Neue S3-Leitinien „Alkohol“ und „Tabak“ veröffentlicht

Neue S3-Leitinien „Alkohol“ und „Tabak“ veröffentlicht
Dienstag, 3. Februar 2015

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hat heute in Berlin die beiden neuen S3-Leitlinien „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen“ und „Screening, Diagnostik und Behandlung des schädlichen und abhängigen Tabakkonsums“ vor­gestellt. „Sowohl Alkohol- als auch Nikotinabhängigkeit sind psychische Störungen, die in Deutschland deutlich unterbehandelt sind“, sagte Peter Falkai, der im Vorstand der DGPPN für Leitlinien zuständig ist.

„Es gibt knapp zwei Millionen Alkoholabhängige in Deutschland, dazu zwei Millionen Menschen mit einem schädlichen Gebrauch und sechs Millionen Menschen mit einem riskanten Alkoholkonsum“, ergänzte Karl Mann vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, unter dessen wissenschaftlicher Leitung die Leitlinie entstanden ist. „Nur 200.000 Alkoholabhängige sind jedoch in einer spezialisierten Behandlung. Wir erreichen also nur zehn Prozent der Abhängigen mit einer Therapie. Im Vergleich zu anderen psychischen Störungen ist das enorm wenig.“ Bei Schizophrenie würden zum Beispiel 80 Prozent der Betroffenen behandelt.

Fast 200.000 Todesfälle pro Jahr durch Alkohol- und Nikotinmissbrauch
In Deutschland sterben pro Jahr etwa 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkohol­missbrauchs, erklärt die DGGPN. Rund 110.000 Todesfälle seien zudem auf das Rauchen zurückzuführen. Insgesamt rauchen in Deutschland etwa 14,7 Millionen Frauen und Männer.

„Raucher verlieren im Durchschnitt zehn Jahre ihres Lebens im Vergleich zu Nicht­rauchern“, betonte Anil Batra vom Universitätsklinikum Tübingen, wissenschaftlicher Leiter der Leitlinie „Tabak“. Unter den aufhörwilligen Rauchern nutzten jedoch weniger als 15 Prozent professionelle Hilfsangebote.

„Der Hausarzt hat eine enorme Bedeutung bei der Früherkennung“
In den Leitlinien werden insbesondere die Bedeutung eines Screenings in allen Einrich­tungen der Primärversorgung zur Früherkennung von Alkohol- und Nikotinsucht betont. Mann stellte zudem die Bedeutung einer Kurzintervention beim Arzt heraus. Schon fünf bis zehn Minuten könnten ausreichen, um bei den Patienten eine Wirkung zu erzielen. Weitere Empfehlungen betreffen die Entgiftung, psychische Komorbiditäten, die Postakutbehandlung, die Selbsthilfe sowie die hausärztliche Versorgung.

„Der Hausarzt hat eine enorme Bedeutung bei der Früherkennung von Alkohol- und Nikotinabhängigkeit“, sagte Mann. Viele Hausärzte nähmen diese Aufgabe bislang aber nur unzureichend wahr. Mann räumte jedoch ein, dass die Hausärzte von vielen Fachärzten aufgefordert würden, in ihrem jeweiligen Fachbereich auf eine Früher­kennung von Krankheiten zu achten. Hausärzte würden in der Summe damit auch überfordert.

Zielführend sind Gruppen- und Einzelinterventionen
Bei der Behandlung einer Nikotinabhängigkeit stellte Batra insbesondere verhaltens­therapeutische Gruppen- und Einzelinterventionen als zielführend heraus. Eine Aversionstherapie oder eine psychodynamische Therapie seien hingegen nicht zu empfehlen.

Zur Überwindung der Entzugssymptomatik nach Beendigung des Nikotinkonsums sei eine zusätzliche medikamentöse Therapie sinnvoll, so Batra weiter. Wenn verfügbar, solle bei einer Verwendung von Medikamenten jedoch eine Kombination mit einem verhaltenstherapeutischen Tabakentwöhnungsprogramm angeboten werden.

Die neuen Leitlinien richten sich an alle Berufsgruppen, die betroffene Patienten behandeln. Sie entstanden in einem vierjährigen Entwicklungsprozess im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF). Die Federführung lag bei der DGPPN und der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht). © fos/aerzteblatt.de

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