Resilienz als dynamischer Recovery-Faktor

Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit(en) von Individuen oder Systemen. (z.B. Familie), erfolgreich mit belastenden Situationen umzugehen. Die psychische Widerstandskraft der Resilienz hat direkt zu tun mit dem Recovery-Prozess. Die Resilienz liefert die nötige Energie und kann den Motor von Recovery darstellen. Während eines Recovery-Prozesses entwickeln sich immer mehr die resilienten Kräfte.

Die Diagnose einer psychiatrischen Störung hindert einen nicht daran, für sich selbst Resilienz zu entwickeln. Identifiziert man sich jedoch vollständig mit der Krankheit und den daraus folgenden Beschränkungen, dann kann dies einen daran hindern, den negativen Erfahrungen und Gefühlen sinnvolle eigene Reaktionen und Antworten entgegenzusetzen (Heien GLOVER 2003).

Resilienz rückt immer mehr in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Bemühungen. Immer mehr Veröffentlichungen beschäftigen sich mit diesem Thema. Diese stellen ein bedeutsames Gegengewicht dar zu den herkömmlichen Forschungen rund um die Risikofaktoren. Die Datenbank PSYCHINFO führte schon 2002 mehr als 1.600 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Resilienz auf.

Resilienz darf jedoch nicht zur Modeerscheinung verkommen. So nimmt sich die populärwissenschaftliche Szene dieses Themas an, ohne jedoch viel Wissen darüber zu haben. Die Resilienz läuft Gefahr, als mystische Kraft angesehen zu wereden, die den Betroffenen mit einer unbegrenzten Unverletzlichkeit ausstattet. Die Forschung hat diesen Standpunkt jedoch schon längst widerlegt.

Die internationale Psychiatrie widmet sich ganz besonders der Resilienz als Faktor von positiver Gesundheit. Bisher nahm die Pathologie eher einen besonderen, monopolen Stellenwert in der Diskussion um Gesundheit und psychiatrische Versorgung ein (Jüan Mezzich 2005b). Forschung und praktische Psychiatrie vernachlässigten eher die positiven Aspekte der Gesundheit, die ihre Karft aus den folgenden Anteilen bezieht:

  • Funktionsfähigkeit und Resilienz
  • Ressourcen und Unterstützung
  • Lebensqualität

Die Gesundheitsförderung rückt derzeit immer mehr ins Zentrum bei Prävention und klinischer Behandlung. Und die Resilienz stellt einen bedeutsamen Faktor dar im Heilungsprozess. Dann sind da noch aktiv die Hoffnung, der wiedererlernte Optimismus, Selbsthilfeaktivitäten und unterstützende soziale Netzwerke (Schmolke und Lecic-Tosevski 2003; SELIGMAN u. PETERSON 2003; RÖHRLE u. SOMMER 1999)).
Die Förderung der seelischen Gesundheit verhindert nachweislich körperliche Erkrankungen (Raphael et al. 2005; Herrman 2005). Schließlich gibt es ja keine Gesundheit ohne psychischer Gesundheit (New York City Department of Health and Mental Hygiene 2003).
Das Konzept der Resilienz verkompliziert die Psychopathologie, hilft dabei, die Prävention zu verbessern und kann Grund sein für das Prinzip Hoffnung in der klinischen Praxis (Wolff 1995). Die Wissenschaft sollte Erkenntnisse über Resilienz in Zukunft besser verbreiten, um die Öffentlichkeit und die Politiker darüber in Kenntnis zu setzen, wie Entscheidungen über Wohnsituationen, Arbeitsverhältnisse, Sozialleistungen, Bildung und Justiz die Entwicklung der Kinder beeinflussen und welche Änderungen an dem Umfeld die Resilienz von Kindern erhält und auch vergrößert .

Deutung des Begriffs Resilienz
Der Begriff »Resilienz« entstammt der angloamerikanischen Ingenieurwissenschaft und bezeichnet Schlagfestigkeit, Widerstandskraft, Stabilität oder Haltbarkeit eines Werkstoffs gegenüber Gewichtsbelastung, Schlag, Druck, Reibung, Fliehkraft und anderen potenziell störend und zerstörend einwirkenden Kräften. (FENGLER 2004). »Resilienz« bedeutet auch Elastizität, Flexibilität, Spannkraft (Vigor), Rückfederung, Nachgiebigkeit, Biegsamkeit (biegen statt brechen) - dies sind alles Synonyme, die dem technischen Bereich entlehnt sind.
Die klinische Psychologie und Psychotherapie beschäftigen sich erst einige Jahre mit »Resilienz« Da steht der Begriff für Widerstandskraft, Elastizität, Wiedergewinnung der ursprünglichen seelischen Stabilität nach einer Belastung.

Resilienz steht für

  • psychische Widerstandskraft oder als Anpassungsprozess angesichts einer Belastung,Tragödie oder eines hohen Stressniveaus (RUTTER 1995);
  • elastische Widerstandsfähigkeit (BENDER u. LÖSEL 1998);
  • motivationale Kraft (RICHARDSON 2002);
  • der Prozess, bei dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene den Quellen von Herausforderungen widerstehen, und als Muster, wieder auf die Beine zu kommen (»bouncing back«) oder sich von solchen Bedingungen wieder zu erholen (COATSWORTH U. DUNCAN 2003);
  • eine Reihe von Phänomenen, die gekennzeichnet sind von positiven Ergebnissen trotz ernsthafter Bedrohung der psychischen Anpassung oder Entwicklung (MASTEN 2001);
  • die Fähigkeit, aus den schlimmsten Lebensumständen gestärkt und mit größeren Ressourcen bepackt herauszukommen, als dies ohne diese schwierigen Lebensumstände der Fall gewesen wäre (WALSH 1998).

Resilienz steht nicht für starre, spröde Kräfte eines Betroffenen, die gegen pathogene äußere Einflüsse wirkt, sondern um eine flexible, an die Situation angepaßte dynamische Energie und damit um eine psychosoziale Kompetenz (GUNKEL u. KRUSE 2004).

In Analogie zu den biologischen Prozessen verstehen wir (Lösel 2005) die psychische Resilienz als

  • Prozesse der Protektion (z. B. das Immunsystem),
  • Prozesse der Reparatur (z. B. die Wundheilung) und
  • Prozesse der Regeneration (z. B. der Schlaf).

Das Konzept und die Erforschung von Resilienz

Vielen Betroffenen ist es gelungen, trotz der Symptome einer körperlichen oder seelischen Krankheit sozial gut zu funktionieren. ANdere kamen wieder auf die Beine, obwohl sie schweren Belastungen ausgesetzt waren. Diese Menschen und ihre Geschichten sind im Fokus der Resilienzforschung. Diese Forschungsrichtung versucht, die Biographien dieser Menschen zu verstehen und nachzuvollziehen, wie sie es fertiggebracht haben, die Probleme zu überwinden und dennoch ein produktives und erfülltes Leben zu führen. Die so gewonnen Erkenntnisse sollen dann die bestehenden Präventations- und Behandlungsprohramme verbessern (COATSWORTH u. DUNCAN 2003).

In der Hauptsache die Entwicklungspsychologie, die Pädagogik und die Entwicklungspsychopathologie entwickeln Resilienz und untersuchen sie empirisch. Bekannte Forscher sind beispielsweise Sir Michael RUTTER (1985) aus England, Emmy WERNER (1993) und N. GARMEZY (1991) aus den USA sowie Friedrich LÖSEL (1994) und Günther OPP (1999) aus Deutschland. Dabei zeigte sich, dass Resilienz mehr ist als die Anpassung an widrige Verhältnisse oder das Durchstehen oder Überleben. So vertreten manche der Forscher die radikale Ansicht, dass der Mensch Resilienz nicht trotz widriger Umstände entwickelt, sondern wegen dieser. In extremen Stresssituationen kann der einzelne Mensch Stärken entwickeln, die er selbst bis zu diesem Zeitpunkt bei sich nie für möglich gehalten hätte.So schrieb Alber Camus »Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt«.
Resilienz ist nicht dasselbe wie soziale Kompetenz oder psychische Gesundheit. In der Resilienz wirken nicht die statischen, sondern die dynamischen protektiven Faktoren, durch die multiple oder gehäufte Risiken abgemildert werden (RUTTER 1985).

Bei heranwachsenden Mesnchen haben die Psychologie und die Psychiatrie Schutz- bzw. Resilienzfaktoren ausgemacht, die im Falle massiver psychischer, physischer oder psychosozialer Belastungen vor der Dekompensation bewahren. Dabei geht es vor allem um

  • positives Selbstwertgefühl (Selbstwirksamkeit),
  • positives Sozialverhalten und aktives Coping,
  • ein intaktes Elternhaus,
  • positive Beziehungen zu anderen kompetenten und fürsorglichen Erwachsenen,
  • gute intellektuelle Fähigkeiten,
  • Attraktivität,
  • Überzeugung von der Sinnhaftigkeit des Lebens und Glaubensbindung/Spiritualität,
  • gute Schulbildung und
  • sozioökonomische Vorteile.

In der Gerontologie (Foster 1997) steht die Resilienz als Gegengewicht zur Vulnerabilität und als »Wohlbefindensfaktor bei Älteren«. Damit ist gemeint, dass Resilienz eine aktive konstruktive Anpassungsleistung darstellt, die es Menschen im höheren Lebensalter ermöglicht,

  1. die damit verbundenen Anforderungen erfolgreich zu bewältigen;
  2. nach einem erlittenem Trauma die frühere Funktionsfähigkeit wiederherzustellen;
  3. ein zufriedenstellendes »Verlust- und Mangelmanagement« zu betreiben

(GUNZELMANN et al. 2003).

Um die Resilienz geht es auch in anderen Konzepten, wie etwa bei der »emotionalen Intelligenz« (EDWARD u. WARELOW 2005), der »Selbstregulation« (BUCKNER et al. 2003) oder der »Selbstorganisation« (CICCHETTI u. ROGOSCH 1997). Zudem untersuchte der israelische Medizinsoziologe Aaron ANTONOVSKY (1987) in der »Salutogenese« die Gründe, warum einige Personen trotz hoher Risikofaktoren in ihrem Leben eine relativ intakte Entwicklung durchlaufen und aus welchem Grund sie besser und schneller traumatische Ereignisse meistern als andere in derselben Situation. Die systemische Familientherapie versteht die Resilienz nicht als Persönlichkeitseigenschaft, sondern als Disposition (das Vermögen, die Anlage) zum Handeln, die im Familiensystems erworben wird. Im weiteren Leben stärken dann auch Einflüsse außerhalb der Familie die Resilienz des Einzelnen (HILDENBRAND 2005). ,

Protektive Faktoren in der Person und in ihrer Umwelt

Die Forschung kommt zu denselben Ergebnissen, wenn es um die Charakteristika des Kindes und der Umwelt hinsichtlich resilienter Ergebnisse geht. Diese Charakteristiken heißen »protektive Faktoren«, weil sie es ermöglichen, die Wirkungen von schweren Belastungen, traumatischen Ereignissen und gehäuften Risiken abzumildern bzw. abzupuffern (RUTTER 1995).
Im Grunde genommen birgt jede Umwelt Risiken. Wenn es jedoch genügend Schutzfaktoren gibt, auf die Jugendliche und Familien zurückgreifen können, dann entwickelt sich Resilienz. Die protektiven Faktoren wirken schützend vor drohenden Krankheiten für das Kind, wenn es Risiken oder Belastungen ausgesetzt ist.

Die protektiven Faktoren wirken auf verschiedenen Ebenen (MASTEN und REED 2002):

  • Individuelle Charakteristiken wie z.B. gute intellektuelle Funktionen, eine anziehende und freundliche Persönlichkeit, hohes Selbstvertrauen und Vertrauen in andere, Spi-
    ritualität/Glaube und Talente, die von der Person selbst und von anderen erkannt werden.
  • Familien sind wichtige Quellen protektiver Faktoren. Wenn Familienmitglieder positive und optimistische Überzeugungen und Werte teilen, wenn die Familienmitglieder Sinnhaftigkeit für die Familie vermitteln, dann werden sie die Kinder schützen und ihre Resilienz fördern (WALSH 1998). Andere protektive Faktoren beinhalten ein
    hohes Organisationsniveau und Stabilität, Zusammenhalt unter den Familienmitgliedern und eine klare offene Kommunikation.
  • Gemeindefaktoren wie z.B. das Bereitstellen von Ressourcen, die Familien unterstützen und den Jugendlichen Möglichkeiten geben, in sinnvollen Aktivitäten involviert zu sein sowie sozialer Zusammenhalt unter den Mitgliedern in der Gemeinde.

Resilienz ist keine außergewöhnliche Fähigkeit

Der Artikel "Ordinary Magic" (gewöhnliche Magie) (Ann Masten, 2001) betont, dass Resilienz auf gar keinen Fall eine außergewöhnliche oder ganz spezielle Qualität darstellt, sondern vielmehr »verankert (ist) in der Magie gewöhnlicher menschlicher Ressourcen«. Resilienz entspringt also dem Geist, Gehirn und Körper junger Menschen, aus ihren Familien und aus den Beziehungen und Gemeinschaften, in denen sie leben. Ann Mastens Studien an Kindern, die unter belastenden und benachteiligten Bedingungen aufwuchsen, brachten hervor, dass Resilienz ein Zeichen ist dafür, dass der grundlegende menschliche Anpassungssystem ordentlich funktioniert. Die verwendeten Anpassungssysteme sind individuell oder Aspekte des Einzelnen in Beziehung zu seinen unmittelbaren sozialen Systemen und Umwelten.
Solche Systeme stellen dar:

  • Bindungssysteme, welche die sozialen Verbindungen zwischen einzelnen Menschen herstellen;
  • das zentrale Nervensystem, welches für die kognitive Entwicklung und das Lernen zuständig ist;
  • Familiensysteme;
  • Gemeindestrukturen und -Organisationen.

Aus diesen Gedanken läßt sich ableiten, dass die Resilienz als effektives Anpassungssystem eine ganze Menge an Interventionsmöglichkeiten beinhaltet. Dabei betrifft die Förderung von Resilienz nicht notwendigerweise den Einzelnen. Am wirkungsvollsten und am längsten anhaltend Effekt lassen sich multiple Systeme und Interaktionen innerhalb und zwischen den Systemen ändern. So können die Interventionen protektive Familien und Gemeinschaften erzeugen, die dann für ihren Teil die Resilienz ihrer Jugendlichen steigern. (COATSWORTH und DUNCAN, 2003)

Zusammenfassung des Konstrukts »Resilienz«

Resilienz hat an sich

  • dass besondere Merkmale selten ausschließlich Risiko- oder Schutzfunktionen haben,
  • dass Personen zwar auf einem Gebiet resilient sind, nicht aber in anderen Bereichen,
  • dass Personen in unterschiedlichen Kontexten oftmals nicht gleich starke Resilienz besitzen.

(FREITAS und DOWNEY, 1998)

Demnach hat Resilienz einen dynamischen Charakter. Kinder bewältigen auf unterschiedliche Art und Weise die Stressoren bewältigen je nach Bereich, Entwicklung und Kontext. Warum also zeigen einige Kinder Resilienz, wenn sie mit Belastungen konfrontiert sind, während andere mit Problemen reagieren? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir die folgenden Aspekte mitberücksichtigen:

  • der Inhalt von und die Beziehungsstruktur zwischen relevanten psychologischen Mediatoren, wie z. B. Kompetenzen, Erwartungen, Werte und Ziele;
  • die Beziehung zwischen diesen psychologischen Mediatoren und bedeutsamen Charakteristiken der Umwelt.

So wurde etwa die Beziehung zwischen Intelligenzquotienten und Verhaltensproblemen von Jugendlichen untersucht.

Inzwischen gibt es mehrere Erfassungsinstrumente des Persönlichkeitsmerkmals Resilienz, die sich in der Validierungsphase befinden (WAGNILD u. YOUNG 1993; FRIBORG et al. 2003; LEPPERT 2002; CONNOR u. DAVIDSON 2003; OSHIO et al. 2003).

Zu kritisieren sind folgende Punkte an der konzeptuellen und methodischen Erfassung der Resilienz:

  • die Widersprüche in der Definition und der zentralen Terminologie,
  • d i e Heterogenität der erfahrenen Risiken und Belastungen und die Heterogenität der Kompetenzen, die Personen entwickeln, die als resilient eingeschätzt werden,
  • die Instabilität des Phänomens Resilienz und
  • Einwände bezüglich der Nützlichkeit von Resilienz als theoretisches Konstrukt.

(LOTHAR, CICCHETTI und BECKER, 2000)

LOTHAR, CICCHETTI und BECKER sind der Meinung, dass die Arbeit an der Resilienz ein wichtiges Potenzial darstellt, um mehr über die Prozesse und Einflüsse auf Personen in hohen Risiko- und Belastungssituationen zu erfahren. Die konzeptuellen und methodologischen Schwierigeiten, die sowohl von Skeptikern als auch von Befürwortern des Resilienzkonzeptes beschrieben werden, müssen noch wissenschaftlich verbessert werden.

Einige Ergebnisse aus der Resilienzforschung

Die Kauai-Langzeitstudie: Resilienz in Hochrisikofamilien

Emmy Werner von der University of California ist Psychologin und Pionierin der Resilienzforschung . Sie wurde bekannt mit ihrer berühmten Kauai-Studie (WERNER 1993).
Emmy Werner und ihre Mitarbeiter begleiteten in ihrer Langzeitstudie über vier Jahrzehnte hinweg 698 Kinder, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geboren wurden. Psychologen, Kinderärzte, Krankenschwestern und Sozialarbeiter prüften die Entwicklung im Alter von 1, 2, 10, 18, 32 und 40 Jahren. 210 der Teilnehmer (etwa 30%)
wuchsen unter äußerst problematischen Bedingungen auf. Armut, Krankheit der Eltern, Vernachlässigung, Scheidung, Misshandlungen prägten deren Kindheit. Emmy Werner
interessierte sich besonders für diese Risikokinder und untersuchte sich, wie sie sich über die Jahre hinweg entwickeln und ob sie eine Chance haben werden auf ein problemloses Leben. Zwei Drittel der belasteten Teilnehmer schafften dies (zunächst) nicht. Sie waren im Alter von zehn bis 18 Jahren durch Lern- und Verhaltensprobleme auffällig, kamen mit dem Gesetz in Konflikt oder litten unter seelischen Problemen. Ein Drittel der 210 Risikokinder entwickelte sich jedoch zu aller Erstaunen positiv. Zu keinem
Zeitpunkt der Untersuchung waren irgendwelche Verhaltensauffälligkeiten bei diesem Drittel zu entdecken. Sie »waren erfolgreich in der Schule, gründeten eine Familie, waren in das soziale Leben eingebunden und setzten sich realistische Ziele. Im Alter von 40 Jahren war keiner aus dieser Gruppe arbeitslos, niemand war mit dem Gesetz in Konflikt geraten und niemand war auf die Unterstützung von sozialen Einrichtungen angewiesen« (WERNER 2005).

Der widerstandsfähige Teil mit günstiger Langzeitprognose hatte im ersten Lebensjahr keine längere Trennung von der Hauptbezugsperson zu erleiden, hatte nicht vor dem zweiten Lebensjahr die elterliche Zuwendung mit einem Geschwisterkind zu teilen hatte und hatte eine nahe primäre Bindung an eine Bezugsperson entwickeln können.
Kauai-Kinder, die neurologische Geburtsschädigungen erlitten haben, zeigten im Erwachsenenalter vor allem dann keine Auffälligkeiten, wenn sie in einem stabilen und
wirtschaftlich gesicherten Elternhaus heranwuchsen. Selbst Kinder mit mehreren Risikofaktoren wie etwa Geburtsstress, wirtschaftlichen Problemen, broken home, entwickelten sich später erfolgreich und zwar zumeist diejenigen, die eine sichere Bindung zu einem anderen Erwachsenen aufbauen konnten (GUNKEL u. KRUSE 2004).

»Aus der Schule schienen sie ein zweites Zuhause gemacht zu haben, einen Ort der Zuflucht, wenn ihre Familie zerrüttet war. Als wir sie im Alter von 18 Jahren befragten, nannten viele dieser Jugendlichen einen Lieblingslehrer, der für sie zum Rollenmodell, Freund und Vertrauten geworden war und der sie besonders in Zeiten unterstützte, in denen ihre eigene Familie von Konflikten bedrängt oder von Auflösung bedroht war.« (WERNER 1989)

Resiliente Kinder verfügen über Schutzfaktoren, die die schlechten Auswirkungen von widrigen Umständen puffern: Sie finden Halt in einer stabilen emotionalen Beziehung zu Vertrauenspersonen außerhalb der zerrütteten Familie. Großeltern, ein Nachbar, ein Lieblingslehrer, der Pfarrer oder auch Geschwister bieten vernachlässigten oder misshandelten Kindern einen Zufluchtsort und bestätigen ihnen, etwas wert zu sein. Diese Menschen wirken als soziale Modelle, die dem Kind aufzeigen, wie es mit Schwierigkeiten konstruktiv umgehen kann.
Als wichtig erwies es sich auch, dass an ein Kind, das im Elternhaus Vernachlässigung und Gewalt erlebt, früh Leistungsanforderungen gestellt werden und es Verantwortung entwickeln kann. Zum Beispiel indem es für die jüngeren Geschwister sorgt oder in der Schule ein Amt übernimmt.
Individuelle Eigenschaften spielen ebenfalls eine Rolle: So haben resiliente Kinder oft ein »ruhiges« Temperament, sie sind also weniger leicht erregbar. Auch haben sie die Fähigkeit entwickelt, offen auf andere zuzugehen und sich damit Unterstützung zu besorgen. Auch haben sie oft ein spezielles Talent zu eigen, für das sie die Anerkennung von Gleichaltrigen bekommen (vgl. NUBER 2005; GROSSMANN 2003).

Emmy Werners Schluß war: »Die Annahme, dass sich ein Kind aus einer Hochrisikofamilie zwangsläufig zum Versager entwickelt, wird durch die Resilienzforschung widerlegt.« (WERNER 2005)

Die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie

Forscher der Universität Erlangen untersuchten Heimkinder aus Multiproblemmilieus (Friedrich LÖSEL und Doris BENDER,1994). Von den 144 Kindern entwickelten sich 66 der Jugendlichen (die »Resilienten«) deutlich positiver als die anderen 78 »Auffälligen«. Die resilienten Jugendlichen waren weniger impulsiv, setzten sich aktiv und selbstbewusst mit Problemen auseinander, konnten auf feste Bezugspersonen außerhalb der Familie zurückgreifen, fanden Unterstützung in der Schule und erlebten selbst die Situation im Erziehungsheim als positiv. Ähnlich wie bei Emmy Werners Zahlenmaterial hatten die »Resilienten« viele der folgenden Schutzfaktoren. Dazu gehörten

  • eine stabile emotionale Beziehung zu einem Erwachsenen in der Kindheit, idealerweise zu einem Elternteil;
  • die Verfügbarkeit sozialer Unterstützung sowie sozialer Modelle für eine konstruktive Problemlösung (z. B. ältere Geschwister, Lehrer);
  • eine frühe Konfrontation mit Leistungsanforderungen und Verantwortungsübernahme;
  • die intellektuelle Begabung zur Bewältigung von Traumata;
  • »günstige Voraussetzungen hinsichtlich des Temperaments«

( GUNKEL u. KRUSE, 2004)

Western Sydney Studie: Leben mit Schizophrenie und Entwicklung eines resilienten Selbst

Rene GEANELLOS forscht im Bereich der Pflegewissenschaften an der Universität von Western Sydney, Australien. Er erstellte eine qualitative Studie zur Erforschung der subjektiven Erfahrungen von Menschen, die mit Schizophrenie leben. Dazu untersuchte er die persönlichen Berichte von 19 Personen, die in der bekannten US-amerikanischen Zeitschrift »Schizophrenia Bulletin« unter "First Person Accounts" in der Zeit zwischen 1990 und 2003 benannt wurden. Manche der Schilderungen wurden anonym veröffentlicht. Unter Hermeneutik versteht man im Allgemeinen das Auslegen und Verstehen von Texten. Geanellos griff bei der Untersuchung der persönlichen Lebensgeschichten auf die hermeneutische Methode von Hans-Georg Gadamer zurück. Dabei öffnet sich der Leser dem Text gegenüber und versucht zu verstehen,wie sich das Erleben von Schizophrenie »anfühlt«, ohne es durch ein übergestülptes Konzept, wie etwa das Recovery-Konzept, zu filtern (Rene GEANELLOS, 2005).

Es ergab sich , dass sich die Resilienz auf einem Kontinuum bewegt: Ganz abhängig von den Umständen, Zeit und Raum ist die Resilienz bei den untersuchten Biographien zu einem größeren oder geringeren Grad vorhanden. Menschen, die mit Schizophrenie leben, erleben also Zyklen von Resilienz. Das Selbst und die Resilienz sind also nicht starr, sondern befinden sich in Veränderung. Man kann davon ausgehen, dass das Leben mit Schizophrenie Möglichkeiten bereitstellt, um Resilienz zu entwickeln, weil das Selbst sich der unerwartet und ungeplant auftretenden Erkrankung anpasst. Die Störung verändert sowohl das Leben als auch das Selbst grundlegend. Anpassung an
die Belastung einer schizophrenen Erkrankung, ging einher mit

  • weise zu leben, d.h. das Selbst-mit-Schizophrenie und Leben-mit-Schizophrenie in ihrem Wesen zu verstehen,
  • achtsam zu leben, d. h. bewusst zu verstehen und
  • entschlossen zu leben, d. h. gezielt zu handeln.

Um diese Ziele zu erreichen, sammelten die Betroffenen Kraft, bauten Willensstärke auf, suchten wirksame Ressourcen, stellten unterstützende Beziehungen her und entwickelten ein stabiles, sinnvolles Leben und ein anderes, resilienteres Selbst. Vier Hauptthemen und 18 Unterthemen konnten aus den Biographien abgeleitet werden. Das Meta-Thema umfasste alle Themen und wurde »Belastung als Chance: Leben mit Schizophrenie und ein resilientes Selbst entwickeln« genannt.

Die vier Haupthemen sind:

  • Fragmentierung - gefährdete Resilienz und das vulnerable Selbst: Dazu gehört der verzweifelte Versuch, die eigene Fassade von Normalität aufrechtzuerhalten, beträchtliche
    Angst und quälendes Leid, das die Betroffenen alleine und ohne Hilfe von außen ertragen mussten. Es fand Stigmatisierung durch andere und die Person selbst statt. Hoffnungslos psychisch krank zu sein, war das vorherrschende Gefühl.
  • Desintegration (Auflösung des sozialen Zusammenhalts innerhalb einer Gruppe).- gebrochene Resilienz und das überschwemmte Selbst: Die Personen fühlten sich vom täglichen Leben überwältigt, isoliert durch zerbrochene Beziehungen,
    der Gesundheitszustand verschlechterte sich. Angst, Verwirrtheit, ein »innerer Sturm« nahmen zu, die Verrücktheit eskalierte, die Personen erlebten sich von sich selbst, anderen und der Realität abgeschnitten.
  • Reintegration - wiedererlangte Resilienz und wiederhergestelltes Selbst: Die Personen spürten den Impuls, Hilfe zu suchen und einen Wendepunkt in ihrem Leben herbeizuführen. Sie kämpften gegen destabilisierende Kräfte und darum, die Kontrolle zurückzugewinnen. Sie entdeckten hilfreiche und vielfältige Verhaltensweisen, die ihr
    Wohlbefinden förderten, und bemühten sich darum, die richtige Unterstützung zur richtigen Zeit zu erhalten.
  • Rekonstruktion - erneuerte Resilienz und das veränderte Selbst: Die Personen fingen an, eine länger dauernde Krankheit zu akzeptieren, und lernten Kräfte zu erkennen und zu sammeln, die wieder Stabilisierung herbeiführten. Sie waren wieder bereit, sich anderen Menschen anzuschließen und mit dem Leben klarzukommen, und erkannten, dass sie
    sich mit ihrer Erkrankung nützlich machen konnten, indem sie anderen halfen.

Geanellos kam zu dem Schluss, dass es ein harter und schmerzhafter Weg für die Menschen mit Schizophrenie ist, endgültig bis zur Phase der Rekonstruktion zu gelangen. Sie
müssen nämlich mit dem Unterschied klarkommen, wie das jetzige Leben ist und wie das Leben ohne die Erkrankungt hätte sein können. Gefühle der Enttäuschung und der Trauer spielen dabei mit hinein. Die Betroffenen müssen lernen, mit den Einschränkungen und den Folgen der Krankheit zu leben, die sie selbstredend nicht wollten und auf die sie auch nicht vorbereitet waren. Erst die Skill, das Wesen des Lebens mit Schizophrenie zu verstehen, ermöglicht es, das Selbst zu verändern und umzugestalten. Erst die grundlegend veränderte Sichtweise des eigenen Selbst und des eigenen Lebens zieht die Wiederverbindung mit dem Leben nach sich. Die Betroffenen haben sich in einem aktiven Prozess dem Leben wieder angeschlossen durch vielfältige Aktivitäten und Beziehungen mit anderen. Mehrere der Befragten ist es gelungen, über sich und ihr Leben hinauszublicken: Sie wurden geleitet von dem Bedürfnis, anderen mit der gleichen Krankheit zu helfen, ihnen über ihr Leben zu erzählen und sie zu beraten, indem sie etwa zu diesem Zwecke eine eigene Webseite im Internet aufmachten.

Belastungen und Schwierigkeiten wurden als Chance und Möglichkeit betrachtet, sich den Herausforderungen des Lebens anzupassen und die eigene Resilienz zu stärken.

Die Resilienz ist dabei wichtig, weil sie die nötige Anpassung vermittelt und es den Betroffenen ermöglicht, auf ihre innere Stärke zu vertrauen und zu bauen, hilfreiche Beziehungen zu nutzen und die Talente und die Kreativität zu entwickeln, um sich den Anforderungen des Lebens mit der Störung zu stellen. Resilienz und Anpassung stehen also in einer Wechselbeziehung und bedingen einander: Die Resilienz verstärkt dabei die Anpassung und umgekehrt.

Es wird davon ausgegangen, dass Menschen mit Schizophrenie mit Belastungen auf diese Art und Weise umgehen. Ihre Resilienz zeichnet sich aus durch

  • Achtsamkeit,
  • zielgerichtetes Handeln,
  • Hartnäckigkeit,
  • Mut,
  • die Fähigkeit, mit dem Unerwarteten umzugehen und trotz der Probleme weiterzugehen.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Resilienz auf einem Kontinuum zu sehen ist, was bedeutet, dass Intervention möglich ist. So kann eine Krankenschwester dem Patienten helfen, seine Resilienz zu stärken, wenn diese sich gerade auf einem niedrigen Niveau befindet wie etwa in der Phase der Desintegration. Die Intervention verlangt jedoch vom Kliniker Verständnis und Wissen darüber, wie Menschen sich an Herausforderungen des Lebens anpassen. »Resilienz auf einem Kontinuum« heißt natürlich auch, dass die Kliniker sich das Wissen aneignen sollten, auf welche Weise die Resilienz ihrer Patienten gefährdet ist und wie sie wieder zurückgewonnen werden kann in Richtung Rekonstruktion.

Skandinavien und Los Angeles: Effiziente rechte Hirnhemisphäre und sichere Bindung als frühe Resilienzfaktoren

Interessant sind auch die Ergebnisse aus der Bindungsforschung und der Entwicklungspsychopathologie, die uns Aussagen machen, wie die primäre Prävention und frühe Interventionen bezüglich seelischer Gesundheit aussehen können. So kann die psychische Gesundheit schon während der Schwangerschaft beeinflusst werden. Letzten Endes kann man sagen, dass ein Kind, das schon in frühen Jahren eine sichere Bindungsbeziehung zu seiner primären Bezugsperson aufbauen konnte, auch die nötige Resilienz entwickelt, um in späteren Jahren als Erwachsener belastende Lebensereignisse erfolgreich zu bewältigen, ohne dass sich psychiatrische Symptome ergeben. Die betreffenden skandinavischen Studien geben viele Hinweise darauf, wie Resilienz und auch soziale Kompetenz schon in frühester Kindheit gestärkt werden können. (Per SVANBERG, 1998)

Die psychoneurobiologischen Hintergründe der kindlichen seelischen Gesundheit steuern Studien von der University of California, Los Angeles, USA, bei.(Allan SCHORE, 2001). Dabei geht es um

  • Bindungsforschung über die dyadische (dyadisch meint eine mathematische Operation mit zwei Operanden ) emotionale Kommunikation;
  • Neurowissenschaft über die frühe Entwicklung der rechten Himhemisphäre;
  • Psychophysiologie über Stresssysteme;
  • Psychiatrie über die Psychopathogenese
  • .

Die rechte Hirnhemisphäre hat sich früh entwickelt und tiefe Verbindungen mit dem limbischen und autonomen Nervensystem. Die rechte Hirnhälfte ist dominant bei der menschlichen Reaktion auf Stress. Eine sichere Bindungsbeziehung erlaubt die Ausweitung der Bewältigungsfähigkeiten des Kindes. Die durch Anpassung stattfindende kindliche psychische Gesundheit kann verstanden werden als der früheste Ausdruck flexibler Strategien, um mit Neuheit und Stress umzugehen. Bei dieser effizienten Funktion der rechten Hirnhemisphäre handelt es sich also um einen Resilienzfaktor für die optimale Entwicklung in den späteren Lebensphasen.

Kieler Studie an Unfallopfern

Resiliente Menschen haben weniger die Neigung, Ursachen negativer Ereignisse, persönliche Misserfolge oder ein eingetretenes Desaster internal zu attribuieren. Sie schreiben sich die Ereignisse also nicht selbst zu, sondern suchen eher externale Ursachenzuweisungen (Schuldzuweisungen an andere).

Die Studie untersuchte die Gründe der Verursachung bzw. Vermeidbarkeit von Unfallopfern nach der Einlieferung in ein Krankenhaus und ihre selbst wahrgenommene Möglichkeit zur Einflussnahme auf die Gesundung. Die Patienten, die sich am Unfall ohne eigene Schuld wähnten, konnten ihrer Situation eine positive Seite abgewinnen. Sie nahmen die Situation als gegeben hin, erholten sich schneller von ihren Verletzungen als die Unfallopfer, die den Unfall für vermeidbar hielten, sich aus diesem Grunde Vorwürfe
machten und mit ihrem Schicksal haderten. Während die Rekonvaleszenzzeit bei der ersten Gruppe 80 Tage betrug, vergingen bei der zweiten Gruppe 140 Tage bis sie ihre Berufstätigkeit wieder aufnehmen konnten. (ROGNER et al. 1987, aus GUNKEL u. KRUSE 2004).

England: Risiken und Resilienz in Fällen von emotionalem Missbrauch

Es gibt Faktoren, die das psychosoziale Verhalten von Kindern, die emotionalen Missbrauch erlitten haben, vorhersehbar machen (Dorota IWANIEC et al. , 2006). Die Risiken und die Resilienz von Kindern wird beeinflusst von

  • vorhergehende Faktoren (z. B. frühe Erfahrungen in der Erziehung),
  • auslösende Faktoren (z. B. Häufigkeit, Intensität und Dauer des Missbrauchs),
  • intrinsische Faktoren des Kindes (z. B. Arbeitsmodelle über sich selbst und andere),
  • innere und äußere Zuschreibungen, Verhaltens- und Copingstrategien, Selbstwert-gefühl und Disposition) und
  • externe Faktoren (z. B. Schule, Vorhandensein von unterstützenden Beziehungen).

Zur Identifikation der Kinder müssen mehr die besonderen Verletzlichkeiten und Schutzfaktoren beachtet werden, die zu jedem emotional missbrauchten Kind gehören. Dann erst kann man auf wirksame Weise die Resilienz der Kinder stärken.

Michigan, USA: Studie über Resilienz von Frauen mit erlittenem sexuellen Missbrauch

264 Frauen wurden in einer nichtklinischen Stichprobe untersucht und ihre Beziehung zwischen Schutzfaktoren und der Anpassung im Erwachsenenalter. 44 der Frauen bericheten von erlittenem sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit, rs gab auch Frauen ohne sexuellem Missbrauch. Als Resultat kam heraus:

  • Falls viele Schutzfaktoren vorhanden sind, dann passen sich die Frauen im Lebensalltag besser an.
  • Frauen, die als Kind sexuell missbraucht worden sind und auf viele Schutzfaktoren zurückgreifen konnten, passen sich ähnlich gut an wie Frauen ohne Missbrauchserfahrung
  • Allen Frauen waren die Schutzfaktoren sehr hilfreich, doch waren sie deutlich hilfreicher für die Frauen, die als Kind sexuell missbraucht wurden.

Man kann also zusammenfassen, dass Frauen mit Missbrauchserfahrung deutlich mehr von vorhandenen protektiven Faktoren profitieren und sie besser nutzen als Frauen ohne
eine solche negative Erfahrung (Judy LAM und Frances GROSSMAN, 2006).

Indien: Schutzfaktoren bei gefolterten tibetischen Flüchtlingen

Eine retrospektive Studie aus Indien (HOLTZ 1998) beschäftigte sich mit 35 tibetischen Mönchen und Laienschülern, die gefangen genommen und gefoltert worden sind. Die Kontrollgruppe setzte sich zusammen aus einer gleichgroßen Gruppe von Mönchen und Laienschülern ohne Gefängnis- und Foltererfahrung. Alle Teilnehmer an der Stidie waren Flüchtlinge von Tibet nach Indien. Die Hopkins Checklist-25 diente der Untersuchung auf Angstsymptome, affektive Störungen, somatische Beschwerden und soziale Beeinträchtigung.

Die Folteropfer hatten signifikant höhere Angstwerte als die Kontrollgruppe, dies traf jedoch nicht bezüglich der depressiven Symptome zu. Das Erleiden von Folter, die Folgen von Entwurzelung, Flucht aus dem Heimatland und Leben im Exil haben also Langzeitfolgen für die psychische Gesundheit, obwohl diese zusätzlichen Wirkungen eher gering waren.
Den Gefolterten dienten als Resilienzfaktoren und aktive Schutzmechanismen gegen psychologische Negativfolgen:

  • das politische Engagement;
  • soziale Unterstützung im Exil;
  • das vorherige Wissen und Vorbereitetsein auf Gefängnis und Folter;
  • der buddhistische Glaube.

Was sagen uns die Studienergebnisse?

Implikationen für die Praxis

Die Resilienzforscher sehen in Resilienz keine Eigenschaft, die Menschen zufällig besitzen oder nicht. Psychische Widerstandsfähigkeit ist also keine Glückssache. Manche Menschen können ihre schon vorhandenen Kapazitäten aus eigener Kraft nutzen und ausschöpfen, andere benötigen dabei jedoch gezielte Unterstützung.

Implikationen für die Pädagogik

Die Amerikanische Psychologenvereinigung (APA) entsendet speziell geschulte Psychologen in die Grundschulen, um den Kindern beizubringen, wie sie mit den unvermeidlichen
Widrigkeiten des Lebens am besten fertig werden. Die Kinder erhalten also ein Training in resilientem Verhalten. Zielsetzung des Programms ist es, den Kindern dabei zu helfen, mit alltäglichen Stresssituationen, wie etwa Schikane, schlechten Noten, konstruktiv umzugehen. Dann nämlich brauchen die Kinder vor schlimmeren Problemen, wie etwa Vernachlässigung, Scheidung der Eltern, Gewalterfahrung, nicht zu kapitulieren.
In deutschen Tageseinrichtungen für Kinder finden ähnliche Programme zur Förderung von Resilienz statt. Jeder der Erziehenden kann nämlich »mit seinem Handeln im alltäglichen Umfeld dazu beitragen (...), dass das Kind Vertrauen in die eigene Kraft und die eigenen Fähigkeiten gewinnt, dass es sich selbst als wertvoll erlebt und dass es
durch seine eigenen Handlungen Veränderungen bewirkt« (WUSTMANN 2004, zitiert nach NüBER,2005,S.23).

Implikationen für die Familientherapie

Sir Michael RUTTER (1999), ist einer ersten Resilienzforscher aus England. Kinder zeigen große Unterschiede darin, wie sie in ihrer Vulnerabilität auf psychosoziale Stressfaktoren und Belastungen reagieren. Dies liegt sowohl an genetischen als auch an Umwelteinflüssen. Negative Einflüsse seitens der Familien belasten die einzelnen Kinder
ganz unterschiedlich. Die Verminderung von negativen und die Erhöhung von »positiven Kettenreaktionen« zeigen einen großen Einfluss darauf , inwieweit die Folgen von Belastungen dauerhaft sind oder nicht. Neue Erfahrungen und Erlebnisse im Familienleben seitens der Kinder können das Blatt dabei positiv wenden. Positive Erfahrungen tragen zwar nicht viel zu einer protektiven Wirkung bei, doch können sie dabei helfen, Risikofaktoren zu neutralisieren.

Familientherapeuten müssen also sehr genau auf die Interaktion verschiedener Risikofaktoren achten und die individuellen Unterschiede der Empfänglichkeit für belastende Einflüsse erfassen und berücksichtigen. Die sozialen Interaktionsmustern innerhalb und außerhalb der Familie sowie die Rolle von Peergruppen sind wichtig für die Entwicklung von negativen und positiven Kettenreaktionen. Zudem sollte berücksichtigt werden, auf welche Art und Weise der Einzelnen seine Erfahrungen verarbeitet.

Implikationen für Prävention, Gesundheitsförderung und klinische Praxis

Die oben aufgeführten Forschungsergebnisse zur Resilienz haben bedeutsame Implikationen für die Prävention und klinische Praxis.

Ein tragfähiges Fundament der Resilienz entwickelt sich schon sehr früh durch eine sichere Bindungsbeziehung zwischen dem Säugling und seiner primären Bezugsperson und durch frühestmögliche Förderung einer solchen. Dadurch kommt es zu einer erfolgreichen Affektregulation und Ausweitung der Bewältigungsfähigkeiten. Die Prozesse finden statt in der rechten Gehirnhälfte und gewährleisten damit die psychische Gesundheit des Säuglings.

Resilienz hat nichts Statisches oder Gegebenes an sich. Sie ist das Ergebnis von aktiven Anpassungs- und Bewältigungsleistungen, die oft schmerzhaft und schwierig sind und das Leben des Betroffenen mehr oder weniger stark verändern können. Eine einfühlsame Unterstützung und Begleitung während dieser subtilen und komplexen Prozesse ist dringend angesagt.

Resilienz ist nicht das Resultat von magischen Kräften und außergewöhnlichen Fähigkeiten, die nur einigen wenigen Menschen vorbehalten sind. "Resilienz ist vielmehr verankert in Geist, Gehirn, Körper der einzelnen Menschen und deren Familien und Gemeinschaften, in denen sie leben." An diesen Bereichen kann die Praxis also anknüpfen
.
Es ist dem Einzelnen möglich, Resilienz zu entwickeln, nachzuentwickeln und zu erlernen, wenn dem Betroffenen in schweren Belastungssituationen die Möglichkeit gegeben wird, die notwendigen Schutzfaktoren zu aktivieren, die

  • innerhalb der Person (z.B. Hoffnung),
  • im sozialen oder Behandlungskontext (z.B. mit Resilienzwissen ausgebildete Professionelle; Peers bzw. Betroffene mit derselben Erfahrung und entsprechend entwickeltem Expertenwissen sowie einer erhöhten Sensibilität) sowie
  • in makrosozialen Faktoren (z. B. ambulante und stationäre Einrichtungen, die nicht nur psychopathologisch orientiert sind) liegen können.

Resilienz wirkt gegenläufig zur Stigmatisierung. Stigmatisierte Menschen können erleben, wie sie Kraft gewinnen und wertvolle Lektionen für ihr Leben lernen und dadurch Resilienz entwickeln, wenn sie mit den negativen Folgen von Stigmatisierung konfrontiert werden (siehe Positives Stigma und Stigma-Resilienz).

Viele unterschiedliche Disziplinen im klinischen und nichtkinischen Bereich können aus den Ergebnissen der jungen Resilienzforschung Nutzen ziehen.
können. Zukünftige Beiträge zur Resilienz aus der interdisziplinären Forschung der Psycho-Neuro-Endokrino-Immunologie, die die komplexen Wechselwirkungen
der verschiedenen Systeme im Menschen mit der materiellen und sozialen Umwelt untersuchen, dürften noch spannende Ergebnisse liefern. Der Resilienzforscher Sir Michael RUTTER (2005) versteht Resilienz als einen kombinierten psychosozialen und biologischen Ansatz. Er meint »Wir sind erst am Anfang zu verstehen, wie wir die Forschungsergebnisse zur Resilienz für die Prävention und für psychosoziale Interventionen nutzen können.«

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