Belastungsfaktoren & Interventionsmöglichkeiten

05.02.15

Risikofaktor: Arbeitsleben

Die Arbeitswelt ist neben der Familie, Freundschaften und der Freizeit ein zentraler Lebensbereich des Menschen - allein der damit verbundene Zeitaufwand prägt die Lebensgestaltung erheblich. Bei entsprechenden Arbeitsbedingungen kann die Ausübung einer Tätigkeit bzw. eines Berufs eine wesentliche Grundlage für die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen sein.

Andererseits haben negative arbeitsbedingte Belastungsfaktoren das Potential, bei bestimmten Voraussetzungen dazu beizutragen, dass Menschen psychische Probleme entwickeln oder sich bestehende psychische Störungen verstärken - bis hin zur Entwicklung manifester psychischer Erkrankungen. Arbeitsbedingte Risikofaktoren können in verschiedenen Teilaspekten der Arbeitswelt liegen: dem Arbeitsinhalt, der Arbeitsorganisation, sozialen Beziehungen, der Arbeitsumgebung sowie den Rahmenbedingungen.
Arbeitsbedingte Risikofaktoren im Zusammenhang mit psychischen Beschwerden und psychischen Störungen
Modell: Psychische Belastungsfaktoren in der ArbeitsweltAbb. Arbeitsbedingte Risikofaktoren im Zusammenhang mit psychischen Beschwerden und psychischen Störungen (Nach „iga.Fakten 1“, Abb.3: www.iga-info.de/fileadmin/Veroeffentlichungen/iga-Fakten_Praeventionsemp...)

Doch nicht nur ungünstige Arbeitsbedingungen in Bereichen der Erwerbstätigkeit können krank machen. Das Fehlen einer Arbeit kann ebenso eine schwere psychische Belastung darstellen, denn Arbeit ist ein zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Die Erwerbstätigkeit ist nicht nur entscheidend, um den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern gibt dem Leben eine Struktur, bietet die Möglichkeit, soziale Kontakte aufzubauen und ist für die meisten Menschen von großer Bedeutung für das eigene Selbstwertgefühl. So finden sich bei Menschen, die Ihre Arbeit verloren haben und länger arbeitslos bleiben, vermehrt psychische Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen.
Diagnosen an psychischen Erkrankungen nehmen zu

Der Anteil psychischer Störungen am Gesamtkrankenstand steigt in den letzten Jahren. Auch haben sich psychische Krankheiten - wie Depressionen und Angststörungen - in den vergangenen Jahren zum Hauptgrund für das unfreiwillige vorzeitige Ausscheiden aus dem Berufsleben entwickelt. Als besonders gefährdet für psychische Erkrankungen gelten Mitarbeiter im Dienstleistungssektor, in Callcentern und Hotlines, sowie Beschäftigte im Sozial- und Gesundheitswesen.

Zugleich haben sich in den letzten Jahren aber auch die Diagnosen verbessert und durch verstärkte Aufmerksamkeit und Aufklärung wurde die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen gefördert. Eine größere Akzeptanz führt dazu, dass sich Menschen eher in Behandlung begeben.

Neben den enormen wirtschaftlichen Kosten durch psychische Erkrankungen im Arbeitsleben steht das Leid des Betroffenen, das mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität verbunden ist. Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung in klinischer Behandlung waren, verlieren häufig ihren Arbeitsplatz und bleiben ohne Erwerbsarbeit.
Gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen

Aus den Erkenntnissen der vergangenen Jahre können einige Folgerungen abgleitet werden, die im Hinblick auf psychische Belastungen in der Arbeitswelt eine Basis für gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen darstellen:

ein anspruchsvolles, nicht überforderndes Arbeitsaufgabenprofil (hohe Autonomie, reichhaltige Lern- und Entwicklungschancen)
die angemessene Erfahrungen von Erfolg und sozialer Anerkennung sowie materielle Gratifikationen für erbrachte Leistungen
ein vertrauensvolles Klima der Zusammenarbeit sowie des fairen und gerechten Umgangs
eine sinnerfüllte und gesicherte Perspektive der Leistungserbringung aus Sicht der Arbeitenden

Fachliche Unterstützung: Dr. Christa Roth-Sackenheim (BVDP)

Risikofaktor: Alter

Die Lebenserwartung und die Lebensqualität älterer Menschen in Deutschland sind gestiegen. Die heute 70-Jährigen sind körperlich und geistig etwa so fit wie die 65-Jährigen vor 30 Jahren. Im höheren Lebensalter sollte zwischen unterschiedlichen Lebensphasen unterschieden werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO (2002) gibt für das Ende des zweiten Lebensalters den Eintritt ins Rentenalter an, was dem kalendarischen Alter von 60 – 75 Jahren entspricht. In der Definition des Europäischen Parlaments beginnt das vierte Alter mit 80 Jahren. Die überwiegende Mehrzahl der 65- bis 75-jährigen führt dank der verbesserten Lebensumstände und gesundheitlichen Versorgung ein selbständiges Leben mit selbstbestimmten Aktivitäten wie Hobbys, Reisen, ehrenamtlichen Tätigkeiten oder Teilberufstätigkeiten.

Ein Viertel der über 65-Jährigen leidet an psychischen Erkrankungen

Symptome wie sozialer Rückzug, Antriebsminderung, erhöhte Ängstlichkeit oder Vergesslichkeit werden oft als Ergebnisse des natürlichen Altwerdens und nicht als mögliches Warnzeichen für eine psychischen Erkrankung gewertet. Psychische Erkrankungen in der zweiten Lebenshälfte sind jedoch sehr häufig: in Deutschland leiden 25% aller Menschen über 65 Jahren an psychischen Erkrankungen. Das Erkrankungsrisiko steigt bei den häufigsten psychischen Erkrankungen mit dem Alter und Frauen sind daher aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung häufiger betroffen als Männer. Da ältere Menschen in aller Regel auch weitere Erkrankungen haben, wie beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes oder Gelenkerkrankungen, zeichnet sich der ältere kranke Mensch dadurch aus, dass oft mehrere Erkrankung gleichzeitig behandelt werden müssen, da die Symptome miteinander zusammenhängen und sich verstärken können. Das bedeutet, dass die Behandlung psychischer Erkrankungen oft langwieriger ist als bei jungen Menschen. Ferner ist eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen Haus-und Fachärzten notwendig und auch spezialisierte stationäre oder tagesklinische oder rehablitiative Angebote müssen möglicherweise in das Behandlungskonzept eingebunden werden. Das Alter macht die Behandlung psychischer Erkrankungen nicht leichter, aber es gibt sehr wirksame Therapien und es ist daher bei älteren Menschen wie bei jüngeren mit einem Behandlungserfolg zu rechnen. Die häufigste Erkrankungen stellen die Depression, Angsterkrankung und die Demenz dar.

Für das gesundheitliche Wohlbefinden psychisch erkrankter Menschen gilt genauso wie für jeden gesunden älteren Menschen: das vertraute Umfeld und die soziale Einbindung machen sicherer und zufriedener und die Wahrung körperlicher und seelischer Gesundheit sind gleichermaßen wichtig.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. med. Vjera Holthoff, Dresden (DGPPN)

Risikofaktor: Trauma oder schwere Belastungen

Als Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen werden psychische bzw. emotionale Beeinträchtigungen bezeichnet, die nach (extrem) belastenden Ereignissen oder einschneidenden Veränderungen im Leben eines Menschen auftreten (z.B. Erkrankung, Todesfall, Trennungen, Konflikte, Elternschaft etc.). Diese Situationen können krankheitsauslösend sein, wenn sie von den Betroffenen nicht adäquat verarbeitet werden bzw. keine erfolgreiche Bewältigung und Anpassung gelingt. Verschiedene psychische, körperliche und soziale Symptome - wie Angst, Unruhe, Schlafstörungen, Depressivität und Verhaltensveränderungen - können folgen, die zur Beeinträchtigung im Alltag und zu subjektivem Leid führen.

Nicht jede Trauerphase oder verzweifelte Reaktion z.B. nach einem Verkehrsunfall ist als „krankhaft“ einzustufen. Sie gehören meist zur normalen Bewältigung. Beschwerden wie Schlafstörungen, schlechtes Befinden und Anspannungszustände klingen in vielen Fällen wieder von alleine ab. Problematisch wird es erst, wenn der Betroffene beispielsweise seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann bzw. hierfür eine große Kraftanstrengung erforderlich ist, er einen Großteil der Tageszeit mit Gedanken an die Situation verbringt oder problematische Verhaltensveränderungen auftreten (z.B. Aggressivität, Gereiztheit, Suizidalität). Dann sollte der Kontakt mit einem Psychiater aufgenommen werden. Ob es sich um eine behandlungsbedürftige, krankhafte (pathologische) oder um eine „normale“ Reaktion handelt, kann der Facharzt beurteilen.

Unter dem Sammelbegriff „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“ werden nach ICD-10 im wesentlichen drei Krankheitsbilder zusammengefasst. Im Unterschied zu anderen psychischen Störungen können diese drei Erkrankungsformen immer als direkte Folge eines außergewöhnlich belastendenden Lebensereignisses gesehen werden.
Abb. nach Patientenleitlinie "Posttraumatische Belastungsstörung"; Klasse S3 (AWMF-Register Nr. 051/1010, Seite 4)

Akute Belastungsreaktion

Eine Akute Belastungsreaktion kann nach einer außergewöhnlichen körperlichen oder seelischen Belastung (Stressor) auftreten, z.B. nach einer Naturkatastrophe, nach Unfall oder Vergewaltigung. Eine akute Belastungsreaktion tritt meist wenige Minuten nach der akuten Belastung auf. Ohne das schreckliche Erlebnis würden die Betroffenen das psychische Gleichgewicht nicht verlieren. Die akute Belastungsreaktion klingt in der Regel innerhalb von Stunden oder Tagen ab oder hält zumindest nicht länger als einen Monat an. Die Akute Belastungsreaktion ist durch eine vielfältige, oft rasch wechselnde Symptomatik gekennzeichnet:

Bewusstseinseinengung, Desorientriertheit und Aufmerksamkeitsdefizit, der Betroffene ist wie betäubt, d.h. es findet eine innere Distanzierung (peritraumatische Dissoziation) von dem Erlebten statt.
Sozialer Rückzug
Unfähigkeit, das Geschehen in Worte zu fassen: „Sprachloses Entsetzen“
Unruhe und Hyperaktivität
Erhöhtes Erregungsniveau, Gereiztheit
Körperliche Symptome z.B. Schweißausbruch, Errötung/Blässe, beschleunigte Herztätigkeit, Übelkeit, Kopfdruck
Eventuell teilweise oder vollständige Erinnerungslücke (Amnesie) bezüglich des Ereignisses

Die Behandlung beginnt oftmals bereits bei der Erstversorgung als kurze Krisenintervention - beispielsweise am Unglücks-/Katastrophenort. Die Rettungskräfte überprüfen je nach Ereignis etwaige Komplikationen, d.h. Schock- oder Angstzustand, Suizidgefahr usw., und leiten geeignete Maßnahmen ein. Ansonsten wird das Auffangen des Betroffenen in seinem sozialen Netz sichergestellt bzw. organisiert. Das ist besonders wichtig, wenn hilflose Personen oder Kinder versorgt werden müssen. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen sind in ihrer Wirksamkeit gut belegt. Bei starken Erregungszuständen können zur Beruhigung kurzzeitig Psychopharmaka verabreicht werden.

Bei adäquater Behandlung ist die Prognose günstig. Die akute Belastungsreaktion geht jedoch nicht selten in eine Posttraumatische Belastungsstörung über.
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann als eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß auftreten. Diese auslösenden Erlebnisse (Traumata) vermögen objektiv nahezu jeden Menschen psychisch zu beeinträchtigen, wie z.B. schwere Unfälle, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen oder Kriegshandlungen. Die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung wird gestellt, wenn typische Symptome über mehr als vier Wochen in belastender Form bestehen.

Die PTBS ist ausführlich in dem Artikel Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) behandelt.
Anpassungsstörung

Einer Anpassungsstörung liegt eine identifizierbare psychosoziale Belastung (z.B. Tod des Partners, Trennung, schwere Erkrankung, Arbeitslosigkeit, Konflikt am Arbeitsplatz, Geburt eines Kindes) zugrunde, die kein außergewöhnliches oder katastrophales Ausmaß hat, aber eine entscheidende Lebensveränderung mit sich bringt. Aufgrund des Ereignisses bzw. während des Anpassungsprozesses kommt es zu subjektiver Bedrängnis und emotionalen Beeinträchtigungen, die das Wahrnehmen von sozialen Funktionen und die Leistungen des Betroffenen einschränken.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. med. Ulrich Schnyder, Zürich (SGPP), Dr. Roger Pycha, Bruneck (SIP)

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