Mordprozess im Fall Jasmin: Psychiater hält Sebastian S. für schuldfähig

Mitteldeutschland
Mordprozess im Fall Jasmin: Psychiater hält Sebastian S. für schuldfähig

Ermittlungen im Mordfall Jasmin: Der Verdächtige Sebastian S. hat die Tötung der 19-Jährigen gestanden. Foto: Volkmar Heinz Ermittlungen im Mordfall Jasmin: Der Angeklagte Sebastian S. hatte die Tötung der 19-Jährigen gestanden.
Leipzig. Es ist der Prozesstag der schockierenden Details und der Erklärungsversuche. Gleich fünf Gutachter sollten am Dienstag im Mordprozess um die getötete Jasmin K. (19) aus Elbisbach den Ablauf des Gewaltverbrechens erklären. Vor allem erwarteten aber Verfahrensbeteiligte und Beobachter eine Antwort auf ihre wichtigste Frage: Warum hat der 24-jährige Sebastian S. diese grausame Tat begangen? Befriedigende Antworten erhielten sie nur zum Teil.

Eine Sache stellt der psychiatrische Gutachter Hans-Ludwig Kröber von der Berliner Charité am Nachmittag des rund acht Stunden dauernden Verhandlungstages aber klar: Sebastian S. ist aus seiner Sicht voll schuldfähig. Bei der für Freitag geplanten Urteilsverkündung erwartet den jungen Mann aus Hopfgarten nun eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Kröber hat sich zu drei Sitzungen mit S. getroffen. Der Angeklagte gab dabei bereitwillig Auskunft über sein Leben. Der Psychiater erzählt die Geschichte einer belasteten Kindheit, einer zerrütteten Jugend und von den ersten Jahren als Erwachsener gespickt mit Rückschlägen.

Zwölf Mal mit dem Gesetz in Konflikt

Sebastians Mutter versucht nach der Grenzöffnung zunächst in Westfalen ihr Glück. Vom trinkenden Partner trennt sich die Frau bald. Irgendwann zieht es die Familie zurück nach Hopfgarten. Als kleiner Junge muss Sebastian dort miterleben, wie der Großvater seiner Mutter im Streit ein Messer an den Hals hält, sein erstes Schockerlebnis. Kröber beschreibt immer wieder Brüche im Leben des Angeklagten. Mit acht Jahren erkennen die Ärzte bei ihm chronisches Gelenkrheuma. Die Medikamente hemmen sein Wachstum, Krankenhausaufenthalte bremsen ihn in der Schule aus. Die dritte Klasse muss er wiederholen.

Dabei ist der Junge nicht dumm. „Bei ihm wurde ein Intelligenzquotient von 109 festgestellt, das reicht in einigen Bundesländern fürs Abitur“, so der Gutachter. Es reicht bei Sebastian aber nur für den Hauptschulabschluss. Es folgen begonnene und wieder abgebrochene Lehren. Schon früh beginnt er zu trinken, muss deshalb bereits mit 15 Jahren für drei Monate in die Psychiatrie. Drogenexzesse und der Abstieg in die rechtsradikale Szene schließen sich an. Mit dem Gesetz kommt er in zwölf Fällen in Konflikt – von Körperverletzung bis Betrug ist alles dabei. Sebastians Partnerschaften halten nie lange, eine Freundin verlässt er, als sie schwanger ist.

Jasmin bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt

Verteidiger Rainer Wittner mit dem Angeklagten Sebastian S. am Freitagmorgen beim Prozessauftakt im Leipziger Landgericht. Foto: Andreas Döring Verteidiger Rainer Wittner mit dem Angeklagten Sebastian S. beim Prozessauftakt im Leipziger Landgericht. (Archiv)
Den an den Verhandlungen stets emotionslos auftretenden mutmaßlichen Mörder beschreibt Kröber als verhärtet, wie ein Puncher der seine Sache ohne Rücksicht zu Ende bringen muss. So schildert der Gutachter auch die Tatnacht am Pfingstsonnabend 2014. Zwar hat Sebastian S. die Variante nie bestätigt, Kröber vermutet aber, dass er sich im Auto an Jasmin heranmachen wollte, sexuelle Absichten hatte und die junge Frau ihn zurückwies. Unter Drogen stand er zu diesem Zeitpunkt nicht. Für seinen Alkoholwert bietet Kröber zwei Rechnungen an. S. will zu Hause eine halbe Flasche Whiskey in kurzer Zeit getrunken haben. Zusammen mit den Getränken des späteren Diskobesuchs könnte er 2,2 Promille im Blut gehabt haben. Für den Whiskey gibt es allerdings keine Zeugen. Ohne das Hochprozentige läge der Wert bei 0,8 Promille.

Der 23-Jährige habe nach der angeblichen Zurückweisung sofort zugeschlagen und sein Opfer bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Nach Meinung von Gerichtsmediziner Carsten Hädrich starb Jasmin wahrscheinlich erst später. Im Auto will Sebastian ihr 20 Sekunden die Luft abgedrückt haben. Für den Arzt reicht das nicht aus. Fest stehe aber, Jasmin kam durch Erdrosseln ums Leben. Mit seinem Opfer fuhr der junge Mann nach Hause, verging sich an ihr und zog dann mit dem Riemen einer Handtasche noch einmal fest zu. Zwei Experten des Landeskriminalamtes untermauern mit ihren Spuren diese Version. Ronny Bayer, Hädrichs Kollege von der Gerichtsmedizin, schildert der Schwurgerichtskammer, wie er Jasmins Körper am Fundort erstmals untersuchte. Ihm bot sich ein grausamer Anblick. Die Leiche lag vermutlich schon zwei Tage im Kofferraum eines in der prallen Sonne stehenden Autos.

Eltern sollen 35.000 Euro Schmerzensgeld bekommen

Die Liste der Verletzungen ist lang, vor allem im Gesicht finden die Ärzte mehrere Knochenbrüche. Ob Jasmin noch lebte, als sich Sebastian an ihr verging, können auch die Rechtsmediziner nicht mit Gewissheit sagen.

Opferanwältin Ina-Alexandra Tust macht für Jasmins Eltern zivilrechtliche Ansprüche in Höhe von 35.000 Euro, unter anderem für den erlittenen Schock, geltend. Verteidiger Rainer Wittner erkennt im Namen seines Mandanten die Summe an und betont wie zuvor Tust auch, dass das keineswegs ein Ausgleich für den Wert eines Lebens sei.

© LVZ-Online, 27.01.2015,

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Erscheinungsdatum: 
27.01.2015
Fundstelle: 
http://www.lvz-online.de/leipzig/polizeiticker/polizeiticker-mitteldeutschland/mordprozess-im-fall-jasmin-eltern-fordern-schadenersatz-gericht-legt-vorstrafen-offen/r-polizeiticker-mitteldeutschland-a-272433.html

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