Meth kochen ist nicht Brot backen

17.02.2015

Region Hinterland und Marburg
Meth kochen ist nicht Brot backen
SERIE Andreas Wieber über die Chemie bei "Breaking Bad"

Gladenbach. Google, 200 Euro Startkapital und ein paar Standardlaborchemikalien - wirklich viel mehr braucht es laut Chemielehrer Andreas Wieber nicht, um seine eigene Produktionsreihe der Droge Crystal Meth zu starten. Ganz so, wie es der "Breaking Bad"-Protagonist Walter White tut, nachdem er eine niederschmetternde Krebsdiagnose bekommt. "Und etwas chemischen Sachverstand natürlich", fügt Chemielehrer Wieber hinzu. Denn: "Meth kochen ist nun mal nicht wie Brot backen."

Wie aus dem Gesicht ...

Andreas Wieber sieht dem "Breaking Bad"-Protagonisten Walter White tatsächlich ähnlich: Glatze, Brille, Kinnbart. "Deswegen bin ich überhaupt erst auf die Serie aufmerksam geworden", erklärt der 33-Jährige, der Chemie an der Gladenbacher Europaschule unterrichtet. "Meine Schüler haben gesagt: ,Sie sehen aus wie Walter White'. Da wollte ich natürlich wissen, wer das ist." Wieber war sogleich beeindruckt von "Breaking Bad". Man habe es bei Walter White weder mit dem klassischen Chemie-Nerd zu tun und auch nicht mit einem Sonderling, der nach und nach seine Schüler für sich gewinnt, sondern mit einem Antihelden.
...und Walter White (Bryan ...

Und auch die Darstellung seines Fachgebietes beeindruckte Wieber. "Vieles, was an Chemie bei ,Breaking Bad’ geschieht ist ganz nah an der Realität", sagt er. Auch wenn viele Effekte - ganz Hollywood - übertrieben seien. Gerade diese Mixtur macht das Schauen der Thriller-Serie allerdings so spannend.
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Meth kochen ist nicht Brot ...

Bei "Breaking Bad" dreht sich alles um die Droge Crystal Meth, ein weißes und kristallförmiges Methamphetamin. "Chemisch gesehen, ist Methamphetamin strukturell sehr einfach aufgebaut", erklärt Wieber. An ein so genanntes Stereozentrum, einem Kohlenstoffatom, können die Molekülteile in zwei chemisch identischen, aber spiegelbildlichen Anordnungen auftreten. "Variante 1, R-Methamphetamin, wirkt allerdings nicht so stark wie Variante 2, S-Methamphetamin", so Wieber. "Die R-Variante wird beispielsweise in bestimmten Nasenspray eingesetzt."
Die Chemie der Serie fußt auf ...

Walter White kocht reines Crystal Meth, die S-Variante. "Nur diese Variante herzustellen, ist chemisch deutlich anspruchsvoller und die Beschaffung der Ausgangschemikalien ist schwieriger", sagt Wieber. Anspruchsvoller zwar, aber nicht unmöglich - erst recht nicht für einen Chemielehrer. "Dass jedoch Jessie Pinkman, Walter Whites Schüler, ohne jegliche Chemiekentnisse reines S-Methamphetamin herstellt, ist sehr unwahrscheinlich", erklärt er - selbst mit einem Rezept. Die Zutaten, die man zur Synthese der Droge über den etwas einfacheren Syntheseweg benötigt, bei der beide Varianten entstehen, beinhalten laut Wieber Standardlaborchemikalien und auch Stoffe, die man für wenig Geld online ordern kann.

Übrigens: Die S-Variante wurde bereits von der deutschen Wehrmacht in Form der "Panzerschokolade" verabreicht. Sie diente zur Dämpfung von Angstgefühlen sowie zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit von Soldaten. Heutzutage wird sie noch zur Therapie von ADHS-Patienten eingesetzt.

Ins Reich der Fiktion ordnet Wieber das reine, blaue Meth ein, das in der Serie hergestellt wird. "Die blaue Farbe kann höchstens durch einen Farbstoff erreicht werden - und wenn man den einsetzt, kann es sich nicht mehr um Crystal Meth in Reinstform handeln", sagt er. Traurige Realität sind hingegen die Folgen von Meth-Konsum, die in der Serie anklingen. "Methamphetamin macht extrem schnell süchtig. Herzrasen und Übelkeit können direkte Folgen des Konsums sein. Langfristig werden die Nerven geschädigt", so Wieber.

Mit der Herstellung von Crystal Meth hört die Chemie bei "Breaking Bad" noch nicht auf. Da gibt es etwa das Knallquecksilber, das Walter White in einer Episode zur Explosion bringt, um einen konkurrierenden Dealer zu töten. Wiebers Fazit: "Das ist prinzipiell möglich, allerdings ist Knallquecksilber hochgiftig." Viel einfacher hätte es der Seriencharakter haben können, hätte er eine Mischung aus rotem Phosphor und Kaliumchlorat genutzt. "Jede Knallerbse funktioniert nach diesem Prinzip." Allerdings: Die Mischung ist sehr empfindlich: "Der Transport hätte für Walter zum Problem werden können." Und die in der Episode gezeigte Druckwelle hätte den Hauptdarsteller gleich mitgetötet.

Das Thermitverfahren, mit dem Walter White und sein Kumpane Jessie Pinkmann eine Tür aufschweißen, sei hingegen haargenau so in der Realität möglich, sagt Wieber. "Das ist die Reaktion von Eisenoxid mit Aluminium. Dabei wird eine so hohe Energie frei, dass man damit Schlösser aufschweißen kann. Das ist in der Serie ganz nah an der Realität." Eingesetzt wird das Thermitverfahren beispielsweise beim Schweißen von Bahnschienen. Auch musste das Filmteam bei einer solchen Reaktion nicht mal mit optischen Tricks nachhelfen. Ungefährlich ist das Ganze jedoch nicht: Die Reaktion, bei der flüssiges Eisen und Aluminiumoxid entstehen, läuft so heftig ab, dass man sie kaum stoppen kann.

"Breaking Bad" weckt bei vielen Jugendlichen die Neugierde auf Chemie

In der Serie müssen die beiden Protagonisten immer wieder Leichen entsorgen. Sie nutzen dafür Flusssäure. In einer Folge frisst sich diese durch Badewanne und Zimmerdecke. "Blödsinn", sagt Wieber. Zwar sei Flusssäure eine sehr gefährliche Säure und greift sogar Glas an, sodass sie nicht in herkömmlichen Glasgefäßen aufbewahrt werden kann, allerdings ist sie schwierig zu beschaffen und schwierig zu handhaben. "Wird sie in den Körper aufgenommen, kann Gewebe und sogar der Knochen geschädigt werden. Schmerzen verursacht die Verätzung erst, wenn es zu spät ist", sagt Wieber. Bereits eine handtellergroße verätzte Fläche kann ohne Behandlung tödlich sein, sagt er. Und selbst mit Salz- und Schwefelsäure sei es nicht so ohne weiteres möglich, einen kompletten Körper rückstandslos aufzulösen.

Dennoch - ganz abgesehen von der Thematik - beurteilt es Wieber positiv, dass "Breaking Bad" bei vielen Jugendlichen die Neugierde auf Chemie weckt. ",Breaking Bad’ greift viele chemischen Aspekte fachlich richtig auf. Und natürlich hinterlässt Hollywood seine Spuren." Und eine popkulturelle Bedeutung könne man der Serie nicht absprechen: Während er als Chemielehrer früher immer gefragt wurde: Können Sie Alkohol oder Sprengstoff herstellen, werde Wieber heutzutage immer häufiger gefragt: Können Sie Meth kochen ...

Darum geht's bei "Breaking Bad"

Walter White ist todkrank. Als der Chemielehrer eine Krebsdiagnose erhält, beschließt er gemeinsam mit seinem Schüler Jesse Pinkmann Methamphetamin herzustellen und zu verkaufen. Von dem Erlös möchte White einerseits die enorm kostspielige Behandlung bezahlen und – für den Fall, dass er sterben sollte – einen Nachlass für seine Familie bilden. Im Laufe der fünf Staffeln geraten White und Pinkmann immer tiefer in den Sog des Verbrechens.

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