Interventionen zur Überwindung von Stigmatisierung und Diskriminierung

Bei den Interventionen zur Überwindung von Stigmatisierung und Diskriminierung kommt es vor allem darauf an, den Maßnahmenkatalog gegen strukturelle Diskriminierung zu erweitern. Ganz oben stehen da die Antidiskriminierungsgesetze, der Schutz der Menschenrechte, also auch die strikte Umsetzung UN)-Behindertenkonvention und eine Stärkung der Patientenrechte. Dabei steht im Mittelpunkt, wie die optimale Versorgung gewährleistet und jedermann zugänglich gemacht werden kann. Auf der anderen Seite geht es auch darum, dass die Umstände, in denen ein Patient gegen seinen Willen behandelt werden soll, klar zu regeln, zu kontrollieren und nach bestem Willen auch zu verhindern sind. Die Forderungen umfassen also die ganze Spannweite von dem Recht auf optimale Behandlung bis zum Schutz vor einer Behandlung, die man gar nicht haben möchte. Aus Sicht der Recovery wird also das Recht eingefordert, den Zeitpunkt, das Ausmaß und die Art der Behandlung so genau wie nur möglich selbst zu bestimmen.

Immens wichtig sind die Bemühungen der Betroffenen selbst im Kampf gegen Stigmatisierung und Diskriminierung. Eindrücklich wirken hierzu die Zahlen zu den Schulprojekten, in denen versucht wird, junge Menschen, also speziell Schüler und Schülerinnen, zu erreichen. Würden die Profis allein in die Schulen gehen, um dort in Vorträgen und Diskussionen mit den Schülern Verständnis und positives Interesse zu wecken für psychische Krisen und Erkrankungen, dann mehrt dies natürlich das Wissen der Schüler enorm, wirkt sich aber nicht auf die soziale Distanz aus. Um diese zu verringern sind die Betroffenen selbst gefragt, die die Unterrichtsstunden zusammen mit den Profis gestalten (Meise et al. 2000).

Also müssen sich die Betroffenen dem aussetzen, sich zeigen und outen. Dadurch werden Ängste und soziale Distanz abgebaut. Die meisten Projekte im deutschsprachigen Raum und auch auf internationaler Ebene funktionieren genau nach diesem Schema der Zusammenarbeit.

Erschwerenderweise ist der Erfolg von Anti-Stigma-Kampagnen nur sehr schwer messbar. Zudem besteht das Risiko des falschen Timings und von missverständlichen Botschaften. Dies zeigt sich an der Botschaft, die Schizophrenie sei eine Erkrankung des Gehirns. Hintergrund dieser Botschaft war die Idee, dass die Vorurteile der Allgemeinheit bezüglich der Verursachung der Erkrankung durch den Betroffenen selbst, seinen Charakter oder seine Familie weggefegt werden und Schuld und Scham seitens des psychisch Kranken unnötig seien. Wahrscheinlich stimmt das auch. Aber der Gedanke, dass die Erkrankung eine biologische Ursache hat, löst leider auch andere Reaktionen aus und vermehrt den Wunsch nach sozialer Distanz von "solchen Leuten" (Rusch et al. 2005).

In den letzten Jahren haben die stigmatisierenden Einstellungen gegenüber psychisch Kranke in den USA und in Deutschland leider zugenommen. Selbst die Darstellung der Betroffenen in den Medien hat sich trotz massiver Aufklärung nicht verändert. Dennoch müssen die Bemühungen sich fortsetzen und die Forscher bessere Strategien entwickeln.

Drei Strategien haben sich bisher als erfolgreich im Kampf gegen das Stigma erwiesen: Protest, Aufklärung durch Edukation und Kontakt zu den stigmatiserten Gruppen (Corrigan und Penn 1999, Rusch et al. 2005).
Der Protest zeitigt beste Erfolge, wenn es darum geht, stigmatisierende Darstellungen in der Öffentlichkeit und in den Medien zu bekämpfen. In Deutschland gibt es die Initiative BASTA. BASTA erlaubt es, sich zu einem vehementen und raschen Protest mit vielen anderen Gleichgesinnten zusammenzutun.
Bei der Edukation ist der Inhalt besonders wichtig. So verringert die derzeit biologistisch ausgerichtete Aufklärungsarbeit bezüglich psychischer Erkrankungen nicht zur Verringerung der sozialen Distanz zu Betroffenen bei, sondern führt eher zu Angst und mehr Distanz (Dietrich et al. 2006).
Positiv wirken sich da schon die Schulprojekte gegen die Stigmatisierung aus. Schulprojekte wie Irrsinnig menschlich gehen trialogisch vor. Es kommt also zu Kontakt zwischen Schülern und Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose oder ihren Angehörigen. Der Kontakt verringert dann die stigmatisierende Wirkung. Wer nämlich jemanden aus einer stigmatisierten Gruppe persönlich kennt, der neigt dann weniger dazu, diese Gruppe selbst zu stigmatisieren. Der Kontakt scheint auch ein wichtiger Punkt zu sein in den Projekten, die Edukation mit Kontakt verbinden.