Patienten in ihren Alltag begleiten

14. Februar 2015 | 00.00 Uhr
Kreis Heinsberg
Patienten in ihren Alltag begleiten
Kreis Heinsberg: Patienten in ihren Alltag begleiten
Das Psychiatrische Fachkrankenhaus in Gangelt und dessen Tageskliniken in Erkelenz, Gangelt und Heinsberg haben in Dr. Michael Plum einen neuen Ärztlichen Direktor, der die moderne Psychiatrie in Gangelt schätzt.
Kreis Heinsberg. Dr. Michael Plum ist seit kurzem Ärztlicher Direktor das Psychiatrischen Fachkrankenhauses in Gangelt. Er möchte die Öffnung des Krankenhauses fortsetzen und die ambulante Arbeit im Lebensumfeld der Patienten fördern.

Was treibt einen Arzt nach mehrjähriger leitender Tätigkeit in einem großstädtischen psychiatrischen Krankenhaus, dem Alexianer Krankenhaus in Aachen, als Chef der Psychiatrie ins ländliche Gangelt? Dr. Michael Plum (54), seit Jahresbeginn ärztlicher Direktor des Fachkrankenhauses der Gangelter Einrichtungen (Katharina Kasper ViaNobis GmbH), sieht sich keineswegs in die Provinz verschlagen. Er kam aus eigenem Antrieb und sagt: "Hier wird eine moderne Psychiatrie gelebt."

Und damit meint der Arzt gleich dreierlei: zukunftsweisende Behandlungsformen, eine Trägerstruktur, in der Krankenhaus, Eingliederung, Jugend- und Altenhilfe sinnvoll vernetzt sind, und ein offenes Klima unter denjenigen, die im Alltag zusammenarbeiten. "Hier spürt man ein gemeinsames Verständnis für das, was moderne Psychiatrie heute ausmacht."

Ganz wichtig ist Plum, das Krankenhaus mit seinen drei Tageskliniken im Kreis Heinsberg noch stärker zu öffnen, Arbeit zu leisten, die in die Kommunen hineinwirkt. Der Fachmann spricht von "sozialraumorientierter Eingliederungshilfe". "Denn wir wissen, dass die Unterstützung durch die Familien und das soziale Umfeld der Patienten wesentlich ist für die Genesung", sagt Plum. Sein Ziel ist es, die Verweildauer von Patienten auf Stationen so weit wie möglich zu verkürzen - oder ganz zu vermeiden - und den Schritt vom Krankenhaus zum eigenen Zuhause fachlich zu begleiten.

Das schließt die frühe Einbeziehung der Angehörigen ein. Vor allem im gerontopsychiatrischen Bereich ist die "familiale Pflege", die Befähigung der Angehörigen, mit Demenz umzugehen, für ihn sehr wichtig. Plum stellt sich vor, "noch stärker mit ambulanten Teams aktiv zu werden, die den Patienten etwa Möglichkeiten aufzeigen, in ihrem Lebensumfeld Angebote zu nutzen, die die seelische Befindlichkeit stärken und die soziale Integration fördern. "Viele Patienten muss man auf sinnstiftende Angebote etwa im Freizeitbereich - ob VHS, Sportverein oder Kirchenchor - erst mal stoßen", sagt Plum aus Erfahrung. "Es geht um Angebote, die das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken, seine Probleme selbst zu bewältigen."

Dieser Ansatz ("Salutogenese"), die Therapie auf den Stärken der Patienten aufzubauen, durchzieht die ärztliche Philosophie in den Gangelter Einrichtungen. "Salutogenese bedeutet, sich mit dem zu beschäftigen, was gesund erhält", erläutert Plum.

Gleichwohl wird der ambulante Sektor das stationäre Krankenhaus nicht überflüssig machen. In Gangelt ist kein Bettenabbau vorgesehen. Im Gegenteil. "Wir sind immer überbelegt", sagt Michael Plum. Deshalb wurde die Aufstockung um 15 auf 133 Betten im Krankenhaus und um zehn auf 55 Plätze in den Tageskliniken beantragt. Bei einem kleinen Rundgang durch die Einrichtung präsentieren sich fast alle Häuser nun rundum saniert und modernisiert in wohnlichem Charakter. Noch hat sich der Farbgeruch nicht ganz verzogen. Auch im Äußeren unterstreicht die Klinik damit den in den vergangenen drei Jahrzehnten vollzogenen Imagewechsel psychiatrischer Krankenhäuser von düsteren "Anstalten" zu weitgehend offenen Einrichtungen. Zu spüren ist auch, so sagt Plum, eine "Entstigmatisierung psychischer Krankheit". Betroffene gehen offener mit ihren Problemen um, sprechen über Depressionen, Angstzustände oder Burnout, ohne Ausgrenzung fürchten zu müssen. Und mehr Menschen als früher suchen aus eigenem Antrieb ärztliche Hilfe auf. Die Frage, ob in unserer immer komplexer werdenden Gesellschaft seelische Krankheiten zunehmen, ist also gar nicht so leicht zu beantworten.

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