Neuer Umgang mit dem psychiatrischen Krankheitsbegriff

09.02.2015

Neuer Umgang mit dem psychiatrischen Krankheitsbegriff
Wer ist psychisch krank?

SWR2 Impuls.

Ist jemand schon psychisch krank, wenn er zu lange trauert? Oder erst, wenn ihn seine Depressionen nahe an den Selbstmord treiben? Der Streit darum, wann jemand als psychisch krank oder gestört anzusehen ist, ist fast so alt wie die Psychiatrie selbst. Der Berliner Psychiatrieprofessor Andreas Heinz hat nun einen Krankheitsbegriff entwickelt, der die Zahl psychiatrischer Störungen maßgeblich reduzieren würde.

"Paranoidität, Schizophrenie, Psychose, manisch-depressiv, wat hammer noch: Borderline, schizo-affektiv auf jedem Fall, alles. Normalerweise, nach Ärzteaussage, müsste ich chronisch krank beziehungsweise schon tot sein. Aber ich fühle mich jetzt ziemlich gesund."
Diagnose Burnout

Lassen sich psychische Probleme wirklich kategorisieren?

Das Leben von Arndt Müller - der Name ist ein Pseudonym – war lange Zeit ein Wellental. Immer wieder, erzählt der 46 jährige, erlitt er schwere psychische Krisen - und erhielt von den Ärzten jedes Mal eine andere Diagnose. Das machte ihn zunehmend skeptisch. Er setzte weniger auf Psychopharmaka und Klinikaufenthalte und konnte mit therapeutischer Unterstützung seine Lebenssituation deutlich verbessern.
Ist das Leben beeinträchtigt?

"Allerdings haben mich Diagnosen eigentlich nie interessiert, ich wollte ja gesund werden."
Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin, nimmt solche Fälle ernst. Sie zwingen seiner Meinung nach dazu, mit dem Etikett "psychische Krankheit" äußerst vorsichtig umzugehen. Schon der Blick auf körperliche Merkmale oder Erkrankungen zeige, dass man mit dem Krankheitsbegriff differenziert umgehen müsse.

Biologie erklärt nicht alles

"Das Problem an der Biologie ist, dass sie einem eigentlich nicht sagt, was pathologisch ist, denn die Menschen sind unglaublich variabel. Und die biologische Funktion selber sagt nicht aus, ob die lebenswichtig und damit auch krankheitsrelevant ist. Schönes Beispiel, dass oft zitiert wird, ist das Zungenrollen. "
Prof. Andreas Heinz

Prof. Andreas Heinz

"Ob sie die Zunge rollen können oder nicht ist hochgradig genetisch und biologisch determiniert, ist aber keine Erkrankung, weil sie das zum Leben nicht brauchen. Eine Schluckstörung ist eine wesentliche Organfunktion, die man zum Leben braucht und deswegen gilt das auch als Krankheit. "
Teilhabe am Leben

Bei psychiatrischen Erkrankungen, so Andreas Heinz, sei es noch schwieriger, zu entscheiden, inwieweit sie das Leben beeinträchtigen. Es gehe bei ihnen nicht nur darum, ob lebenswichtige Funktionen und Fähigkeiten eingeschränkt sind, sondern auch darum, inwieweit das für den Betroffenen selbst von Nachteil ist.
Helfen Märchen bei Demenz ?

Ist Demenz eine psychische Erkrankung?

"Das kann entweder sein, wenn man subjektiv darunter leidet, es kann auch sein, dass man seine Alltagsfunktionen nicht mehr bewältigt. Also denken Sie an einen Demenzkranken, der vielleicht gar nicht merkt, dass er eine Demenzerkrankung hat, der sich nicht mehr waschen und anziehen kann, der wäre natürlich auch eingeschränkt in seiner Teilhabefähigkeit."

Weniger psychiatrische Erkrankungen als bisher

Diese Kriterien sind keineswegs neu, doch Andreas Heinz schränkt mit ihrer Hilfe den psychiatrischen Krankheitsbegriff radikal ein. Im psychiatrischen Sinne krank ist für ihn nur derjenige, der in lebenswichtigen Fähigkeiten und Funktionen eingeschränkt ist und stark darunter leidet oder dadurch seine Fähigkeit verliert, am sozialen Leben teilzuhaben. Die Anwendung dieser Kriterien verringert die Zahl der psychischen Erkrankungen beträchtlich.
panik

Kann der Betroffene noch am sozialen Leben teilhaben?

Nach diesem Vorschlag würden nämlich nicht mehr wie bisher mehrere hundert Störungen als psychische Erkrankungen im engeren Sinnen bezeichnet, sondern nur noch Suchterkrankungen und Psychosen. Wenn Menschen also zum Beispiel durch ihren Alkoholmissbrauch zerstört werden und mehr oder völlig den Bezug zur Realität verlieren, läge objektiv eine seelische Krankheit vor. Bei vielen anderen psychischen Leiden, meint Andreas Heinz, spielen dagegen subjektive und soziale Einschätzungen eine entscheidende Rolle.
Menschenbild beeinflusst Krankheitsbegriff

"Und das ist ein gesellschaftlicher Abstimmungsprozess, da können Mediziner nur einen Vorschlag machen. "
arbeit

Das Menschenbild prägt den Begriff von psychischer Gesundheit oder Krankheit

Eine Rolle spiele auch immer das jeweilige gesellschaftlich vorherrschende oder akzeptierte Menschenbild. Beispielsweise, wenn depressive oder manische Menschen ihre Trauer oder ihre Euphorie nicht mehr steuern können.

"Ist das relevant, dass man zum Beispiel seine Stimmung situationsangemessen doch ein Stück modulieren kann oder ist das in unserem Verständnis des Menschen gegeben, dass man affektstarr sagen wir mal in der Manie oder in der Depression verharrt? Da gibt es gute philosophische Argumente, dass man eigentlich doch in einem emotionalen Bezug zur Umwelt steht und dass das dazu gehört, dass es auch wechseln kann. Aber darüber kann man sich streiten."

Menschliche Psyche ist vielgestaltig
Therapie

Psychische Krankheiten sind oft schwer diagnostizierbar.

Insofern könnten Psychiater nach Ansicht von Andreas Heinz hier nicht einen Krankheitsbegriff von oben herab bestimmen, auch nicht beim Thema Depression oder Manie. Sie müssten sich vielmehr an kulturellen Diskussionen über den Menschen an sich beteiligen. Im konkreten Fall müssten Sie mit jedem Patienten und seinem Umfeld persönlich aushandeln, wie stark ihn die jeweiligen Probleme belasten und klären, welche Hilfe er benötigt.

Forderungen, die bisher vor allem von Psychotherapeuten und kritischen Psychiatern erhoben wurden: Löst euch von einer engen Klassifikation scheinbar objektiver Störungen, erkennt an, wie vielgestaltig die menschliche Psyche ist . Mit Charité-Direktor Andreas Heinz schließt sich jetzt der Leiter einer großen psychiatrischen Klinik diesen Forderungen an:

"Es ist ja immer auch ein Kommunikationsprozess, also wie die soziale Teilhabe dann funktioniert, da ist die Rückmeldung aus der Familie wichtig, die mag aber auch nicht immer die exakte Einschätzung haben - das sind Kommunikationsprozesse, die man dann führen muss."

Mehr Zeit für Diagnose und Therapie
Psychiatriegesetz

Welche psychischen Störungen gehören künftig in die Psychiatrie?

Das alles ist aufwändig und erfordert viel Zeit. Andreas Heinz´ Versuch, den Begriff der psychischen Krankheit neu zu bestimmen, fordert also nicht nur die Psychiatrie in ihrer bisherigen Klassifikation und Diagnosestellung heraus. Er verlangt auch, dass Psychiatern und Psychotherapeuten die angemessenen Kapazitäten für einen differenzierten Umgang mit den Erscheinungsformen der menschlichen Psyche zur Verfügung gestellt werden.

Buch zum Thema: Andreas Heinz: Der Begriff der psychischen Krankheit, 371 Seiten, EURO 18,50; Suhrkamp Berlin 2014.

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