Zwei Zentimeter am Tod vorbei

31. Januar 2015 00:34 Uhr

drucken
Landgericht
Zwei Zentimeter am Tod vorbei

Viel hätte nicht gefehlt, und die Freundin des Messerstechers wäre ums Leben gekommen. Was macht das Gericht mit dem Täter? Der Gutachter gibt keine klare Empfehlung Von Harald Jung
i

Richter möchten gerne klare Aussagen von Gutachtern, damit sie ihr Urteil fundieren können. Landgerichtsvizepräsident Jochen Bösl hakte deshalb gestern immer wieder nach. Doch der Psychiater von der Klinik in Haar wollte sich nicht konkret festlegen, was besser wäre für den Angeklagten.

Der 28-Jährige hat im Mai vergangenen Jahres seiner 37 Jahre alten Freundin im Wahn mit einem Küchenmesser die Kehle durchgeschnitten. Das Opfer überlebte schwer verletzt.

ANZEIGE

Die Frau hatte ein riesen Glück. Der Arzt, der sie damals im Klinikum notoperiert hat, schilderte, dass die Klinge die Halsschlagader nur um maximal zwei Zentimeter verfehlt hat. Vermutlich, weil das Messer relativ stumpf war. Wenn das Blutgefäß geöffnet worden wäre, „dann wäre die Sache sowieso anders ausgegangen“, sagte ein Rechtsmediziner. Seiner Meinung nach wäre dann ein massiver Blutverlust eingetreten, der zum raschen Tod des Opfers geführt hätte. Man könne keinesfalls davon ausgehen, dass der Täter nicht tiefer habe schneiden wollen, so der Rechtsmediziner weiter. Denn so ein Schnitt sei bei dem vorliegenden Tatverlauf sicher nicht zu „dosieren“ gewesen. Das Messer „war halt einfach zu stumpf“, meinte der Sachverständige. Der 28-Jährige hatte die Frau wie aus heiterem Himmel von hinten in den Schwitzkasten genommen, das Messer angesetzt und durchgezogen. Er litt an Wahnvorstellungen und glaubte, sie und ein unbekannter Mann würden ihn umbringen wollen. Ausgelöst wurde diese massive „psychotische Episode“, wie es der Psychiater bezeichnet, vom hohen Drogenkonsum. Seit 2010 hatte der Mann mindestens vier solche Anfälle, wie er dem Gutachter gegenüber eingeräumt hatte. Jeder dieser „Aussetzer“ führte zu Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten. Staatsanwalt Jürgen Staudt will die dauerhafte Unterbringung in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie. Verteidiger Adam möchte die Einweisung in eine Therapie erreichen. Dann hätte der Mann eine gute Chance, in absehbarer Zeit wieder in Freiheit zu gelangen. Es gibt auch schlechte Vorzeichen. Nach seiner Verhaftung wurde er bald in den Hochsicherheitstrakt der Psychiatrie in Haar verlegt. Dort hatte er zwei Drogen-Rückfälle, wie der 38-Jährige freimütig dem Gericht erzählte. Woher er den Stoff hatte, wurde nicht hinterfragt. Auch der gestern gehörte Gutachter aus Haar ging darauf nicht ein. Er sagte, man habe vor einigen Monaten „leider“ mehrere Rückfälle von Patienten im Hochsicherheitstrakt gehabt, weil die irgendwie an Drogen gekommen seien. Der Sachverständige konnte dem Gericht keine klare Empfehlung geben, ob eine Therapie oder die dauerhafte Unterbringung in einer geschlossenen Abteilung ratsam wäre. Er sieht bei dem Angeklagten ein sehr hohes Rückfallrisiko und daraus resultierend die Gefahr von neuen „erheblichen Straftaten“. Welche Maßnahme besser sei, könne er nicht beurteilen. Das Gericht muss selbst zu einer Einschätzung kommen. Das Urteil soll am 16. Februar fallen.

Zum (externen) Originaltext

Erscheinungsdatum: 
31.01.2015
Fundstelle: 
http://www.augsburger-allgemeine.de/neuburg/Zwei-Zentimeter-am-Tod-vorbei-id32833977.html

Kommende Termine

Benutzeranmeldung