Modedroge Crystal Meth - Wir wollen performen in allen Lebenslagen

Modedroge Crystal Meth Wir wollen performen in allen Lebenslagen
30. Januar 2015, 17:31 Uhr

In den 70ern waren es LSD und Heroin, in den 80ern Ecstasy - heute sind Aufputschdrogen wie Crystal Meth, Speed und Kokain en vogue. Was sagt das über uns und den Zustand unserer Gesellschaft aus? Von Mirja Hammer

Sag mir, was deine Drogen sind, und ich sag dir, wie du tickst. Während LSD und Heroin in den 70er Jahren für Revolte und Andersartigkeit standen, stehen Koks, Speed und Crystal Meth für den heutigen Zeitgeist: performen in allen Lebenslagen.

Mehr denn je definieren wir uns über Leistung. "Besser", "schneller" und "effizienter" diktieren den Arbeitsrhythmus. Schöner, klüger, fitter das Privatleben. Während früher maximal interessierte, was der Nachbar macht, messen wir uns nun mit der ganzen Welt - fällt in China ein Sack Reis um, geht uns das sehr wohl was an. Und Casting Shows, einer der krassesten Auswüchse unserer Zeit, machen auch dem Begriffsstutzigsten klar: Die Schönsten und Talentiertesten werden belohnt - die weniger Begabten und Gescheiterten ausgelacht.
Das Streben nach Selbstoptimierung

Zu einer Gesellschaft, die sich über Leistung definiert, passen leistungssteigernde Drogen wie Kokain, Speed oder Crystal Meth so gut wie iPhones und Burnout. Junge Menschen schnupfen weißes Pulver, um zwei Tage durchzufeiern. Bauarbeiter halten sich leistungsstark, um nach Feierabend noch ein, zwei Aufträge extra zu erledigen. Junge Frauen konsumieren die hungerhemmenden Substanzen, um schnell abzunehmen. Die Motive sind vielfältig, doch allen Konsumenten gemein ist ein Gedanke: besser durch- und mithalten zu können.
Chrystal Meth, Koks und Co. Chrystal Meth, Koks und Co. So konsumiert Deutschland Drogen

Damit das in allen Lebenslagen gelingt, griffen auch immer mehr Menschen zu Drogen-Cocktails, sagt Christoph Middendorf, Psychiater und medizinischer Geschäftsführer der Oberberg Kliniken. Morgens das Aufputschmittel zum Performen, abends das Schlafmittel oder der Joint zum Runterkommen. Die eine Substanz gleicht die unerwünschten Nebenwirkungen der anderen aus. So funktioniert man immer und einwandfrei. Zumindest erstmal.

Die Bereitschaft, sich zu Zwecken der Selbstoptimierung zu manipulieren, sei gestiegen, sagt Middendorf. Schönheitsmakel zu operieren oder sich im Freizeitsport zu dopen, gehören zur Normalität. Ein Auswuchs dieses Optimierungsgedankens sei der Konsum von leistungssteigernden Substanzen, so der Mediziner. "Unsere Gesellschaft ist sehr narzisstisch. Solche Drogen bedienen genau diese Thematik." So rennen viele Idealen hinterher, die es im Normalzustand gar nicht zu erfüllen gelingt. Mit leistungssteigernden Drogen kommen sie diesen Idealen aber näher - und alle Schwächen, die ihnen entgegenstehen, werden kurzzeitig weggebügelt.

Das große Versprechen

Wie Koks und Speed bedient Crystal Meth ein Versprechen: durchhalten, durchfeiern, locker, lässig und unbeschwert sein. Crystal Meth ist dabei gefühlt das größere Erfolgsprodukt, weil es länger wirkt und billiger verfügbar ist. Für einige Menschen habe das Methamphetamin auch einen sehr konkreten kurzfristigen Nutzen, sagt Sascha Milin, Wissenschaftler am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg. Mithilfe von Crystal Meth könnten zum Beispiel Menschen mit sozialen Ängsten für eine Weile ihre Schüchternheit überwinden. Auch Depressive könnten mithilfe der Droge ihren Defiziten erstmal entgegenwirken und sich "normal" fühlen. Darin läge die Gefahr: "Die Droge verspricht vieles, doch hält es nicht ein", so Milin. "Wie Alkohol einfach mal ein bisschen Meth ausprobieren, funktioniert nicht", sagt der Psychiater Middendorf. Die Substanzen wirken so unmittelbar auf die Neurotransmitter, dass die Suchtentwicklung um ein Vielfaches höher ist als bei anderen Rauschmitteln.

Milin, der eine Studie über Konsumentengruppen von Amphetamin und Methamphetamin durchführte, glaubt, dass sich Crystal Meth vor allem deswegen ausbreite, weil es in Situationen verfügbar sei, in denen Menschen nicht mehr über die Gefahren nachdächten. Dann etwa, wenn sie betrunken sind. Die scheinbare Ähnlichkeit zu Speed und Koks lasse die Hemmung, es mal auszuprobieren, sinken. Als weißes Pulver, das für Spaß haben und Durchtanzen steht, wird es so auch für jene Leute interessant, die sich nicht vorstellen können, sich eine Heroin-Spritze zu setzen. "Es ist die Mischung aus Faszination und Verharmlosung, die die Droge so gefährlich macht", so Milin.
Drogen im Wandel der Zeit

Nun gibt es Crystal Meth, Kokain und Co. nicht erst seit gestern. Früher waren sie jedoch keiner breiten Öffentlichkeit zugänglich. Anders heute, da sich Crystal Meth und Speed - auch bekannt als "Koks für Arme" - selbst Arbeitslose, Schüler, Studenten und Arbeitnehmer diesseits der 100.000-Euro-Einkommensgrenzen leisten können. Zudem passten Koks und Co. nicht zum Zeitgeist früherer Jahre. Noch in den 70er Jahren symbolisierten Drogen den Ausstieg aus dem spießbürgerlichen Establishment. Dazu passten psychodelische Substanzen wie LSD, die einen in eine andere Welt abtauchen ließen oder spirituelle Erlebnisse verschafften. Heute sollen Drogen genau das Gegenteil leisten: den Einstieg, um an vorderster Gesellschaftsfront mithalten zu können.

"Da hat sich ganz klar ein Wandel vollzogen", sagt Middendorf. In den 80er und 90er Jahren hätten sich Ecstasy, Speed und Koks bereits stärker verbreitet. Die Generation-Golf war erwachsen geworden und wollte Spaß haben. Drogen standen für Technopartys und exzessives Feiern. Amphetamine und Methamphetamine, wie sie heute verbreitet werden, sind letztlich die Steigerungsform - sie sind noch intensiver in der Wirkung und stärker verfügbar.

Warum um ein Randphänomen scheren?

Noch gibt es keine zuverlässige Datenlage über die Verbreitung von Crystal Meth. Im Gegensatz zu Alkohol oder Cannabis sind die Zahlen schwer zu greifen. Doch immer häufiger findet die Polizei Crystal Meth in den grenznahen Bundesländern zu Tschechien, wo die Droge im großen Stil produziert wird. Das legt nahe, dass auch hierzulande der Konsum steigt. In der Suchtberatung zeige sich schon seit Jahren eine steigende Relevanz solcher Substanzen. Christoph Milin nimmt an, dass der Konsum in Bundesländern wie Bayern und Sachsen weiter anhält. Berichten zufolge sei die Droge auch in Großstädten wie Berlin, Hamburg und Köln und in ländlichen Bereichen in Brandenburg angekommen.

Im Vergleich zur Volkssucht Alkohol sei der Crystal-Meth-Konsum aber ganz klar noch ein Randphänomen, sagt Milin. Auch dass Politiker oder Menschen im normalen Arbeitsalltag Crystal Meth konsumieren, hält er für Ausnahmeerscheinungen. Dennoch gäbe es gute Gründe, die Droge in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken, wie es die Politik derzeit tut. Zum einen schädige Crystal Meth die Menschen überproportional und ein hilfesuchender Crystal-Konsument beanspruche deutlich mehr monetäre und personelle Ressourcen als andere Abhängige, so der Suchtforscher. Zum anderen habe die Droge großes Potenzial, sich rasant auszubreiten. "Ich glaube, dass die Droge alle deutschen Großstädte erreichen wird. Zwar nur bestimmte Szenen, wie die Straßendrogenszene. Die Partyszene glaube ich eher im geringen Umfang. Aber mit Sicherheit wissen wir das eben nicht." Die Droge habe ein großes Erfolgspotenzial - und das Potenzial, unterschätzt zu werden.

Das Ende des jetzigen Zeitgeists

Wird Crystal Meth demnach bald die deutsche Partyszene beherrschen? Wird die gefährliche Droge ein echtes Problem für Deutschland? Wenn man sie als reine Modedroge unserer Zeit versteht, wohl eher nicht. Der Psychiater Christoph Middendorf glaubt, dass sich der Zeitgeist gerade ändert. "Ich habe den Eindruck, dass wir den Zenit an Leistungssteigerung erreicht haben und ein Umdenken einsetzt." Nicht umsonst wären Worte wie Entschleunigung und Achtsamkeit in den letzten Jahren ähnlich groß geworden, so der Psychiater. "Die Gegenbewegung zeigt, dass wir ein starkes Bedürfnis danach haben, dass es so nicht weitergeht."

Behält Middendorf recht, sind wir also schon am Gipfel der narzisstischen Ausprägung angekommen - mehr Selbstmanipulation geht nicht. Aber vermutlich wird auch der kommende Zeitgeist - wie auch immer er daherkommen mag - seine Modedroge mit sich bringen. Middendorf könnte sich vorstellen, dass dann Aussteigerdrogen wie LSD wieder stärker gefragt sind.

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