die schwierigste psychiatrische Erkrankung«, sagt Renz. Und die, die immer noch mit den meisten Vorurteilen behaftet ist. »Die gesellschaftliche Akzeptanz für psychische Erkrankungen ist in den letzten Jahren immer größer geworden. Doch im Vergleich zu einer Depression ist Schizophrenie immer noch etwas, in das sich Außenstehende nur schwierig einfühlen können und wollen.«

Dabei kann es jeden treffen – mitten im Alltag, dessen Krisen zu den Hauptauslösern zählen. Bei den meisten Patienten, erklärt Renz, trete die Krankheit erstmals im jungen Erwachsenenalter auf. Vor allem »Schwellensituationen« wie Prüfungen oder Entscheidungen in Beruf und Familie sind heikel. Familiäre Veranlagung erhöht das Risiko: Während der Anteil der »Spontanerkrankungen« bei einem Prozent liege, steige die Wahrscheinlichkeit für einen Menschen, bei dem ein Elternteil an einer schizophrenen Erkrankung leidet, auf das Zehnfache. Auch Hirnverletzungen und -erkrankungen können Psychosen auslösen. Renz beobachtet bei einem nicht unerheblichen Teil seiner Patienten zudem einen Zusammenhang zwischen Cannabis-Konsum und schizophrenen Erkrankungen. Wobei sich dabei die Frage stelle, was zuerst war: »Hat das Kiffen die Psychose ausgelöst? Oder hat jemand erst damit angefangen, um die Anzeichen der Krankheit zu unterdrücken, seine Stimmung aufzuhellen?«

»Ein Prozent der Menschen hat Psychose-Erfahrungen«

Während man die Wahnvorstellungen, so Renz, therapeutisch meistens gut in den Griff bekomme, begleiten Antriebsstörungen und kognitive Beeinträchtigung Patienten oft ein Leben lang. »Es ist so, wie wenn einer Batterie der Saft ausgeht«, verdeutlicht der Arzt. Christiane Vogel kennt dieses Gefühl: »Manchmal kostete es mich alle Energie, auch nur noch einigermaßen zu funktionieren. Da war nur noch stille, dumpfe Verzweiflung und Resignation.« Schizophrenie ist deshalb eine Krankheit mit erheblichen sozialen Folgen: »Viele schaffen es nicht auf den ersten Arbeitsmarkt zurück«, berichtet Renz. Etwa zehn Prozent der Patienten, so der Arzt, »suizidieren sich erfolgreich«. Weil sie nicht damit klar kommen, dass ihr Leben wohl nie mehr so sein wird wie vorher; weil es ihnen die Stimmen in ihrem Kopf befehlen; oder weil sie deren Gelärme einfach nicht mehr länger ertragen.

Auch Christiane Vogel hat versucht, sich zu töten. Wahnvorstellungen wie die vom Suizid des Schwans sind für sie deshalb nicht nur wirre Hirngespinste, sondern Bilder und Botschaften, die einen biografischen Bezug haben. Während ihres Aufenthalts in der Soteria vor zwei Jahren hat sie einen positiven Zugang zu ihren Wahnvorstellungen gefunden. So bedrohlich die Halluzinationen und der Verlust der Realität auch sein können: Sie versucht, »den Sinn hinter meinem Wahnsinn« zu sehen, den Wahn wie einen Traum zu deuten.

Der Suizid des Schwans wird so zu einem Komplex aus Symbolen, deren stärkstes der gebrechliche alte Mann ist, den sie so beschreibt: »Er vegetiert nur noch dahin, er hat den Kampf lange aufgegeben.« Für Christiane Vogel nicht etwa eine Kapitulationserklärung, sondern eine Aufforderung: »Ich möchte mich dem stellen, was ein Teil meiner selbst ist. Ich wende mich dem alten, hoffnungslosen Mann in mir zu. Und kämpfe, obwohl die Würfel in mir scheinbar längst gefallen sind.«

Ihr Wahn, glaubt sie, bringt sie mit einem Teil ihrer Persönlichkeit in Kontakt, der sich in einer Krise abgespalten hat. Der Ursache dafür auf den Grund zu gehen, die innere Wunde zu finden und zu heilen, ist ihr großes Ziel: »Dann schließt sich irgendwann der Kreis zu mir selbst. Ich habe Sehnsucht nach Ganzheit.« Sie ist auf einem guten Weg. Medikamente nimmt sie nur noch wenige. Ihre Krankheit ist für sie nichts mehr, das sie verstecken muss: Christiane Vogel hält nicht nur öffentliche Vorträge, sondern schreibt auch auf ihrer Internet-Seite über ihr Leben mit der Psychose. (GEA)

www.wesensausdruck.de
Die Soteria in Zwiefalten

Unter dem Namen Soteria (altgriechisch für Rettung, Sicherheit, Geborgenheit) wurde in den USA in den 1970er Jahren eine sanfte Behandlung von akut Schizophrenen begründet. Hintergrund war die Kritik an klassischen psychiatrischen Institutionen mit ihrem Fokus auf medikamentöser Therapie. Deren Stellenwert tritt im Soteria-Konzept hinter den emotionalen Bedürfnissen der Patienten zurück. Letztere werden in Wohngemeinschaften mit psycho-, sozio- und milieutherapeutischen Ansätzen begleitet. So auch seit 1999 in Zwiefalten, wo in einem Haus am Ortsrand maximal zehn Patienten gleichzeitig leben, um ein enges Bezugspersonensystem zu gewährleisten,

www.soteria.de

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