Recovery und Remission

Remission steht in der Medizin für das temporäre oder dauerhafte Nachlassen von Krankheitssymptomen körperlicher bzw. psychischer Natur, ohne dass die völlige Genesung erreicht wird.

2005 haben sich führende US-amerikanische Schizophrenie-Forscher zu einer Arbeitsgruppe »Remission in Schizophrenia«, also Remission im medizinischen Sinn bei Schizophrenie, zusammengeschlossen (ANDRBASEN et al. 2005). Ziel war die Messung des Langzeitverlaufs der Schizophrenie. Je nach Erkrankung kann Remission dafür stehen, dass keine Krankheitszeichen mehr vorhanden sind oder die Symptome so leicht ausfallen, dass sie das normale Alltagsleben nicht mehr behindern. Für Depression,
Angststörungen und bipolare Störung existieren inzwischen Remissionskriterien mit denen man die verschiedene Interventionenn, vor allem die psychopharmakologischen, messen kann. Die Arbeitsgruppe hat sich gebildet, weil Patienten, Familien und Aktivisten, aber auch Profis immer interessierter sind an »Recovery«.

Bislang fanden sehr unterschiedliche Kriterien Anwendung, dass sich neue psychosoziale und psychopharmakologische Therapien etabliert haben und es wissenschaftliche Evidenz dafür gibt, dass die traditionell negative Einschätzung zum Verlauf der Schizophrenie teilweise falsch war. Aktuellere Untersuchungen haben zudem ergeben, dass manche Ausprägungen von Symptomen, die der Schizophrenie zugeordnet werden können, wie etwa Halluzinationen und Wahnideen, aber auch reduzierter Antrieb, auch in der Allgemeinbevölkerung häufiger vorkommen, ohne dass eine Diagnose gestellt wird oder es zur Behandlung kommt. Trotz der Symptome sind diesem Teil der Bevölkerung Lebensläufe möglich ohne objektive und subjektive Einschränkungen.
Aus diesem Grunde könne es als Remissionskriterium für ausreichend gelten, wenn die Symptome von milder und nicht behindernder Ausprägung sind. Das zeitliche Kriterium setzen die Forscher auf ein halbes Jahr vor.

Die Europäer (VAN Os et al. 2006) unterstützen das Ziel der amerikanischen Arbeitsgruppe, klare Kriterien für Verlaufsbeurteilungen zu definieren, um die Verläufe messbar und vergleichbar zu machen. "Auch sie empören sich über prominente Ignoranz und Fehleinschätzungen bezüglich des Verlaufs der Schizophrenie." Selbst von wissenschaftlich höchster Seite wird betont, dass die Remission von Symptomen bei Schizophrenie ein wichtiges Ziel ist, an dem die Interventionen zu messen sind.
Die Gruppe um van Os schreibt auch, dass die Definition von Remission ausschließlich über Symptome nichts mit Recovery zu tun hat. Das Abklingen der Symptome sei ein nötiger Schritt in Richtung Recovery.

Beide Gruppen benennen Recovery als wesentlich mehr als das. So sind das Funktionieren in sozialen Rollen, Arbeit, soziale Beziehungen und Lebensqualität werden wichtige, aber noch schwer messbare Kriterien. Die europäischen Wissenschaftler bezeichnen Recovery außerdem als »moving forward«,was zu übersetzen wäre mit »Weiterkommen« oder »Vorwärtsgehen« und das »Leben wiederaufbauen«. Ihre große Hoffnung besteht darin, dass in Zukunft auch für Recovery operationale Kriterien gefunden werden, die Funktionen in verschiedenen psychosozialen Bereichen, Lebensqualität und Empowerment beinhalten.

Natürlich hagelt es vielerorts Kritik wegen der reduktionistischen Konzeption einer symptomdefinierten Remission (KATSCHNIG 2006). Eine solche Perspektive ist recht begrenzt und steht zudem mit differenzierten Recovery-Konzepten im Widerspruch. Die einhellige Empörung sowohl der US-amerikanischen wie der europäischen Gruppen wehrt sich gegen die negative prognostische Generalisierung. Beide Initiativen wollen Hoffnung schaffen für Betroffene und Angehörige und Recovery fördern, indem die Behandlungsziele höher geschraubt werden.
Die Amerikaner unterscheiden sich jedoch von den Europäern insoweit als dass die Europäer ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Anwendung der Remissionskriterien nichts zu tun hat, Annahmen zu den Ursachen der Erkrankung zu stellen. Auch sollte die Anwendung der Kriterien unabhängig davon sein, ob die Remission mit oder ohne Behandlung
erfolgt.
Diese Sichtweise trifft sich mit Vorschlägen von Kriterien, die Recovery definieren könnten (CORRIGAN 2006). Für Recovery als messbares Ergebnis werden die folgenden Bereiche als messbare Größen vorgeschlagen:

  • Abklingen der Symptome;
  • Unabhängigkeit in Bezug auf die Wohnsituation;
  • zumindest Teilzeitbeschäftigung oder -ausbildung;
  • regelmäßige soziale und Freizeitkontakte.

Recovery als Prozess hat zu tun mit einem hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft, dem subjektiven Wohlbefinden, Zielorientiertheit und Empowerment. All diese Kriterien sind aber eben nicht nur wichtiger als die Symptome allein, sondern auch wesentlich schwerer zu messen und kaum mit den derzeit üblichen wissenschaftlichen Methoden auszuwerten. Es bleibt zu hoffen, dass wir diesen Problemen auch mittelfristig gewachsen sind, um in Richtung Recovery sinnvoll forschen zu können.

Kommende Termine

Benutzeranmeldung