Die Bewegung der Stimmenhörer

Protest, Edukation und Kontakt sind wichtige Strategien im Kampf gegen Stigmatisierung und Diskriminierung. Protest, Edukation und neue Formen von Kontakt machen die Initiativen der Internationalen Stimmenhörer-Bewegung aus, die hier zu Wort kommen als spezielles Beispiel zum Kampf gegen Stigmatisierung und Diskriminierung.

Ron Coleman ist psychisch krank und den Weg der Recovery gegangen. Der wichtigste Schritt war für ihn dabei, zu sagen, "Ich bin nicht Ron, der Schizophrene, sondern ich bin Ron, der Stimmenhörer". Um wieder ins Leben zurückzukehren, legten die Betroffenen ihre Identität als Schizophrene ab. Zwar waren die Symptome und Probleme die gleichen wie zuvor, doch hat sich ihre Identität geändert. Damit änderten sich zugleich ihre Möglichkeiten dafür, ihre Probleme in ihr Leben zu integrieren. Dadurch eröffnete sich für sie der Zugang zu ihren reichhaltigen Ressourcen, die ihnen soviel Gesundheit geben konnten. Das hätte niemand, auch sie selbst nicht, so erwartet. Auf Rons T-Shirt steht "Psychotic and Proud" (englisch: Psychotisch und stolz) - dies ist wohl der Kernsatz der neuen Erfahrung und Haltung.

Ron trägt auch andere T-Shirts. So etwa "I hear voices - and they don't like you" (englisch: Ich höre Stimmen und diese möchten Dich nicht). Mit dieser Aufschrift spielt er mit den Ängsten des Lesers des Textes und seiner Idee, die Stimmen würden über den Leser sprechen - das mutet natürlich gefährlich an. Eigentlich sprechen die Stimmen jedoch nur über Ron. Dabei sprechen Menschen zu ihm, denen er schon begegnet ist und oft handelt es nur um den schnöden Alltag, Humor, Belanglosigkeiten und teilweise auch puren Unsinn. Viele Dinge, die da zur Sprache kommen, haben nur für Ron eine Bedeutung. Er hört ja auch nur seine eigenen Stimmen. Die Anderen bekommen davon nichts mit und können sich die Inhalte nur erzählen lassen. So erzählt er etwa von Abschied von der Stimme einer Frau, die, nachdem sie schon in Rons jungen Jahren durch einen Suizid aus dem Leben getreten ist. Ihre Stimme hat ihn über Jahre hinweg begleitet.
Ron kennt die Wunden, die seine Stimmen zum Ausdruck bringen. Nach vielen Jahren, die er als Psychiatriepatient in der Klinik zugebracht hat, ist er nun ein erfolgreicher Unternehmer und Aktivist in der englisch-schottischen Selbsthilfebewegung . Dies erstaunt die Psychiatrie nicht nur, sondern erregt diese auch. Seit einem Jahr hört er übrigens nach zwanzig Jahren Stimmenhören überhaupt keine Stimme mehr. Das erstaunt und erregt ihn selbst und seine Angehörigen. sagt nach 20 Jahren mit den Stimmen: Er meint: »Ich erinnere mich noch an Zeiten, als ich, wie wahrscheinlich die meisten anderen Menschen, einen inneren Dialog mit mir führte. 20 Jahre lang hab ich nun stattdessen meine Entscheidungen mit meinen Stimmen diskutiert. Ob ich nun den inneren - schweigenden - Dialog wieder erlernen kann, weiß ich noch nicht.«

Das Stimmenhören ist nach nunmehr 100 Jahren seit der Entdeckung der Schizophrenie, eines der häufigsten Symptome der Krankheit. Dazu kommt noch der Glaube an biologische Modelle von Gehirnerkrankungen, der in der modernen Psychiatrie vertreten wird und dafür gesorgt hat, dass das Stimmenhören als . Symptome quantitativ von Bedeutung ist, inhaltlich jedoch so gut wie gar nicht untersucht worden ist. Die Inhalte, die die Stimmen vermitteln, haben so gut wie keine Bedeutung - allenfalls für die Prognose der Gefährlichkeit des Stimmenhörers. Auch die Medien gehen auf die Stimmen nur dann ein, wenn sie mörderisch sind.

Ebenso falsch wie hinterlistig behandelt die Literaturgattung der Krimiromane die Stimmen. Fällt dem Autor kein passendes Motiv ein für den Mörder, dann wird schon mal eine entsprechende Stimme bemüht. Diese kann dem Stimmenhörer ja ohne Sinn und Zweck die Ausführung eines Verbrechens befehlen. Der Missbrauch dieser Fehlinformation darüber, was die Stimmen zu sagen haben, ist gang und gäbe. und gefährlich für die Stimmenhörer. Diese Fehleinschätzungen ziehen es nach sich, dass die Allgemeinheit sich fürchtet vor den Stimmen und den Stimmenhörern, die diese Stimmen hören. Dabei ist die Welt des Stimmenhörens in Wirklichkeit nicht gefährlich, sondern faszinierend und spannend.

Die Forscher haben herausgefunden, dass im westlichen Kulturkreis knapp 5 % der Menschen Stimmen hören (Smith u. Coleman 2003). Meistens geschieht dies im Rahmen von Gesundheit, oft während des Trauerns, nach Entzug von Schlaf, beim Aufwachen oder nach großen Anstrengungen. Oft werden die Stimmen als hilfreich bewertet und haben sie einen spirituellen Kontext. Andere wiederum quälen, stören oder verwirren die Stimmen. Ein Prozent aller Menschen auf der ganzen Welt erkranken an Schizophrenie. Für die meisten an Schizophrenie erkrankten Menschen stellt die Veränderung der Wahrnehmung, die oft als kommentierende Stimmen auftritt, eine beträchtliche Behinderung dar. Zwar sind die Inhalte oft banal und lästig, doch stören und belasten diese Stimmen das emotionale und soziale Leben ganz besonders. Die Stimmenhörer haben meistens das Gefühl, den unwillkommenen kommentierenden Stimmen ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Die medikamentöse Behandlung lässt die Stimmen oft verstummen, doch stellt sich nicht immer der gewünschte Erfolg ein. Die Stimmenhörer erleben in vielen Fällen Isolation, Stigmatisierung und Diskriminierung.

Diese Situation und die Forderung, seitens der Betroffenen, sich mit dem Phänomen auseinanderzusetzen, haben in der jüngsten Zeit zu spannenden Entwicklungen geführt. So konnte der niederländische Psychiater Marius Romme seiner Patientin nicht weiterhelfen und trat er mit ihr in einer Fernsehshow auf, um andere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen des Stimmenhörens anzusprechen. Es meldeten sich daraufhin hunderte von Zuschauern. Die meisten pflegten einen leidvollen Umgang mit den Stimmen und manch einer fühlte sich davon bereichert. Zu einem eiligst einberufenen Kongress kamen dann mehr als 400 Menschen. Marius Romme und Sandra Escher untersuchten dann die Stimmenhörer, die sie in Gruppen einteilten. Es gab solche, die keine weiteren psychiatrischen Symptome zeigten und solche, die depressiv oder aber schizophren waren. Das Ergebnis sah so aus, dass der individuelle Erklärungsansatz und die Bewältigungsstrategien darüber bestimmen, welche Rolle die Stimmen im Leben eines Stimmenhörers spielen. Andere Untersuchungen bestätigten, dass es viele Erlebnisweisen und Umgangsformen mit den Stimmen gibt. Im Anschluss wurden therapeutische Strategien zu Analyse und zur Optimierung von Coping bezüglich des Stimmenhörens entwickelt und werden heute mit Erfolg angewendet.

Die Menschen, die Stimmen hören, haben sich inzwischen gut vernetzt. So zum Beispiel unter stimmenhoeren.de. Ausgehend von den Niederlanden und Großbritannien ist eine Bewegung errichtet worden, die Selbsthilfe und Interessenvertretung der Stimmenhörer verfolgt. In Manchester und London, Maastricht, Berlin, Linz, Wien, Florenz und
an vielen anderen Orten sind Selbsthilfegruppen und Netzwerke von Menschen, die Stimmen hören, ihren Angehörigen und anderen, die sich für sie interessieren, entstanden. Die nicht diskriminierende Atmosphäre ermöglicht es, die Erfahrungen der Menschen, die Stimmen hören, zu artikulieren und die Öffentlichkeit zu informieren. Die Betroffenen erobern also das Phänomen des Stimmenhörens und seine Darstellung zurück. Die Psychiatrie hatte sich zwar des Phänomens angenommen, doch keinen Sinn darin gesehen, sondern ein zu beseitigendes Symptom.

Die Auseinandersetzung mit dem Stimmenhören in der psychologischen und neurowissenschaftlichen Forschung erfolgt inzwischen recht differenziert. Dabei entdecken wir nicht nur viele sich unterscheidende Stimmen, sondern auch verschiedene Möglichkeiten der Interpretation und des Umgangs damit. Die Stimmen unterscheiden sich untereinander. Jeder Stimmenhörer hört andere Stimmen und auch die Stimme(n) des jeweiligen Betroffenen kann sich verändern. Inhaltlich und emotional ergeben die Stimmen Absichten, Gefühle und Bedeutungen. Sie können fremd oder aber sehr vertraut auftreten oder fordernd, kränkend, aufdringlich, weinerlich, einsam, lustig, oder gar übermütig sein. Das, was die Stimmen sagen, kann im Leben des Betroffenen Sinn machen, ihre Ratschlage können einen warnenden und hilfreichen Charakter haben. Biografisch und spirituell können die Stimmen Sinn machen und sogar Trost spenden. Die Stimmen können auf Probleme hinweisen oder Konflikte zum Ausdruck bringen. Sie können aber auch verwirren oder gar bedrohlich wirken. Manche der Stimmen machen sich wichtig und andere verbieten es, dass über sie gesprochen wird. Die Bedeutung der jeweiligen Stimme zu erkennen stellt den wichtigsten Schritt in Richtung eines guten Umgangs mit ihr dar. Traumatische Erfahrungen können halluzinatorisches Erleben auslösen und die Auseinandersetzung damit zwar belasten, aber auch klären und retten. Um nicht wegen der Stimmen zu vereinsamen oder daran zu verzweifeln, ist es nötig, den Stimmen das rechte Maß an Bedeutung und Macht einzuräumen.

Befreiende Wirkung hat es, nicht allein zu sein und sich mit anderen über die Stimmen austauschen zu können. Oft beginnt das Stimmenhören mit einer Phase der Verwirrung.Die Akzeptanz dieses als real erlebten Phänomens läutet dann die Phase der Organisation ein, in der der Stimmenhörer ein besseres Verhältnis zu der Stimme aufbaut. Dabei geht es darum, Informationen zusammeln, Erfahrungen auszutauschen, interessierte Gesprächspartner zu finden und sich für ein Erklärungsmodell zu entscheiden. Je nachdem wird die Stimme dann verschieden interpretiert: Als Ausdruck einer Krankheit, oder als innere Stimme, die biographische Informationen oder Botschaften aus dem Unterbewusstsein bereitstellt oder als Zugang zu einer anderen Realität. Je nachdem erschließt sich dann der Weg zu professionellen oder Selbsthilfeangeboten. Nach der Phase der Ordnung erfolgt eine Phase der Stabilisierung, in der es wichtig ist, das eigene Leben sicher und sinnvoll zu gestalten und Ängste und ungünstige Einflüsse abzubauen.

Menschen wir Hannelore Klagki in Deutschland, Ron Coleman in Schottland, Stephanus Binder in Linz und viele andere Betroffene gründeten und betrieben Stimmenhörer-Netzwerke. Sie teilen ihre Erfahrungen mit den Stimmen mit der Welt und machen damit das Phänomen öffentlich zugänglich, kommunizierbar und bewältigbar. Die Stimmenhörer klären auf, unterrichten und forschen. Sie informeiren und geben Hilfestellungen im Umgang mit den Stimmen. Es geht vor allem darum, die Stimmen ernst zu nehmen, sich selbst ernst zu nehmen und Ängste, Isolierung und Tabuisierung zu überwinden. Je nach historischen und kulturellen Gegebenheiten werden die Stimmen unterschiedlich erlebt und auch beschrieben.

Inzwischen bemüht sich also eine emanzipatorische Stimmenhörerbewegung darum, das Phänomen des Stimmenhörens in seiner Besonderheit und Vielfalt wahrzunehmen. Die Stimmen werden mit einem differenzierten Ansatz ins Leben der Betroffenen integriert. Es findet ein gleichberechtigter Dialog statt mit der Öffentlichkeit und den Profis, der den Menschen, die keine Stimmen hören, einen spannenden Bereich der Wahrnehmung erschließt.

Die gefürchtete diagnostische Frage "Hören Sie Stimmen?" könnte zu einer Frage werden, die im Lokal eine gute Unterhaltung startet. Denn die Menschen, die Stimmen hören oder gehört haben, haben einiges Interessantes zu berichten. Interessant sind dabei nicht nur die Art und der Inhalt der Stimmen, sondern auch die Erfahrung des Stimmenhörens an sich - die notwendige Auseinandersetzung mit sich selbst, die eigene Positionierung in der Welt, das Akzeptieren und Integrieren der irritierenden Wahrnehmungen. Die Bewegung und Netzwerke ließen eine Sprache entstehen, die das Phänomen kommunizierbar macht und inspirierende Perspektiven eröffnet.

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