Psychisch Kranke warten zu lange auf eine Therapie

13.01.2015
Psychisch Kranke warten zu lange auf eine Therapie

Durchschnittlich drei Monate müssen Menschen mit Depressionen oder Angststörungen auf einen Termin beim Therapeuten warten. Viel zu lang, sagen Ärzte – und die Lage könne noch schlimmer werden.

Manchmal bleibt Rainer Richter nichts übrig, als die Menschen, die bei ihm anrufen, in die Notaufnahme zu schicken. Es geht diesen Menschen schlecht, sie sind ernsthaft erkrankt. Allerdings nicht an ihrem Körper – sondern an ihrer Seele.

In der Notaufnahme eines Krankenhauses, zwischen Leuten, die sich bei Unfällen verletzt haben, und fiebrigen Kindern, sind die Anrufer eigentlich falsch. Sie leiden an Depressionen oder einer Angststörung.

"Ich frage nach den Beschwerden und den Gründen der Not", sagt Rainer Richter. Manchmal kann er kurzfristig einen zusätzlichen Termin einschieben. Sonst bleibt nur der Verweis auf die Notaufnahme. Richter bildet am Institut für Psychotherapie der Universität Hamburg die Ärzte aus, die den Anrufern helfen könnten, 55 Frauen und Männer lernen gerade bei ihm.

Wie viele Therapeuten gab es 1999?

Auch wenn die 55 fertig sind, wird es zu wenig Psychotherapeuten in Deutschland geben. Richter ist auch der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) in Berlin ist. "Ein psychisch kranker Mensch wartet in Deutschland im Durchschnitt mehr als drei Monate auf einen ersten Termin bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten", sagt er.

Das hat die Kammer in einer Umfrage bei ihren Mitgliedern festgestellt. Nach dem ersten Termin vergehen demnach im Schnitt noch einmal drei Monate bis zum Beginn der eigentlichen Therapie. Für viele Menschen ist das zu lang, ihre Erkrankungen drohen deshalb, chronisch zu werden.

Im Jahr 1999 wurde der Beruf des Psychotherapeuten erstmals gesetzlich geschützt, sodass zum Beispiel die Therapiekosten auch von der Krankenkasse übernommen werden konnten. Wie viele Therapeuten es geben musste, um alle zu behandeln, die es nötig hatten, legte die Bundesregierung fest. Das bis heute kritisierte Verfahren: Sie zählte schlicht, wie viele Behandler es am 31. August 1999 gab.

Ärzte fordern Korrektur eines "historischen Fehlers"

"Die Anzahl der Praxen, die 1999 als ausreichend festgelegt wurde, hatte schon damals mit dem realen Bedarf nichts zu tun. Sie ist viel zu niedrig", sagt dazu Juliane Dürkop, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein (PKSH). Kritiker dieser Zählweise monieren, dass Ende August 1999 noch längst nicht alle Anträge auf Zulassung bearbeitet gewesen seien, zudem sei Psychotherapie damals lange nicht so bekannt gewesen wie heute.

Gerade in Ostdeutschland habe es so gut wie keine Praxen gegeben. Alles, was über den bundesweit knapp 14.000 Praxen lag, habe als Überversorgung gegolten. "Ohne eine Reform der Bedarfsplanung, die die historischen Fehler korrigiert, ist eine seriöse Versorgungsplanung für psychisch Kranke nicht möglich", sagt Dürkop.

Längst ist das Problem der Unterversorgung auch in der Politik angekommen. "Wir brauchen eine bessere Verteilung der Ärztinnen und Ärzte", sagte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) jüngst im Bundestag bei der Vorstellung seines geplanten Versorgungsstärkungsgesetzes – und meinte damit auch ausdrücklich die Psychotherapeuten.

Kassen erstatten auch Behandlungen in Privatpraxen

Das neue Gesetz sieht unter anderem vor, Anreize zu setzen in Gebieten mit zu wenig Praxen. Im Gegenzug sollen diese in Regionen mit Überversorgung verschwinden. Eine Idee, die nur dann funktionieren kann, wenn nicht ohnehin formell Überversorgung herrscht, findet Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag: "Offensichtlich ist auch die neue Bundesregierung an der Erfassung der tatsächlichen Lage bei der psychotherapeutischen Versorgung nicht interessiert", rügt sie.

Vor diesem Hintergrund rechnet die Bundespsychotherapeutenkammer mit dem Abbau von bis zu 7400 Praxen bundesweit – jenen, die es heute mehr gibt als die 14.000 aus dem Jahr 1999.

Weil die Kammer die Zukunftsaussichten für düster hält, fängt sie mittlerweile an, psychisch Kranke für andere Lösungswege zu sensibilisieren. Zum Beispiel mit einer Ratgeberbroschüre mit Wegen zur Kostenerstattung. Was nur wenige wissen: Ist eine Behandlung unaufschiebbar und es findet sich kein von den Kassen akzeptierter Therapeut, muss die Krankenversicherung auch die Behandlung in einer Privatpraxis erstatten. Wie das genau funktioniert, erklärt das Faltblatt.

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