Die Angsterkrankung

Kein Mensch kann von sich behaupten, niemals Angst gehabt zu haben. Was ist jedoch Angst ? Der Angstzustand bewegt sich zwischen den Zuständen der Ängstlichkeit und der krankhaften (pathologischen) Angst. Ängstlichkeit ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das den betroffenen Menschen in seinem Erleben und Verhalten prägt und sich normalerweise kaum ändert. Ängstliche Menschen leiden öfter und intensiver als Andere an alltäglichen Befürchtungen.
Angst ist hingegen ein sehr unangenehmer Gemütszustand, der oft von körperlichen Erscheinungen begleitet wird. Gerade dadurch unterscheidet sie sich von der reinen Befürchtung, die uns untertags umtreibt. Angst entsteht dabei aus einem Gefühl der Bedrohung. Diese Bedrohung kann ganz konkret oder aber nicht nachweisbar sein. Genau so wenig wie jede kleine Stimmungsschwankung eine Depression ist, ist jede Befürchtung schon eine krankhafte Angst. Auch wenn dies oft verwechselt wird und deshalb viele Menschen fälschlicherweise die quälenden Störungen Angst und Depression mit alltäglichen Gefühlsreaktionen gleichsetzen. Deshalb wird eine reale, ernsthafte Erkrankung oft nicht schnell genug erkannt. Zudem ist die krankhafte Angst nicht nur eine äußerst lästige Angelegenheit, sondern beeinträchtigt und behindert den Betroffenen, demütigt und quält ihn.

Nach Margraf wird Angst zur Krankheit, wenn sie unangemessen stark und anhaltend ist, ohne ausreichendem Grund auftritt, nicht mehr kontrolliert oder ausgehalten wird sowie Leid verursacht oder das Leben einschränkt.
Schwerwiegende pathologische Angststörungen bedürfen stets dringend einer eingehenden ärztlichen Behandlung.

Häufigkeit
Psychische Krankheiten im Allgemeinen und Angst und Depression im Besonderen sind nicht so einfach zu fassen wie andere Leiden. Die Dunkelziffer liegt deshalb recht hoch. Dies liegt vor allem am mangelnden Kenntnisstand bezüglich des Beschwerdebildes und an einer hohen Scham-Schwelle. Die in unserer Gesellschaft verankerte Scham vor einem psychischen Leiden ist ohnehin eines der größten Probleme, was Kenntnisstand und damit Diagnose und rechtzeitige Vorbeugung, ja sogar Therapie und Rehabilitation anbelangt.
Absolute Gewissheit besteht jedoch darüber, dass die Angststörungen stark zugenommen haben und inzwischen zehn Prozent der Bevölkerung betreffen. Laut Schätzdaten oder Analogieschlüssen nähern sich die Zahlen der Angststörungen langsam den Zahlen der depressiven Zustände. Auch diese gehen einher mit volkswirtschaftlichen Einbußen, die in die Milliarden gehen.
Generell sieht es ganz so aus, als ob die wirtschaftliche Zukunft der Industrienationen vor allem davon abhängt, ob man die "psychosoziale Gesundheit" der Bürger in den Griff bekommt oder durch entsprechende Soziallasten für die Behandlung der psychischen Krankheiten langsam erdrückt zu werden droht.
Frauen sind in Bezug auf Angststörungen deutlich häufiger betroffen. Doch zieht das männliche Geschlecht gut nach. Dieses ist höchstwahrscheinlich ohnehin stärker beteiligt, auch wenn es bezüglich Gesundheit im Allgemeinen und seelische Störungen im Speziellen arglos bis risikoreich mit sich selbst umgeht. Krankhafte Ängste finden wir verstärkt sowohl unter den älteren, als auch den jungen Menschen. Die Betroffenheit in den sogenannten "besten Jahren" nahm die letzten Jahre auch stark zu. Verheiratete sind (wie in vielen anderen Fällen auch) weniger oft betroffen als die Alleinlebenden. Die Ledigen, Verwitweten oder Geschiedenen sind vergleichsweise schlechter gestellt.

Angst und Zwangsstörungen
Gerade im Bereich der Angst- und Zwangstörungen änderte sich die bislang vertretene Lehrmeinung in den letzten Jahren enorm.
Angst ist nicht gleich Angst. Es ist wichtig, genau zu unterscheiden, um dann auch die richtige Behandlungsmethode anzuwenden.
Die Angststörungen gliedern sich dabei drei Kategorien, nämlich in phobische Störungen, Panikstörungen und generalisierte Angststörungen.
Die phobischen Störungen beinhalten Ängste, die sich gezielt auf Dinge oder Situationen richten (Furcht). Am bekanntesten ist hier wohl die Platzangst. Gemeint ist dabei die Angst vor offenen Plätzen, die Angst, das eigene Haus zu verlassen, Geschäfte zu betreten, sich in eine Menschenmenge oder auf öffentliche Plätze zu begeben oder allein in Zügen, Bussen oder Flugzeugen zu reisen. Während einer solchen Krise gibt der Betroffene dann sofort dem Drang nach, sich umgehend einen möglichen Fluchtweg zu suchen. Auch die allerorts bekannte Angst vor Spinnen oder aber vor Mäusen sind phobische Störungen.
Von Panikstörungen sprechen wir, wenn wiederholt schwere impulsive Angst- oder Panikzustände aufkommen. Diese lassen sich nicht auf spezielle Situationen beschränken und sind deshalb nicht vorhersehbar. Symptome können auf vielerlei Art und Weise auftreten. Typischerweise werden die Panikattacken genauso wie bei Platzangst (Agoraphobie) begleitet von plötzlichem Herzklopfen, Brustschmerzen, Erstickungsgefühl, Schwindel und dem Gefühl der Entfremdung. Oft ist da auch die unmittelbare Angst, sofort zu sterben, die Kontrolle zu verlieren oder psychotisch zu werden. Die Dauer der Anfälle variiert und geht meist nur über wenige Minuten, teilweise auch etwas länger. Weil die Situationen urplötzlich und unberechenbar entstehen, befällt den Betroffenen oft eine Angst vor der Angst (Erwartungsangst).
Auch die generalisierten Angststörungen lassen sich nicht auf bestimmte Situationen beschränken. Es kommt etwa zu Nervosität, Zittern, Muskelspannung, Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen, Schwindelgefühle oder Oberbauchbeschwerden, welche lange anhalten. Soll der Betroffene nun seine Ängste konkretisieren, dann kreisen seine Ausführungen oft um nächste Angehörige, denen etwas zustoßen könnte, oder aber er artikuliert andere dunkle Vorahnungen. Teilweise gehen die generalisierten Angststörungen einher mit weiteren Symptomen (Komorbiditäten), wie etwa Zwangssymptomen oder aber depressiven Verstimmungszuständen.
Die Kombination von Angst und Zwangssymptomen wird erst seit einigen Jahren wissenschaftlich genauer beleuchtet. Vorher anscheinend gar nicht existierend avancierte die Krankheit zeitweise zur Modekrankheit, was ihr leider ein schlechtes Image einbrachte.

Therapeutische Möglichkeiten
Angsstörungen sind inzwischen bezüglich Symptomatik (Beschwerdebild), Ätiologie (Ursache), Pathogenese (Krankheitsverlauf) und psychosozialen Folgen gut untersucht worden.
Inzwischen gibt es eine ganze Reihe an konkreten Therapiemöglichkeiten, wie man sich das vor einigen Jahren noch nicht vorzustellen vermochte:
Das heutige Angebot reicht von der bislang oft vernachlässigten und für Therapie und Vorbeugung unersetzlichen Aufklärung über Selbsthilfegruppen einschließlich allgemeinverständlicher Schriften bis hin zu den für Angststörungen anerkannten Psychotherapieverfahren (zumeist verhaltenstherapeutische, aber auch tiefenpsychologisch fundierte sowie Gesprächspsychotherapie, ferner Entspannungsverfahren u. a.) sowie soziotherapeutischen Korrekturen und Unterstützungshilfen bezüglich Partnerschaft, Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft, Beruf usw.
Atemberaubend war die Entwicklung in der modernen Pharmakotherapie : Sie produziert inzwischen früher vernachlässigte und oft abgelehnte Angebote. Die Benzodiazepin-Tranquilizer (Beruhigungsmittel) machen inzwischen den geringsten Teil aus. Interessant sind dabei neben den Nicht-Benzodiazepin-Anxiolytika (angstlösenden Arzneimitteln, die nicht zu den herkömmlichen Beruhigungsmitteln gehören), den hoch- und niederpotenten Neuroleptika (antipsychotisch wirkende Psychopharmaka) und den psychotropen Phytopharmaka (Pflanzenheilmittel mit Wirkung auf das Seelenleben), wie etwa Kava-Kava/Kavain vor allem die Antidepressiva.
Die antidepressiven Psychopharmaka waren ursprünglich den Depressionen vorbehalten und nehmen inzwischen den ersten Platz ein, was die erfolgreiche Behandlung von Angststörungen angeht. Verwendung finden dabei eine breite Palette : Die so genannten tri- und tetrazyklischen Antidepressiva (die älteste Generation) über die modernen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer bis zum MAO-A-Hemmer und einigen neuen antidepressiven Substanzen. Die Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer werden dabei als erfolgreichste angstlösende Arzneimittel angesehen.
Die Erfolge sind ermutigend. Vor allem wenn man sich eines Gesamt-Behandlungsplanes bedient, der sich auf Psychotherapie, soziotherapeutische Korrekturen und Unterstützungsmaßnahmen sowie gezielte Pharmakotherapie stützt.
Vorsicht ist jedoch geboten vor zu simplen Erklärungsansätzen wie etwa im Buch "Befreite Gefühle" von Colette Dowling. Dowling erweckt dabei den Eindruck, depressive Störungen, Zwangsstörungen, Angststörungen und viele andere psychische Erkrankungen, wie etwa Essstörungen, ließen sich auf ein und dieselbe Transmitterstörung im Gehirn reduzieren. Deshalb sei der ganze Reigen der Beschwerden mit ein und demselben Medikament, nämlich einem neu zu entwickelnden Antidepressivum, behandelbar. Solche Erklärungsansätze werfen uns zurück in die Steinzeit der Psychiatrie, als es noch unmöglich war, einzelne Krankheitsbilder zu unterscheiden.
Richtig ist jedoch an Dowlings Ansatz, dass bestimmte Zwangssymptome mit speziellen Antidepressiva relativ erfolgreich therapierbar waren und sich manche Formen von Angststörungen mit Antidepressiva eingrenzen ließen.

Schluss
Unverzichtbare Grundlage für Diagnose und Therapie ist es, zu erkennen, dass man unter einer Angststörung leidet, sich diese einzugestehen, und sich auch in dieser Sache an einen Arzt zu wenden.

Quellen

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