Der Absturz nach dem Rausch

05.02.15
Crystal Meth Erreicht Den Nordwesten
Der Absturz nach dem Rausch

Die Droge Crystal Meth wirkt heftig und macht schnell abhängig. In Ahlhorn sollen Betroffene von ihrer Sucht loskommen.

Ahlhorn Saschas Tag beginnt um 6.30 Uhr. „Pusten“, sagt er, „um zu sehen, dass man keinen Alkohol getrunken hat.“ Danach Frühsport, dann Frühstück. Jeden Morgen. Seit fünf Monaten.

Drei Stunden arbeiten, Mittagessen, Gruppentherapie. Zum ersten Mal seit langer Zeit gibt es so etwas wie einen Plan in Saschas Leben. „Es ist hier alles sehr stramm durchstrukturiert“, sagt der 19-Jährige.

Vorher gab es vor allem Drogen. „Koks, Crystal, Heroin – es gibt nichts, was ich nicht genommen habe.“ Vor allem aber Crystal Meth. Jeden Tag. Fast sieben Jahre lang.

Jetzt lebt er zusammen mit 47 anderen Suchtkranken in der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn (Gemeinde Großenkneten). „Wir sind so etwas wie ein kleiner Reparaturbetrieb für die Gesellschaft“, sagt der Pädagogische Leiter Jürgen Schlieckau, 52.

Seit 20 Jahren arbeitet er mit Drogenabhängigen. Seit einiger Zeit kommen immer wieder Meth-Konsumenten nach Ahlhorn. „Noch haben wir hier eine Handvoll – aber es werden mehr.“

Bisher haben vor allem die neuen Bundesländer und Bayern mit der synthetischen Droge zu kämpfen, die meist in kristalliner Form angeboten wird. Doch der jährliche Bericht der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) zeigt eine steigende Tendenz – auch in Bundesländern und Großstädten außerhalb des deutsch-tschechischen Grenzgebiets.

Die Patienten in Ahlhorn kommen aus ganz Deutschland. Wie Sascha sind sie oft von mehreren Drogen abhängig und das schon seit mehreren Jahren. „Suizid auf Raten“, sagt Schlieckau.

Methamphetamin, Hauptbestandteil von Crystal Meth, wirkt deutlich heftiger als Amphetamin – und macht schnell abhängig. „Das geht viel rascher als bei vielen anderen Drogen“, erklärt Schlieckau. Ähnlich verhält es sich mit dem körperlichen und psychischen Verfall. „Schnelle Verelendung“, nennt das der Experte. Zudem sei Crystal billiger als beispielsweise Kokain.

Wobei man Abhängigen ihre Sucht nicht zwangsläufig sofort ansieht. „Das zieht sich durch sämtliche gesellschaftliche Schichten“, sagt Schlieckau. Crystal Meth sei eine Leistungsdroge, und unsere Gesellschaft fordert immer mehr Leistung, meint er. Ein bekanntes Beispiel ist der SPD-Innenexperte Michael Hartmann, dessen Chrystal-Meth-Konsum im Sommer 2014 bekannt wurde.

Crystal wirkt auf das Gehirn, körpereigene Botenstoffe wie Dopamin werden in Unmengen ausgestoßen. „Das lässt sich nur künstlich erzeugen“, erklärt Schlieckau. Und schwer beschreiben. „Wenn es ein göttliches Gefühl gibt, dann kommt es dem sehr nahe“, sagt Sascha, „als ob einem alles gelingt. Man hat Energie bis zum Abwinken.“

Auch Pauline kennt die Wirkung von Crystal Meth. „Man ist unglaublich euphorisch“, sagt die 22-Jährige. Auch sie ist seit fünf Monaten in Ahlhorn. Das vorläufige Ende einer sechsjährigen Drogengeschichte, die mit der Trennung ihrer Eltern begann und nach dem Tod der Mutter eskalierte.

Doch nach dem „High“ kommt irgendwann der „Crash“. „Man wird aggressiv, depressiv – der emotionale Nullpunkt“, sagt Pauline. Der Körper schaltet ab.

Pauline hat irgendwann erkannt, dass es nicht mehr weiter geht. Lange ging alles gut. Dann verlor sie den Job, weil sie während der Arbeitszeit Crystal nahm. Sie flog aus ihrer Wohnung, ihr Hund wurde zwangseingeschläfert. „Ich habe keine Termine eingehalten, keine Absprachen. Mir war alles egal.“

Ihre dunklen Haare waren dünn, sie hatte überall Pickel und offene Stellen. „Ich habe das im Spiegel nicht einmal gesehen“, sagt sie. Ihre Suche nach dem nächsten High endete im geschlossenen Entzug. Als sie entlassen werden sollte, ritzte sie sich selbst die Arme – nur um bleiben zu dürfen. Später kam sie in die Dietrich Bonhoeffer Klinik.

Dass Sascha jetzt in Ahlhorn ist, hat er einem Richter zu verdanken und dem Paragrafen 35 des Betäubungsmittelgesetzes – Therapie statt Haft. „Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Von mir aus hätte ich es wohl nicht gemacht“, sagt er.

Sascha flog mit 16 von der Schule, eine Ausbildung hat er nie gemacht. Stattdessen jobbte er schwarz in einer Shisha-Bar. Für die Drogenexzesse reichte das Geld nicht. Bewaffnete Überfälle, Einbrüche, Dealer ausgeraubt, um die Drogen zu strecken und weiterzuverkaufen. „Meistens haben wir fast alles selbst genommen“, sagt Sascha.

Angefangen hat das alles viel früher. Als er sieben Jahre alt war, starb sein Bruder an einem Aneurysma. Sein Vater flüchtete sich in die Arbeit, seine Mutter zerbrach. „Sie saß jeden Tag heulend am Küchentisch, wenn ich nach Hause kam“, erinnert sich Sascha. „Ich bekam nur noch Aufmerksamkeit durch negative Dinge.“

Es folgten Heime, Pflegefamilien, mit zwölf Jahren Cannabis, Alkohol, später Crystal. „Ich habe mich über die Drogen definiert“, sagt er. Wer kann am meisten konsumieren, wer bleibt am längsten wach. Manchmal waren es Tage. „Ich hatte Wahnvorstellungen, war richtig paranoid“, sagt er. Als er einmal zusammen mit seinen Freunden in der Wohnung Drogen nahm, rastete er aus. „Ich dachte, die wollten mich töten.“

Der Weg nach draußen wird hart – für jeden Crystal-Abhängigen. „Die Chancen auf eine Rückkehr ins normale Leben sind gering, wenn man früh angefangen hat“, sagt Jürgen Schlieckau. Die Rückfallquoten seien bei Methamphetamin deutlich höher als bei Alkohol.

In Ahlhorn sollen die Jugendlichen nachholen, was sie durch ihre Sucht verpasst haben. „Nachreifen“, nennt es Schlieckau. Viele seien psychisch im Alter von zwölf Jahren stehengeblieben.

Sascha und Pauline sind beide clean und wollen es bleiben. Im April räumen sie ihre Zimmer in der Klinik für die nächsten Patienten. „Ich will einfach ein vernünftiges, geregeltes Leben führen“, sagt Sascha, „das habe ich nie gemacht.“

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