Die Demenzerkrankung

Demenz
Unter dem Oberbegriff Demenz (lateinisch für dementia = ohne Verstand) versammeln (subsummieren) sich verschiedene Erkrankungen, die alle eine Minderung der geistigen Leistungsfähigkeit zeitigen. Die Fähigkeit, Neues aufzunehmen, zu sprechen und wieder zu erinnern, also zu lernen, vermindert sich. Folge ist eine zunehmende Einschränkung der selbständigen Bewältigung der Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL's). Es häufen sich die Probleme damit, neue gedankliche Inhalte aufzunehmen und diese dann im Anschluss wiederzugeben. Vergesslichkeit alleine ist jedoch noch lange keine Demenz.
Die Orientierung (Einordnung, wo der Betroffene sich gerade aufhält und was um ihn herum gerade geschieht) und die Urteilsfähigkeit nehmen zunächst ab. Danach kommt es zu Schwierigkeiten in Bezug auf Sprech- und Rechenvermögen und die Persönlichkeit verändert sich. Die Ausführung von alltäglichen Angelegenheiten wie Waschen, Kochen oder Einkaufen misslingen zusehends bis sie schließlich ganz zum Erliegen kommen. Für die Betroffenen geht der Kontakt und das Verständnis für ihre Umwelt verloren (Verfremdung). Dies löst Verunsicherung, Angst, zum Teil auch Aggressivität aber auch Enthemmung, Depressivität sowie Sprunghaftigkeit der Gestimmtheit aus. Dies gestaltet den Umgang seitens der Angehörigen oder des Pflegepersonals recht schwierig.
Das Risiko, einer Demenz zu erliegen, wächst im Alter stark. Nur zwei Prozent der Menschen im Alter von 65 und 69 Jahren sind an Demenz erkrankt. Demgegenüber sind unter den 80 bis 84-Jährigen zehn bis siebzehn Prozent betroffen und jeder Dritte der Menschen über 90.
In Deutschland finden sich etwa eine Million demenzkranke Menschen. Jährlich kommt eine Viertelmillion Menschen hinzu, so dass sich die Zahl der Demenzkranken bis 2050 schätzungsweise verdoppeln wird. Die Demenz ist heute schon der häufigste Grund dafür, einen Betroffenen im Pflegeheim unterzubringen.
Zu 90 Prozent werden Demenzkranke gepflegt von den eigenen Angehörigen. Zu 80 Prozent von Frauen.
Die häufigste Demenzform ist die Alzheimer-Demenz gefolgt von der sogenannten vaskulären Demenz (diese wird durch Durchblutungsstörungen im Gehirn ausgelöst) beziehungsweise einem Gemisch aus beiden Erkrankungen. Seltenere Formen sind die Fronto-Kortikalen (die Hirnrinde betreffenden) Demenzen.

Die Pflegereform
Das Pflegeleistungs-Ergänzungsgesetz von 2001 verschafft erstmals demenzkranken Menschen, aber auch geistig behinderten und psychisch kranken Pflegebedürftigen mit erheblichem allgemeinem Betreuungsbedarf zusätzliche Leistungen und verbesserte Versorgungsangebote im Rahmen der häuslichen Versorgung. Die so vergebenen Leistungen bewährten sich derart, dass sie 2008 im Pflegeweiterentwicklungsgesetz einflossen.
Deutliche Leistungsverbesserungen für die Menschen mit Demenz, mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen und einer erheblich eingeschränkten Alltagskompetenz, bei denen ein erheblicher Bedarf an allgemeiner Beaufsichtigung und Betreuung gegeben ist, sind das Ergebnis der neuen Reform. Es geht darin in der Hauptsache darum, die Angehörigen zu entlasten, die ansonsten 24 Stunden am Tag in die Pflicht genommen werden, weil sie die kognitiv erkrankten Pflegebedürftigen nicht für sich allein lassen können.
Aus dem Leistungsangebot der Pflegeversicherung können Betroffene zusätzliche Betreuung und allgemeine Beaufsichtigung auf zwei Arten in Anspruch nehmen – nämlich entweder durch ehrenamtlich tätige Helfer oder durch zugelassene Pflegedienste.

Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen
Am wichtigsten ist wohl die Geduld. Ungeduld erzeugt nämlich im Betroffenen das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Daraus resultiert dann Unzufriedenheit, Traurigkeit und Unwohlsein. Zudem ist der Betroffene wegen der Störungen des Gedächtnisses nicht mehr lernfähig. Das meiste von dem, was man ihnen mitteilt, ist schon nach wenigen Minuten wieder vergessen. Man kann also mit ihnen nichts mehr zuverlässig vereinbaren. Dennoch kann man ihnen mit viel Geduld noch etwas beibringen. Führt man den Betroffenen nämlich immer wieder an seinen Platz und erklärt man ihm, dies sei sein Platz, dann besteht die große Chance, dass er sich dies auch verinnerlicht und selbständig seinen Platz aufsucht. Würde man ihn dann fragen, wo sein Platz sei, dann würde er wohl nur ausweichend darauf antworten. Auf Fragen sollte man also verzichten.
Beim Umgang mit Demenzkranken, sollte man das Demenz-Paradoxon nicht vergessen : Damit ist gemeint, dass der Betroffene krankheitsbedingt nichtmehr dazu in der Lage ist, den Verlust seiner kognitiven Leistungen auch wahrzunehmen und sich mit den Konsequenzen zu beschäftigen.
Bei der Verständigung mit einem Demenzkranken sollte man auf einfache Sprache zurückgreifen. Damit trägt man zugleich der Altersschwerhörigkeit Rechnung als auch der Tatsache, dass der Betroffene lange Sätze oft gar nicht mehr verstehen kann. Auch wenn er eindeutig im Unrecht ist, sollte man sich auf kein Streitgespräch mit dem Betroffenen einlassen. Zwar kann er sich wohl bald an das Gespräch nicht mehr erinnern, doch bleiben dann eine Verwirrtheitund Unzufriedenheit zurück. Demenzkranke empfinden Streit als bedrohlich, weil sie verlernt haben, zu wissen, dass der Streit wieder vergeht. Die Betroffenen leben nämlich fast nur in der Vergangenheit. Die Zukunft hat für sie keinerlei Bedeutung.
Ist keine sprachliche Verständigung mehr möglich, dann ist es umso wichtiger, die übrigen Sinne (Schmecken, Riechen, Hören, Tasten, Bewegung) anzuregen. Die Reize sollten dabei einzeln angeboten werden. Ein Überangebot führt eher zur Verwirrtheit, da dann die verschiedenen Verursacher nicht mehr getrennt und zugeordnet werden können.

Erleben demenzkranker Menschen
Es fällt umso leichter, mit einem Erkrankten zu kommunizieren, wenn man sich in dessen Gefühlswelt hineinversetzt.
Die Welt eines Demenzkranken ist sehr unverständlich strukturiert, weil er die Orientierung verliert. So fällt es ihm schwer, Gegenstände, Situationen oder Personen in einen größeren Zusammenhang (Kontext) einzubauen. Erinnerungsstörungen verwehren den Zugriff auf gespeichertes Wissen (semantisches Gedächtnis) und Erlebnisse (episodisches Gedächtnis). Somit ist es dem Betroffenen unmöglich, sich in der aktuellen Situation zurechtzufinden. Ist der Kranke noch fähig dazu, sein Verhalten als unangemessen einzuordnen, so kann dies zu Unruhe und Resignation führen. Da sie die Entscheidungen der Pflegenden nicht mehr nachvollziehen können, fühlen sich Demenzkranke oft falsch verstanden und bevormundet. Sie sind jedoch oft dazu in der Lage, konkret ihre Wünsche zu äußern. Manche unter ihnen spüren noch, wenn sie Andere langweilen oder durch ihr Verhalten peinlich berühren. Diese Fähigkeit zum emotionalen Kontakt schwindet jedoch im Lauf der Zeit, was für die Pflegenden eine große Belastung darstellt.
Wenn der Demenzkranke mit seinen Schwächen konfrontiert wird, kann er recht verärgert reagieren, weil er für Dinge verantwortlich gemacht wird, die er inzwischen längst vergessen hat.
Auch die Betroffenen haben Gefühle. Wenn sie ihren geistigen Verfall erkennen, dann kann es zu starken Depressionen kommen. Depressionen und Demenz ähneln sich sehr stark in ihrer Symptomatik und können deshalb leicht verwechselt werden. Mit dem Fortschreiten der Krankheit verflacht das Gefühlsleben und ergreift Interessenlosigkeit und die Unfähigkeit, sich zu freuen oder zu trauern Besitz vom Betroffenen.

Zum Verhältnis zu den Pflegenden
Neun von zehn Betroffenen werden gepflegt von ihren nächsten Angehörigen, je acht davon von Frauen. Oftmals versiegen deren soziale Kontakte und sie leben nur noch für den Dementen, mit dem jedoch so gut wie keine Kommunikation mehr möglich ist. Ihre regelmäßig gegen den Betroffenen gerichteten aggressiven Gefühle produzieren immense Schuldgefühle in ihnen. Dazu kommt noch die große Angst, selbst einmal dement zu werden. Oft führt dies alles direkt in eine depressive Entwicklung oder zu psychosomatischen Beschwerden wie zum Beispiel chronischen Schmerzerkrankungen. Die psychische Erkrankung des Pflegenden tritt meist erst nach dem Ableben des Betroffenen auf, wenn man eigentlich sein Leben wieder in vollen Zügen genießen will.
Die Erkrankung der Lebenspartner oder Eltern kränkt auch die anderen Familienmitglieder, weil Angriffe auf den Partner auch Angriffe sind auf die pflegenden Angehörigen. Verhält sich der demente Partner nun unsinnig, wird ihm oft Bösartigkeit und fehlender guter Wille unterstellt.
Es empfiehlt sich folglich, eine Angehörigengruppe, einen Psychotherapeuten oder eine Demenzberatungsstelle in der Nähe des eigenen Wohnorts aufzusuchen.

Volkswirtschaftliche Auswirkungen
Der vierte Altenbericht der deutschen Bundesregierung von 2004 schätzt die Kosten für Behandlung und Pflege der Demenzkranken auf 26 Milliarden Euro. Ein Drittel davon wird dabei in der Pflege kostenneutral durch Angehörige erbracht. 2010 sind 20 Prozent der Bundesbürger über 65 Jahre alt. Die Kosten steigen also auf 36 Milliarden Euro an, wobei der Anteil an Pflegekosten kontinuierlich zunimmt wegen der geänderten Familienstrukturen mit Single-Haushalten und Kleinfamilien.

Therapien
Ein Mix aus medikamentöser Therapie und Biografiearbeit hat sich als recht wirksam erwiesen.
Seit einigen Jahren gibt es Medikamente gegen Demenz, sogenannte Antidementiva. Heilbar ist die Demenz nicht, aber für einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren kann das Fortschreiten verzögert werden. Es geht vielmehr darum, die Alltagskompetenz der Betroffenen zu bessern und ihre kognitive Leistung so lange wie nur möglich zu erhalten. Beigaben wie beruhigende Medikamente und Neuroleptika mit anticholinerger (den Neurotransmitter Acetylcholin hemmend) Nebenwirkung können sich verschlechternd auf die kognitiven Fähigkeiten des Erkrankten auswirken.
Manche Patienten profitieren dabei ganz wesentlich von den Medikamenten und andere wiederum gar nicht.
Bei der Biografiearbeit geht es darum, in Erfahrung zu bringen, warum sich ein Betroffener in einer bestimmten Situation so verhält und nicht anders. Je besser die Biographie eines Erkrankten durchleuchtet wurden und je detaillierter seine Gewohnheiten und Eigenheiten bekannt sind, desto besser ist er für die Pflegenden zu verstehen.

Das Tau-Protein
Das Tau-Protein ist ein Protein, welches in Tierzellen an stützende Zytoskelettproteine (Mikrotubuli) bindet und deren Zusammenbau regelt. Neurodegenerative Erkrankungen mit Ablagerungen von Tau-Protein werden in der Gruppe als Tauopathien bezeichnet. Die bekannteste Tauopathie ist der Morbus Alzheimer. Bei einer Erkrankung funktioniert das Protein nicht mehr so wie früher – es kann nicht mehr mit den Mikrotubuli interagieren. Dies hat zur Folge, dass das geschädigte und nutzlos gewordene Protein im Körper abgelagert wird. Diese Ablagerungen können wir als sogenannte neurofibrilläre Läsionen (Verletzungen) in den Gehirnen der Alzheimer-Patienten beobachten.

Quellen

Kommende Termine

Benutzeranmeldung