Crystal Meth in den USA: Das zerstörte Leben einer Meth-Familie

Crystal Meth in den USA Das zerstörte Leben einer Meth-Familie
28. Januar 2015

Der "Tatort" hat das Thema Crystal Meth auf die Tagesordnung gesetzt. In den USA verbreitet sich die Sucht seit über zehn Jahren. Unser Autor hat 2006 erlebt, wie Meth eine ganze Familie zerfrisst.

Ivan fürchtet sich nicht vor dem Geist, denn der hört ihm zu. Er kommt immer, wenn die Mutter aus dem Haus ist, die Großeltern nicht ansprechbar sind und der Onkel schläft. Es ist ein guter Geist, er spricht zu Ivan, er tröstet ihn. Ivan ist vier. Alle schwören, dass der Geist kein Hirngespinst ist und keine Halluzination. Sie können ihn spüren, aber nur Ivan kann ihn sehen und mit ihm reden. "Oh yeah", sagt Ivans Onkel Ricky, "dies ist ein Haus der Geister."

Ricky H. sitzt auf einer roten Velours-Couch. Er glaubt an den Geist, den Teufel und vor allem an den Herrn. Ricky hat 29 Bilder und Poster von Jesus überall im Haus angeklebt und festgenagelt aus Dankbarkeit, weil er überlebte in jener Novembernacht vor einem Jahr, "der Herr war mit mir". Ricky H. ist 28 Jahre alt und sein Körper zu 40 Prozent verbrannt. Ehe ihn der Rettungshubschrauber von Bowling Green, Kentucky, nach Nashville, Tennessee, ins Vanderbilt-Krankenhaus für Brandverletzte flog, wollte ihn seine Mütter küssen, aber sein Gesicht war geschmolzen von der Hitze der Explosion, und die Lippen waren auf die Wange gerutscht. Das Letzte, woran er sich erinnern kann, waren die Rotorblätter des Hubschraubers. Dann wurde es dunkel. Vier Wochen und acht schwere Operationen später wachte er auf aus dem künstlichen Koma. Der behandelnde Arzt, Jeffrey Guy, fragte, was passiert sei, und rechnete mit einer Lüge als Antwort, "die meisten Abhängigen erfinden eine Geschichte aus Scham", aber Ricky sagte: "Meth. Ein Meth-Labor ist explodiert."

Das war die Wahrheit.
Bilder von Crystal-Meth-Abhängigen Bilder von Crystal-Meth-Abhängigen Wie die Droge Menschen zu Zombies macht
Verbrannt, entstellt, aber lebend

Weitere vier Wochen später schickten ihn die Ärzte nach Hause, verbrannt, entstellt, aber lebend. Also kam er heim in das Geisterhaus seiner Eltern in der Adams Street von Bowling Green und war auf Hilfe angewiesen. Nur, sein Vater Terry konnte nicht helfen, weil drogenabhängig und ständig auf Achse, seine Mutter Donna konnte nicht helfen, weil selbst hilflos, und seine sieben Schwestern versuchten ihm wenigstens dann zu helfen, wenn sie nicht gerade Meth rauchten oder schnupften. Manchmal lag Ricky im Wohnzimmer auf der Couch und ächzte vor Schmerzen und lechzte nach der Droge, die seine Geschwister im Nebenzimmer konsumierten. Und einmal erbarmten sie sich und gaben ihm eine Linie Meth. Das war im Januar 2005, sagt er, und es sei das letzte Mal gewesen, dass er die Droge genommen habe.

Ricky kann herzerweichend erzählen von jener Zeit, ehe ihn der Feuerball verschluckte. Davon, wie er den Cocktail anrührte aus mehreren hundert Hustenpillen und rotem Phosphor und Sulfaten, wie er die chemische Reaktion mit Lithium-Batterien in Gang setzte, dann das Pulver kristallisierte. Wie er mit dem Stoff dealte, bis zu 4000 Dollar in der Woche verdiente und immer tiefer in den Strudel aus Kochen und Konsumieren und Lügen und Leugnen geriet. Vielleicht wäre sein Leben anders verlaufen, wenn er nicht mit 16 wegen Marihuana-Besitzes von der High School geflogen wäre. Vielleicht wäre seine Geschichte anders verlaufen, wenn sein Vater ihm nicht beigebracht hätte, wie Meth gekocht wird. Oder wenn seine ältere Schwester Teresa nicht die ganze Familie auf die Droge gebracht hätte, sechs Schwestern, den Bruder, den Vater, die Mutter und zwei Neffen. Vielleicht hätten dann nicht fünf von Rickys Schwestern im Gefängnis gesessen, darüber ihre Kinder verloren, ihr Heim, die Hoffnung. Vielleicht wäre Ricky nicht verbrannt und könnte den Frauen nachjagen wie früher. Und vielleicht müsste sich sein kleiner Neffe Ivan keine Gespenstergeschichten ausdenken, damit ihm überhaupt jemand zuhört in diesem Haus der lebenden Geister.

Aber dafür ist es zu spät.
Größere Bedrohung als Al-Kaida

Crystal Meth ist die Kurzform für Methamphetamine, eine synthetische Droge, die aus Erkältungsmedikamenten gewonnen wird, aus Ephedrinen und Pseudoephedrinen. Sie sind in jedem amerikanischen Supermarkt zu kaufen, die Herstellung ist relativ billig, einfach - und brandgefährlich. Mehr als zwölf Millionen Amerikaner haben mit Meth experimentiert, eineinhalb Millionen sind regelmäßige Konsumenten, Hunderttausend sind auf Entzug. Die amerikanische Polizei wertet Meth als die mit Abstand schlimmste Droge des Landes. Sie sei, sagt der republikanische Kongressabgeordnete Tom Osborne, "die größte Bedrohung Amerikas, und das schließt Al-Kaida mit ein". Meth macht rasend schnell süchtig, weil es im Gehirn zur Ausschüttung des Glückshormons Dopamin führt und Euphorie-Anfälle generiert. Meth-Süchtige sind tagelang wach, spüren Energie- und Selbstbewusstseinsschübe und starken Sexdrang. Sie haben kaum Hunger, weshalb das Zeug auch von Frauen als Schlankmacher eingeworfen wird. Meth hat alle Gesellschaftsschichten durchseucht, Rechtsanwälte, Professoren, Hausfrauen, Schwule, Lkw-Fahrer, Politiker, Arbeitslose und Polizisten. Der Stoff ist überall in den Staaten, aber keine Region leidet unter der Meth-Seuche mehr als der Mittlere Westen, das ländliche Amerika, wo die Felder weit sind, und die Langeweile so groß wie die Armut ist. Das Amerika zwischen den Küsten, George Bushs Heartland, wo die Droge ganze Kommunen verwüstet und die Heime voll sind mit Kindern von Suchtkranken. Wo die Cops sich nach jenen Zeiten zurücksehnen, als sie es lediglich mit Heroin zu tun hatten. Das ist Meth oder in der Sprache der Straße: glass, crystal, ice, chalk, crank. Es wird Nachmittag, Sonne scheint schräg durch löchrige Jalousien, die Strahlen brechen sich am Zigarettenqualm und bilden ein Muster aus milchig-bläulichen Streifen. Die Familie sitzt zusammen in der Adams Street, im Haus der Geister. Nur Rickys Vater ist auf Tour; setzte sich in seinen weißen Pick-up-Truck und verschwand, "wahrscheinlich zu den Huren", sagt seine Frau Donna. Ricky starrt auf seine Hände und Arme, die schmerzen. Die Haut ist gespannt, das Blut pocht darunter. Vier Schwestern sind gekommen an diesem Nachmittag, Dana, Terri, Sandy und Linda. Nur Sheila, Judy und Teresa fehlen.

Sheila ist noch in der Entzugsklinik, Judy hat sich vom Rest der Familie distanziert, und Teresa hat einen Termin beim Bewährungshelfer. Die H.-Schwestern müssen einmal hübsch gewesen sein. Aber Meth zerstört nicht nur das Hirn, es zerstört auch den Körper. Auf der Haut entstehen Ekzeme, weil sich Kristalle bilden, die an die Oberfläche drängen und zu jucken beginnen. Die Zähne faulen, weil Meth die Speichelbildung reduziert. Sandy fehlt unten eine Zahnreihe. Mediziner nennen das "Meth-mouth".

Die Schwestern sprechen von Ricky, "ein Wunder", "ausersehen für eine Mission". Ricky nickt: "Ich weiß, dass ich gesegnet bin." Er starrt auf seine Arme, darin das Blut pocht. "Ich lege mich ein bisschen hin", sagt er und fällt im Nebenraum auf dem Bett der Schwester Terri in einen tiefen Schlaf. Er hört nicht mehr, wie die Frauen lachen und sich damit überbieten, wer am längsten ohne Schlaf auskam, wenn sie auf Meth waren, "sieben Tage", "elf Tage", "einundzwanzig Tage", und sie sich alle trafen und gemeinsam crank schnupften und rauchten, "wie beim Kindergeburtstag". Er hört nicht, wie sie prahlen über ihre Meth-Halluzinationen nach den langen Wachphasen, eine Hitparade des Wahnsinns - "Verkehrsschilder begannen zu gehen", "Außerirdische saßen in den Bäumen", "Schnee fiel im Sommer".

Ricky schläft.

Die Drogenhochburg: Bowling Green, Kentucky

Auf einem Sessel in der Ecke sitzt Linda, die Älteste. Sie hat langes, braunes Haar und trägt ein blaues Sweatshirt mit dem Schriftzug "confused state". Linda, 41 Jahre, ist vergleichsweise ruhig, sie erzählt keine Schauergeschichten über die Droge, nichts über die gute, alte Zeit, als die Familie noch halbwegs intakt war und es zu Weihnachten Truthahn gab und keine Tiefkühl-Pizza. Sie hat vier Kinder und wird in wenigen Wochen zum zweiten Mal Großmutter. Linda ist schwer Meth-süchtig und auf der Flucht vor der Polizei.

Die H. sind keine Ausnahmefamilie in Bowling Green, Kentucky, 50.000 Einwohner, einer amerikanischen Durchschnittsstadt mit kleinem Park in der Mitte und einem Kino und ein paar Restaurants und mittelständischer Industrie. Die Arbeitslosenquote liegt bei 4,4 Prozent und damit unter dem Landesdurchschnitt. Es gibt gewiss spannendere Orte als Bowling Green und gewiss auch schlimmere. Man würde nicht zwangsläufig vermuten, dass Bowling Green in Warren County eine Drogenhochburg ist. Aber 97 Prozent aller Verbrechen hier gehen auf Drogen zurück, vier Fünftel davon wiederum auf Meth. Überall im ländlichen Amerika, im Meth-Amerika, explodiert die Kriminalität - Einbrüche, Prostitution, bewaffnete Überfälle. Es sind die Nebenwirkungen der Droge.

Im alten Knast von Bowling Green ist die Drogenfahndung des Countys untergebracht, sieben Leute und ein Boss, der flucht auf die Regierung in Washington, die Marihuana für das Schlimmste hält und das Budget für die Fahnder eindampft. "Wenn die wüssten, wie verheerend Meth ist", sagt der Chef Tommy M. Loving, "die schlimmste Droge, der wir je begegnet sind. Heroin ist nichts dagegen." Wenn die in Washington nur einmal die Cops begleiten würden in die Trailerparks und billigen Motels und Wälder, wo crank gekocht wird und die Süchtigen zu Zombies mutieren und die Polizei nicht mehr nachkommt mit Festnahmen und dem Papierkram. Die Erkältungsmittel werden zwar in Kentucky inzwischen nur noch gegen Unterschrift und in kleinen Mengen verkauft - dafür wird die Droge jetzt aus mexikanischen Großlabors über die Grenze geschmuggelt. Denn die Abhängigkeit regelt die Nachfrage, und die Nachfrage ist groß.

Lovings Leute kennen Meth-Süchtige, die ihren Urin aufbewahren und daraus wieder Meth destillieren. Sie kennen einen Anwalt, der einen Meth-Dealer vor Gericht verteidigte, den frei bekam und sich danach mit der Droge bezahlen ließ. Sie kennen auch Ricky und seine Familie, die Ermittlungsakten im örtlichen Gericht dick wie Telefonbücher. "Family business", ein Familienbetrieb, sagen die Fahnder, nichts Besonderes. Nicht in Bowling Green, nicht in Kentucky, nicht im Mittleren Westen, nicht in Amerika. "Es ist ein Kampf gegen Windmühlen", sagt Loving, "wenn die in Washington das bloß begreifen würden.
Crystal Meth Crystal Meth Das Gift, das sich durch Deutschland frisst
"Tweaking" - der Körper rebelliert

Ricky schläft. Um ihn herum spielen seine kleinen Neffen Ethan und Ivan. Ihre Bäuche sind aufgedunsen wie die von unterernährten afrikanischen Kindern. Die beiden haben Hunger, aber es ist nichts Essbares im Haus; auf dem großen Plasma-Fernseher im Wohnzimmer läuft "Wer wird Millionär?" Linda, langes braunes Haar, schaut nervös auf die Uhr ihres Handys. Sie reibt sich mit den Handflächen über ihre Jeans, knetet die Finger, spielt mit den Haarspitzen. Sie ist in jenem Stadium, das Meth-Abhängige "tweaking" nennen. Das Stadium, wenn der Organismus nach mehreren schlaflosen Tagen zu rebellieren beginnt. Linda ist seit vier Tagen wach, ihre Augen flackern, ihr Körper giert nach Ruhe, aber sie will ihm keine Ruhe geben. Sie nimmt crank, um sich aufzuputschen und spritzt sich dann das Schmerzmittel Dilaudid, um wieder runterzukommen.

Sie balanciert mit den Drogen, rauf und runter, tagelang. Bis der Körper kollabiert und sie in einen komatösen Schlaf zwingt. Von den vergangenen vier Jahren hat Linda zwei im Knast verbracht wegen Drogenbesitzes und -handels. Im September wurde sie entlassen und wollte sauber bleiben. Aber kurz darauf fand sie heraus, dass ihre Schwester Teresa mit ihrem alten Freund und Dealer Will rummacht, "diese verdammte Hure". Seitdem steckt sie wieder in diesem Teufelskreis aus beschaffen, schnupfen und spritzen. Eigentlich wartet sie nur darauf, dass die Bullen endlich kommen und sie wegsperren für drei Jahre wegen Verletzung ihrer Bewährungsstrafe, "es ist meine einzige Chance". Aber die überlasteten Bullen von Bowling Green kommen einfach nicht. In lichten Momenten hasst Linda dieses Leben. In lichten Momenten schämt sie sich, dass zwei ihrer vier Kinder in Pflegefamilien leben, ihr Sohn Scott selbst abhängig ist - und sie sich einen Dreck darum schert. "Die Droge reduziert dich auf dein Ego, du bist der König, und der Rest existiert nicht, nicht mal die eigenen Kinder." Aber diese lichten Momente sind rar, nun bebt sie. Der letzte Schuss liegt Stunden zurück. Lindas Handy klingelt, ihr Dealer ist dran, "fuck you, beeil dich".

Eine halbe Stunde später sitzt Linda im Schlafzimmer ihres kleinen Hauses, bindet sich den Arm mit dem Elektrokabel eines Ventilators ab, sucht zitternd eine Vene, findet nach zehn quälend langen Minuten schließlich eine und setzt sich einen Schuss in die Handoberfläche, "besser als jeder Orgasmus". Sie steht auf, hebt die Hände wie zum Schutz vors Gesicht und lehnt sich an die Wand, an der ein Schild hängt: "Gott konnte nicht überall sein. Also schuf er Mütter." Sie schämt sich. Linda will nicht, dass ihre Kinder sehen, wie sie spritzt. Spritzen ist in der Hierarchie der Abhängigen die letzte Stufe. Rauchen ist okay, inhalieren ist okay, schnupfen ist okay, schlucken ist okay. Spritzen nicht.

Im Wohnzimmer nebenan hocken ihr Sohn Scott, 18, der bald Vater wird, und sein Cousin Josh, 19, der schon Vater ist. Sie stieren auf den Fernseher, American Football. Die beiden sind seit fünf Tagen auf Meth. Linda kann nun wieder klar reden. Meth schärft die Sinne - eine Zeit lang. "Wie kann ich meinem Sohn und Josh verbieten, crank zu nehmen?", sagt sie, "die würden mich auslachen." Linda hatte sich zurückgehalten am Nachmittag im Geisterhaus. Sie sagte nichts, als das Rührstück von Ricky gegeben wurde. Sie hat einfach die Schnauze gehalten, bis ihr Hirn SOS funkte. Sie lacht ein zynisches Lachen, "fuck them, die sind alle noch drauf, Sandy schießt Schmerzpillen, Terri nimmt Meth und Schlafmittel. Und Ricky? Was meinst du, warum er zusammengebrochen ist? Was meinst du, warum er schlief wie im Koma? Was meinst du? Ricky war und ist auf Meth."
Nur ein wenig aufwecken

Wer in das Leben einer Meth-Familie eintaucht, wird zwangsläufig mit Lügen konfrontiert. Wer in die Gesichter der H. schaut, sieht in den Augen Müdigkeit und Leere und Ödnis. Das Leben ist daraus gewichen. Das Leben ist: den Tag zu überstehen, Zeit totzuschlagen, Langeweile mit Fernsehen zu überlagern. Niemand hat einen Job, sie leben vom schmalen Sozialhilfescheck der Eltern, 1000 Dollar pro Monat. Der einzige Job besteht darin, Drogen zu beschaffen und mit ihnen so geschickt zu handeln, um einen kleinen Schnitt zu machen, der den eigenen Konsum deckt. Das ist das Leben der Meth-Familie H., das Leben von Hunderttausenden Amerikanern, die vom Glück nicht mal mehr träumen, wenn sie high sind. Meth-Glück ist synthetisch, künstlich, nichts.

Donna H., Rickys Mutter, nimmt kein Meth mehr, nur noch Valium. Sie spricht nicht viel, und wenn sie spricht, sagt sie Sätze wie: "Alle meine Kinder sind schlecht." Bis auf Ricky. Sie hat Mitleid mit ihm, dem Sohn und Büßer, der durchs Feuer ging, "ich habe Meth geliebt, aber meine Lektion gelernt". Er hat seine Lektion nicht gelernt.

Ricky ist ebenso abhängig wie vor dem "Unfall", so nennt er die Explosion; er giert nach dem Stoff. Er scherzt über seinen verbrannten Körper und hat sich "Hot Boy" auf den Hals tätowieren lassen. Ricky hasst Meth, weil es einen Krüppel aus ihm gemacht hat. Und er liebt Meth, weil es ihm für Stunden und Tage zu vergessen hilft, das Meth einen Krüppel aus ihm gemacht hat. Er telefoniert die Schwestern ab in der Hoffnung, von ihnen crank zu bekommen, und einmal schickte er sogar die Mutter Donna hinüber zu Teresa, um von ihr Meth abzustauben. Das war kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus und kurz vor Teresas Festnahme.

Teresa. Teresa ist an allem schuld, sagen die Schwestern. Teresa hat das Zeug in die Familie gebracht, sagen die Schwestern. Teresa hat Meth gekocht, Teresa hat gedealt. Teresa, Teresa, Teresa. Teresa, was hast du getan? Teresa H. ist seit Oktober aus dem Knast und clean. "Es stimmt", sagt sie, "ich habe Meth in die Familie gebracht." Aber die sei vorher schon kaputt und drogenzerfressen gewesen, "ich kann mich selbst in der Kindheit an keinen Kuss, an keine Umarmung erinnern". Sie habe gar nichts Böses im Sinn gehabt an jenem Tag vor vier Jahren, als sie ins Geisterhaus kam und alle mehr oder weniger leblos am Tisch saßen, "bis zum Hals voll mit Pillen". Sie habe ihre Eltern und Geschwister nur ein wenig "aufwecken" wollen.

Das war der Anfang vom Ende.

Meth wie Schulbrote verteilt

Teresa verteilte crank zuerst an die Mutter, "ich dachte, sie braucht Kraft". Und dann an die anderen. Anfangs war noch alles gut, sagt Teresa. Morgens machte sie Frühstück für alle. Sie aßen zusammen, und danach bekam jeder eine kleine Ration crank für den Tag. Ein bisschen für Linda, ein bisschen für Terri, ein bisschen für Ricky, ein bisschen für Mom und Dad und Sheila und Dana und Sandy. Teresa verteilte Meth wie Schulbrote. Sie lacht, wenn sie davon erzählt, ihre Zähne sind faulig. Sie ist auf Bewährung draußen und will nicht mehr, "ich fasse den Stoff nicht mehr an".

Wenn Hausfrauen, Lehrer, Studenten und alte Bekannte anrufen und Meth ordern, schickt sie ihre Freundin Shannon, "meinen broker", den Stoff abzuholen. Das ist einerseits heuchlerisch und andererseits ein Anfang. Auf ihrem Handy hat sie einen Spruch programmiert: "Not today", heute nicht. "Ich hab's nicht böse gemeint", sagt Teresa immer wieder, aber irgendwann gerieten die Dinge außer Kontrolle. Sie hatte unterschätzt, wie stark die Droge das Gehirn angreift und das Glückshormon Dopamin den Dope-Konsum befeuert. Bis das Glück umschlägt in Verhängnis. Kokain ist die Droge für den Augenblick; Meth ist Kokain im Quadrat, stärker, gewaltiger, berauschender, gefährlicher. In Hoch-Zeiten arbeitete Teresa tagsüber als Putzfrau im Polizeirevier von Bowling Green, und abends rührte sie den Cocktail an. In Hoch-Zeiten konkurrierten Teresa, ihr Vater und Ricky, wer den besten Stoff von Bowling Green kocht. In Hoch-Zeiten saßen drei Geschwister gleichzeitig im Bau.

Teresa ist nur noch selten im Geisterhaus. Sie kann es dort nur schwer ertragen, die Droge ist da, "und ich bin schwach". Sie kann den eigenen Vater nicht ertragen, der an guten Tagen 5600 Dollar zusammenkochte und das Geld durchbrachte mit den Nutten. Der die Familie im Stich ließ, "so lange ich mich erinnern kann". Sie kann nicht ertragen, ihre kleinen Neffen Ethan und Ivan zu sehen, wie sie halbnackt durch die Räume krabbeln und weinen vor Hunger und Sehnsucht nach Zuwendung und Ricky "Uncle Daddy" nennen, weil der leibliche Vater der Kinder für zehn Jahre im Knast sitzt. Und sie ist Rickys Märchen leid, sein Gerede von Gott, "das ist schizophren, aber genau das macht Meth aus dir".

Gelegentlich blitzt der wahre Ricky durch. An Sandys Geburtstag gehen die Schwestern aus in einen Hill-Billy-Laden. Sie saufen und amüsieren sich wie seit Jahren nicht mehr, und Linda baggert Kerle an und entblößt ihre Titten. Meth macht geil. Als der Diskjockey einen Tanzwettbewerb um hundert Dollar ausruft, melden sich Sandy und Terri und Linda, und Ricky springt auf und ruft "Hey sisters, gewinnt uns Geld für Meth." Er kann nicht anders. Niemand kann anders in dieser Familie. Sandy nicht, die alle möglichen Schmerztabletten - Oxycontin, Dilaudid, Loretabs - schießt und schnupft und an manchem Morgen bereits derart high ist, dass sie nur lallen und die Augen nicht öffnen kann. Linda nicht, die darauf wartet, dass die Bullen kommen und sie retten. Aber die Bullen von Bowling Green sind überlastet, also nimmt sie weiter Meth, "es macht mich für den Moment stark, und niemand kann mir was, niemand, verstehst du?"

Die Geschichte ... ... der Meth-Familie aus Kentucky ist ursprünglich erschienen im stern Nummer 14/2006, Seite 28-38, unter dem Titel "Die Monsterdroge".
"Ich würde sie wegsperren. Alle. Alle. Alle!"

Linda zittert. Sie hat Meth bestellt, 0,2 Gramm, 20 Dollar. Ihr Dealer ist ihr Ex-Freund, der nun Teresa vögelt und auch sie, wenn sie es dringend braucht. Sie bindet sich wieder den Arm ab und flucht, weil sie keine Vene findet. Schließlich legt sie eine Linie Meth auf ein Foto von ihrer Tochter Ladonna, deren Mann und ihrem Enkelsohn. Auf dem Bilderrahmen steht in geschwungenen Buchstaben "share dreams and happiness", teilt Träume und Glück. Sie merkt das nicht einmal. Meth brennt in der Nase, das ist ihr Glück, "kleine, wunderbare Explosionen im Gehirn". Sie ist hellwach und blättert in Fotoalben aus einem anderen Leben, Linda mit ihren Kindern, ihrem früheren Freund, ihrem Hund, ihrem Haus. Sie lachen. Die Fotos sind vier Jahre alt, eine Ewigkeit, wie hübsch sie war. Linda wird stundenlang dasitzen und Alben blättern aus dem Leben vor Meth. Später wird sie Dilaudid spritzen, um wieder runterzukommen, und danach wieder Meth, das ist der Kreislauf ihres Lebens, und die Bullen kommen einfach nicht.

Derek, Lindas jüngster Sohn, sitzt in der Küche. Er kann von dort die Flüche seiner Mutter aus dem Schlafzimmer hören, wenn sie keine Vene findet, "shit, fuck, damn". Derek ist 14 Jahre alt und lebt bei einer Tante. Er hat seinen Vater seit Jahren nicht gesehen, den Spinner und "crankhead", "der hat sich das Hirn weggedopt und die Haare schulterlang wachsen lassen, er glaubt wirklich, er sei Jesus". Es reicht ihm, wenn er seine Mutter sieht, wie sie sich das Hirn wegdopt.

Derek ist ein guter Schüler, er möchte aufs College und studieren. "Anwalt", sagt er, "ich will Anwalt werden. Ich möchte sie alle wegsperren, die crankheads, die Dealer, die ganze Bande". Er schaut sich um, im Wohnzimmer sitzt sein Bruder Scott, der bald Vater wird und mit leeren Augen auf den Fernseher starrt. Aus dem Schlafzimmer dringen Lindas Flüche. Derek steckt sich eine Zigarette an. "Ich würde sie wegsperren. Alle, alle, alle", sagt Derek, "und meine Mutter zu allererst."

Zwei Wochen später kam die Polizei von Bowling Green, Kentucky, und holte Linda. Sie leistete keinen Widerstand. Die Polizei konnte nicht anders.

Jemand hatte ihnen einen anonymen Tipp gegeben.

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