Definition von Recovery

Die Übersetzung von Recovery ist problematisch. Ein Blick ins Wörterbuch offeriert uns mit einer Begriffsvielfalt: Erholung, Genesung, Bergung, Rettung, Rückgewinnung, Wiedergewinnung und Wiedergutmachung. Dann gibt es sehr viel Literatur über Recovery und psychiatrische Störungen im englischsprachigen Raum, so dass es sinnlos wäre, sie im Deutschen zu wiederholen. Also werden wir die diskutierten Grundüberlegungen vorstellen und überlegen, wie sie im deutschen Kulturraum umsetzbar sind.

Davidson et al. (2005) bemühen vier unterschiedliche Definitionen von Recovery:

  • die Rückkehr zum nnormalen Zustand
  • ein Vorgang, ein Zeitraum, ein Prozess
  • Wiederherstellung und Gewinn
  • ein Vorgang, bei dem Nützliches gewonnen wird aus an sich unnützen Quellen wie etwa beim Recycling

Alle diese vier Definitionen können im Zusammenhang mit Krankheit und Gesundheit bedeutungsvoll sein. Warum sollte man jedoch die einzelnen Definitionen voneinander abgrenzen? Weil die verschiedenen Arten von Recovery in der Wirklichkeit, im Leben eines bestimmten Menschen, sich einander ergänzend zum Vorschein kommen und in individueller Mischung zu Erfolgen führen.

Die Rückkehr zum Normalzustand

Diese Definition passt am Besten zu akuten körperlichen Krankheiten wie etwa eine Erkältung oder ein Beinbruch beim Skifahren. Es geht darum, den Normalzustand wiederherzustellen und zur gewohnten Normalität zurückzukehren. Der Begriff Recovery wird hier klassischerweise im Sinne von Wiederherstellung gebraucht. Trotzdem darf nicht übersehen werden, dass zum Beispiel nach einer überstandenen Erkältung die Immunsituation eine andere ist als zuvor und dass nach einem Knochenbruch der verheilte Knochen in Wirklichkeit eine andere Struktur aufweist als vor dem Unfall. Solche Änderungen behindern jedoch nicht den Normalzustand. Sie können aber eine verstärkte Widerstandskraft nach sich ziehen als Quelle der Resilienz zu späteren Zeiten. Auch können es sinnvolle Warnungen sein für persönliche Risikofaktoren. Das gilt vor allem für Erkrankungen, die sich wiederholen können, was wohl auf die meisten zutreffen dürfte. Doch stellt die Wiederherstellung des Normalzustandes bei allen Störungen, die länger andauern können und bei Erkrankungen, die sich nicht akut entwickeln oder so verlaufen, nicht das primäre Ziel dar. Demnach wäre es wenig sinnvoll, sich bei solchen Störungen auf Recovery im Sinn von einer Rückkehr zum Normalzustand zu versteifen.

ein Vorgang, ein Zeitraum, ein Prozess

Die Erklärung von Recovery als Vorgang hat ihren Ursprung in der Traumatherapie. Nach dem traumatischen Erlebnis geht es nicht darum, zum ursprünglichen Zustand zurückzukehren, sondern um die Integration einer Erfahrung, die das bisherige Bild von der Welt und der eigenen Situation in der Welt auf dramatische Weise ändert. Recovery ist also ein aktiver Vorgang, der Einschränkungen im zukünftigen Leben weder durch Verleugnung noch durch die Fortsetzung der Opferrolle vermeiden soll. Nach einem Trauma gestaltet sich Recovery als ein langwieriger Prozess. Dabei ist es wichtig, das Erlebte zu verstehen und die Kontrolle über die eigene Sicherheit und das eigene Leben wiederzugewinnen. Solche Wege vom Geschädigten zum Überlebenden und vom Opfer zum Sieger sind auch wichtig im Umgang mit lebensgefährlichen Erkrankungen wie etwa mit Tumoren oder HIV.

Wiederherstellung und Gewinn

Diese Definition findet ihre Anwendung etwa in Selbsthilfegruppen bei Abhängigkeitserkrankungen. Die Abstinanz ist meistendas tragende Ziel. Um ein gesundes Leben mit der Gefahr von Rückfällen führen zu können, ist es wichtig, die eigene Neigung zum Suchtverhalten zu verstehen. Zudem muss man dann Ursachen und Auswirkungen der Problematik bearbeiten, die nicht direkt mit der Droge zu tun hat. Man möchte nicht nur die Droge betreffend, sondern für sein ganzes Leben die Kontrolle wiedergewinnen. Dabei geht es dann nicht darum, zu einem vorhergehenden Zustand zurückzukehren, sondern - meistens zum ersten Mal - eine Situation zu schaffen, die ein sinnvolles Leben unter eigener Kontrolle möglich macht. Der ehemals Süchtige kann einen großen Gewinn ziehen aus der Konfrontation und der Bewältigung der Suchtproblematik, um viele Aspekte des eigenen Lebens und der eigenen Identität zu seinem Vorteil zu ändern.

Der Verlauf von psychischen Erkrankungen ist in der Regel sehr heterogen. Also ist auch die mögliche Bedeutung von Recovery ganz unterschiedlich. Für viele Betroffene gilt oftmals die erste Definition von Recovery, wenn sie nach der Episode der Psychose oder Depression wieder in den althergebrachten Normalzustand zurückfinden. Auf der anderen Seite kann eine solche akute und einmalige Krise auch Merkmale einer traumatischen Erfahrung haben. Schließlich können psychotische Erlebnisse und manche Anteile der Akutbehandlung traumatisierend wirken. Dann wäre wohl ein Prozess der Aufarbeitung und der Integration der gemachten negativen Erfahrungen nötig. Also geht es nicht um die Rückkehr zum vorherigen Zustand, sondern um den Zugewinn von Erfahrung, Erkenntnis und Bewusstsein.

ein Vorgang, bei dem Nützliches gewonnen wird aus an sich unnützen Quellen

Der Recovery-Bewegung von Betroffenen und Aktivisten der psychiatrischen Szene geht es darum, herauszufinden, wie sich ein veränderter Umgang mit psychischen Störungen entwickelt, die länger bestehen und deren Verlauf nicht vorhersehbar ist. Ähnlich läuft es bei der Selbsthilfebewegung im Suchtbereich. Diese sieht die Abstinenz als Voraussetzung für Gesundheit, berücksichtigt aber auch eigene Anfälligkeit für die Sucht, also die Vulnerabilität, welche ein Teil der Identität bleibt.
Ziele sind

  • die Kontrolle über das eigene Leben
  • ein konstruktiver Umgang mit eigenen Anfälligkeiten und Besonderheiten
  • Eigenverantwortlichkeit
  • und Entscheidungsfreiheit

Diese Ziele sind nicht unbedingt verknüpft mit dem Verschwinden aller Symptome einer Erkrakung. So stehen Symptome und Behinderungen einem sinnerfüllten und erfolgreichen Leben nicht unbedingt im Wege. So kann das Behinderungskonzept Anwendung finden oder ein Stimmenhörer seine Stimmen von einer Deutung als Krankheit befreien und als persönliche, öfter vorkommende Besonderheit erleben. Diese kann sogar als Bereicherung erlebt werden. Beeindruckend sind Berichte von Menschen, die ein als unnütz, unsinnig und ungereches Leid empfundene psychische Erkrankung durch die Bewältigung der Erkrankung zum Besseren verändert haben. Durch Anwendung eines Krankheitskonzepts können die Symptome verstanden und so unter Kontrolle gebracht werden, dass sie keine Behinderung mehr darstellen. Also entsteht nicht nur Mühsal, sondern zeitweise auch ein Gewinn. Dies gilt natürlich auch dem Erkennen und Akzeptieren von Grenzen, die die Erkrankungen und Behinderungen betreffen. Die zur Anwendung kommenden Konzepte von Krankheit und Behinderung können psychologisch, biologisch, sozial oder eine Mischung davon sein. Eine allgemeingültige Definition von Recovery ist nur schwer möglich, weil die psychiatrischen Störungen und Verläufe gar so vielfältig sind. Zusammenfassend läßt sich aber sagen, dass eine Veränderung in Richtung Gesundheit und Wiederherstellung - desmeist überraschend für alle Beteiligten - fast zu jedem Zeitpunkt möglich ist. Das kann plötzlich passieren mitten aus einer Krise heraus oder aber ganz langsam nach einer langen und schweren Krankheit. Zudem lebt der Betroffene in jeder Lage des Lebens und der Krankheit auch Gesundheit, die nur allzu oft übersehen wird. Ziel und Zweck dieses Textes ist es jedoch nicht, einen Druck auf die Betroffenen aufzubauen, dass jeder Betroffene einem allgemeinen Gebot der Gesundheit entsprechen sollte. Albert Camus hat es im »Mythos des Sisyphos« so ausgedrückt: »Wichtig ist nicht, gesund zu werden, sondern mit seinem Leiden zu leben.« (Albert Camus 2005, S. 54)

Dieses Buch möchte die Freude wecken an der Vielfalt und an dem konstruktiven Umgang mit der Komplexität des Themas und nicht enttäuschen über den Mangel an festgelegten Regeln.

Die Betroffenenbewegung fordert das Recht auf Partizipation und Selbstbestimmung und den Schutz vor Diskriminierung als Voraussetzung von Recovery.

Zusammenfassend läßt sich als Defintion von Recovery sagen: Die Konzepte von Recovery beschreiben die Entwicklung aus den Beschränkungen der passiven Rolle als Patient heraus hin zu einem selbstbestimmten, sinnerfüllten Leben. Dabei handelt es sich um individuell fortlaufende Abläufe, die sich an den persönlichen Werten und Zielen des Betroffenen orientieren.

Es wurden schon viele Versuche unternommen, Konzepte von Recovery zu erfassen. Oft unterscheiden die Autoren zwischen internen und externen Faktoren. Intern wären Hoffnung und Heilung - dies betrifft die Identität und den Selbstwert jenseits der Krankheit aber auch die Kontrolle über das eigene Leben. Entscheidend sind dabei auch oft die Beziehungen zu anderen Menschen. Externe Faktoren wäre die Situation der Menschenrechte und Patientenrechte und die Möglichkeiten der beruflichen und gesellschaftlichen Integration. Notwendig sind also eine positiv eingestellte Kultur, die Partizipation und Empowerment der Bürger fördert und ein psychiatrisches Hilfesystem, das auch recoveryorientiert arbeitet.

Menschen, die den Weg von Recovery gehen, benötigen vielfältige Hilfen. Doch stehen die subjektiven Erklärungsmodelle und individuellen Prioritäten ganz vorne an. Wenn man Hilfe anbietet, die den Betroffenen im Sinne von Empowerment und Recovery erlaubt, das eigene Leben unter Kontrolle zu bekommen, dann benötigt das den Wechsel vom defizitorientierten zum ressourcenorientierten Denkwesien. Die moderne psychiatrische Versorgung verfolgt dabei einen personenzentrierten Ansatz. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er sich flexibel und mobil an den individuellen Hilfebedarf und an den Bedürfnissen und Ressourcen des Betroffenen im eignen Lebensfeld orientiert. Der Betroffene muss sich also nicht mehr an die Strukturen bestehender Einrichtungen anpassen. Gleichzeitig drängen auf der therapeutischen Ebene die partizipativen Modelle zur geteilten Entscheidungsfindung und Erfahrungen mit Behandlungsvereinbarungen und Patientenverfügungen für akute Krisen in den Vordergrund, die die althergebrachten paternalistischen Compliance-Ansätze ablösen. Dies zieht natürlich Konsequenzen nach sich bezüglich der Beziehung zwischen den Nutzern der Einrichtungen des Gesundheitssystems und den Anbietern. Selbstredend bekommen solche Änderungen nur Nachhaltigkeit, wenn die Politik sie fördert und die zugehörigen Rahmenbedingungen schafft.

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