Recovery und Empowerment

Ebenso wie Recovery ist auch Empowerment eine komplexe Angelegenheit. Selbstermächtigung, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit sind die drei Hauptsäulen von Recovery-Prozessen (CORRIGAN 2006). Also liegt der Gedanke nicht fern, dass Empowerment auf Recovery einen messbaren Einfluss ausübt.

Forscher in Yale (RESNICK et al. 2005) beschäftigten sich mit der Problematik der empirischen Basis für Recovery. Sie konzipierten Recovery als eine Einstellung, orientierten sich also an einem Prozess-Modell von Recovery. Folglich wird diese Einstellung - wie für alle Einstellungen üblich - auch gemessen und im richtigen Zusammenhang auch als Ergebnismessung angewendet.
Die Studie hatte mehr als 1.000 Teilnehmer mit einer Schizophrenie-Diagnose. Die verschiedenen existierenden Messgrößen, die für Recovery gelten - wie etwa Hoffnung und Optimismus, Lebensqualität und Empowerment, Wissen zum Umgang mit Hilfesystemen, soziales Netzwerk, Zufriedenheit und Unabhängigkeit - wurden in einem komplizierten statistischen Verfahren integriert. Die Forscher wollten die wesentlichen Dimensionen von Recovery identifizieren und mit einem neuen Instrument messbar zu machen. Dabei kristallisierten sich vier zentrale Bereiche heraus:

  • Empowerment;
  • das Gefühl, sich mit der Erkrankung und den Hilfesystemen auszukennen;
  • Zufriedenheit mit der Lebensqualität;
  • Hoffnung und Optimismus.

Die Forscher bewerten ihr neues Instrument zur Messung der Recovery-Einstellung als Beitrag zur wissenschaftlichen Entwicklung in Richtung evidenzbasierter Betreuung. So ziehen sie aus den Ergebnissen Vorschläge, welche Interventionen vermutlich eine Recovery-Haltung begünstigen und daraufhin untersucht werden können.

Empowerment erwies sich als stärkster Faktor. Also haben Interventionen, die einen stärkeren Selbstwert mit sich bringen auch starke Wirkungen. Die Behandlung der Klienten muss sich darauf konzentrieren, dass die Betroffenen lernen können, eigene Entscheidungen zu treffen und diesen auch zu vertrauen. Dabei geht es nicht nur darum, selbst Verantwortung für Entscheidungen zu tragen, sondern auch übereinstimmend mit dem Hilfesystem handeln zu können. Die Hilfe muss also die Nutzer dazu befähigen, die eigenen Ziele zu suchen und klarzustellen und sie dann dabei unterstützen, sie umzusetzen.

Empowerment hat selbstredend zu tun mit Lebensqualität und mit Wissen über den Umgang mit Hilfesystemen. Wichtig ist auch der Zusammenhang von Empowerment und sozialer Unterstützung sowie gesellschaftlichem Einbezug. Es überrascht also nicht sonderlich, dass Empowerment, die Förderung der Selbstbefähigung (KNUF et al. 2007), ein wesentlicher Teil der recoveryorientierten Arbeit ist.

Eine andere Studie über den Zusammenhang zwischen Recovery und einer Empowerment-Orientierung der Betreuung (CRANE-ROSS et al. 2006) ergab ebenfalls, dass die subjektive Einschätzung von Empowerment in einer Betreuungssituation den größten Einfluss hat auf Messgrößen, die mit Recovery zu tun haben (Funktionsniveau, Lebensqualität, Symptomatologie und Anteil an gedeckten Bedürfnissen). Die Einschätzungen der Nutzer zum Ausmaß von Empowerment wurden dabei abgefragt und nicht die Einschätzung seitens der professionellen Helfer. Die Einschätzung zwischen Nutzerinnen und Helferinnen in Bezug auf Empowerment im Hilfesystem unterschied sich erwartungsgemäß erheblich.
Folglich ist es wichtig, dass Profis und Nutzer sich ausführlich darüber unterhalten, wie ein Hilfsangebot tatsächlich zu Empowerment beitragen kann. Da Empowerment einen wesentlichen Beitrag zu Recovery leistet, sollte die Motivation hierzu auch hoch sein.
Weiter unten ist beschrieben, dass der Recovery-Prozess von vielen anderen Aspekten geprägt ist. Empowerment gehört zu diesen Aspekten dazu. Für viele Betroffenen steht Empowerment an erster Stelle,andere Nutzer benennen in bestimmten Phasen weniger aktive, auf Rückzug und Ruhezonen abzielende Bedürfnisse. Ingeborg SCHÜRMANN (1997) unterscheidet da zwischen einem »männlich« geprägten Empowerment-Ansatz und einem »weiblich«. »Weibliche« Werte sind etwa Kommunikation, Kooperation und Fürsorge, die - besonders in der therapeutischen Beziehung mit Personen mit Schizophrenie-Diagnose wesentlich sind.
Das Empowerment-Buch von KNUF, OSTERFELD und SEIBERT (2007) erläutert, warum Empowerment dem Recovery dient und dass Selbsthilfe und Selbstbestimmung zu den wesentlichen Pfeilern von Recovery-Konzepten gehören.

Knuf beschreibt in einem Artikel »Vom demoralisierenden Pessimismus zum vernünftigen Optimismus« (2004) die negativen Wirkungen der Einschätzung von Patienten als »chronisch« und wie eine solche Einschätzung Hoffnung und Motivation sowohl bei Patienten als auch bei professionellen Helferinnen untergraben kann. Die Patienten darf man nicht allein lassen mit ihren aktiven Versuchen zur Überwindung der Erkrankung und zur Entwicklung sinnhafter Perspektiven. Knuf fordert wir mehr Wissen darüber, wie Gesundungsprozesse ablaufen, und wie wir diese fördern und nicht behindern können. Dazu muss man auch die Bedeutung von Hoffnung verstehen und wissen, wie man sie erhalten kann.
Knuf warnt auch vor individuellen negativen Prognosen, von denen Patientinnen immer wieder berichten und die sie lange Zeit traumatisieren. Zudem spricht er von Borderline-Betroffenen, die ganz besonders von therapeutischem und prognostischem Pessimismus betroffen sind. Das Festhalten der professionellen Helfer an pessimistischen Einschätzungen dürfte daran liegen, dass den psychosozialen Bereich die Sorge umtreibt, jemandem unberechtigte Hoffnungen zu machen. Das wird allgemein als riskant eingeschätzt, um Enttäuschungen vorzubeugen. Auch könnte die in Aussicht gestellte Gesundheit dazu führen, dass Patientinnen ihre Medikamente absetzen. Folglich wirken düstere Prognosen compliancefördernd. Dieses Vorgehen birgt große Risiken und der Betroffene läuft Gefahr, in die »Konfrontations-Verleugnungs-Falle« zu gehen, wenn negative Prognosen und die damit verbundenen Ängste geradewegs zu Krankheitsverleugnung, Resignation und Aufgabe der Compliance führen. Deshalb ist es wichtig, sich auf diejenigen Aspekte von Recovery zu konzentrieren, die klarmachen, dass es auch darum gehen kann, bei anhaltender Erkrankung die negativen Effekte zu überwinden und ein zufriedenes Leben mit hoher Lebensqualität und einer sinnhaften Perspektive anzustreben. Knuf beschreibt das »Aha-Erlebnis« mit der Erfahrung einer Bekannten, die in einer Spezialklinik den Überlebenskampf ihres zu früh geborenen Sohnes erlebte. Die in der Klinik ausgestellten Berichte und Bilder von erfolgreichen Behandlungen und gesunden
Kindern halfen der Bekannten und gaben ihr Hoffnung und Mut. Berechtigterweise fragt sich Knuf, wann sich eine solche Stimmung in psychiatrischen Kliniken verbreiten könnte. Dies dürfte eine der Kernfragen zur Zukunft der Psychiatrie sein.

Knuf und pro mente sana haben sich in der Schweiz zusätzlich dem Thema Recovery geöffnet. So gibt es Seminare zu »Gesundungswegen«. Dabei handelt es sich um eine Einführung in die Arbeit mit Recovery-Konzepten für in der Psychiatrie tätige Personen an. In einem 2005 erschienenen Pro-mente-sana-aktuell-Heft zum Thema »Wieder gesund werden« finden sich fünfzehn Recovery-Geschichten, die Freude und Mut vermitteln.

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