Ostukraine: In der "Todesklinik" gibt es keine Ärzte mehr

Ostukraine
09.02.15
In der "Todesklinik" gibt es keine Ärzte mehr

Geistig Behinderte verwahrlosen in einer Psychiatrie in der Ostukraine – viele sterben. Die Anstalt liegt mitten im Kriegsgebiet. Prorussische Rebellen müssten sie evakuieren, doch die weigern sich.

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Von André Eichhofer, Slowjanoserbsk
Die vielen älteren Bewohner reagieren oft panisch auf die Geräusche der Geschütze, die in der Umgebung einschlagen
Die vielen älteren Bewohner reagieren oft panisch auf die Geräusche der Geschütze, die in der Umgebung einschlagen Foto: Antonio Bronic/REUTERS

Wenn draußen Raketen pfeifen, wenn der Fußboden wackelt und die Fensterscheiben klirren, dann kriechen sie unter die Betten und ziehen die Decken über ihren Kopf. Etwa 350 geistig behinderte Menschen stecken in einer Psychiatrie in der Ostukraine fest – im Kreuzfeuer von Armee und Separatisten.
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Während Granaten über das Gelände sausen, fallen drinnen Wasser und Licht aus, laufen Patienten verwirrt in den Gängen umher oder kauern schreiend auf dem Flur. So beschreiben es Reporter, Aktivisten und Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

In der Ukraine kursieren Nachrichten über die sogenannte Todesklinik: Etwa 50 Patienten, heißt es, sollen in den letzten Monaten in der Psychiatrie gestorben sein. Der Direktor sei aus Angst vor den Bomben geflohen. Prorussische Separatisten, auf deren Territorium die Anstalt liegt, müssten die Kranken eigentlich evakuieren. Stattdessen wiegeln die Rebellen ab und behaupten, es gäbe keine humanitären Probleme.
Eine Patientin kauert auf dem Gang. Das Personal kann sich nicht um alle Kranken kümmern
Foto: Antonio Bronic/REUTERS Eine Patientin kauert auf dem Gang. Das Personal kann sich nicht um alle Kranken kümmern

Kein Zutritt für "amerikanische Faschisten"

Der Weg führt in den Ort Slowjanoserbsk, in die selbst ernannte "Volksrepublik Lugansk". Auf einer Holperstraße geht es vorbei an Schützengräben und ausgebrannten Tankstellen. Zerbombte Häuser am Straßenrand deuten auf die Gefechte, die sich Rebellen und Armee in der Gegend andauernd liefern. Slowjanoserbsk ist von der Außenwelt abgeschnitten, im Umkreis von 15 Kilometern gibt es keinen Mobilfunkempfang. Wer konnte, hat die Kleinstadt längst verlassen. Nur die Alten und Schwachen harren noch im Niemandsland aus. Notdürftig haben sie die Fenster ihrer Datschen mit Brettern zugenagelt.

Vor der Zufahrt zum Neuropsychologischen Krankenhaus schieben zwei Milizen mit Kalaschnikows Wache. "Seid ihr amerikanische Faschisten?", fragen die Männer und lachen. Dann zeigen sie die Trümmer einer Rakete, die vor ein paar Tagen nahe des Checkpoints einschlug. Hinter dem Krankenhaus, sagen die Rebellen, stünde die Armee. Die Regierungstruppen hätten ihre Artillerie am Fluss Severski aufgestellt, der zwei Kilometer entfernt fließt und die Front markiert. Den Zutritt zur Klinik verweigern die Milizen. "Ohne Erlaubnis kommt hier niemand rein", sagen sie. Die Genehmigung erteilen nur die Separatistenführer in Lugansk.

Verantwortlich für die Klinik ist Wladimir Nikitin, der "Sozialminister" der "Volksrepublik Lugansk". Wer ihn sprechen will, muss zur ehemaligen Gebietsverwaltung der Industriestadt, die den Separatisten jetzt als "Regierungssitz" dient. Am Eingang durchsuchen Milizen Rucksäcke und Taschen. Eine Stunde lässt der "Minister" auf sich warten, dann bittet er in sein holzgetäfeltes Büro.
Nass oder gefroren sind die Alternativen bei der Wäsche
Foto: Antonio Bronic/REUTERS Nass oder gefroren – das sind die Alternativen bei der Wäsche

Genauso schlimm wie überall

"Wieso interessiert sich die ganze Welt für diese Klinik?", fragt der Mann mit dem Seidenanzug und dem Vollbart. "Das Essen reicht dort für die nächsten sechs Monate. Wir haben genug Brot, Fleisch, Fisch und Medizin. Strom und Heizung funktionieren auch", beteuert Nikitin. Und überhaupt seien die Bürger der "Volksrepublik" ausreichend versorgt. Nach langer Diskussion greift der "Minister" zum Telefonhörer und lässt die Pforte der Psychiatrie öffnen.

Diese besteht aus vier Blöcken mit je zwei Etagen. Pflegerinnen führen durch einen Trakt und weisen darauf hin, dass Fotografieren verboten sei. In der Klinik leben rund 350 Patienten, etwa 120 sind ans Bett gefesselt. Die Insassen leiden unter Cerebralparese, einer Störung des Nervensystems, sowie an Hirnschäden, sogenannter Enzephalopathie. In dem Hospital gibt es auch eine Abteilung für akute psychische Erkrankungen, sagt eine Mitarbeiterin.

Eine Pflegerin zeigt die Küche: Brote stapeln sich auf der Anrichte, Schüsseln mit Hirsebrei stehen auf den Tischen. Dann strömen plötzlich Patienten aus den Zimmern, Unruhe breitet sich aus. Ein Gang wird durch eine Gittertür versperrt. Insassen drängeln sich an der Tür und strecken die Arme durch die Eisenstäbe. "Sie müssen von den anderen getrennt werden", erklärt die Pflegerin. Nach einer halben Stunde ist der Rundgang beendet. Auf den ersten Blick sieht es in der Psychiatrie nicht schlechter aus als in anderen ukrainischen Krankenhäusern auch.
So leidet die Zivilbevölkerung im Kampfgebiet
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Am Stadtrand der Rebellenhochburg Donzek in der Ukraine leben noch immer Menschen. Der Beschuss nimmt täglich zu. "Vormittags Mörsergranaten, nachmittags schwere Artillerie", sagt ein Bewohner. Quelle: N24

Zwischen den Fronten vergessen

"Die Separatisten wollen die Zustände in dem Krankenhaus verheimlichen", meint Dmitri Wassylenko*, der in Lugansk für eine internationale Hilfsorganisation arbeitet. Er hat im Dezember Lebensmittel und Medizin in der Psychiatrie verteilt. Der Mann möchte seinen richtigen Namen nicht nennen und nicht sagen, für wen er arbeitet. Er fürchtet, dass die Hilfsorganisationen von den Rebellen verbannt wird, wenn er über die Klinik spricht.

Eine Mitarbeiterin habe ihm gegenüber erklärt, dass seit Beginn der Gefechte etwa 50 Patienten in der Klinik gestorben seien, sagt Wassylenko. Ein Bericht der OSZE nennt 49 Tote seit August. "Allein im November, als die Kämpfe nach einer Waffenruhe wieder aufflammten, kamen 20 geistig Behinderte ums Leben", ergänzt Wassylenko. Einige starben an Altersschwäche. Die meisten aber litten an Unterversorgung, bestätigte eine der wenigen Pflegerinnen.

Die Organisation, für die Wassylenko arbeitet, hat einen Bericht verfasst, der der "Welt" vorliegt. Der Bericht bezeichnet die Klinik als "Haus des Schreckens". Psychisch kranke Patienten liefen alleine in den Fluren herum, einige schrien und weinten, heißt es in dem Report. Während der Gefechte seien die Kranken in den Keller gebracht worden. Insassen, die sich nicht bewegen konnten, wurden unter ihre Betten gelegt.

In den zwei Etagen hohen Blöcken habe es weder Strom noch Wasser gegeben, erzählt Wassylenko. "Die Patienten haben sich gegenseitig gefüttert. Weil sie die Schüsseln nicht halten konnten, lag das Essen verstreut auf dem Gang herum", erinnert er sich. "Die Kranken konnten nicht auf die Toilette gehen. Niemand half ihnen. Überall roch es nach Urin und Exkrementen", ergänzt Wassylenko. In den Gängen hing Leichengeruch, heißt es in dem Bericht der Hilfsorganisation.
Viele der Kranken dämmern ohne Betreuung in den Korridoren der Anstalt
Foto: Antonio Bronic/REUTERS Viele der Kranken dämmern ohne Betreuung in den Korridoren der Anstalt

Verschleppte Evakuierung

Auch Antonio Bronic, ein Fotograf aus Kroatien, besichtigte die Klinik im Dezember. Er bestätigt die Aussagen internationaler Helfer. "Draußen explodierten ständig Granaten", erinnert sich Bronic. "Drinnen war es sehr kalt, die Leute zitterten und schliefen in dicken Jacken. Es gab kein Gas, die Küchengeräte funktionierten nicht. Deshalb wurde auf dem Hof Feuer gemacht und das Essen im Freien gekocht", sagt Bronic.

Der Oblast Lugansk war im Sommer heftig umkämpft und ist vom Krieg gezeichnet. Immer wieder fällt in Lugansk der Strom aus, teilweise gibt es kein Wasser, Heizungen funktionieren nur sporadisch. An einigen Hausfassaden klaffen dicke Einschusslöcher. Im Dezember hatten in der 400.000-Einwohner-Stadt nur ein Café und ein Hotel geöffnet. Derzeit sind in der Region etwa 50 Organisationen tätig. Unter anderem die OSZE sowie die Vereinten Nationen, deren Mitarbeiter die Klinik ebenfalls inspizierten.

Eigentlich müssten die Separatisten die Klinik evakuieren. Stattdessen tut Milizenführer Nikitin so, als ob alles in Ordnung sei. "Den Patienten geht es gut", behauptet der Mann, der sonst gerne über zivile Opfer redet.

Klinik ohne Ärzte

"Wohin soll man die Leute denn bringen?", wirft Aktivist Wassylenko ein. Die Separatisten hängen am Tropf Russlands und haben kein Geld für Krankenhäuser, Schulen, Altenheime. Unter der Ukraine wurde die Klinik teilweise mit den Renten der Insassen finanziert. Seit November aber überweist Kiew kein Geld mehr. Das Personal steht seit Monaten ohne Gehalt da.

Von den 180 Mitarbeitern der Psychiatrie harren nur noch sechs in der Klinik aus. "Von ihnen hat niemand eine medizinische Ausbildung", heißt es im Bericht der OSZE.

Die Patienten aber sind in der Todeszone gefangen. Nach dem Rundgang bremst neben der Psychiatrie ein Krankenwagen der Rebellen. Vorne sitzen zwei Milizen einer Kosaken-Einheit. "Wir kommen gerade vom Friedhof", sagen sie, "dort haben wir zwei Patienten begraben."

*Name geändert

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