Politische Strategie von Recovery

Gerade die englischsprachigen Länder wie Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland haben ihre Politik in den letzten Jahren auf Recovery ausgerichtet. Die USA artikuliert es am pointiertetsten in der "New Freedom Commission on Mental Health": "Wir sehen gür jeden Betroffenen eine Zukunft mit Recovery, eine Zukunft, in der psychiatrische Krankheiten vermieden oder geheilt werden können, in der psychische Störungen früh diagnostiziert werden, eine Zukunft, in der jede Person mit einer psychiatrischen Krankheit in jeder Phase seines Lebens den vollen Zugang zu effektiven Behandlungen und Hilfen hat - alle wesentlichen Elemente, um zu leben, zu arbeiten und ganz am Leben der Gemeinde teilzunehmen".
Die Kommission benennt drei Stolpersteine:

  1. das Stigma, welches psychiatrische Krankheiten nach wie vor umgibt
  2. das ungerechte und nicht gleichbehandelnde Versicherungssystem
  3. das fragmentierte psychiatrische Versorgungssystem

Trotz aller Unterschiede zwischen Europa und den USA sind die Kernprobleme dennoch dieselben und ihnen ist schwer beizukommen. Stratgisch gesehen ähneln sich die Lösungsansätze im Westen sehr. Es wird sich zeigen, welcher Ansatz die Situation der Betroffenen am ehesten und am besten verändern wird.
In Großbritannien setzt das staatliche Gesundheitswesen (NHS = National Health Service) ganz auf Recovery. Dabei fokussiert die Strategie nicht nur die psychiatrische Versorgung, sondern auch den Umgang mit vielen anderen gesundheitlichen Problemen. Zentral sind dabei die Betroffenen und ihre Angehörigen. Die Gesundheitsplanung bezieht deren Anliegen mit ein und es ist klar definiert, dass sie bei allen Schritten der Implementierung von Recovery sich aktiv einbringen und mitgestalten. Die Betroffenen und die Angehörigen sind schon jetzt in den Gremien vertreten. Gerade das englische Gesundheitswesen zeichnet sich darauf aus, dass kein Gremium ohne Betroffenen und deren Angehörigen besetzt ist, das politischen Einfluss ausübt oder aber politische Bedeutung erlangen möchte. So ist Dan Fisher Mitglied in der Kommission der USA. Er ist Psychiater und damit Profi und gleichzeitig Betroffener, weil er eine Schizophrenie-Diagnose hat. Er ist Direktor der National Empowerment Center (NEC). In Anlehnung daran hebt auch in der EU die aktive Rolle der Betroffenen und deren Einbindung auf allen Ebenen hervor. Beispielhaft sei der Aktionsplan für psychische Gesundheit genannt, der 2005 von der Ministerkonferenz in Helsinki beschlossen wurde.

Wenden wir uns einer regionalen Initiative zur Umstellung auf Recovery zu, nämlich dem schottischen Recovery-Netzwerk. (Im Kapitel »Persönliche Erfahrung als Evidenz und Basis der Modellentwicklung« geht es dann erst um Recovery in der Praxis). Am Beispiel des schottischen Recovery-Netzwerkes sehen wir, dass die Recovery-Umorientierung ein Prozess ist, an dem sowohl Profis als auch Betroffene mitarbeiten müssen. Deshalb geht es weiter unten auch um die Bedeutung der Einbeziehung von Betroffenen auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Bereichen der Medizin.

Das schottische Recovery-Netzwerk

2004 gründete sich in Glasgow das Schottische Recovery-Netzwerk. Es war eine der vier Initiativen des Nationalen Programms zur Verbesserung von psychischer Gesundheit und psychischem Wohlbefinden (The Natioanl Programme for Improving Mental Health and Wellbeing). Es kam zu vielen Veranstaltungen und Workshops, um die Förderung von Recovery von chronischen psychischen Krankheiten in Schottland zu untersuchen. Im Zuge dieser Entwicklung entstand der Vorschlag zur Gründung des Scottish Recovery Network formal als Forum für das Lernen über und den Ideenaustausch um das Thema Recovery.
Die Leute vom Netzwerk sind der Überzeugung, dass Recovery ein Thema ist, das jeden angeht. Deshalb möchte das Netzwerk mit Gemeinden und verschiedenen Interessengruppen zusammenarbeiten. Dazu gehören auch Nutzer mit psychischen Langzeitproblemen, Freunde und Angehörige, Profis, die verschiedenen Einrichtungen innerhalb und außerhalb des psychiatrischen Systems und Interessenten aus der breiten Öffentlichkeit.
Im Internet entstand eine Plattform, um sich mit Nutzern und Interessierten auszutauschen. Darüber hinaus gibt es Diskussionsforen über Artikel und Vorträge zu Recovery. Zudem werden aktuelle Informationen über die Zusammenarbeit mit anderen Zentren vermittelt. Betroffene mit Erfahrungen mit psychiatrischen Symptomen sind eingeladen, ihre persönliche Geschichte zu erzählen und anonym im Internet zu publizieren.
Dabei ist den Netzwerkern bewusst, dass Recovery weder ein neues Modell noch ein neues Konzept in der Psychiatrie darstellt. Recovery soll auch keine neue Ideologie abgeben. Es geht mehr darum, in Erfahrung zu bringen, was dabei hilft, gesund zu bleiben oder zu werden. Über diese Informationen möchte man sich mit den Betroffenen und den anderen Zentren austauschen.
Der Leitgedanke ist, dass die Betroffenen sogar von den schwersten psychischen Erkrankungen "recovern" können. Sie haben also die Möglichkeit, ein befriedigendes und erfülltes Leben zu führen - mit oder auch ohne der individuellen Symptomatik. Zwei Menschen werden dieselbe Recovery auf zwei verschiedenen Arten erleben. Einstellungen und Werte des Betroffenen üben dabei einen großen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Recovery aus.
Recovery beinhaltet mehr als die Abwesenheit von Symptomen, sondern ist ein tiefgreifender persönlicher Prozess. Dabei ist es entscheidend, was von Recovery erwartet wird und was dabei hilft, die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen.
Simon Bradstreet schrieb den Artikel "Elements of Recovery: International Learning and the Scottish Context", in dem er die internationalen Erkenntnisse über Recovery zusammenfasst. Recovery versteht Bradstreet in Anlehnung an William Anthony (1993), der darunter ein befriedigendes, aktives und hoffnungsvolles Leben auch mit den Einschränkungen durch die Krankheit versteht. Man entwickelt eine neue Bedeutung und einen neuen Sinn im Leben, während man die katastrophalen Konsequenzen der psychiatrischen Erkrankung überwindet.

Bradstreet zählt die folgenden gemeinsamen Elemente von Recovery auf:

  1. Hoffnung: Ohne Hoffnung funktioniert Recovery nicht. Es gibt keine Veränderung, wenn nicht der Glaube daran besteht, dass ein besseres Leben sowohl möglich als auch erreichbar ist.
  2. Bedeutung und Sinn: Man findet Bedeutung und Sinn in verschiedenen Lebensbereichen wie etwa durch Spiritualität oder aber durch starke zwischenmenschliche oder gemeinschaftliche Bindungen
  3. Potenzial zur Veränderung: Die pessimistische Auffassung der chronischen psychischen Krankheit entwickelt sich zu einem Verständnis von Krankheitsepisoden als Lernerfahrungen
  4. Kontrolle: Recovery ist das subjektive Erleben, dass man die Kontrolle über sein Leben wiedererlangt.
  5. Aktive Teilnahme: Der passive Empfänger von Hilfeleistungen ohne Mitspracherecht wechselt zur aktiven Übernahme von persönlicher Verantwortung. Dies geschieht oft im Zusammenhang mit den Angehörigen. Hilfreich ist dabei Selbstmanagement, um mit den Symptomen der Krankheit umzugehen.
  6. Ganzheitlicher Ansatz und soziale Einbeziehung: Einbezogen werden alle Elemente, die für die Lebensqualität des Betroffenen wichtig sind wie der Genuss von guter Gesundheit und von Wohlbefinden zusammen mit allen sozialen, umweltbezogenen und individuellen Faktoren.
  7. Umwelt: Starke Faktoren von außen wie etwa Stigma und Diskriminierung, Berufstätigkeit und Ausbildungsmöglichkeiten, Wohnsituation oder soziale Ausgrenzung
  8. Optimistischer und realistischer Ansatz: Recovery ist kein linearer Prozess. Es wird Zeiten geben, in denen der Recovery-Prozess wegen der Erkrankung verlangsamt ist
  9. Kreativer Umgang mit Risiken: Als Ersatz für das Risikomanagement, welches von Therapie und Rehabilitation angeboten wird.

Narratives Forschungsprojekt in Schottland

Recovery soll nach dem Willen des SRN keine zusätzliche Maßnahme zu sonstigen therapeutischen Leistungen in der Psychiatrie verstanden werden, sondern startend mit der Stellung der ersten Diagnose im gesamten Gesundheitssystem Flrderung und Unterstützung erfahren.Die für die Gesundheit verantwortlichen Politiker sind in Schottland sehr offen für den Recove4ry-Ansatz. Das SRN sieht aus diesem Grunde seine originäre Aufgabe darin, die Faktoren herauszufinden, die Recovery fördern und behindern.Dabei soll mit einer qualitativen Methodik eine Evidenzbasis geschaffen werden für die verschiedenen Arten von Erfahrungen mit Recovery in Schottland. Dem Wert der individuellen Erfahrung gilt dabei das besondere Interesse der Netzwerker.
Die Mitarbeiter an dem Forschungsprojekt versuchen nun, aus den gesammelten Geschichten gemeinsame Faktoren für Recovery in Schottland herausarbeiten zu können und dabei zusätzlich von der Einzigartigkeit des Erlebens des Einzelnen zu lernen. Die gewonnene "anekdotische Evidenz" soll dabei helfen, die gesundheitliche Politik und Praxis in allen Bereichen in Schottland weiterzuentwickeln und besser zu verstehen, was denn nun das Wohlbefinden des Einzelnen wohl stärkt. Die Initiatoren des Projekts hoffen, dass in den erzählten Geschichten die Rolle diverser beteiligter Einrichtungen und Leistungen wie Gesundheitswesen, Wohnsituation, Sozialarbeit und der Freiwilligenbereich und die gesellschaftliche Einwirkung thematisiert werden.
Die Beschäftigung mit Evidenz in anderen Ländern hat hervorgebracht, dass Jobvermittlung und Hilfe bei der beruflichen Arbeit oder in sinnvoller Beschäftigung, Bildung, Kunst, Sport und körperlicher Aktivität einen nennenswerten Einfluss auf die Recovery hat. Im April und Mai 2005 wurden die ersten Geschichten über Recovery von Menschen mit psychischen Problemen an sechs verschiedenen Orten in Schottland gesammelt. Die Erzähler wurden über die nationale und die lokale Presse gefunden. Aber auch die Unterstützungsgruppen im Internet, das Email-Netzwerk des SRB, Nitzerorganisationen und öffentliche Veranstaltungen halfen dabei, Teilnehmer für das Projekt zu finden. Die jeweiligen Geschichten wurden durch halbstrukturierete Interviews gewonnen. Dabei sprachen die Teilnehmer ihre Geschichten anonym im Beisein von zwei Interviewern auf Band. Die Auswertung der Studie wurden dann auf der Internetseite veröffentlicht.
Natürlich stellt das Projekt nur einen kleinen Ausschnitt dar vom Leben der interviewten Menschen und ihres Recovery-Prozesses. Um nun mehr dynamische Elemente und eine längerfristige Perspektive einzuführen, könnte der Recovery-Prozess der Teilnehmer in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren mitverfolgt werden durch Feedback zu verschiedenen Zeitpunkten an die bereits interviewten Teilnehmer in intermittierenden Intervallen. Dann wäre es denkbar, die bereits interviewten Teilnehmer innerhalb dieses Zeitraumes von drei bis fünf Jahren nochmals zu interviewen, um den Prozess von Recovery in ihrem Leben zu erfassen. Zusätzlich könnten Angehörige, Profis oder Perspektiven aus der Gemeinde erhoben werden.
Die ethischen Richtlinien verdienen im Netzwerk eine besondere Beachtung. Die Teilnehmer werden nicht alleine gelassen von den bereitstehenden Profis nach den möglicherweise mit Stress verbundenen Interviews. Sie können auch die Transkripte der Interviews korrekturlesen und eventuell auch nachträglich ändern wie etwa sensible Inhalte klarer stellen oder aber ganz entfernen. Die Teilnehmer willigen ein, dass sie sich an allen Phasen des Projekts (Fragebogen, Interview) beteiligen werden. Die Forscher und Interviewer erhielten dabei ein spezielles Training, welches sie befähigt, mit den emotionalen Aspekten während des Interviews umzugehen. Falls Bedarf besteht, ist auch während des gesamten Projekts ein therapeutischer Berater dabeider die Forschungsmitglieder und die Teilnehmer betreut.

Mit SRN handelt es sich um eine mutige Initiative, die versucht, internationale Erfahrungen für Schottland nutzbar zu machen und dabei ein System von Evidenz auf allen Ebenen anbietet. Die schottischen Nutzer haben bisher ganz klar gezeigt, dass sie für diese Form von Initiative auch bereit sind.

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