Getöteter Pfarrer: Angeklagter laut Gutachter nicht schuldfähig

Schwurgerichtskammer
Getöteter Pfarrer: Angeklagter laut Gutachter nicht schuldfähig

Er hat im Wahn gehandelt und ist so krank, dass er ohne Hilfe gefährlich wäre: Der Mann, der in Freiburg einen Pfarrer erstochen hat, braucht laut Gutachtern Therapie und keine Strafe.

Aus der Sicht des psychiatrischen Gutachters war der 31-jährige Freiburger, der am Abend des 24. Juni 2014 Christof Schorling, den Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in seinem Dienstzimmer in Freiburg-Herdern getötet hat, wegen einer akuten Psychose schuldunfähig. Der Gutachter kam am Montag vor der 15. Schwurgerichtskammer zu dem Schluss, dass der 31-Jährige ohne medizinische Behandlung erneut psychotisch werden und im Wahn "ziemlich wahrscheinlich" vergleichbare Taten begehen könnte.

Therapie statt Strafe

Eine Strafe wird für den 31-Jährigen nicht geben, denn er handelte laut Gutachten im Wahn. Die Richter werden über die Verhängung der zeitlich zunächst unbegrenzten Unterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus entscheiden müssen. Als Maßregel soll sie einerseits die Allgemeinheit vor weiteren Taten eines psychisch erkrankten und deshalb gefährlichen Menschen schützen, andererseits ihm eine Therapie ermöglichen und auf ein Leben in Freiheit vorbereiten. Wann und zu welchen Bedingungen er entlassen werden kann, muss in regelmäßigen Abständen von Richtern mit Hilfe von Gutachtern geprüft werden.

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Der Tod des Pfarrers hat viel Trauer über seine Familie und seine Gemeinde gebracht. Seine Kollegin, die Ohrenzeugin der Tat geworden ist, bedarf bis heute professioneller Hilfe zur Verarbeitung des Ereignisses.

Der 31-jährige Beschuldigte ist an einer genetisch bedingten, dauerhaften und paranoiden halluzinatorischen Schizophrenie erkrankt. Sie trat zum ersten Mal im Sommer 2013 auf. Freiwillig ließ er sich damals behandelt, auch in stationären Aufenthalten. Die Symptome klangen mit der Hilfe von Medikamenten ab. Der ausgebildete Ergotherapeut konnte sein Studium wieder aufnehmen. Wenige Tage vor der Tat quälten ihn erneut Wahnvorstellungen. Die wahnhafte Vorstellung, dass Pfarrer Schorling seine Mutter und eine ehemalige Mitpatientin im zweiten Kellergeschoss seiner Pfarrei eingesperrt habe und alsbald töten werde, wurde für ihn zur Realität. Diese Angst trieb ihn am Nachmittag in die Pfarrei, wo er aufs Klo ging und dabei nach einem zweiten Untergeschoss suchte und fragte. Tatsächlich ist es nicht existent.

Erkennbare Panik in der Stimme

Diese Angst ließ ihn sodann drei Mal den Notruf 110 anwählen. Doch seine intensiven Bitten um Entsendung einer Streife in die Stadtstraße wurden von dem diensthabenden Polizisten in ihrer Ernsthaftigkeit verkannt. Der Gutachter erinnerte daran, dass die Panik in der Stimme des Beschuldigten bei diesen vor Gericht am 23. Dezember abgespielten Aufnahmen der Notrufe – die BZ berichtete – "deutlich herauszuhören ist".

Wie wird es mit dem 31-Jährigen und seiner Erkrankung weitergehen? In der Psychiatrie, in der er seit der Tat untergebracht ist, fällt er als höflich, fleißig und zurückhaltend auf. Lange wirkte er unbetroffen und unbeteiligt, was daran liegen könnte, dass er auf Rat seines Verteidigers bis Mitte Oktober nicht über die Tat sprechen sollte. Zwischenzeitlich hat er sich geöffnet, gleichwohl scheinen diese Inhalte sein Inneres noch nicht richtig erreicht zu haben, so eine Psychologin.

Dem stimmte der psychiatrische Gutachter zu. Der 31-Jährige müsse die Sinnlosigkeit seiner Tat akzeptieren und verinnerlichen, damit sich nicht wieder eine erneute Psychose bildet, die ihm den Tod des Pfarrers wahnhaft als sinnvoll erkläre: "Der Seele eines Menschen ist eine sinnvolle Tat lieber, als eine sinnlose." Wie lange ein solcher Prozess dauere, konnte der Gutachter nur schätzen: "Vielleicht drei bis vier Jahre." Eng mit der Verarbeitung der Tat hänge die Einsicht in die Erkrankung und in die Notwendigkeit einer Behandlung zusammen. Der 31-Jährige, so der Gutachter, habe die Voraussetzungen dafür, diese Schritte gehen zu können. Am 6. Februar soll plädiert und das Urteil verkündet werden.

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Erscheinungsdatum: 
26.01.2015
Fundstelle: 
http://www.badische-zeitung.de/freiburg/getoeteter-pfarrer-angeklagter-laut-gutachter-nicht-schuldfaehig--99541156.html

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