Positives Stigma und Stigma-Resilienz

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit dem positiven Umgang mit Stigmata. Wie stellen es manche Menschen an, dass es ihnen in einer Gesellschaft gut geht in der sie stigmatisiert werden. Margret Shih von der Universität Michigan machte diese Fragestellung 2004 zu ihrem Thema.

Immer mehr VIPs und Prominente wagen es in der letzten Zeit, sich zu outen und ihre Diagnose und das damit verbundene Leid öffentlich zu machen. Sie berichten aber auch darüber, wie sie an der Meisterung der Probleme gewachsen sind oder wie sie nach, trotz und zwischen den Behinderungen gut leben können. In Büchern thematisieren dies beispielsweise Rolf Lissy ("Swiss Paradise") und Kay Redfield Jamison ("Meine ruhelose Seele"). Dann dokumentierte Andreas Gehrke seinen "Ausbruch aus dem Angstkäfig" und die Sängerin Paula Abdul gesteht öffentlich ihre bulimische Essstörung ein. Sie ergänzt zudem, aus der aktiven Überwindung der Krankheit mehr Stärke und Glück gewonnen zu haben als sie vorher hatte. Auch der schizophrene Nobelpreisträger John Nash wurde in "A Beautyful Mind" ein literarisches und flimisches Denkmal gesetzt. Er beschreibt, wie er seine Wahnideen so lange so ernst genommen hat, weil sie der gleichen Quelle entstammen wie die enormen mathematischen Entdeckungen, die er gemacht hat.

Stigmata bewirken viele Probleme und Stress, doch müssen diese Schwierigkeiten nicht unbedingt schlecht ausgehen. Menschen, die Stigmata ausgesetzt sind, funktionieren nämlich häufig so gut Menschen, die nicht stigmatisiert sind. Von Interesse ist nun, welche Vorgänge nun in der Literatur beteiligt sind bei der Bewältigung der negativen Folgen der Stigmatisierung.

Resilienz: Selbstprotektive Strategien zur Überwindung von Stigmata

Es sind die besonderen Ressourcen, die bei den stigmatisierten Menschen Resilienz aufkommen läßt, wenn sie mit dem Stigma umgehen.

Althergebracht ist das Konzept, dass psychologische Resilienz bei Stress und Belastungen aufkommen kann. Jedes zweite der Kinder, die unter benachteiligten Bedingungen (Trauma, Armut, Stigma..) heranwachsen, entwickeln auch negative Konsequenzen (antisoziales Verhalten, Delinquenz, psychische Erkrankung) Die andere Hälfte der Kinder entwickelt sich zu gesunden und funktionierenden Erwachsenen.

Mehre re Strategien, um Stigmatisierung zu überwinden, sind bekannt:

  • Bei der Kompensation entwickeln Menschen Fertigkeiten, um das Stigma zu kompensieren. Sie treten noch entschlossener oder selbstsicherer auf.. So traten bei einem Versuch unattraktive weibliche Jugendliche selbstsicherer auf als die attraktiven Mädchen und beeinflusste die erste Gruppe ihre Peers erfolgreicher. Stigmatisierte Personen wie etwa übergewichtige Frauen entwickeln so in ihrem Bemühen, gemocht zu werden, soziale Kompetenzen. Sie geben mehr darauf acht, wie die auf die anderen wirken.
  • Die stigmatisierten Menschen haben ein feineres Gespür bezüglich ihrer sozialen Interaktionen. So erinnern sie sich eher an Details der Interaktion als die nichtstigmatisierten Personen und sie akzeptieren eher die Meinungen des Interaktionspartners. Frauen lesen sensibler zwischen den Zeilen, weil sie auf einem niedrigeren Status stehen und Menschen mit niedrigerem Status stets sensibler sein müssen als Menschen, die einen höheren Staus aufweisen..
  • Stigmatisierte Personen bestätigen nicht die erwarteten Stereotypen und zwar besonders dann, wenn Vorurteile angekündigt wurden. Frauen bedienen beispielsweise nicht die Erwartungshaltung des Vorurteils der weiblichen Rolle gegenüber, wenn sie wissen, dass sie einem sexistischen Richter gegenüberstehen.Schwarze Schüler, denen schlechte schulische Leistungen zugeschrieben werden, erfüllen dieses Stereotyp kaum in einer schulischen Prüfungssituation. In all den Beispielen distanzieren sich die Menschen von der stigmatisierten Gruppe, um die Anwendung der Stereotypen auf sich zu vermeiden.
  • Manche Menschen spielen die Bereiche, auf denen sie benachteiligt werden, herunter. Dies kompensieren sie damit, dass sie die Bereiche höher bewerten, in denen ihre Gruppe keine Nachteile hat.
  • Andere stigmatisierte Menschen wenden die strategische Interpretation der sozialen Umwelt vor. So schützen sie ihr Selbstwertgefühl. Zum Beispiel wenden sie den selektiven sozialen Vergleich an, indem sie sich mit den Mitgliedern der eigenen Gruppe vergleichen, denen es genauso oder sogar schlechter ergeht und nicht mit den bevorzugten Gruppen. Ergeht es mir nämlich gleich oder sogar besser als anderen in vergleichbaren Umständen, dann hebt das die Selbstwirksamkeit. Die Änderung des Vergleichsstandards relativiert also die Wahrnehmung von Ungleichheit bei stigmatisierten Menschen.
  • Nicht stigmatisierte Menschen gestehen ihre Fehler eher ein als stigmatisierte, die ihre Fehler unter anderem der Diskriminierung zuschreiben können. Diese Attributierung stellt also das unerwünschte Resultat in einen Kontext, der das eigene Selbstwertgefühl aufrecht erhält.
  • Die diskriminierte Person kann auch die Vorurteile und die Diskriminierung verleugnen oder verharmlosen. Vorurteile und Diskriminierung gegen die eigene Gruppe werden eher wahrgenommen als Vorurteile und Diskriminierung sich selbst als Individuum gegenüber. Sie weigern sich also, sich selbst als Opfer zu sehen, da dies einem Kontrollverlust und einem geringeren Selbstwert gleichkommt..
  • Andere stigmatisierte Menschen wenden das Prinzip der multiplen Identitäten an. Sie beziehen sich dann auf unterschiedliche Identitäten, um sich vor Stigmatisierung zu schützen. Alle Menschen haben multiple Identitäten wie etwa "weibliche ältere katholische Putzfrau" (Geschlecht, Alter, Religion und Beruf)
  • Je größer die Selbstkomplexität eines Menschen ausfällt, desto resilienter ist er gegen Stress, desto leichter findet er soziale Unterstützung und umso mehr Lebenszufriedenheit weist er auf. Interessanterweise finden sich diese Vorteile auch bei Menschen, die Identitäten hatten, die nicht gewertschätzt wurden.
  • Mit Identity Switching, also dem Wechsel von Identitäten, schützen Menschen ihr psychologisches Wohlbefinden. Das kommt ihnen zugute, weil bestimmte Identitäten eben nur in einem bestimmten sozialen Kontext stigmatisiert werden, aber nicht in einem anderen. Von Stigmatisierung bedrohte Menschen heben dann je nach Kontext strategisch die Identitäten hervor, die geschätzt werden und verheimlichen die von Diskriminierung bedrohten Identitäten. Menschen wechseln ihre Identitäten je nach aktueller Situation ganz spontan. Es gibt Menschen, die instiktiv zu der Identität wechseln, die einer bestimmten Situation angemessen erscheint.

Empowerment und Coping

Coping-Modelle treffen eine Aussage darüber, dass Menschen, denen Stigma begegnet, Strategien haben, um negative Konsequenzen der Stigmatisierung zu vermeiden. Dabei ist es weniger wichtig, positive Folgen zu untersuchen als darum, wie jemand mit den Belastungen umgeht und diese bewältigt, die die Stigmatisierung mit sich bringt. Eine solche Strategie ist natürlich ein erschöpfender und enrgieraubender Vorgang.

Im Empowerment-Ansatz sind Menschen, die stigmatisiert werden, keine passiven Zielscheiben von Stereotypen, die sich dabei anstrengen, negativen Folgen für die Gesundheit aus dem Weg zu gehen. Das Modell sieht die stigmatisierten Menschen eher als aktive Teilnehmer an der Gesellschaft, die darauf aus sind, ihre soziale Umwelt zu verstehen und in positivem Sinne zu beeinflussen. Die Überwindung von Problemen und Belastungen stellt dabei weniger einen energieraubenden Vorgang dar als einen bereichernden und erfüllenden Prozess. Die Betroffenen bekommen dann das Gefühl, etwas geleistet zu haben und erleben Selbstwirksamkeit, die auf Eigenleistungen beruht.

Stigmatisierte Personen, die dennoch in der Gesellschaft ein erfolgreiches Leben führen, wenden wohl eher das Empowerment-Modell an als das Coping-Modell (Margret Shih). Man kann schon recht gut vorhersagen, welcher Personenkreis eher zum Empowerment-Modell greift und welcher zum Coping-Modell:

  • Die wahrgenommene Rechtfertigung des Stigmas: Personen, die das ihnen aufgezwungene Stigma als ungerecht empfinden, reagieren auf die Stigmatisierung mit einer verständlichen Wut und legen es darauf an, das Stigma wieder loszuwerden.
  • Der Grad der Gruppenidentifikation: Die Menschen, die sich trotz der Stigmatisierung stark zugehörig fühlen zu einer stigmatisierten Gruppe, sind eher empowered. Je höher die Idenntifizierung, umso häufiger stehen sie im Kontakt mit anderen Mitgliedern der Gruppe und umso mehr sind sie sich der positiven Aspekte ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe bewußt. Insgesamt werden diese Menschen aus diesem Grunde weniger anfällig sein für negative Äußerungen seitens der Gesellschaft über ihre Gruppe.
    Die Menschen, die die negativen Bilder der Öffentlichkeit nicht anerkennen, neigen eher dazu, ihren sozialen Status aufrechtzuerhalten und auf hohem Niveau zu funktionieren (Warner et al. 1989, S. 407).

Die Abläufe, die zu einem positiven Umgang mit Stigmata führen, spielen sich auf der individuellen Ebene ab. Sie ergänzen also die kollektiven Anstrengungen wie Information und Aufklärung, das soziale Stigma zu überwinden. Die kollektive und die individuelle Ebene schließen sich dabei nicht gegenseitig aus. Das gilt in der Hauptsache für Empowerment-Modelle, die oft mit über das Individuum hinausgehenden Anstrengungen zur Minderung von Stigma und Diskriminierung verknüpft ist.

Soziale Ansichten ändern sich nur langsam. Entsprechend benötigen die Anstrengungen, die Situation stigmatisierter Menschen in der Gesellschaft zu verbessern, lange Zeit. Bis dahin sind die stigmatisierten Menschen dazu gezwungen, Wege zu finden, um dennoch ein gesundes und produktives Leben innerhalb dieser Bedingungen zu führen. Die stigmatisierten Personen haben durch die Konfrontation mit Stigmatisierung und Diskriminierung unter anderem Kraft und wertvolle Einblicke in das Leben und die Menschen bekommen. Die Forschung hat sich dieser Thematik inzwischen angenommen und versucht auch, die Faktoren, die zur Resilienz beitragen, zu ergründen. Auf jeden Fall müssen jedoch die Bemühungen um gesellschaftliche Änderungen und gegen strukturelle Diskriminierung effizienter werden.

soziale Inklusion

Die beste Zusammenfassung aller Strategien im Kampf der Betroffenen um volle soziale Akzeptanz und Teilhabe dürfte in Liz Sayces "From psychiatric Patient to Citizen. Overcoming Discrimination and Social Exclusion." beschrieben sein (Liz Sayces, 2000). Unterhaltsam und doch mit unglaublich viel Detailwissen weicht die Autorin in ihrem Buch keiner noch so komplexen oder noch so paradoxen Situation aus. Sayce stellt dabei viele Daten dar und erzählt auch viele Geschichten. Dabei unterscheidet Liz Syce zwischen vier Arten, um mit Stigmatisierung und Diskriminierung fertig zu werden.

  • Das Modell "Gehirnerkrankung" (the brain disease model)
  • Das Modell "Persönliches Wachstum" (the individual growth model)
  • Das libertäre Modell (the libertarian model)
  • Das Modell der sozialen Inklusion (the disability inclusion model)

Das Modell "Gehirnerkrankung" (the brain disease model)

Hier geht es um die Medikalisierung der psychischen Erkrankungen, die die Forderung nach sich zieht, die Betroffenen mit denen, die körperlich erkrankt sind, gleichzustellen. Medikalisierung ist die Bezeichnung für einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess, bei dem menschliche Lebenserfahrungen und Lebensbereiche in den Fokus systematischer medizinischer Erforschung und Verantwortung rücken, die vorher außerhalb der Medizin standen. Dieser wurde vor allem seit Mitte des 18. Jahrhunderts beobachtet und beschrieben, ist aber auch heute noch festzustellen.
Die Gleichstellung der Betroffenen mit den anderen Kranken betrifft die Zugänglichkeit von Therapien und Leistungen der Versicherungen. Zudem fordert dieser Ansatz auch das Ende der Schuldzuweisungen an den kranken Menschen und seine Angehörigen. Dieses Modell läuft Gefahr, die Eigenverantwortung in Form von Schuld zu verneinen und Anstrengungen um Teilhabe an Rechten und gesellschaftlicher Verantwortung der Betroffenen zu schwächen. Es ist noch nicht klar, ob die breite Masse und die Entscheidungsträger dieses Modell annehmen werden.

Das Modell "Persönliches Wachstum" (the individual growth model)

Grundlage ist die Annahme, dass psychische Gesundheit und Krankheit ein Kontinuum darstellt, auf dem sich alle Menschen während ihrer Lebensgeschichte auf und ab bewegen. Entsprechend weisen häufig Menschen eine gestörte psychische Gesundheit auf. Dieses Modell nivelliert die Unterschiede zwischen "denen" (den Kranken) und "uns" (den Gesunden). Insgesamt wird also eine wesentliche Quelle für Stigmatisierung abgeschafft. Wie im ersten Modell sind die Betroffenen aufgefordert, sich Hilfe zu suchen. Dabei stellt sich die berechtigte Frage, ob personenzentrierten Hilfen und alternativen Betreuungsansätze, die dieses Modell antizipiert, auch wirklich allen Menschen gerecht wird. Gefährlich ist, dass die individuelle Verantwortung für den eigenen Lebensweg und die Bewältigung von Krisen und Behinderungen sehr hoch angesetzt wird. Dies kann dann zu Entsolidarisierung und Ausgrenzung jener führen, denen nicht mit den üblichen Mitteln geholfen ist.

Das libertäre Modell (the libertarian model)

Dieses Modell stellt die Diagnosenstellung an sich und die Medikalisierung psychischer Ausnahmezustände kritisch in Frage. Die klassische Anti-Psychiatrie-Bewegung favorisiert diesen Ansatz. In diesem Zusammenhang werden die volle Verantwortung und die vollen Rechte für alle Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose. Es geht also um die Ablegung der in vielen Staaten gesetzlich verankerten Sonderregelungen für psychisch Kranke.Diese Regelungen erlauben es, die psychisch Kranken unter bestimmten Umständen, die meist von Selbstgefährdung und Fremdgefährdung ausgehen, auch gegen den Willen der Betroffenen zu behandeln. Auf der anderen Seite impliziert dieses Modell, dass eine psychische Erkrankung in keinem Falle eine Entschuldigung sein kann für ein störendes Verhalten und es keine Sonderbehandlung der Betroffenen im rechtlichen Bereich gibt, die sich auf eine geistige Abnormität stützen könnte. Nachteilig ist daran, dass die Gesellschaft keine unterstützende Funktion mehr hat.

Das Modell der sozialen Inklusion (the disability inclusion model)

Hier geht es um die volle Teilhabe der Betroffenen an allen gesellschaftlichen Bereichen. Alle betroffenen Menschen können sich, auch wenn sie sich einem der anderen drei Modelle zugrhörig fühlen, vereinen und gemeinsam gegen Stigmatisierung und Diskriminierung ankämpfen. So ist ein medizinisches Modell der psychischen Erkrankungen ebenso kompatibel mit dem Ruf nach sozialer Inklusion wie der Gedanke an ein Leben "in recovery" ganz ohne psychiatrische Behandlung. Besonders hilfreich im Kampf gegen Stigma und Diskriminierung kann die Akzeptanz des Etiketts der Behinderung sein. Auch jemand, der psychische Auffälligkeiten als Zugehörigkeit zu einer kulturellen Minderheit ansieht, kann das gemeinsame Ziel der Inklusion verfolgen. Initiativen mit klar umrissenen und begrenzten Zielsetzungen können die ureigensten Ziele weiterverfolgen, ohne dabei den Kontakt zu den breiter angelegten und anderweitig fokussierten Bemühungen zu verlieren. Diskriminierung ist etwas, was auf allen Ebenen der Gesellschaft beschrieben und bekämpft werden kann. Das Modell der sozialen Inklusion erlaubt es auch, dass die Angehörigen vieler verschiedener von Diskriminierung betroffenen Gruppen zusammenarbeiten können - zum Beispiel Leute mit mit Sehbehinderung, psychischen Erkrankungen oder solche, die aus ethnischen oder religiösen Gründen heraus Diskriminierung erfahren. Die Bewegung spricht also viel mehr Menschen gleichzeitig an und wird damit viel größer und stärker. Besonders in den westlichen Gesellschaften, die derzeit recht offen sind für Antidiskriminierungsmaßnahmen und Antidiskriminierungsgesetze, hat dieses Modell einen klaren Vorteil durch diese Offenheit und die Fähigkeit, die Komplexität der Thematik von seelischer Erkrankung und Gesundheit zu erfassen.

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